DIW Wochenbericht 37 / 2025, S. 599
Johannes Geyer, Erich Wittenberg
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Herr Geyer, was genau versteht man unter informeller Pflege? Von informeller Pflege sprechen wir dann, wenn nichtprofessionelle Pflegekräfte Pflegeaufgaben im Privaten übernehmen, zum Beispiel der Ehemann, der seine Ehefrau pflegt.
Wie viele Pflegebedürftige erhalten ausschließlich informelle Pflege und bei wie vielen Personen wird die professionelle Pflege durch informelle Pflege ergänzt? Nach den Zahlen der Pflegeversicherung sprechen wir von ungefähr 5,7 Millionen Leistungsempfangenden. Von denen leben rund 800000 in Pflegeheimen. Das heißt, der überwiegende Teil lebt zu Hause, das sind knapp fünf Millionen. Von denen erhalten rund vier Millionen keine zusätzliche professionelle Pflege, sondern werden allein durch Angehörige, Freund*innen oder Bekannte versorgt. Rund eine Million Personen erhalten zusätzlich noch Pflege durch ambulante Pflegedienste. Diese professionellen Pflegekräfte werden teilweise noch durch informelle Pflege unterstützt.
Hat die Bedeutung der informellen Pflege durch Angehörige und Freund*innen zugenommen? Die Pflegeversicherung startete 1995 mit einem relativ hohen Anteil von Menschen in Pflegeheimen, und der Anteil der zu Hause Versorgten lag ursprünglich bei ungefähr gut 70 Prozent. Inzwischen ist dieser Anteil auf über 80 Prozent gestiegen. Ein Grund dafür ist die Ausweitung des Anrechts auf Leistungen der Pflegeversicherung. Das heißt, Menschen, die früher kein Anrecht auf Leistungen hatten, bekommen heute Leistungen der Pflegeversicherung. Dadurch haben es häufig Menschen, die nicht ganz so pflegebedürftig sind, einfacher, zu Hause versorgt zu werden. Zweitens ist die Pflege im Heim sehr unbeliebt. Menschen haben immer versucht, ihre Pflege irgendwie zu Hause zu organisieren. Zudem ist die Heimpflege inzwischen sehr teuer geworden und die Plätze sind rar.
Inwieweit ist der Staat auf die informelle Pflege angewiesen? Es war nie so gedacht, dass der Staat die Pflege komplett übernimmt, sondern die Familie war bei der pflegerischen Versorgung immer mit eingeplant. Das heißt, die Pflegeversicherung versucht, Menschen dabei zu unterstützen, ihren Alltag zu bewältigen und den Verlust an Selbstständigkeit zu kompensieren. Viele Menschen wollen die Pflege auch lieber selbst organisieren, weil sie eine sehr private Tätigkeit ist. So gesehen ist die informelle Pflege der größte Pflegedienst Deutschlands, denn die Zahl dieser Personen übersteigt die Zahl der professionellen Pflegekräfte um ein Vielfaches.
Findet die informelle Pflege eher außerhäuslich oder eher im selben Haushalt statt? Der überwiegende Teil der Pflege wird außerhalb des eigenen Haushalts geleistet, meist von Menschen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren, die oft ihre eigenen Eltern pflegen. Umgekehrt handelt es sich bei dem kleineren Teil der Personen, der zu Hause direkt von Menschen aus dem eigenen Haushalt gepflegt wird, häufig um Partner*innen. Das heißt, der Partner oder die Partnerin wird pflegebedürftig und der oder die andere übernimmt dann die Pflege.
Was kann getan werden, um die Belastungen von informell Pflegenden zu reduzieren? Eine Überlegung ist, die Zeit, die man für die Pflege aufwendet, ähnlich wie beim Elterngeld finanziell zu kompensieren. Das wäre so etwas wie ein Pflegelohn oder eine Pflegelohnersatzleistung für Menschen, die durch die Pflege ihre Erwerbstätigkeit mindestens vorübergehend reduzieren oder aufgeben müssen. Das wäre ein Baustein, aber sicher nicht das Mittel, das in allen Pflegesituationen entlastet.
Themen: Gesundheit, Gender, Arbeit und Beschäftigung
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-37-2
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