Blog Marcel Fratzscher vom 18. Mai 2026
Die Idee, den Renteneintritt an die Zahl der Beitragsjahre statt an ein Lebensalter zu koppeln, klingt nur auf den ersten Blick gerecht. Es gibt bessere Ideen.
Der Vorschlag des Bundesfinanzministeriums und seines Beraters Jens Südekum, den Renteneintritt künftig an die Zahl der Beitragsjahre statt an ein einheitliches Lebensalter zu koppeln, klingt im ersten Moment einleuchtend: Wer früh angefangen hat zu arbeiten und lange in die Rentenkasse eingezahlt hat, soll auch früher in den Ruhestand gehen dürfen, das wäre fair. Hinter dieser intuitiven Logik verbirgt sich jedoch ein massiver verteilungspolitischer Webfehler. Der Vorschlag folgt eng dem Geist der von der SPD durchgesetzten »Rente mit 63«, also der vorgezogenen abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren. Er würde aber deren entscheidende Fehler reproduzieren. Denn die Idee trifft jene Gruppen am härtesten, die ohnehin schon zu den Verlierern unseres Arbeits- und Rentensystems gehören – Frauen, Geringverdienende und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 15. Mai 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Der Vorschlag, der inzwischen von Arbeitsministerin Bärbel Bas, Vizekanzler Lars Klingbeil und auch wohlwollend von Bundeskanzler Friedrich Merz und Markus Söder aufgegriffen wurde, sieht im Kern Folgendes vor: Statt einer einheitlichen Regelaltersgrenze von 67 Jahren soll ein abschlagsfreier Renteneintritt nach Erreichen einer Wartezeit von 45 (in einigen Varianten auch 47) Beitragsjahren möglich sein – unabhängig vom Lebensalter. Dahinter steckt – das wird selten offen gesagt, ist aber zentral – eine bestimmte Umverteilungslogik: Akademiker*innen, so die Annahme, treten erst spät ins Erwerbsleben ein, verdienen dafür aber überdurchschnittlich, kommen seltener auf 45 Beitragsjahre und sollen deshalb länger arbeiten. Auf diese Weise ließe sich die im deutschen Rentensystem ohnehin vorhandene stille Umverteilung von unten nach oben dämpfen, ohne unpopuläre Anhebungen des Renteneintrittsalters für alle vornehmen zu müssen, kalkuliert die SPD.
Das klingt sozialpolitisch zunächst attraktiv. Aber die Rechnung geht nicht auf – sie kehrt sich sogar ins Gegenteil.
Die neue Kurzstudie des DIW Berlin von Niklas Döhler, Annica Gehlen, Johannes Geyer, Peter Haan und Lukas Harder liefert hierzu eine empirische Grundlage, die in der politischen Debatte bislang fehlte. Auf Basis administrativer Vollerhebungsdaten der Deutschen Rentenversicherung für den Jahrgang 1957 zeigt sich: Nur 40,8 Prozent der Versicherten erreichen die 45-Jahres-Schwelle nach der engeren Definition, könnten also überhaupt die sogenannte Rente mit 63 nutzen, die 45 Beitragsjahre erfordert. Selbst nach einer breiteren Definition, die auch Ausbildungszeiten und Phasen des Bezugs von Arbeitslosengeld II einbezieht, kommen mehr als 43 Prozent nicht auf 45 Jahre.
Entscheidend ist aber, wer diese »Unterschreiter« sind: Es sind ganz überwiegend nicht die gut bezahlten Akademiker, die in der SPD-Erzählung im Mittelpunkt stehen, sondern
Die zentrale Annahme der Befürworter – dass kurze Erwerbsbiografien primär bei Besserverdienenden vorkommen – ist empirisch also schlicht falsch.
Hinzu kommt ein zweiter Denkfehler: Nicht jeder mit langer Ausbildung ist Spitzenverdiener, und nicht jeder mit ununterbrochener Erwerbsbiografie ist arm. Viele Akademikerinnen und Akademiker arbeiten in pädagogischen, sozialen, pflegerischen oder kulturellen Berufen mit eher unterdurchschnittlichen Einkommen. Umgekehrt zählen zu den typischen Gewinnern einer 45-Jahres-Regel viele gut verdienende Facharbeiter und Angestellte mit kontinuierlichen Erwerbsbiografien – überwiegend Männer in stabilen Industrie- und Verwaltungsjobs.
Die DIW-Berechnungen zeigen das eindrücklich: Im obersten Einkommensquartil erreichen 62 Prozent die 45-Jahres-Schwelle, im untersten nur 4,2 Prozent. Die Reform würde also gerade nicht überwiegend hohe Einkommen länger arbeiten lassen, sondern Personen mit geringen Lebenseinkommen empfindlich treffen. Aus dem vermeintlich progressiven Vorschlag wird eine regressive Reform – eine zusätzliche Umverteilung von Arm zu Reich in einem System, das bereits heute systematisch höhere Einkommen bevorteilt.
Besonders bitter: Bei einer Schwelle von 45 Jahren könnten ausgerechnet manche Begünstigten – etwa wer mit 16 Jahren eine Ausbildung startet und später gut verdienender Facharbeiter ist – schon mit 61 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen, was heute ausgeschlossen ist. Wer hingegen nach Ausbildung oder Studium mit Mitte 20 startet, längere Zeit arbeitslos war oder Kinder erzogen hat, würde die 45 Beitragsjahre erst weit nach dem 67. Lebensjahr oder vielleicht sogar nie erreichen – und müsste mit teils massiven Abschlägen auf ohnehin geringere Renten rechnen. Der Vorschlag enthält dazu, das sei am Rande bemerkt, bislang nicht einmal ein verbindliches Referenzalter.
Dass das deutsche Rentensystem reformiert werden muss, steht außer Frage. Die demografische Entwicklung, die wachsende Altersarmut, der Druck auf den Bundeshaushalt, der das System bezuschusst – all das verlangt Antworten. Die richtige Antwort liegt jedoch nicht in einem komplizierten Wartezeit-Roulette, sondern in einer gezielten Stärkung des sozialen Ausgleichs innerhalb des Rentensystems selbst. Zwei Reformen wären dabei besonders wirksam und zielgenau.
Erstens: eine Reform des Äquivalenzprinzips. Das deutsche Rentensystem koppelt die Rentenhöhe streng proportional an die eingezahlten Beiträge. Was nach Gerechtigkeit klingt, ist faktisch eine stille Umverteilung von unten nach oben: Wer hohe Einkommen bezieht, lebt im Schnitt deutlich länger und bezieht entsprechend viele Jahre länger Rente. Die Lebenserwartungsspanne zwischen oberem und unterem Einkommensdezil beträgt in Deutschland mehr als sechs Jahre. Eine moderate Reform des Äquivalenzprinzips würde Menschen mit niedrigen Lebenseinkommen prozentual besserstellen und sehr hohe Renten leicht abschmelzen. Sie wäre zielgenau, kosteneffizient und ohne die bürokratischen Verwerfungen einer Wartezeitlogik umsetzbar. Sie würde Altersarmut direkt bekämpfen – und nicht indirekt über ein Kriterium, das viele Betroffene ohnehin nicht erreichen können.
Zweitens: ein Boomer-Soli. Eine zweite, ergänzende Option hat das DIW Berlin im Sommer 2025 vorgeschlagen: Ein moderater Solidaritätsbeitrag würde die obersten 20 Prozent der Alterseinkommen – inklusive Betriebsrenten, Kapitaleinkünften und privater Vorsorge – moderat belasten und das Aufkommen gezielt an die unteren 40 Prozent der Rentnerinnen und Rentner umverteilen. Das wäre ein präziser, generationeninterner Solidarausgleich innerhalb der vermögenden Babyboomer-Kohorte, der gleichzeitig den Bundeshaushalt entlastet und die Altersarmut spürbar reduziert – ohne die jüngeren Generationen zusätzlich zu belasten.
Die Kopplung des Renteneintritts an die Beitragsjahre ist eine politisch verlockende, aber verteilungspolitisch schädliche Idee. Sie würde die ohnehin vorhandene Umverteilung von unten nach oben im Rentensystem verstärken und genau jene Gruppen treffen, die wir entlasten sollten: Mütter, Geringverdienende, Arbeitslose, gesundheitlich Beeinträchtigte. Wer das Rentensystem ernsthaft sozial gerechter machen will, kommt daher um eine moderate Anpassung des Äquivalenzprinzips zugunsten geringerer Renten und einen Boomer-Soli, der die wirtschaftliche Stärke wohlhabender Älterer für die Schwächeren ihrer Generation einsetzt, nicht herum. Beides ist machbar, beides ist zielgenau, und beides ist deutlich gerechter als ein neues Beitragsjahre-Roulette, in dem am Ende dieselben verlieren würden wie immer.
Themen: Rente und Vorsorge