Es ist Zeit für ein Corona-Elterngeld

Blog Marcel Fratzscher vom 24. April 2020

Die Gleichstellung ist bedroht: Haben Schulen und Kitas zu, könnten vor allem Frauen aus dem Beruf in die Erzieher-Rolle verfallen. Es braucht mehr Geld für Familien.

Die Bundesregierung hat am Mittwoch neue Maßnahmen beschlossen, um die Gastronomie zu unterstützen und Arbeitsplätze zu sichern. Es ist bereits das dritte größere Wirtschaftspaket in nur vier Wochen. Die Unterstützung für die Wirtschaft und für Arbeitsplätze ist beeindruckend. Die Politik hat entschieden und schnell gehandelt, um mit großen Summen Insolvenzen zu verhindern und wirtschaftliche Existenzen zu sichern. Dagegen kommt der soziale Schutz bestimmter Gruppen unserer Gesellschaft nach wie vor zu kurz. Die Krise hat nicht nur wirtschaftliche und gesundheitliche, sondern auch soziale Auswirkungen. So sind Millionen Familien mit Kindern unter zwölf Jahren von dieser Krise besonders hart betroffen. Sie erhalten jedoch kaum Unterstützung.

Dieser Beitrag ist am 24. April 2020 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Die Logik der Ausstiegsstrategie aus dem Lockdown klingt erst einmal naheliegend: Unternehmen sollen langsam ihre Produktion wieder hochfahren, Bürgerinnen und Bürger dürfen sich wieder etwas freier bewegen. Was dabei jedoch gern vergessen wird, ist, dass Unternehmen nur dann wieder wirklich funktionieren können, wenn auch ihre Beschäftigten ihre Arbeit wie gewohnt wieder aufnehmen können. Aber genau das wird nicht gelingen, wenn die Eltern junger Kinder auch für die kommenden vier Monate ihre Kinder zu Hause betreuen und sich um die Hausarbeit kümmern müssen – ohne einen Großteil der gewohnten Unterstützung, wie beispielsweise durch Kitas oder  Großeltern, in Anspruch nehmen zu können.

4,2 Millionen Familien betroffen

Die Realität ist, dass in Deutschland heute ein anderes Familienmodell dominiert, als dies in Westdeutschland vor 40 Jahren der Fall war. In den meisten Fällen wünschen sich heute beide Elternteile eine berufliche Karriere und wollen Familie und Beruf gemeinsam unter einen Hut bekommen. Mehr noch, viele junge Familien sind auf beide Einkommen angewiesen, um sich hohe Wohnkosten vor allem in den Städten leisten und ihren Lebensstandard halten zu können. In Deutschland gibt es allein 4,2 Millionen Familien mit Kindern unter zwölf Jahren mit alleinerziehendem erwerbstätigen Elternteil oder Paare mit zwei erwerbstätigen Elternteilen.

Viele Eltern befinden sich derzeit in der Situation, dass sie nicht nur einen, sondern zwei Jobs gleichzeitig erfüllen müssen: Kinderbetreuung und Homeschooling einerseits und ihre reguläre Tätigkeit im Homeoffice. Fünf Wochen Lockdown waren für diese Eltern eine Herkulesaufgabe. Die Entscheidung vieler Bundesländer, Kitas vollständig erst nach den Sommerferien ab August oder September wieder zu öffnen, ist für viele Eltern daher ein Schock.

Eine neue Kurzstudie des DIW Berlin zeigt, dass in der Vergangenheit fast immer die Mütter, die ohnehin schon mehr Zeit als die Väter für Hausarbeit und Kinderbetreuung aufbringen, die zusätzliche Zeit für Kinderbetreuung aufbringen mussten, wenn ihre Kinder nicht in die Kita gehen konnten. So haben Mütter im Durchschnitt 134 Minuten pro Tag zusätzlich die Kinder betreut, wenn ein Kind nicht in der Kita war. Die Väter dagegen investierten im Durchschnitt lediglich 19 Minuten mehr pro Tag.

Gleichzeitig war die Arbeitszeit der Mütter geringer, wenn die Kinder nicht in die Kita gegangen sind. Denn es ist kaum möglich, sich verantwortungsvoll um kleine Kinder zu kümmern und gleichzeitig berufstätig zu sein, es sei denn, man hat eine starke soziale Unterstützung durch die Großeltern oder andere Menschen im sozialen Umfeld.

Geschlechterstereotype könnten sich wieder verstärken

Diese Kurzstudie beruht zwar auf den Erfahrungen der Vergangenheit, also vor der Corona-Krise, aber es deutet vieles darauf hin, dass sich die Lage für junge Eltern, und vor allem für Mütter, in dieser Krise nochmals verschärfen dürfte. Denn viele Großeltern oder andere soziale Unterstützungssysteme stehen durch die soziale Distanzierung nicht oder kaum zur Verfügung. Das bedeutet, dass wenn Kitas länger geschlossen bleiben, Mütter gezwungen sein werden, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder gar eine Auszeit zu nehmen. Dies könnte auch dazu führen, dass sich alte Geschlechterrollen wieder verstärken, also einige der Errungenschaften der Gleichstellung der vergangenen Jahrzehnte infrage gestellt sein könnten, zumindest temporär. Vielleicht sind diese Zeiten aber auch anders und Väter engagieren sich stärker als in der Vergangenheit. Viele Umfragen deuten darauf hin, denn immer mehr Väter sagen, sie wünschten sich eine paritätische Aufteilung der Aufgaben in der Familie und wollten selbst gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Um junge Eltern besser unterstützen, fordern zwölf Ökonominnen und Ökonomen des DIW Berlin unter anderem ein Corona-Elterngeld, das es beiden Eltern ermöglichen soll, ihre Arbeitszeit temporär zu reduzieren und dafür eine finanzielle Kompensation zu erhalten. Man sollte dieses Corona-Elterngeld auch an die Bedingung knüpfen, dass beide Eltern die Arbeitszeit reduzieren und somit nicht der komplette Anpassungsdruck auf den Müttern liegt.

Es ist verständlich, dass die Politik in diesen ersten Wochen der Krise ihr Hauptaugenmerk auf den Schutz der Gesundheit und, in der Wirtschaftspolitik, auf die Vermeidung von Insolvenzen und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit gelegt hat. Nun ist es jedoch höchste Zeit, die von der Krise am stärksten betroffenen Gruppen unserer Gesellschaft stärker zu unterstützen. Dies gilt vor allem für junge Familien, die durch die Verlängerung von Kita- und Schulschließungen besonders hart getroffen werden. Hierbei geht es nicht nur um Solidarität und gesellschaftlichen Ausgleich. Es ist auch wirtschaftlich dringend erforderlich: Ein erfolgreicher Neustart der Wirtschaft hängt entscheidend davon ab, ob die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – und darunter sind sehr viele junge Eltern – dies zeitlich überhaupt leisten können.

Themen: Familie , Ungleichheit