Zur Entwicklung der Altersarmut in Deutschland

DIW Wochenbericht 25 / 2011, S. 3-16

Jan Goebel, Markus M. Grabka

get_appDownload (PDF  441 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  0.68 MB)

Abstract

Die Bundesregierung plant einen "Regierungsdialog Rente", um dem Thema Altersarmut mehr Aufmerksamkeit zu sichern. Vor diesem Hintergrund legt das DIW Berlin neueste Analysen zur Einkommensverteilung in Deutschland auf Basis der Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) vor. Sie zeigen, dass das generelle Armutsrisiko für ältere Menschen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren in etwa gleich geblieben ist - obwohl das Armutsrisiko für die Gesamtbevölkerung anstieg. Zu berücksichtigen sind jedoch weitere wichtige Entwicklungen: Seit dem Jahr 2000 sinken die von der deutschen Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) ausgezahlten individuellen Beträge für männliche Neurentner. Wer heute in Rente geht, erhält im Schnitt sieben Prozent weniger als jemand, der noch vor zehn Jahren in den Ruhestand wechselte. Gleichzeitig beziehen immer mehr Menschen im Alter staatliche Hilfen. Seit 2003 die sogenannte Grundsicherung im Alter eingeführt wurde, ist die Zahl der Bezieher deutlich gestiegen. Aber ist das Anwachsen der Zahl der Grundsicherungsempfänger im Alter ein Trend oder wurde in den letzten Jahren lediglich die Armutsdunkelziffer der älteren Menschen abgebaut? Fakt ist: In den letzten beiden Berichtsjahren sind erste Anzeichen für eine Zunahme der Altersarmut zu beobachten. Ob sich daraus ein Trend entwickelt, bleibt abzuwarten, sollte aber beobachtet werden. Deswegen kommt der "Regierungsdialog Rente" zur rechten Zeit. Derzeit gilt: Alleinlebende Personen im Rentenalter sind häufiger von Einkommensarmut bedroht als die Gesamtbevölkerung. Darunter finden sich überdurchschnittlich häufig Frauen. Trotz der sinkenden Zahlbeträge von männlichen Neurentnern stellt eine Rente der GRV weiterhin die wichtigste Form der Alterssicherung dar. Der Anteil der privaten Rentenzahlungen am Einkommensportofolio der älteren Menschen ist nach wie vor gering und je nach Einkommenshöhe sehr unterschiedlich. So stieg der Anteil der privaten Rentenzahlungen im obersten Einkommensquintil von sieben auf über zehn Prozent, während er im untersten Quintil bei unter drei Prozent stagniert. Abgefedert werden die Auswirkungen sinkender GRV-Zahlbeträge durch einen bislang wenig beachteten Trend: Immer mehr alte Menschen leben in Paarhaushalten und können damit eventuelle individuelle Einkommensdefizite besser ausgleichen. Auch ein zweiter wichtiger Aspekt fand bislang nur wenig Berücksichtigung bei der Berechung der Altersarmut: Die SOEP-Daten erlauben zur Beschreibung der Wohlfahrtsposition älterer Menschen nicht nur allein die laufenden Einkommen heranzuziehen, sondern auch die ebenso wichtige Vermögenssituation. Bezieht man diese in die Analyse mit ein, so zeigt sich, dass ein Fünftel der Einkommensarmen im Rentenalter auf nennenswertes Vermögen zurückgreifen kann. Damit ergibt sich insgesamt eine Armutsgefährungsquote von zehn Prozent für 65-Jährige und Ältere im Jahre 2007.

Jan Goebel

Direktorium SOEP und Bereichsleitung Data-Operation und Forschungsdatenzentrum in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Markus M. Grabka

Direktorium SOEP und kommissarische Bereichsleitung Wissenstransfer in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel



JEL-Classification: D31;D33;I32
Keywords: Poverty risk, old age, SOEP
Frei zugängliche Version: (econstor)
http://hdl.handle.net/10419/152153