Wer waren noch mal die Leistungsträger der Gesellschaft?

Blog Marcel Fratzscher vom 27. März 2020

Dieser Beitrag ist am 27. März 2020 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Besserverdiener sehen sich gern als Leistungsträger der Gesellschaft. Jetzt zeigt eine Studie, in systemrelevanten Berufen verdienen Menschen im Durchschnitt schlecht.

Fast jeder von uns kennt die wahren Heldinnen und Helden der Krise. Menschen applaudieren ihnen allabendlich von ihren Balkonen. Dem Pflegepersonal, das durch seine Hilfe für andere die eigene Gesundheit riskiert. Den Ärztinnen und Ärzten, die Tag und Nacht bereitstehen, um Leben zu retten. Den Reinigungskräften, die Krankenhäuser, Büros und öffentliche Einrichtungen desinfizieren. Den Polizistinnen und Polizisten, die auf den Straßen für Sicherheit sorgen, den Verkäuferinnen und Verkäufern im Supermarkt, die hinter Plexiglasscheiben hoffen, nicht selbst angesteckt zu werden, und sich die Klagen von Kunden über fehlendes Klopapier anhören müssen. Und den Erzieherinnen und Erziehern, weil Eltern nach nur einer Woche zu Hause realisieren, wie unersetzlich diese für die Bildung und das Wohlbefinden der eigenen Kinder sind.

Was viele von uns sich aber nicht vor Augen führen: Diese Heldinnen und Helden der Krise erhalten in normalen Zeiten weniger Wertschätzung und im Durchschnitt weniger Einkommen und weniger Sicherheit als Menschen in anderen Berufsgruppen. Dies ist das Resultat einer neuen DIW-Studie der Wissenschaftlerinnen Josefine Koebe, Claire Samtleben, Annekatrin Schrenker und Aline Zucco. Die Ergebnisse, die auf Daten basieren, die vor der Corona-Krise erhoben wurden, sind frappierend.

Natürlich gibt es im Prestige auch große Unterschiede zwischen verschiedenen systemrelevanten Berufen. Ärztinnen und Ärzte genießen in der Regel ein hohes Ansehen. Das Ansehen von Reinigungskräften, Arzt- und Praxishilfen sowie Ver- und Entsorgungsberufen ist dagegen im Durchschnitt deutlich geringer als von denjenigen, die in nicht systemrelevanten Berufen arbeiten, also zum Beispiel von Beamtinnen und Beamten oder auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Es besteht zudem eine recht starke Korrelation zwischen dem Prestige von Berufen und deren Entlohnung. Im Durchschnitt liegt der Bruttostundenlohn in systemrelevanten Berufen um 15 bis 20 Prozent niedriger als in nicht systemrelevanten Berufen. Eine ganze Reihe systemrelevanter Berufe – wie Reinigungskräfte oder Beschäftigte im Lebensmitteleinzelhandel – erhält eine so geringe Bezahlung, dass sie in den Niedriglohnbereich fallen, also einen geringeren Lohn als zwölf Euro brutto pro Stunde verdienen.

Systemrelevante Berufe häufig ohne Tarifverträge

Das dritte Resultat der Studie ist, dass knapp 75 Prozent aller Beschäftigten in den systemrelevanten Berufen Frauen sind. Aber nicht nur das: Ihr Anteil ist noch mal deutlich höher in den systemrelevanten Berufen, die wenig Ansehen haben und in denen niedrige Löhne gezahlt werden.

Nun lässt sich trefflich darüber streiten, wie diese Korrelation von Systemrelevanz mit geringem Ansehen, niedrigen Löhnen und einem hohen Frauenanteil zu erklären ist. Sicherlich lässt sich anführen, dass in einigen systemrelevanten Berufen nur eine relativ geringe Qualifikation erforderlich ist. Es gibt jedoch auch Anzeichen dafür, dass andere Faktoren eine gewichtige Rolle spielen. So war es in der Vergangenheit häufig der Fall, dass in Berufen, die durch den Anstieg der Erwerbsquote von Frauen zu typischen Frauenberufen wurden, die Löhne im Vergleich zu anderen Berufsgruppen weniger stark gestiegen oder sogar gesunken sind. Zudem sind viele der systemrelevanten Berufe nicht durch Tarifverträge abgedeckt, sodass die Beschäftigten eine schwache Verhandlungsposition gegenüber ihren Unternehmen haben.


© DIW Berlin

Verkäuferinnen besonders schlecht bezahlt

Die Tatsache, dass Menschen in systemrelevanten Berufen in Deutschland wenig Wertschätzung und geringe Löhne erhalten und diese Berufe von Frauen dominiert werden, ist im internationalen Vergleich sicherlich nicht unüblich. Unüblich ist jedoch der ungewöhnlich große Niedriglohnbereich in Deutschland, in dem mehr als jeder und jede fünfte Beschäftigte arbeitet. In den nordischen Ländern sind es nur knapp zehn Prozent.

Unüblich ist auch der in Deutschland relativ große Gender-Pay-Gap, bei dem Frauen im Durchschnitt 20 Prozent weniger an Bruttostundenlohn erzielen als Männer. Auch diese Lücke ist größer als in vielen vergleichbaren Ländern. Zwar sind auch in gewissem Maße Unterschiede in der Qualifikation, Berufserfahrung und Teilzeit für diesen Gender-Pay-Gap verantwortlich. Klar ist aber auch, dass diese Unterschiede nicht in Stein gemeißelt sind, sondern verändert werden können.

Erinnern Sie sich an die Diskussion zu Steuersenkungen der vergangenen Jahre? Viele haben gefordert, man müsse endlich die Leistungsträgerinnen und Leistungsträger unserer Gesellschaft entlasten. Gemeint waren dabei meist die Besserverdienenden. Die Hoffnung ist nun, dass die Corona-Krise ein Bewusstsein dafür schafft, was uns als Gesellschaft wichtig ist, und die Wertschätzung für Menschen steigert, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für Gesundheit, Sicherheit und Grundversorgung unverzichtbar sind. Nicht nur, um den Menschen in den systemrelevanten Berufen ein wenig von dem zurückzugeben, was sie in dieser Krise für uns als Gesellschaft und für den wirtschaftlichen Wohlstand leisten.

Aktive Maßnahmen sind gefragt

Die Politik kann einiges dafür tun, dass sich diese Wertschätzung in einer besseren Bezahlung und einer größeren Arbeitsplatzsicherheit niederschlägt. Dazu wären mehr verbindliche Tarifverträge für viele der systemrelevanten Berufsgruppen genauso wichtig wie generell eine bessere Entlohnung dieser Berufe. Diese und andere aktive Maßnahmen, um gerade Frauen im Berufsleben besserzustellen und den Gender-Pay-Gap abzubauen, würden systemrelevante Berufsgruppen auch attraktiver machen und mehr Menschen in diese so wichtigen Bereiche bringen.

Themen: Gender , Unternehmen