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Die versteckte Last der Ungleichheit

Medienbeitrag vom 17. Oktober 2023

Daniel Graeber bezeichnet die Kosten schlechter psychischer Gesundheit als enorm und häufig unterschätzt. Für Betroffene verschlechtere sich die Lebensqualität meist erheblich.

Soziale Ungleichheiten schlagen sich häufig in unterschiedlichen Einkommen, Vermögen und Arbeitsmarktchancen nieder. Selten wird bei diesen Analysen die individuelle Gesundheit, insbesondere die psychische, berücksichtigt. Das ist verheerend, beeinträchtigen doch nur wenige Dinge das individuelle Wohlbefinden so sehr wie die eigene Gesundheit. Studien haben gezeigt, dass der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung zwischen denen, die weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens beziehen, und denen, die mehr als 150 Prozent des durchschnittlichen Einkommens bekommen, ungefähr zehn Jahre beträgt. Vergleichbare Analysen zur psychischen Gesundheit sind allerdings seltener.

Dieser Gastbeitrag von Daniel Graeber erschien am 17. Oktober 2023 in der Fuldaer Zeitung.

Vor diesem Hintergrund analysiert unsere aktuelle Studie, veröffentlicht am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Unterschiede in der psychischen Gesundheit zwischen verschiedenen sozialen und demografischen Gruppen über die Zeit. Die Kernergebnisse: Zwar hat sich die psychische Gesundheit in den letzten zwei Jahrzehnten im Durchschnitt verbessert, allerdings ist sie in wirtschaftlichen Rezessionen, wie der Finanz- und Schuldenkrise im Jahr 2008 und der Corona-Pandemie im Jahr 2020, stark gesunken. Zudem sind die Unterschiede in der psychischen Gesundheit zwischen Ost- und Westdeutschland sowie insbesondere zwischen Frauen und Männern gravierend. So sind Menschen in Ostdeutschland durchgehend in einer schlechteren psychischen Verfassung als Menschen in Westdeutschland. Ähnliche Unterschiede bestehen auch zwischen Menschen mit und ohne Hochschulabschluss sowie zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.

Psychische Erkrankungen haben hohe volkswirtschaftliche Kosten

Die ökonomische Dimension des Problems ist nicht zu unterschätzen: Mit psychischen Erkrankungen sind hohe volkswirtschaftliche Kosten verbunden. Diese entstehen etwa durch erhöhte Krankenstände, Behandlungskosten, Frühverrentungen und verringerte Produktivität am Arbeitsplatz. Eine Volkswirtschaft, die ihre Möglichkeiten vollständig nutzen möchte, kann es sich nicht erlauben, auf diese Arbeitskräfte zu verzichten. Eine höhere Sensibilisierung und Vorsorge hätte neben der individuell besseren psychischen Gesundheit somit auch eine doppelte ökonomische ”Rendite”: Zum einen würden die direkten Behandlungskosten entfallen und zum anderen würden mehr Menschen zur Wirtschaftsleistung beitragen können.

Hinzu kommt: Die beschriebenen Unterschiede mit Blick auf die psychische Gesundheit stellen das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen vor eine große Herausforderung.

Der Weg zu gleichwertigeren Lebensverhältnissen

Politiker sollten dies als Auftrag sehen, auch die Folgen für die psychische Gesundheit in wirtschafts- oder sozialpolitischen Entscheidungen zu berücksichtigen. Wäre das der Fall, kämen Abwägungsprozesse zu ganz anderen Ergebnissen. Dies betrifft sowohl Fragen der Gleichstellung als auch Maßnahmen zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland, aber auch zwischen anderen Regionen beziehungsweise Stadt und Land. Denn diese Unterschiede sind nicht in Stein gemeißelt. Die psychische Gesundheit zwischen Ost- und Westdeutschland näherte sich beispielsweise in den Jahren 2002 und 2020 stark an. Ebenso zwischen Frauen und Männern, allerdings deutlich zaghafter. Dies deutet daraufhin, dass diese Unterschiede nicht unveränderbar sind. Es braucht eine anpackende und entschiedene Politik, um diese Differenzen zu überwinden.

Daniel Graeber
Daniel Graeber

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

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