Ökonominnen sind in der wirtschaftspolitischen Beratung deutlich seltener vertreten als ihre Kollegen

DIW Wochenbericht 25 / 2020, S. 455-460

Denise Barth, Katharina Wrohlich

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  • Ökominnen sind in vielen Gremien der wirtschaftspolitischen Beratung nur zu einem geringen Anteil vertreten
  • Frauenanteil ist in wissenschaftlichen Beiräten des Bundesfinanz- und des Bundeswirtschaftsministeriums geringer als an allen VWL-Professuren in Deutschland
  • In eher interdisziplinären Beiräten, aber auch im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist der Frauenanteil deutlich höher
  • Ökonominnen kommen auch in den Medien nach wie vor selten zu Wort
  • Initiativen wie Expertinnenlisten könnten die ökonomische Expertise von Frauen sichtbarer machen

„Damit es für Frauen leichter möglich ist, ehrenamtliche Jobs in der Politikberatung anzunehmen, könnten Universitäten und Arbeitgeber den WissenschaftlerInnen Entlastung anbieten. Damit Frauen überhaupt auf den Schirm der Medien kommen, sind Initiativen wie Expertinnenlisten sinnvolle Maßnahmen.“ Katharina Wrohlich

In vielen Gremien der ökonomischen Politikberatung sind Frauen nur zu einem geringen Anteil vertreten. Beispielsweise ist der Frauenanteil in den wissenschaftlichen Beiräten des Bundesfinanz- und des Bundeswirtschaftsministeriums (14 beziehungsweise 15 Prozent) geringer als unter allen Professuren der Volkswirtschaftslehre (VWL) in Deutschland (rund 18 Prozent). In den stärker interdisziplinär ausgerichteten Beiräten des Bundesfamilien- sowie des Bundesumwelt- und Bundesbildungsministeriums sind Frauen zu einem deutlich höheren Anteil vertreten (63 beziehungsweise 71 Prozent). Im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist der Frauenanteil durch die Ernennung von Veronika Grimm und Monika Schnitzer zuletzt deutlich gestiegen (von 20 auf 40 Prozent). In den Medien kommen Ökonominnen jedoch nach wie vor selten zu Wort. Initiativen wie Expertinnenlisten könnten die ökonomische Expertise von Frauen sichtbarer machen.

Wie politische Beratungsgremien besetzt sind, wird gerade in der aktuellen Corona-Krise intensiv debattiert. Eine Arbeitsgruppe der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina beispielsweise veröffentlichte am 13. April 2020 die von Politik und Medien viel beachtete dritte Ad-hoc-Stellungnahme zu Empfehlungen für eine Rückkehr in die gesellschaftliche Normalität.infoVgl. dazu Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2020): Dritte Ad-hoc-Stellungnahme: Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden (online verfügbar, abgerufen am 4. Juni 2020. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Sie wurde sowohl für den Inhalt der Stellungnahme als auch für die Zusammensetzung des Gremiums kritisiert. Dieser Arbeitsgruppe gehörten 26 Mitglieder an, davon waren nur zwei Frauen. Kritik an der Stellungnahme gab es unter anderem dafür, die zukünftige Organisationen der Kinderbetreuung nur am Rande angesprochen zu haben, während etwa Bereiche wie wirtschaftspolitische Maßnahmen oder Risikokommunikation ausführlicher diskutiert wurden.infoKritik an der Kommission sowie an der Stellungnahme kam zum Beispiel von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin und Mitglied der Leopoldina, vgl. Amory Burchard (2020): „Das Wohlergehen der Frauen wird nicht adressiert“. Tagesspiegel vom 14. April (online verfügbar). Des Weiteren wurde die fehlende Repräsentation von Frauen in dieser Gruppe, aber auch in den beiden vorangegangenen Leopoldina-Arbeitsgruppen beispielsweise von der Soziologin Martina Franzen kritisch beleuchtet, vgl. dazu Martina Franzen (2020): Diversitätsprobleme im Expertentum: Die Coronakrise als Kontrastmittel für Schieflagen im Wissenschaftssystem. SozBlog vom 20. April (online verfügbar). Für die vierte Ad-hoc-Empfehlung vom 27. Mai 2020, die die medizinische Vorsorge und die Entwicklung des Gesundheitssystems zum Schwerpunkt hat, wurde anscheinend auf die öffentliche Kritik der ungleichen Besetzung des Fachgremiums reagiert. In der neuen Arbeitsgruppe sind 16 von 31 Mitwirkenden Frauen.infoUnter Berücksichtigung der wissenschaftlichen ReferentInnen wäre es sogar 18 von 33 Frauen.

Neben der Zusammensetzung von politikberatenden Kommissionen steht aktuell auch die Auswahl der von den Medien befragten ExpertInnen in der Kritik. So hat beispielsweise eine Analyse des SPIEGEL ergeben, dass der Frauenanteil in fünf untersuchten Talkshows seit Mitte Januar bei etwa einem Drittel lag. Allerdings waren Frauen oft nicht in der Rolle der Expertin, sondern viel häufiger in der Rolle der Betroffenen eingeladen.infoVgl. dazu Holger Dambeck et al. (2020): Wer in Talkshows das Sagen hat. Der Spiegel vom 15. Mai (online verfügbar). Zudem ergab die Auswertung, dass unter den zehn in den Medien am häufigsten zitierten VirologInnen nur zwei Frauen waren.infoEbda. Bei den beiden Frauen handelt es sich um Marylyn Addo und Melanie Brinkmann. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch zwei Studien, die im Auftrag der MaLisa Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medienforschung der Universität Rostock und Prognosis Stockholm durchgeführt wurden. Untersucht wurde die Geschlechterverteilung in der Berichterstattung zur Corona-Pandemie in den Onlineformaten deutscher Printmedien und in den Informationssendungen des öffentlich-rechtlichen und des Privatfernsehens. In den Onlineausgaben waren 30 Prozent der erwähnten Personen Frauen. Als Expertin wurden sie nur in rund sieben Prozent der Fälle erwähnt, als Forscherin gerade einmal in rund fünf Prozent. Auch im Fernsehen sind Frauen als Expertinnen nur in 22 Prozent der Berichterstattungen zu sehen.infoVgl. MaLisa Stiftung (2020): Wer wird in Krisenzeiten gefragt? (online verfügbar).

Der niedrige Anteil von Medizinerinnen in den Medien fällt besonders auf, da der Frauenanteil unter berufstätigen FachärztInnen für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie bei knapp 42 Prozent liegt.infoVgl. dazu Bundesärztekammer (2020): Ärztestatistik zum 31. Dezember 2019 (online verfügbar).

Frauenanteil in rein ökonomischen Beiräten und Kommissionen geringer als in interdisziplinären Gremien

Auf Basis von Daten aus diversen politikberatenden Gremien mit Mitgliedern mit primär ökonomischem Hintergrund untersucht dieser DIW Wochenbericht, inwieweit Frauen in ökonomischen Beiräten vertreten sind. Analysiert wird der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der die gesamte Bundesregierung berät, die wissenschaftlichen Beiräte des Bundesministeriums der Finanzen (BMF), des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi), des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), sowie der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU, berufen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU)). Darüber hinaus werden einige von der Bundesregierung in den letzten Jahren temporär eingesetzten oder dauerhaften Kommissionen wie die Rentenkommission, die Kohlekommission oder die Mindestlohnkommission untersucht. Bei dieser Liste von Gremien handelt es sich nicht um eine umfassende Darstellung sämtlicher politikberatender Gremien. Neben den drei wichtigsten Gremien mit wirtschaftlichem Schwerpunkt (Sachverständigenrat, wissenschaftliche Beiräte des Bundesfinanzministeriums und des Bundeswirtschaftsministeriums) wurden weitere Beiräte und Kommissionen, an denen WirtschaftswissenschaftlerInnen beteiligt sind, ausgewählt.

Daten zur Zusammensetzung des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gibt es seit seiner Gründung im Jahr 1964.infoVgl. Informationen auf der Webseite des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Der Frauenanteil in diesem fünfköpfigen Gremium lag vier Jahrzehnte lang bei null Prozent. Im Jahr 2004 wurde mit Beatrice Weder di Mauro erstmals eine Frau bestellt. Claudia Buch (2012–2014) und Isabel Schnabel (2014–2019) waren die zweite beziehungsweise die dritte Frau in diesem Gremium. Im Juni 2020 wurden mit Veronika Grimm und Monika Schnitzer zwei Frauen als Sachverständige ernannt. Dadurch stieg der Frauenanteil in diesem Gremium auf 40 Prozent (Abbildung 1)infoPolitischer Druck, den Frauenanteil im Sachverständigenrat zu erhöhen, kam auch durch die Vorgaben des Bundesgremienbesetzungsgesetzes..

Damit liegt der aktuelle Frauenanteil in diesem Gremium deutlich höher als zum Beispiel der Frauenanteil im wissenschaftlichen Beirat des Finanzministeriums (derzeit 14 Prozent) oder des Wirtschaftsministeriums (derzeit 15 Prozent). Auffallend ist, dass die interdisziplinären wissenschaftlichen Beiräte des Familienministeriums und des Umwelt-/Bildungsministeriums mit 63 beziehungsweise 71 Prozent deutlich höhere Frauenanteile haben als die Beiräte des Finanzministeriums und des Wirtschaftsministeriums, deren Mitglieder fast ausschließlich aus dem Fachbereich der Ökonomie stammen.infoIm Beirat des BMFSFJ sind neben ÖkonomInnen auch PsychologInnen, RechtwissenschaftlerInnen, SozialpädagogInnen, SoziologInnen, PolitikwissenschaftlerInnen, WirtschaftsgeographInnen, MedizinhistorikerInnen, Kinder- und JugendpsychaterInnen und ErziehungswissenschaftlerInnen verteten. In den Beiräten des BMF und BMWi sind neben ÖkonomInnen auch noch VertreterInnen aus den Rechtswissenschaften (etwa Wirtschaftsrecht) vertreten. Wenn man nur die Mitglieder mit ökonomischem Hintergrund aus den aktuellen Beiräten des Familienministeriums und des Umwelt-/Bildungsministeriums betrachtet, ergibt sich in diesen Gremien sogar ein Frauenanteil von 80 bzw. 100 Prozent. (Abbildung 2).

Neben den ständigen wissenschaftlichen Beiräten von Ministerien setzt die Bundesregierung auch regelmäßig temporäre Expertenkommissionen zu bestimmten Themen ein, beispielsweise die „Kommission Verlässlicher Generationenvertrag“ (Rentenkommission), „Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ (Kohlekommission), oder das Wissenschaftliche Gutachtergremium für den Armuts- und Reichtumsbericht. Des Weiteren gibt es Kommissionen zu speziellen Wirtschaftsfragen, wie die Monopolkommission oder die Mindestlohnkommission. Für diesen Bericht wurde eine Auswahl von acht Kommissionen aus der aktuellen Legislaturperiode getroffen (Tabelle). Im Unterschied zu den wissenschaftlichen Beiräten gehören manchen dieser Kommissionen nicht nur WissenschaftlerInnen an, sondern zum Beispiel auch Mitglieder aus Interessensverbänden. Neben dem Frauenanteil der gesamten Kommission wird daher zusätzlich der Frauenanteil unter den wissenschaftlichen Mitgliedern angegeben.

Tabelle: Frauenanteile in ausgewählten Kommissionen1

Kommission zuständiges Ministerium Mitglieder davon Frauen davon Männer Frauenanteil (in Prozent) WissenschaftlerInnen davon Frauen davon Männer Frauenanteil (in Prozent)
Kommission Verlässlicher Generationenvertrag (Rentenkommission) BMAS2 10 4 6 40,0 3 1 2 33,3
Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung (Kohlekommission) BMWi3 31 10 21 32,3 7 3 4 42,9
Kommission Wettbewerbsrecht 4.0 BMWi 12 3 9 25,0 7 3 4 42,9
Monopolkommission BMWi 5 2 3 40,0 2 0 2 0
Mindestlohnkommission BMWi 9 3 6 33,3 2 1 1 50,0
Wissenschaftliches Gutachtergremium für den Armuts- und Reichtumsbericht BMAS 16 9 7 56,3 15 8 7 53,3
Beirat für „Sustainbale Finance“ BMU4/BMF5 37 11 26 29,7 2 0 2 0
FinTechRat BMF 29 7 22 24,1 2 0 2 0

1 Es werden stimmberechtigte und nicht stimmberechtigte Mitglieder der Gremien gezählt.

2 Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

3 Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

4 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

5 Bundesministerium der Finanzen.

Bei der Interpretation dieser Ergebnisse ist zu beachten, dass viele dieser Gremien sehr klein sind (manche Kommissionen haben nur zwei wissenschaftliche Mitglieder). Dadurch lässt der Frauenanteil einer einzigen Kommission allein keine sinnvolle Aussage darüber zu, wie stark Frauen auf dem Gebiet vertreten sind. In der Gesamtschau der hier dargestellten Gremien zeigt sich aber ein ähnliches Bild wie bei den vier untersuchten wissenschaftlichen Beiräten der Ministerien: Je stärker interdisziplinär ein Beirat besetzt ist, desto höher ist der Frauenanteil. So findet sich beispielsweise in der Monopolkommission, im FinTechRat und im Beirat für „Sustainable Finance“ keine einzige Frau unter den VertreterInnen der Wissenschaft. Allerdings sind die genannten Gremien auch mit jeweils nur zwei wissenschaftlichen Mitgliedern besetzt. Im Wissenschaftlichen Gutachtergremium für den Armuts- und Reichtumsbericht und in der Kommission Wettbewerbsrecht 4.0, in denen deutlich mehr WissenschaftlerInnen sitzen, liegen die Frauenanteile unter den wissenschaftlichen Mitgliedern bei über 50 Prozent beziehungsweise über 40 Prozent.

Ökonominnen kommen in Medien unterdurchschnittlich häufig zu Wort

Politikberatung erfolgt nicht ausschließlich über eine Mitgliedschaft in den genannten Gremien; Forschungserkenntnisse und Handlungsempfehlungen können auch über die Medien an Öffentlichkeit und Politik vermittelt werden. Die bereits erwähnte Studie der MaLisa Stiftung zeigt, dass Frauen als Expertinnen aus allen Fachbereichen in der Corona-Berichterstattung stark unterrepräsentiert sind. Auch vor der Corona-Pandemie waren Frauen in den Nachrichten stark unterrepräsentiert, wie das Global Media Monitoring Project (GMMP) aus dem Jahr 2015 zeigt, welches in Deutschland der Journalistinnenbund koordiniert hat. Am untersuchten Stichtag wurden Frauen als Expertinnen in 13 Prozent der untersuchten Nachrichten erwähnt.infoGMMP (2015): Global Media Monitoring Project 2015 (online verfügbar).

Inwieweit Ökonominnen in den Medien präsent sind und von der Politik wahrgenommen werden, misst beispielsweise das FAZ-Ökonomenranking. In der Gesamtwertung des Rankings werden verschiedene Indikatoren aus Politik, Medien und Wissenschaft herangezogen. Berücksichtigt werden wissenschaftliche Zitate und Nennungen in den Medien aber auch die Aktivität auf der Social-Media-Plattform Twitter sowie eine Umfrage unter Bundes- und Landtagsabgeordneten sowie hochrangigen MitarbeiterInnen von Bundes- und Landesministerien.infoFrankfurter Allgemeine Zeitung (2013): So entstand die Rangliste der Wirtschaftsforscher. 4. September (online verfügbar). In der Gesamtwertung des Jahres 2019 sind neun von 100 Top-ÖkonomInnen Frauen. Unter den zitierten ÖkonomInnen in den Medien liegt der Frauenanteil bei gerade einmal vier Prozent (FAZ-Ranking, Rubrik „Medien“). In der Rubrik „Politik“ liegt der Frauenanteil des FAZ-Rankings bei elf Prozent.infoFrankfurter Allgemeine Zeitung (2019): F.A.Z.-Ökonomenranking: Deutschlands einfussreichste Ökonomen. 4. Oktober (online verfügbar).

Diese Werte liegen ebenfalls deutlich unter dem Frauenanteil des hauptberuflich wissenschaftlichen Personals in der Volkswirtschaftslehre, der im Jahr 2018 rund 28 Prozent betrug (Abbildung 1). Wesentlich geringer als der Frauenanteil am gesamten wissenschaftlichen Personal in der Ökonomie ist der Frauenanteil an allen VWL-Professuren. Dieser lag laut dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2018 bei knapp 18 Prozent und damit deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 24 Prozent.infoVgl. dazu die Datensammlung von Women in Economics in der Rubrik „Countries“. Zu den Ursachen des geringen Frauenanteils unter VWL-Professorinnen vgl. auch Emmanuelle Auriol, Guido Friebel und Sascha Wilhelm (2019): Women in European economics. Vox vom 19. November (online verfügbar).

Nimmt man diese Werte als Vergleichszahl, zeigt sich, dass insbesondere in den Medien Ökonominnen stark unterrepräsentiert sind. Im Gegensatz dazu sind mittlerweile in manchen Gremien der wirtschaftspolitischen Beratung (etwa beim Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung) Frauen jüngst deutlich stärker repräsentiert.

Gründe für geringe Repräsentanz von Frauen in der Politikberatung sind vermutlich vielfältig

Ein Grund für den niedrigen Frauenanteil in der ökonomischen Politikberatung könnte darin liegen, dass eine Berufung in die genannten Gremien nicht zu Beginn der wissenschaftlichen Laufbahn, sondern eher ab der Mitte erfolgen dürfte. So ist beispielsweise der Frauenanteil im wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums (gut 14 Prozent) oder der des Bundeswirtschaftsministeriums (gut 15 Prozent) in etwa vergleichbar mit dem Frauenanteil an allen VWL-Professuren vor sieben Jahren (Abbildung 1).

Ein weiterer Grund für den geringen Frauenanteil gerade in den Beiräten des Bundesfinanz- und des Bundeswirtschaftsministeriums verglichen zum Frauenanteil unter den ÖkonomInnen in den interdisziplinären Beiräten könnte darin liegen, dass Ökonominnen häufig Forschungsgebiete haben, die an der Schnittstelle zu anderen Disziplinen liegen, zum Beispiel zur Soziologie, Psychologie usw. Diese Vermutung wird aber zumindest von einer Datensammlung aus den USA nicht unterstützt: Sie zeigt, dass zwar der Anteil der ökonomischen Dissertationen aus den Bereichen Arbeitsmarktökonomie und Öffentliche Finanzen unter Frauen höher ist als unter Männern, dass ansonsten aber Frauen – zumindest auf Ebene der DoktorandInnen – in den USA in allen Teildisziplinen der Ökonomie vertreten sind.infoVgl. Shelly Lundberg und Jenna Stearns (2019): Women in Economics: Stalled Progress. Journal of Economic Perspectives, 33(1), 3–22.

Schließlich könnte es außerdem sein, dass Frauen, wenn sie gefragt werden, Presseanfragen oder Mitgliedschaften in Beratungsgremien häufiger ablehnen als Männer. Politikberatung ist ein – häufig ehrenamtlicher – Job, der zusätzlich zu Lehre und Forschung erbracht werden muss. Studien zeigen, dass Wissenschaftlerinnen meist einen Partner haben, der ebenfalls Vollzeit erwerbstätig ist, und sich mit diesem die Kinderbetreuung und Sorgearbeit aufteilen. Ihre männlichen Kollegen haben hingegen häufiger Partnerinnen, die in Teilzeit erwerbstätig sind. Sie müssen sich dementsprechend weniger bei der Sorgearbeit einbringen und haben daher mehr Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten.infoVgl. zum Beispiel Inken Lind und Kathrin Samjeske (2010): Schlussbericht zum Projekt ‚Balancierung von Wissenschaft und Elternschaft‘ (BAWIE). Bonn: GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS) (online verfügbar).

Fazit: Politikberatung braucht vielfältige Stimmen

Frauen sind in der ökonomischen Politikberatung, zum Beispiel in den Beiräten des Bundeswirtschaftsministeriums und des Bundesfinanzministeriums sowie in einigen Kommissionen der Bundesregierung, weniger stark repräsentiert als es beispielsweise dem Frauenanteil an allen VWL-Professuren entspräche. Jüngst gibt es bei den von der Bundesregierung berufenen Gremien aber positive Entwicklungen, wie etwa die Berufungen von Veronika Grimm und Monika Schmitzer in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Diese haben den Frauenanteil in diesem Gremium deutlich erhöht. Auch in anderen Gremien sollte die Politik den Frauenanteil erhöhen, um in ihrer Beratung unterschiedliche Perspektiven zu hören.

Nimmt man das FAZ-Ökonomenranking in der Rubrik „Medien“ als Maßstab, so sind Frauen in den Medien wesentlich stärker unterrepräsentiert als in den meisten von der Bundesregierung eingesetzten Gremien. Dies wird – nicht zuletzt im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion über politische Maßnahmen während der Corona-Krise – zunehmend kritisch gesehen. Initiativen wie ProQuote Medien setzen sich dafür ein, dass Frauen als Expertinnen in Medien stärker zu Wort kommen. Dafür stellen sie beispielsweise Listen von Expertinnen zur Verfügung.infoVgl. zum Beispiel Informationen auf der Webseite von ProQuote. Auch Ökonominnenrankings, wie beispielsweise das der FAZ,infoPatrick Bernau (2019): Die einflussreichsten Ökonominnen. Fazit – das Wirtschaftsblog vom 25. November (online verfügbar). können zu einer höheren Sichtbarkeit von Frauen in der ökonomischen Politikberatung beitragen. Die britische BBC hat sich 2018 sogar eine Geschlechterquote von 50 Prozent aller von ihr interviewten ExpertInnen gegeben.infoVgl. BBC (2018): BBC wants gender balance of contributors by April 2019. 2. April (online verfügbar).

Neben solchen Initiativen, die dazu beitragen können, dass mehr Frauen für politikberatende Gremien oder Medienberichterstattung angefragt werden, ist es zudem wichtig, es Frauen zu erleichtern, solche ehrenamtlichen Tätigkeiten neben Forschung und Lehrtätigkeit auszuüben. Die Universitäten sollten WissenschaftlerInnen, die sich in Politikberatung oder Öffentlichkeitsarbeit engagieren, stärker entlasten, beispielsweise durch eine Reduktion des Lehrdeputats.

Solche Maßnahmen könnten dazu beitragen, dass es mehr Diversität in der gehörten Expertise zu (wirtschafts-)politisch relevanten Themen gibt. Dies würde die Vielfalt der Inhalte und Perspektiven in der wirtschaftspolitischen Politikberatung und der öffentlichen Debatte erhöhen. Zudem könnten durch eine höhere Sichtbarkeit weiblicher Rollenvorbilder geschlechterstereotype Vorstellungen in der Gesellschaft sukzessive abgebaut werden.

Denise Barth

Studentische Hilfskraft in der Forschungsgruppe Gender Economics

Katharina Wrohlich

Leiterin in der Forschungsgruppe Gender Economics



JEL-Classification: A11;J16
Keywords: gender equality, gender diversity, economic policy advisers, media
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2020-25-1