Gebildetere Eltern, gesündere Kinder? Editorial

DIW Wochenbericht 12 / 2019, S. 195-196

Daniel Graeber, Mathias Huebener, Jan Marcus, Daniel D. Schnitzlein

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Es ist wenig umstritten, dass sich eine bessere Schulbildung in Form höherer Löhne auf dem Gehaltszettel widerspiegelt. Über viele Jahre hat die bildungsökonomische Forschung diese monetären Bildungserträge untersucht. Zunehmend wird diese Perspektive durch die Frage ergänzt, ob Bildung auch nichtmonetäre Erträge hat, etwa eine bessere Gesundheit, höhere Lebenszufriedenheit oder eine stärkere gesellschaftliche und politische Partizipation.

Während zahlreiche Studien einen starken Zusammenhang zwischen dem eigenen Bildungsniveau und der eigenen Gesundheit dokumentieren,infoBeispielsweise Titus Galama, Adriana Lleras-Muney und Hans van Kippersluis (2018): The Effect of Education on Health and Mortality: A Review of Experimental and Quasi-Experimental Evidence. NBER Working Paper Series Nr. 24225 (online verfügbar; abgerufen am 6. März 2019. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). wurde bislang kaum erforscht, inwiefern die Gesundheit von Erwachsenen mit der Bildung der vorherigen Generation, also den Eltern, zusammenhängt.infoEine der wenigen Ausnahmen im deutschen Kontext ist: Daniel Kemptner und Jan Marcus (2013): Bildung der Mütter kommt der Gesundheit ihrer Kinder zugute. DIW Wochenbericht Nr. 5, 3–12 (online verfügbar). Die vorliegende Ausgabe des DIW Wochenberichts thematisiert genau diesen intergenerationalen Zusammenhang und untersucht die Beziehung zwischen der Bildung der Eltern und der Gesundheit ihrer erwachsenen Kinder.

Gesundheit ist ein komplexes und mehrdimensionales Konstrukt mit vielen Facetten. So werden beispielsweise die physische und psychische Gesundheit unterschieden. Hinzu kommt, dass die Gesundheit im Lebensverlauf und je nach Lebensphase von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst werden kann. Diese Wochenberichtsausgabe besteht aus zwei Studien, die sich jeweils mit einem wichtigen Aspekt von Gesundheit beschäftigen: Zum einen mit der psychischen Gesundheit im Erwachsenenalter und zum anderen mit der Lebenserwartung im fortgeschrittenen Alter. Grundlage beider Studien sind Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Insgesamt ergibt sich ein vielschichtiges Bild.

In der ersten Studie von Mathias Huebener und Jan Marcus zeigt sich, dass ein höherer Bildungsabschluss der Mutter mit einer längeren Lebenserwartung der Kinder einhergeht, selbst wenn die Bildung des Kindes berücksichtigt wird. In den untersuchten Kohorten haben 65-Jährige, deren Mütter einen Real- oder Gymnasialschulabschluss haben, eine um etwa zwei Jahre höhere Lebenserwartung als 65-Jährige, deren Mütter einen Volksschul- oder gar keinen Schulabschluss haben.

Die zweite Studie von Daniel Graeber und Daniel Schnitzlein betrachtet Mütter, die von einer Ausweitung der Pflichtschulzeit in den 1940er bis 1960er Jahren in Westdeutschland von acht auf neun Schuljahre betroffen waren. Die Ergebnisse zeigen, dass eine längere Schulbildung der Mutter keinen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit ihrer Kinder hat. Für Töchter lassen sich sogar schwach negative Effekte im klinisch nicht relevanten Bereich feststellen. Das überrascht, denn eigentlich wäre zu erwarten, dass Bildung positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hat, ähnlich wie auf die körperliche.

Bildung kann also sowohl positive gesundheitliche Folgen für die nächste Generation haben (höhere Lebenserwartung) als auch keine oder sogar schwach negative (psychische Gesundheit). Das ist kein Widerspruch, denn eine etwas geringere psychische Gesundheit muss keine Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit der Betroffenen haben. Die vorliegenden Ergebnisse unterstreichen insbesondere die Wichtigkeit, verschiedene Facetten von Gesundheit zu beleuchten, um ein vollständiges Bild der Effekte von Bildung auf die Gesundheit zu zeichnen.infoUnterschiede können zudem auch aus den verschiedenen betrachteten Kohorten resultieren.

Da die Bildung der Eltern also ein wichtiges Maß für den sozioökonomischen Hintergrund der nächsten Generation ist, zeigt sich in den Ergebnissen ein weitreichender „Schatten“ des Elternhauses. Häufig werden Bildungs- und Gesundheitspolitik getrennt voneinander betrachtet. Insbesondere in der langfristigen Perspektive zeigt sich aber, dass Bildung und Gesundheit eng miteinander zusammenhängen. Hier besteht also Potential für eine stärkere Verzahnung dieser Politikfelder und eine ressortübergreifende Politik.

Daniel Graeber

Doktorand in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Mathias Huebener

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie

Daniel D. Schnitzlein

Juniorprofessor in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Jan Marcus

Juniorprofessor in der Abteilung Bildung und Familie