Schulen sollten versuchen, Eltern aller Bildungsgruppen für Schulgremien zu gewinnen: Interview

DIW Wochenbericht 45 / 2021, S. 748

Jan Marcus, Erich Wittenberg

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Herr Marcus, Sie haben untersucht, inwieweit sich das elterliche Engagement in der Schule nach dem Bildungshintergrund der Eltern unterscheidet. Welche Gruppen von Eltern haben sie miteinander verglichen? Wir unterscheiden drei verschiedene Gruppen in Bezug auf den beruflichen Bildungshintergrund der Mütter, weil diese in der großen Mehrheit der Haushalte nach wie vor mehr Zeit mit den Kindern verbringen und eher die Ansprechpartnerinnen für schulische Angelegenheiten sind. Als erste Gruppe schauen wir uns Mütter an, die ein abgeschlossenes Studium haben, als zweite Gruppe Mütter mit einer beruflichen Ausbildung und als dritte Gruppe Mütter, die keinen beruflichen Abschluss haben.

Wo haben Sie Unterschiede im elterlichen Engagement gefunden? Unabhängig vom beruflichen Bildungsabschluss ist ein Großteil der Eltern engagiert, aber das Engagement der Eltern unterscheidet sich nach ihrer eigenen beruflichen Bildung. Akademikerinnen bringen sich stärker als die Mütter aus den anderen Bildungsgruppen in der Schule ein. Sie sind häufiger in Elternvertretungen aktiv, helfen bei schulischen Veranstaltungen mit und gehen auch etwas häufiger zu Elternabenden. Die Mütter aus den anderen Bildungsgruppen sind eher zu Hause aktiv und unterstützen ihre Kinder zum Beispiel bei Hausaufgaben und Internetrecherchen und motivieren sie häufiger als andere Mütter zum Lernen. Auch kaufen sie öfter zusätzliche Lehr- und Lernmaterialien.

Wo liegen die Gründe dafür? Insbesondere das stärkere Engagement von Nichtakademikerinnen bei der Hausaufgabenunterstützung und der Motivation kann zum Teil durch die Schulnoten der Kinder und die Schulform, die sie besuchen, erklärt werden, weil die Kinder von Nichtakademikerinnen im Durchschnitt etwas schlechtere Schulnoten haben und mehr Unterstützung benötigen. Mütter ohne abgeschlossenes Studium helfen ihren Kindern aber auch unabhängig von den Schulnoten im Durchschnitt häufiger.

Wie groß sind die Unterschiede im Engagement? Die Unterschiede sind mittelgroß und im statistischen Sinne signifikant. Zum Beispiel sind bei der Elternvertretung für Kinder im Alter von neun bis zehn Jahren knapp 24 Prozent der Akademikerinnen aktiv, während es von den Müttern, die eine Ausbildung haben, knapp 18 Prozent sind und von denen, die keinen Abschluss haben, sieben Prozent.

Welche Folgen könnte es haben, wenn ein Elternrat überwiegend aus AkademikerInnen besteht und NichtakademikerInnen hier unterrepräsentiert sind? Ein Problem könnte darin bestehen, dass dann vorwiegend die Interessen von Kindern aus Akademikerfamilien berücksichtigt werden. Deshalb wäre es sehr wichtig, dass die Schulleitung, aber auch die Lehrerinnen und Lehrer, Nichtakademikereltern verstärkt zu einem Engagement in den Schulgremien bewegen. So könnte die Repräsentation aller Bildungsgruppen gewährleistet werden.

Müsste auch der Staat das elterliche Engagement in der Schule stärken? Es wäre gut, wenn alle Akteure an einem Strang ziehen und es auch von staatlicher Seite mehr Unterstützung gäbe, um mehr Eltern aus bildungsfernen Gruppen für ein Engagement in der Schule zu gewinnen. Darüber hinaus wäre es wichtig zu berücksichtigen, dass schulische Veranstaltungen zu Zeiten stattfinden, in denen erwerbstätige Eltern aus unterschiedlichen Bildungsgruppen tatsächlich auch Zeit haben, sich einzubringen.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Jan Marcus
Schulen sollten versuchen, Eltern aller Bildungsgruppen für Schulgremien zu gewinnen - Interview mit Jan Marcus

Jan Marcus

Juniorprofessor in der Abteilung Bildung und Familie

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