Schutzschild vor Überschuldung?

Medienbeitrag vom 9. Juli 2021

Um die private Überschuldung zu reduzieren, ist es wichtig deren Ursachen besser zu verstehen. Ein ökonomisches Experiment hat untersucht, welche Rolle finanzielle Bildung und Selbstkontrolle dabei spielen.

Laut Schuldenatlas 2020 gilt etwa jede/r zehnte Erwachsene in Deutschland als überschuldet, kann also Zahlungsverpflichtungen über längere Zeit hinweg nicht mehr nachkommen – selbst wenn der Lebensstandard reduziert wird. Die häufigsten Gründe sind Arbeitslosigkeit, Einkommensarmut, Krankheit, Trennung, gescheiterte Selbstständigkeit und eine sogenannte unwirtschaftliche Haushaltsführung. Letztere Ursache kann auch als irrationales Konsumverhalten bezeichnet werden – und wird immer häufiger als Hauptauslöser von Überschuldungsfällen genannt. Von 2008 bis 2020 stieg der Anteil der Fälle aufgrund von unwirtschaftlicher Haushaltsführung um 68 Prozent an. Diese Ursache ist inzwischen für 16 Prozent aller Fälle oder schätzungsweise 1,1 Millionen Personen maßgeblich.

Dieser Beitrag erschien am 1. Juli als Gastbeitrag bei Makronom.

Die Corona-Pandemie könnte die wirtschaftliche Situation vieler Haushalte verschärfen. Auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigt sich in aktuellen Daten der Sondererhebung SOEP-CoV vom Januar und Februar 2021, dass sich knapp neun Prozent der Befragten „große“ Sorgen und weitere 31 Prozent sich immerhin „einige“ Sorgen um ihre wirtschaftliche Situation machen. Diese subjektive Wahrnehmung ist ein Signal dafür, dass die Haushaltsfinanzen in Deutschland vielfach als kritisch angesehen werden. Überschuldung kann hierbei eine wichtige Rolle spielen.

Vor allem bei Überschuldungsfällen wegen unangemessenem Konsumverhalten ist es relevant zu verstehen, wie es dazu kommen kann, dass Menschen zu teure und zu viele Kredite aufnehmen. Mögliche Ursachen sind neben überoptimistischen Einkommenserwartungen eine geringe finanzielle Bildung und fehlende Selbstkontrolle. Zahlreiche Studien zeigen bereits die Korrelation zwischen diesen Faktoren.

Dies haben wir nun durch eine Regressionsanalyse mit Daten der Innovations-Stichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP-IS) von 2016 bis 2018 bestätigt. Dabei wurden 901 Personen befragt, die durchschnittlich 54 Jahre alt waren und im Mittel ein monatliches Nettohaushaltseinkommen von 2.946 Euro zur Verfügung hatten. Etwa jeder Vierte hatte persönliche oder Haushaltsschulden für Konsumgüter aufgenommen. Dies sollte noch nicht per se als Problem betrachtet werden, weshalb wir in den folgenden Regressionen auf die subjektive Wahrnehmung der Schulden geschaut haben. Ausgehend von der sogenannten Self-Control Scale (einer anerkannten Skala zur Messung der individuellen Selbstkontroll-Kapazität) ist eine höhere Selbstkontrolle mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit korreliert, in Zahlungsschwierigkeiten bei Konsumschulden zu geraten. Dabei wird für das Geschlecht, das Alter, den Bildungsgrad und das Haushaltseinkommen kontrolliert. Auch Finanzwissen geht mit weniger Problemen bei der Rückzahlung von Konsumentenkrediten einher. Die Interaktion beider Faktoren ist positiv, aber statistisch nicht signifikant. Dies bestätigt dennoch die Tendenz, dass für Personen mit hoher finanzieller Bildung Selbstkontrolle weniger mit Überschuldung zusammenhängt. Der Effekt mangelnder Selbstkontrolle ist für Menschen mit höherem Finanzwissen also kleiner.

Kausaler Zusammenhang durch Experiment bestätigt

Um den Einfluss mangelnder Selbstkontrolle auf die Aufnahme von Konsumschulden näher zu untersuchen, wurde ein ökonomisches Experiment durchgeführt. Durch ein solches Experiment können auch kausale Zusammenhänge bestätigt werden. Dabei wurde die Methode der Ego-Depletion angewandt, um über das Aufzeigen von bloßen Korrelationen hinauszugehen. Ego-Depletion-Methoden kommen aus der Psychologie und zielen darauf ab, innerhalb eines Experiments die begrenzten mentalen Ressourcen von TeilnehmerInnen zu verbrauchen und so deren Selbstkontrolle negativ zu beeinflussen. Die Grundlage sind anstrengende Aufgaben, bei denen Gewohnheiten überwunden werden müssen und die Leistung nicht honoriert wird. Es wird angenommen, dass eine erfolgreiche Ego-Depletion dazu führt, kurzfristig weniger Selbstkontrolle für anschließende Aufgaben zur Verfügung zu haben. Dies erlaubt es, einen kausalen Effekt von reduzierter Selbstkontrolle auf finanzielle Entscheidungen zu messen.

Das Experiment beruht auf dem Vergleich von zwei Gruppen. Während TeilnehmerInnen in einer Treatmentgruppe sowohl einfache als auch komplexe Textaufgaben bearbeiten müssen, brauchen TeilnehmerInnen in der Kontrollgruppe nur einfache Textaufgaben zu lösen. Auf diese Weise sollen die TeilnehmerInnen der Treatmentgruppe kurzfristig angestrengt werden und Fähigkeiten zur Selbstkontrolle verlieren. Im Anschluss können alle TeilnehmerInnen des Experiments Heißgetränke auf Kredit kaufen, wobei in einer ersten Runde des Experimentes höhere Zinsen als in einer zweiten Runde anfallen. Das Experiment wurde im November und Dezember 2019 an der Technischen Universität Berlin mit 283 Personen durchgeführt. Die Treatment- und Kontrollgruppen wurden zufällig zusammengesetzt und unterscheiden sich nicht in ihren beobachtbaren Charakteristika. Unterschiede in den finanziellen Entscheidungen können damit allein auf die unterschiedliche Ego-Depletion zurückgeführt werden.

In dem Experiment erwarben 22 Prozent der TeilnehmerInnen ein Heißgetränk auf Kredit. Personen aus der Treatmentgruppe nehmen öfter den Konsumentenkredit auf, insbesondere in der teureren ersten Runde des Experiments. Hier geben sie durchschnittlich 53 Prozent mehr aus als die TeilnehmerInnen aus der Kontrollgruppe. Die Ergebnisse der Berechnung zeigen, dass es für eine Person der Treatmentgruppe im Durchschnitt 6,83 Prozentpunkte wahrscheinlicher ist, den teuren Spontan-Kauf auf Kredit zu tätigen. Dies weist tendenziell auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und Konsumverhalten hin.

Finanzielle Bildung schützt vor spontaner Schuldenaufnahme

Obwohl dieser durchschnittliche Effekt des Treatments statistisch nicht signifikant ist, reagieren die TeilnehmerInnen unterschiedlich stark auf die Beeinflussung ihrer Selbstkontrolle. In dem Experiment wurden im Rahmen eines Fragebogens auch Fragen zu finanzieller Bildung gestellt. Es zeigt sich, dass diejenigen, die ego-depleted sind, also vorübergehend weniger Energie zur Ausübung von Selbstkontrolle haben und gleichzeitig unterhalb des Medians beim Finanzwissen liegen, deutlich häufiger spontan Schulden aufnehmen: Ihre Wahrscheinlichkeit ist durchschnittlich 23 Prozentpunkte höher als für diejenigen mit hoher finanzieller Bildung in der Treatmentgruppe. Dieser Koeffizient ist statistisch hoch signifikant auf dem Fünf-Prozent-Niveau.

Insgesamt ergeben sich Hinweise darauf, dass geringe Selbstkontrolle einen kausalen Effekt auf spontane Kaufentscheidungen mittels Krediten hat. Dieser Effekt ist für diejenigen mit niedriger finanzieller Bildung statistisch signifikant. Im Umkehrschluss deutet dies darauf hin, dass finanzielle Bildung vor Ego-Depletion und/oder dessen Folgen zu schützen vermag.

Mehr Engagement für Finanzwissen erforderlich

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie hatten zwar weitreichende Konsequenzen für Beschäftigte und Selbstständige in Deutschland, bislang kam es allerdings

zu keinem Anstieg der Überschuldungsquoten. Die vorgestellten Ergebnisse aus der SOEP-CoV-Studie zeigen aber, dass ein großer Anteil der Deutschen sich dennoch Sorgen um die eigenen Finanzen macht. Wenn man konkret die Ursachen von problematischen Konsumschulden nachvollziehen möchte, zeigt eine repräsentative Haushaltsbefragung, dass mangelnde Selbstkontrolle und geringe finanzielle Bildung mit höheren Zahlungsschwierigkeiten bei Konsumentenkrediten verbunden. Ein kausaler Effekt zwischen mangelnder Selbstkontrolle und Verschuldung wird durch ein ökonomisches Experiment bestätigt. Dieser Effekt ist besonders stark für Personen mit geringer finanzieller Bildung. Die Politik sollte daher neben effektivem Verbraucherschutz bei Kreditbedingungen auch ein nationales Engagement für mehr Finanzwissen vorantreiben.

Themen: Bildung

Jana Hamdan

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Weltwirtschaft

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