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Überraschend ist, dass das Vorkrisenniveau bereits 2021 überschritten wurde: Interview

DIW Wochenbericht 11 / 2022, S. 180

Kristina van Deuverden, Erich Wittenberg

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Frau van Deuverden, die Corona-Pandemie hat sich negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ausgewirkt. Wie aber haben sich die Steuereinnahmen in der Corona-Zeit entwickelt? Steuern schwanken mit der Konjunktur und gehen in Krisen überproportional zurück. Natürlich sind die Steuereinnahmen allein aus diesem Grunde auch in der Corona-Pandemie stark gesunken. Die wirtschaftliche Entwicklung ist derzeit noch ein bisschen schwach, aber überraschenderweise gilt das für die Steuerentwicklung im vergangenen Jahr nicht. Die Steuereinnahmen haben 2021 schon wieder kräftig angezogen.

Wie ist das Anziehen der Steuereinnahmen zu erklären? Ein Grund ist, dass der Steuerimpuls im Jahr 2020 deutlich größer war, zum Beispiel war die Mehrwertsteuer ein halbes Jahr gesenkt. Das ist aber von der Entwicklung her nicht besonders überraschend. Überraschend war hingegen die Entwicklung bei den sogenannten Gewinnsteuern, also der veranlagten Einkommensteuer und bei der Körperschaftsteuer. Das sind die Steuern, die von Unternehmen, Selbstständigen und Gewerbetreibenden gezahlt werden und da haben wir im vergangenen Jahr eine sehr dynamische Entwicklung gesehen.

Ist das Vorkrisenniveau bei den Steuereinnahmen bereits erreicht? Das Vorkrisenniveau ist im vergangenen Jahr überschritten worden, was mich sehr überrascht hat. Normalerweise würde ich erwarten, dass die wirtschaftliche Entwicklung der Steuerentwicklung ein Stück weit vorgelagert ist. In der Finanzkrise 2008/2009 war das Steuerniveau erst im Jahr 2011 überschritten. Die wirtschaftliche Entwicklung hatte sich vorher belebt. Das beobachten wir in der jetzigen Situation andersherum, denn die Steuerentwicklung läuft etwas vor der wirtschaftlichen Entwicklung.

Wie sind die unterschiedlichen Reaktionen der Steuereinnahmen in der Corona- und der Finanzkrise zu erklären? Für eine abschließende Beurteilung ist es sicherlich noch ein bisschen früh. Was man aber auf jeden Fall schon sagen kann, ist, dass sich die Gewinnsteuern stark entwickelt haben. In Deutschland ist der größte Teil dieser im laufenden Jahr gezahlten Steuereinnahmen eine Art Vorauszahlung, basierend auf der Erwartung des Unternehmens. Daran lässt sich ablesen, dass diese Erwartungen wohl etwas zu pessimistisch waren. Die Unternehmen haben jetzt ihre Steuerzahlungen angepasst. Die Gewinnlage war von daher vermutlich besser, als von den Unternehmen erwartet worden ist. Das wiederum ist ein Indiz dafür, dass die Einkommenssituation bei den Unternehmen im vergangenen Jahr doch besser war, als sie angenommen hatten.

Welche finanzpolitischen Lehren lassen sich aus dem Vergleich der Corona- und der Finanzkrise ziehen? Ein Punkt, warum die Entwicklung in der Corona-Pandemie anders als in der Finanzkrise war, ist das Agieren der Wirtschaftspolitik. In der Finanzkrise hat es relativ lange gedauert, bis man realisiert hat, dass sie auf die Realwirtschaft überschwappt, und lange unterschätzt, wie stark die Konsequenzen sind. Dann kamen im November 2008 ein paar Maßnahmen, gleichzeitig wurde von der Politik kommuniziert, dass alles nicht so schlimm wird. Im Januar/Februar 2009 musste man nachlegen, weil es doch schlimmer wurde als gedacht. In der Corona-Pandemie ist das anders gelaufen. Am 20. März 2020 startete der Lockdown und am 30. März wurde Soforthilfe bereitgestellt und klar kommuniziert, wir steuern nach, wenn es nicht reicht. Es ist hier deutlich besser gelungen, die Einkommen zu stabilisieren, als damals in der Finanzkrise. Das hat dazu beigetragen, dass Deutschland mit Blick auf die staatlichen Einnahmen deutlich besser aus der Krisensituation herauswächst.

O-Ton von Kristina van Deuverden
Überraschend ist, dass das Vorkrisenniveau bereits 2021 überschritten wurde - Interview mit Kristina van Deuverden

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