Blog Marcel Fratzscher vom 22. Juni 2026
Eine längere Lebensarbeitszeit schützt den Sozialstaat und gibt Spielraum, um Altersarmut wirksamer zu bekämpfen. Was an der Rente mit 70 wirklich sozial ist.
Die Rente mit 70 ist für viele der Inbegriff unsozialer Politik. Sie gilt manchen als Zumutung und herzlose Ökonomie, mit der Logik: Arbeitet länger, egal ob ihr könnt oder nicht. Gerade Sozialverbände warnen, dass eine solche Reform vor allem Menschen treffe, die körperlich hart arbeiten, geringe Einkommen und ohnehin eine niedrigere Lebenserwartung haben. Diese Kritik ist wichtig. Sie nennt reale Probleme. Aber sie zieht daraus den falschen Schluss.
Eine klug ausgestaltete Rente mit 70 ist nicht per se unsozial, sondern im Gegenteil: Sie ist sozial, denn sie verhindert, dass jüngere Generationen immer höhere Beiträge und Steuern zahlen müssen. Sie ist sozial, weil sie die gesetzliche Rente stabilisieren hilft. Und sie ist sozial, weil sie überhaupt erst den finanziellen Spielraum schaffen kann, um Menschen mit niedrigen Einkommen, geringen Renten und höherem Armutsrisiko im Alter besser abzusichern.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 19. Juni 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Die eigentliche Frage lautet: Welche Alternative ist sozial am gerechtesten und ökonomisch am zielführendsten?
Nehmen wir zuerst die Kritik in den Blick – dazu gehört das Argument, dass viele Menschen aus gesundheitlichen Gründen nicht bis 70 arbeiten können. Deshalb sollte eine Rentenreform dazu führen, dass diejenigen länger arbeiten, die können, aber Menschen mit Einschränkungen besser geschützt werden.
Das ist aber kein Argument gegen die Anhebung der Altersgrenze per se. Menschen in belastenden Berufen brauchen bessere Prävention, Arbeitsschutz und flexible Übergänge in die Rente. Wer ein geringes Einkommen hat und eine niedrige Rente erwarten muss – oder eine geringe Rente bereits bezieht – braucht gezielte Zuschläge. Es ist jedoch nicht sozial aus Rücksicht auf diejenigen, die nicht länger arbeiten können, auch diejenigen früher aus dem Erwerbsleben zu schicken, die keine gesundheitlichen Einschränkungen haben.
Auch die Kritik, die Rente mit 70 sei eine Rentenkürzung durch die Hintertür, klingt zunächst nachvollziehbar. Wenn Menschen nicht bis 70 arbeiten können und deshalb Abschläge hinnehmen müssen, wäre das tatsächlich unsozial. Aber eine gute Reform macht das Gegenteil: Sie verhindert Rentenkürzungen. Denn ohne längeres Arbeiten bleiben nur drei unbequeme Optionen: höhere Beiträge, höhere Steuern oder ein niedrigeres Rentenniveau. Alle drei treffen am Ende vor allem Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen.
Die Rente mit 70 ist deshalb Voraussetzung dafür, dass das Rentenniveau stabilisiert und für Menschen mit geringen Renten verbessert werden kann. Wer eine höhere Mindestrente, bessere Erwerbsminderungsrenten und mehr Schutz vor Altersarmut will, muss erklären, wie das finanziert werden soll. Ohne längere Lebensarbeitszeit wird diese Rechnung nicht aufgehen – so ist nun einmal die Mathematik.
Und das Argument, dass Menschen mit niedrigen Einkommen im Schnitt eine kürzere Lebenserwartung haben und daher von einer Anhebung des Rentenalters besonders hart getroffen würden? Dieser Punkt ist zentral. Eine Studie des DIW Berlin zeigt, dass Menschen mit niedrigen Einkommen eine deutlich geringere Lebenserwartung haben und deshalb auch kürzer Rente beziehen.
Gerade deshalb darf die Antwort aber nicht lauten, dass das Renteneintrittsalter nicht erhöht werden darf. Die Probleme bei der Rentenversicherung sind nur zu lösen, wenn die Rente mit 70 eingeführt wird – mit einer Reform des Äquivalenzprinzips.
Das Äquivalenzprinzip, nach dem höhere Beiträge im Erwerbsleben zu höheren Rentenansprüchen führen, wäre nur unter einer zentralen Voraussetzung gerecht: dass die Lebenserwartung für alle gleich ist. Diese Annahme ist falsch. Wer wenig verdient, hat oft schlechtere Arbeitsbedingungen, höhere gesundheitliche Belastungen, geringere Rentenansprüche und eine kürzere Rentenbezugsdauer. Eine soziale Rentenreform muss diese Ungleichheit korrigieren.
Doch es gibt noch einen Einwand, er lautet: Erst müssten andere Gruppen einzahlen, vor allem Beamte, Selbstständige und Politiker*innen. Eine breitere Finanzierungsbasis ist in der Tat richtig. Aber auch dies löst das demografische Problem nicht. Neue Beitragszahlende erwerben Rentenansprüche. Eine breitere Finanzierungsbasis kann helfen, sie ersetzt aber keine Anpassung an die steigende Lebenserwartung.
Genau deshalb empfehlen viele Ökonominnen und Ökonomen, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Wenn wir im Durchschnitt länger leben, kann nicht die gesamte zusätzliche Lebenszeit automatisch zusätzlicher Ruhestand sein. Ein Teil muss auch längere Erwerbszeit sein.
Bleibt noch ein Gegenargument: dass eine Rente mit 70 die Jungen später selbst treffe. Auch das stimmt nur auf den ersten Blick. Die Jungen werden viel stärker zu Schaden kommen, wenn die Politik heute nichts tut. Dann zahlen sie über Jahrzehnte höhere Beiträge, höhere Steuern und erhalten am Ende womöglich selbst niedrigere Renten. Eine Fortsetzung des Status quo ist keine Entlastung der jungen Generation, sondern eine massive Belastung. Deshalb ist die Rente mit 70 der wichtigste Baustein einer großen Rentenreform. Aber sie darf nicht alleinstehen. Sie braucht vier ergänzende Elemente.
Bleibt noch ein Gegenargument: dass eine Rente mit 70 die Jungen später selbst treffe. Auch das stimmt nur auf den ersten Blick. Die Jungen werden viel stärker zu Schaden kommen, wenn die Politik heute nichts tut. Dann zahlen sie über Jahrzehnte höhere Beiträge, höhere Steuern und erhalten am Ende womöglich selbst niedrigere Renten. Eine Fortsetzung des Status quo ist keine Entlastung der jungen Generation, sondern eine massive Belastung. Deshalb ist die Rente mit 70 der wichtigste Baustein einer großen Rentenreform. Aber sie darf nicht alleinstehen. Sie braucht vier ergänzende Elemente.
Erstens braucht es eine Reform des Äquivalenzprinzips. Die gesetzliche Rente muss zugunsten von Menschen mit niedrigen Einkommen umverteilt werden und nicht wie bisher von Arm zu Reich. Wir benötigen ein höheres Rentenniveau für Menschen mit geringen Einkommen und damit eine bessere Absicherung gegen Altersarmut. Andere Länder machen uns vor, wie dies deutlich klüger und konsequenter geht. Zweitens könnten wir durch einen Boomer-Soli Rentnerinnen und Rentner mit hohen Alterseinkommen und Vermögen stärker zur Finanzierung höherer Renten für Menschen mit geringen Einkommen beitragen.
Drittens braucht es eine bessere Vorsorge, auch mit einer besseren betrieblichen und privaten, kapitalgedeckten Vorsorge. Und viertens sind mehr Flexibilität und mehr Anreize zum Arbeiten über das Renteneintrittsalter hinaus erforderlich. Das funktioniert mit flexibleren Übergängen, steuerlichen Anreizen, weniger Bürokratie beim Zuverdienst, gezielten Weiterbildungsmöglichkeiten in der Lebensmitte und auch noch in den letzten Jahren vor dem Renteneintritt – sowie altersgerechten Arbeitsplätzen. Nur so lohnt sich längeres Arbeiten nicht nur gesellschaftlich, sondern auch finanziell.
Die Gegner der Rente mit 70 haben recht, wenn sie vor Benachteiligungen warnen. Aber sie irren, wenn sie daraus ableiten, Deutschland könne auf eine längere Lebensarbeitszeit verzichten. Ein Festhalten am Status quo ist nicht sozial. Die Rente mit 70 ist kein Angriff auf den Sozialstaat, sondern dessen Schutz und die sozialste Option. Weil sie verhindert, dass die Lasten einseitig auf die Jungen und die Schwächeren verschoben werden. Und weil sie die finanziellen Voraussetzungen schafft, Altersarmut wirksam zu bekämpfen.
Themen: Öffentliche Finanzen , Rente und Vorsorge