Planbarkeit für die Energiewende: Beschleunigen statt bremsen: Kommentar

DIW Wochenbericht 38/39 / 2025, S. 620

Wolf-Peter Schill

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Ihrem Koalitionsvertrag zufolge will die schwarz-rote Bundesregierung die Energiewende „transparent, planbar und pragmatisch zum Erfolg machen“. Diesen Zielen dürfte die Mehrheit aus Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft zustimmen. Allerdings gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, was eine erfolgreiche Energiewende ausmacht. Aus Perspektive des Klimaschutzes steht ein zügiger Ausbau erneuerbarer Energien im Fokus, um fossile Energieträger zu substituieren. Der energiepolitische Diskurs drehte sich im Kontext des kürzlich vorgelegten Energiewende-Monitorings dagegen eher darum, wie die Kosten der Energiewende möglichst gering gehalten werden können.

Die letzte Bundesregierung war angetreten, die Energiewende deutlich zu beschleunigen. Hierzu hat die Ampel-Koalition die Ausbauziele für verschiedene Schlüsseltechnologien deutlich erhöht. Die meisten dieser Ziele sind im Einklang mit aktuellen Energieszenarien, die Klimaneutralität im Jahr 2045 erreichen – wozu sich auch die schwarz-rote Regierung bekannt hat. Außerdem hat die Ampel vielfältige Maßnahmen ergriffen: Ausschreibungsmengen für erneuerbare Energien wurden erhöht, Planungs- und Genehmigungsprozesse verbessert und diverse Fördermaßnahmen aufgesetzt. Dadurch hat sich das Energiewendetempo in vielen Bereichen deutlich erhöht. Dennoch ist die Geschwindigkeit fast überall noch zu gering, vor allem bei der Elektromobilität und der Wärmewende.

Die Voraussetzungen für die nötige Beschleunigung der Energiewende haben sich jedoch zuletzt deutlich verbessert. Beispielsweise sind bei der Windkraft an Land die Genehmigungszahlen auf einem Rekordniveau, bei der Windkraft auf See wurden im großen Umfang neue Anlagen erfolgreich ausgeschrieben und Netzanschlüsse geplant. Der weitere Photovoltaikausbau kann davon profitieren, dass die Kosten von PV-Anlagen und Batteriespeichern stark gesunken sind. Zudem wurden bereits wichtige Schritte unternommen, um den wachsenden Herausforderungen der ungesteuerten Einspeisung von Aufdachanlagen zu begegnen. Bei den Wärmepumpen wurden die Kapazitäten in Industrie und Handwerk erweitert. Nicht zuletzt ist bei der Elektromobilität die Schnellladeinfrastruktur deutlich schneller gewachsen als die Fahrzeugflotte.

Trotz dieser verbesserten Voraussetzungen scheint die Beschleunigung der Energiewende für die aktuelle Bundesregierung keine Priorität zu haben. Vielmehr deuten die angestrebte Synchronisation von Windkraft- und Netzausbau sowie die zuletzt deutlich nach unten korrigierten Annahmen zum künftigen Stromverbrauch darauf hin, dass die Transformation eher gebremst als beschleunigt werden soll. Auf den ersten Blick mag es effizient erscheinen, den Ausbau der erneuerbaren Energien nicht übermäßig zu forcieren, wenn sich die Stromnachfrage schwächer entwickelt. Allerdings ist es kein Grund zum Feiern, wenn für Elektroautos, Wärmepumpen und grünen Wasserstoff weniger Strom gebraucht wird als geplant – denn somit werden auch weniger fossile Kraft- und Brennstoffe eingespart, was die Erreichung der Klimaziele erschwert. Außerdem könnte der Stromverbrauch durch neue KI-Anwendungen künftig stärker steigen als in den bisherigen Prognosen erwartet. Zudem ist langfristige Planungssicherheit wichtig für Investitionen in viele Energiewendetechnologien.

Daher wäre es ein Fehler, die Energiewende nun aus falsch verstandenen kurzfristigen Kostenerwägungen wieder abzuwürgen. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien sollte der bereits eingeschlagene Kurs weitgehend beibehalten werden, ergänzt durch einen Abbau von Hürden für Speicher und andere Flexibilitätstechnologien. Vor allem aber benötigt die Sektorenkopplung einen deutlichen Wachstumsimpuls. Hierfür hat die aktuelle Regierung auch finanziell deutlich größere Spielräume als die letzte. Zu beachten ist, dass Deutschland bei vielen Technologien nicht einmal mehr ein Vorreiter ist: Wind- und Solarenergie, Wärmepumpen und Elektroautos entwickeln sich in anderen Ländern deutlich dynamischer, auch was die Entwicklung der Technologien betrifft. Was es braucht, sind also keine weiteren „Realitätschecks“ – sondern die tatsächliche Umsetzung der Energiewende in Deutschland.

Dieser Kommentar ist zuerst im Wirtschaftsdienst Nr. 8/2025 erschienen.

Wolf-Peter Schill

Leiter des Forschungsbereichs „Transformation der Energiewirtschaft“ in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

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