Corona-Krise: Bildung und Familie jetzt ins Zentrum politischen Handelns! Kommentar

DIW Wochenbericht 18 / 2020, S. 328

Mathias Huebener

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Am Anfang des Lockdowns hatte der Schutz der Gesundheit oberste Priorität. Kita- und Schulschließungen, Homeschooling und gleichzeitig Homeoffice: Viele Familien haben diese Maßnahmen bereitwillig akzeptiert. Auch die Politik hat schnelle und ökonomisch sinnvolle Hilfe bereitgestellt. So wurde beispielsweise der Anspruch auf den Kinderzuschlag ausgeweitet und coronabedingte Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit nicht zur Berechnung des Elterngeldes herangezogen.

Nun löst sich der Lockdown allmählich auf. Unter Einhaltung von Hygienevorschriften soll etwas Normalität zurückgewonnen werden. Wie in dieser Phase mit Kitas und Schulen umgegangen wird, darüber herrscht große Uneinigkeit und Unsicherheit. Kinder halten sich natürlich nicht an Hygienekonzepte und Abstandsregeln. Schon gar nicht die ganz Kleinen. Dennoch ist es wichtig, dass vom Betreuungsanspruch, der nach und nach ausgeweitet wird, nicht nur einzelne Gruppen, etwa abhängig vom Beruf der Eltern, profitieren. Kitas sind schließlich auch ein wichtiger Ort der frühkindlichen Bildung. Deshalb sollte allen Kindern unabhängig vom Beruf der Eltern der Kita-Besuch schnell wieder ermöglicht werden, etwa mit reduzierten Stunden und nur an bestimmten Tagen.

Auch mit Blick auf die Schulen ist kein Normalbetrieb in Sicht. Es sollte davon ausgegangen werden, dass der Unterricht bis auf Weiteres für die meisten SchülerInnen hauptsächlich außerhalb der vertrauten Schule fortgesetzt werden muss. Ohne festen Rahmen und regelmäßige Interaktionen drohen insbesondere sozial benachteiligte und leistungsschwächere SchülerInnen den Anschluss zu verlieren. Statt abzuwarten, wie sich erste Öffnungen bewähren, sollte nun massiv investiert werden, um allen das Lernen zu ermöglichen. Diskussionen um einen verpflichtenden Mundschutz in Schulen verkennen das Ausmaß des Problems. Die Politik sollte Schulen und LehrerInnen sofort mit Expertise für Online-Lernplattformen ausstatten und Weiterbildungen für Online-Unterricht anbieten. Auch sollte allen SchülerInnen in Kleingruppen an einzelnen Tagen der Besuch der Schule ermöglicht werden. Das kann die Motivation stärken und den Austausch bewahren. Und so können LehrerInnen auch Sorgen der SchülerInnen erkennen und aufgreifen. Da die eigenen vier Wände nicht immer geeignete Lernumgebungen oder die technischen Voraussetzungen für das Lernen aus der Ferne bieten, sollten neue Lernorte und personelle Unterstützung geschaffen werden. So könnten Volkshochschulen oder Internetcafés für den digitalen Präsenzunterricht in festen Kleingruppen genutzt werden. Lehramtsanwärter könnten vor Ort die technischen Voraussetzungen sicherstellen und SchülerInnen unterstützen. So käme zumindest wieder ein Gefühl von Schule auf.

Da eine Rückkehr zur Kita- und Schulnormalität vorerst nicht in Sicht ist, muss auch Eltern eine Perspektive geboten werden. Im Homeoffice arbeiten, Kinder betreuen und frühkindlich oder schulisch fördern und regelmäßig vernünftige Mahlzeiten anbieten – das ist auf Dauer ohne Unterstützung nicht zu leisten. Wer meint, Familien würden ohne weitere Unterstützung auch die nächste Zeit schon meistern, verkennt die Belastung, legt ein veraltetes Familienbild zu Grunde oder setzt die Fortschritte in der partnerschaftlichen Aufteilung der Hausarbeit und des Anstiegs der mütterlichen Erwerbstätigkeit aufs Spiel. Denn schon die Erfahrungen des Lockdowns lehren, dass die zusätzliche Haus- und Betreuungsarbeit hauptsächlich von Frauen übernommen wird. Eine Corona-Elternzeit kann Klarheit und Freiräume schaffen, ein Corona-Elterngeld Familien finanziell absichern und Anreize für eine partnerschaftlichere Aufteilung der Betreuungsarbeit geben.

Kinder und Eltern sind kein Nebenschauplatz beim Sichern der wirtschaftlichen Zukunft, um die es jetzt immer mehr geht. In dieser neuen Phase der Krise sollten Eltern und Kinder stärker in das Zentrum des politischen Handelns rücken und ihre Bedarfe anerkannt werden, etwa indem die entsprechenden Ministerien im Corona-Kabinett mitreden dürfen. Die Phase nach dem Lockdown läuft auf unbestimmte Zeit – das sollte mit Blick auf Kitas, Schulen und Familien kein Grund zum Abwarten sein, sondern zum entschlossenen Erarbeiten von Lösungen.

Mathias Huebener

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie