In Chefetagen deutscher Großunternehmen bahnt sich Bewegung an: Editorial

DIW Wochenbericht 3 / 2021, S. 19-21

Anja Kirsch, Katharina Wrohlich

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  • Erneut mehr Frauen in Spitzengremien großer Unternehmen in Deutschland, Dynamik bleibt aber vor allem in Vorständen vielerorts verhalten
  • Gesetzliche Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen könnte Schwung bringen und Frauenanteil in Gruppe der betroffenen Unternehmen von etwa 13 auf 21 Prozent erhöhen
  • Entwicklung in Aufsichtsräten unterstreicht, dass verbindliche Vorgaben wirken: Deutlich höhere Frauenanteile als in Vorständen und Steigerungen auch oberhalb der 30-Prozent-Marke
  • Analyse von Interviews mit 60 AufsichtsrätInnen aus 75 börsennotierten Unternehmen zeigt, dass sich Geschlechterdiversität sehr positiv auswirkt
  • Unter anderem werden mit Frauen im Aufsichtsrat Vorstände effektiver kontrolliert – daher Hoffnung, dass auch Vorgabe für Vorstände zusätzliche Impulse gibt

„Die verbindliche Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen ist ein wichtiges gleichstellungspolitisches Signal. Es wird Zeit, dass sich nach den Aufsichtsräten auch in den Vorständen endlich etwas tut, auch im Interesse der Unternehmen – denn mehr Geschlechterdiversität wirkt sich in der Regel äußerst positiv aus.“ Katharina Wrohlich

Das Jahr 2021 begann mit einer politischen Entscheidung, die viele Jahre lang nicht möglich erschien: Das Bundeskabinett hat eine Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen auf den Weg gebracht. Verabschiedet der Bundestag im Laufe des Jahres den entsprechenden Gesetzesentwurf, müssen börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen mit einem mindestens vierköpfigen Vorstand künftig eine Frau in ihrer Runde haben. Für 74 Unternehmen würde diese Regelung aktuell gelten, etwa 30 davon erfüllen sie noch nicht. Täten sie dies künftig, stiege der Anteil der Vorständinnen in den betroffenen Unternehmen von etwa 13 auf 21 Prozent.

Dass ein Impuls nötig ist, verdeutlicht das aktuelle DIW Managerinnen-Barometer: In den 200 umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland waren im Herbst des vergangenen Jahres nur 101 von 878 Vorstandsmitgliedern Frauen – das entspricht einem Anteil von rund zwölf Prozent, nur gut ein Prozentpunkt mehr als im Jahr zuvor. Auch in anderen Unternehmensgruppen gewann die Entwicklung kaum an Dynamik. Bei den 30 größten börsennotierten Unternehmen stagnierte der Frauenanteil in den Vorständen sogar. Nach dem Abgang von Jennifer Morgan als Co-Vorstandsvorsitzende von SAP wird derzeit zudem kein einziges DAX-30-Unternehmen mehr von einer Frau angeführt.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Da ist erstens die eingangs erwähnte sogenannte „Vorstandsquote“, die Schwung bringen könnte und in jedem Fall ein wichtiges gleichstellungspolitisches Signal ist. Dass gesetzliche Regelungen geeignet sind, den Frauenanteil in einem Gremium nachhaltig zu erhöhen, zeigt die Entwicklung in den Aufsichtsräten: Dort steigen die Frauenanteile weiter – in der Gruppe jener 107 Unternehmen, für die seit einigen Jahren bereits die verbindliche Geschlechterquote von 30 Prozent im Aufsichtsrat gilt, sogar auch dann, wenn die Vorgabe bereits erfüllt ist. 2020 lag der durchschnittliche Frauenanteil in den Kontrollgremien dieser Unternehmen bereits bei rund 36 Prozent.

Die Folgen dieser Entwicklung – und das ist eine weitere gute Nachricht – scheinen eindeutig positiv zu sein. Das zeigt der zweite Bericht des diesjährigen Managerinnen-Barometers. Im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Freien Universität Berlin wurden 60 AufsichtsrätInnen aus 75 börsennotierten Unternehmen zu den Auswirkungen eines höheren Frauenanteils in den Kontrollgremien befragt. Das Ergebnis: Interaktion, Diskussion und Entscheidungsfindung profitieren deutlich. Die Interviewten empfanden eine freundlichere Atmosphäre, mehr Höflichkeit und gegenseitige Wertschätzung. Zudem wurden Diskussionen als umfassender und facettenreicher beschrieben. Vor allem hinterfragen Frauen offenbar eher Vorschläge und Entscheidungen des Vorstands und fordern öfter zusätzliche Informationen. Geschlechterdiversität in Aufsichtsräten kann also dazu beitragen, Vorstände effektiver zu kontrollieren. Das kommt potenziell den Unternehmen und letztlich der gesamten Wirtschaft und Gesellschaft zugute.

In diesem Sinne besteht die Hoffnung, dass sich auch die künftige Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen nicht nur in der Entwicklung der Frauenanteile niederschlägt, sondern Impulse darüber hinaus setzt. Doch mehr Frauen in Vorständen sind kein Selbstläufer und mit einer gesetzlichen Vorgabe alleine ist es nicht getan – zumal der Pool an potenziellen Vorständinnen deutlich geringer ist als bei Aufsichtsrätinnen. Denn Vorstandsmitglieder haben in der Regel langjährige Managementerfahrungen und werden meist auf der Hierarchieebene direkt unterhalb des Vorstands rekrutiert – und genau dort sind Frauen noch immer in der Minderheit.

Es braucht eine Personalpolitik der Unternehmen, die noch stärker darauf achtet, dass auch Frauen Karriere machen können und die für Vorstandsposten notwendige Berufserfahrung im Unternehmen sammeln können. Geschlechterstereotype in der Arbeitswelt und eine nach wie vor sehr männliche geprägte Führungskultur müssen aufgebrochen werden und auch neue Formen der Arbeitsorganisation diskutiert werden – seit dem Ausbrauch der Corona-Pandemie und der mit ihr verbundenen Einschränkungen erscheint letzteres sogar noch umso dringlicher.

Katharina Wrohlich

Leiterin in der Forschungsgruppe Gender Economics



JEL-Classification: D22;J16;J59;J78;L21;L32;M14;M51
Keywords: corporate boards, board composition, boards of directors, board diversity, Europe, women directors, gender equality, gender quota, Germany, management, private companies, public companies, supervisory boards, executive boards, CEOs, women
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2021-3-1

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