Blog Marcel Fratzscher vom 24. November 2025
Höhere Renten für die Älteren, aber keine Zusatzlast für die Jüngeren? Es klingt zu gut, um wahr zu sein. Ein pauschaler Rentenzuschlag könnte eine gerechte Lösung sein.
Die Debatte über die Rentengarantie der Bundesregierung rückt eine grundsätzliche Frage wieder in den Mittelpunkt: Wie schaffen wir ein Rentensystem, das sowohl soziale Sicherheit gewährleistet als auch den demografischen Realitäten standhält? Selten prallen so sichtbar zwei legitime gesellschaftliche Anliegen aufeinander: die Bedürfnisse der heutigen Rentnergeneration und die Verantwortung gegenüber den Jüngeren.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher und Jürgen Schupp erschien am 21. November 2025 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Die SPD weist zu Recht darauf hin, dass die Rente für viele Menschen in Deutschland heute nicht zum Leben reicht. Trotz jahrzehntelanger Erwerbsarbeit ist ein wachsender Anteil älterer Menschen auf Grundsicherung angewiesen und lebt in Armut. Ihre zentrale Forderung – vor allem niedrige Renten deutlich zu erhöhen – ist deswegen nachvollziehbar. Wer den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft ernst nimmt, muss hier handeln.
Auf der anderen Seite mahnt die Union, insbesondere ihre Junge Gruppe, die künftige Generation finanziell nicht weiter zu belasten. Die Rentengarantie – also die Festschreibung eines bestimmten Rentenniveaus unabhängig von der wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung, die ein ähnliches Wachstum von Renten und Löhnen vorsieht – würde enorme Kosten verursachen, die mit den Jahren weiter steigen. Schon jetzt trägt die junge Generation die demografische Hauptlast: Weniger Erwerbstätige finanzieren mehr Rentnerinnen und Rentner. Die Forderung der Jungen, keine zusätzlichen strukturellen Verpflichtungen aufzubauen, ist daher nachvollziehbar.
Beide Seiten haben ein Stück weit recht. Darin steckt das Dilemma. Wir diskutieren, als ob höhere soziale Sicherheit für die Älteren automatisch auf Kosten der Jüngeren gehen muss. Dabei gibt es Wege, beides miteinander zu verbinden:
Ein neuer Vorschlag ist die Rentenpauschale. Sie schafft Fairness und Gerechtigkeit zwischen den Generationen und könnte die festgefahrene Debatte aufbrechen. Der Kern dieses Modells ist einfach: In den kommenden fünf Jahren (bis 2031) erhalten alle Rentner*innen eine pauschale Rentensteigerung in Höhe von monatlich 50 Euro – unabhängig von der derzeitigen Höhe ihrer Rente. Für armutsgefährdete Rentner*innen entspricht dies etwa einer Erhöhung von fünf Prozent pro Jahr, das ist deutlich mehr als unter der Rentengarantie (die beispielsweise einen Anstieg der Renten von 3,7 Prozent für 2026 vorsieht). Menschen gegenüber, die im bisherigen System der Rentensteigerung prozentual zu den Entgeltpunkten besser gestellt wären, verpflichtet sich die Politik, die eingesparten Mittel ausschließlich zur finanziellen Entlastung der aktiven jüngeren Erwerbsbevölkerung durch niedrigere und stabilere Beitragssätze zu verwenden.
Damit erhält jeder denselben Steigerungsbetrag in Euro. Dieses Vorgehen kennt man aus Tarifverhandlungen, bei denen neben prozentualen Erhöhungen auch feste Eurobeträge gezahlt werden – gerade, um niedrige Einkommen stärker zu entlasten. Ähnlich funktionieren Klimageldmodelle: Eine identische Auszahlung an alle sorgt dafür, dass Menschen mit geringeren Einkommen proportional stärker profitieren.
Erstens ist es sehr gerecht. Wenn alle die gleiche Summe erhalten, entkoppeln wir die künftige Rentensteigerung von der bisherigen Rentenhöhe. Wer heute schon hohe Renten bezieht, bekommt nicht länger automatisch mehr als diejenigen, die über Jahrzehnte hinweg wenig verdient haben. Die pauschale Erhöhung wirkt also progressiv. Dies schafft Solidarität und Legitimität. Ein solches pauschales Steigerungsmodell könnte auch für Beamt*innen angewendet werden und die Steigerung der Pensionslasten abmildern.
Zweitens: Die Bedürftigen gewinnen am meisten. Eine monatliche Erhöhung um 50 Euro bedeutet für Menschen mit sehr niedrigen Renten eine deutlich größere Verbesserung als für Personen mit hohen Renten. Das ist zielgenauer als die Rentengarantie, die sich am Äquivalenzprinzip orientiert und damit hohe Renten stärker anhebt als niedrige. Rentnerinnen und Rentner, die bei der pauschalen Erhöhung künftig geringere Steigerungsbeträge als bisher haben, sollten die Pauschale steuerfrei erhalten.
Drittens: Die junge Generation wird weniger belastet. Der Vorschlag verzichtet bewusst darauf, langfristige prozentuale Rentensteigerungen gesetzlich zu fixieren, die über Jahrzehnte wirken. Es entstehen keine dynamisch ansteigenden Zusatzansprüche, die zukünftige Beitragszahler überproportional treffen würden. Stattdessen sieht das Modell zeitlich begrenzte, moderat finanzierbare Ausgaben vor, die sich nicht automatisch fortschreiben. Das gesetzliche Rentensystem bleibt also nachhaltig. Aber die Menschen müssen weiterhin betrieblich und privat vorsorgen, um den Lebensstandard im Alter zu sichern.
Damit ist dieser Ansatz auch eine Alternative zum "Boomer-Soli", den das DIW Berlin vorgeschlagen hat. Während der Boomer-Soli auf eine gezielte und deutlich stärkere Umverteilung zulasten bestimmter Gruppen setzt, ist das Modell der Rentenpauschale breiter angelegt, politisch anschlussfähiger und wohl mit weniger Bürokratie verbunden. Eine Politik, die den sozialen Zusammenhalt stärken will, muss auch Mehrheiten gewinnen können – und das gelingt eher mit Modellen, bei denen niemand explizit verliert.
Natürlich löst das nicht alle Probleme der Rente. Es ersetzt weder die langfristig nötige Reform des Arbeitsmarkts noch Maßnahmen zur Stärkung der Erwerbsbeteiligung oder die Debatte über das Renteneintrittsalter. Aber es bietet einen realistischen und politisch gangbaren Weg, die Interessen der Rentner*innen mit den Interessen der Beitragszahlenden in Balance zu bringen.
Deutschland braucht eine Rentenpolitik, die Brücken baut – zwischen Arm und Reich, zwischen Alt und Jung, zwischen sozialer Gerechtigkeit und ökonomischer Vernunft. Ein pauschaler, gleicher Zuschlag für alle Rentner*innen wäre ein Signal der Vernunft: Wir können soziale Sicherheit verbessern, ohne unsere finanzielle Zukunft aufs Spiel zu setzen.
Themen: Rente und Vorsorge