Wenn wir heute investieren, dann bitte in zukunftsfähige Technologien: Interview

DIW Wochenbericht 41 / 2019, S. 761

Claudia Kemfert, Erich Wittenberg

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Frau Kemfert, wird man die Klimaschutzziele der EU für 2030 sowie die Ziele der Langzeitstrategie im Rahmen des Pariser Klimaschutzabkommens mit den derzeitigen Anstrengungen erreichen können? Bisher leider nein. Wir sind noch nicht wirklich auf einem Pfad, auf dem die Klimaziele uneingeschränkt erfüllen werden. Dazu bedarf es Nachbesserungen und entsprechende Anpassungen bei der Energiewende insgesamt. In den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr muss deutlich mehr passieren, damit wir die Klimaziele noch erreichen können.

Wie könnten diese Nachbesserungen aussehen? Wir fordern eindeutig einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien und ein deutlich höheres Ambitionsniveau, das heute schon festgelegt werden muss. Die Maßnahmen zum Ausbau der erneuerbaren Energien müssen deutlich erhöht und verbessert werden.

Wie groß müssen die Emissionsminderungen sein, um die Ziele erreichen zu können? Derzeit diskutiert die EU über eine Verschärfung der Klimaziele auf von bisher 40 Prozent Emissionsminderung auf 55 Prozent bis 2030. Wir fordern 60 Prozent Emissionsminderung. Das wäre durchaus umsetzbar, wenn man heute beginnt, den Anteil der erneuerbaren Energien deutlich auszubauen und auch zukünftig teure Energie- oder Klimaschutztechnologien wie Atomkraft und CO2-Abscheidung (CCS) zu vermeiden.

Was spricht gegen Atomkraft und CCTS? Insbesondere die hohen Kosten und die inhärenten Gefahren. Die Atomenergie und auch die CO2-Abscheidungstechnologien sind sehr sehr teuer. Man muss eine veraltete Infrastruktur aufrechterhalten, und bei CCTS muss man CO2-Emissionen erst abscheiden und dann einlagern. Wenn wir heute investieren, dann bitte in zukunftsfähige Technologien, insbesondere erneuerbare Energien.

Welche Kosten werden die höher gesteckten Klimaschutzziele verursachen? Die erhöhten Systemkosten, gerade im Energiesystembereich, werden nicht gravierend sein. Sie lohnen sich, weil wir auf der anderen Seite Umwelt- und Klimakosten vermeiden, die wesentlich höher sind als das, was wir an zusätzlichen Investitionen heute tätigen. Diese Investitionen bringen ja wiederum auch Wertschöpfung und Arbeitsplätze, das heißt, sie sind auch ökonomische Faktoren, die wichtig sind für den Erhalt der Volkswirtschaft.

Bewegungen wie „Fridays for Future“ setzten die Klimapolitik unter Druck und argumentieren, dass die Menschheit jetzt handeln muss, wenn sie einer Katastrophe entgehen will. Sind erfolgversprechende Klimaschutzmaßnahmen nur dann durchzusetzen, wenn sie auch ökonomische Vorteile versprechen? Bisher war das so, aber selbst da können wir zeigen, dass sich solche Wege auch ökonomisch rechnen, wenn wir die wahren Klima-und Umweltkosten einpreisen, also eine Kostenwahrheit herstellen. Aber es ist auch wichtig, dass wir eine Legitimation herstellen. Umwelt- und Klimapolitik sollte sich grundsätzlich darüber legitimiert sein, dass wir die Umwelt und das Klima schützen und die Erde erhalten wollen, ohne dass man es gleich mit einem Preisschild versieht.

Wie sollten die Lasten einer ambitionierteren Klimaschutzstrategie auf die verschiedenen europäischen Länder aufgeteilt werden? Die anstehenden Verteilungsfragen sollten die lokalen Besonderheiten der Nationalstaaten ausreichend berücksichtigen. Insbesondere einige osteuropäische Staaten sind vielleicht nicht so schnell und benötigen Hilfe und Unterstützung. Denen sollte man unter die Arme greifen. Andere, die mehr können, beispielsweise Skandinavien, sollten vorangehen, damit wir insgesamt die Klimaziele erfüllen.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Claudia Kemfert

Abteilungsleiterin in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt