Wenn Elon Musks SuperGrok die AfD empfiehlt

Blog Marcel Fratzscher vom 10. August 2026

Künstliche Intelligenz wird zunehmend zu einer wichtigen, mitunter zur einzigen Informationsquelle vieler Menschen – nicht nur im Alltag, sondern auch in politischen Fragen. Wer wissen möchte, was eine politische Partei wirtschaftlich plant, muss sich nicht mehr über Medien und Parteiprogramme informieren, sondern kann einen Chatbot befragen. Damit können KI-Systeme die politische Meinungsbildung und womöglich auch Wahlergebnisse erheblich beeinflussen.

Das wirft eine unbequeme Frage auf: Wie politisch neutral sind diese Maschinen eigentlich? Beruhen ihre Antworten auf den besten verfügbaren Quellen und einer ausgewogenen Analyse – oder werden sie von ihren Eigentümern als Instrument politischer Einflussnahme genutzt?

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 7. August 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

In einer aktuellen Untersuchung habe ich fünf der weltweit dominierenden Chatbots – SuperGrok von Elon Musks xAI, ChatGPT von OpenAI, Claude von Anthropic, Copilot von Microsoft und das chinesische DeepSeek – mit ein und derselben Aufgabe konfrontiert: Sie sollten die Rolle einer Wirtschaftswissenschaftlerin an einem unabhängigen Forschungsinstitut einnehmen und die Folgen vier möglicher Regierungskoalitionen durchrechnen – für den Bund in der Periode 2029 bis 2033 und für Sachsen-Anhalt nach der Landtagswahl im September.

Analysiert wurden 37 wirtschafts- und gesellschaftspolitische Indikatoren auf Bundesebene und 25 für das Land: von Wachstum, Investitionen und Reallöhnen über Bildung und Sozialausgaben bis hin zu Migration, Ungleichheit, Zufriedenheit und dem Zustand der Demokratie. Jeder Chatbot sollte die effektivste Regierung benennen, die Aufswirkungen einer AfD-Regierung beziffern, die Einschätzungen begründen und seine drei wichtigsten Quellen angeben.

SuperGrok schert aus

Das Ergebnis ist alarmierend. Vier der fünf analysierten KI-Chatbots kommen zu ähnlichen Einschätzungen. SuperGrok von Elon Musks xAI dagegen schert radikal aus. Für knapp die Hälfte aller Indikatoren hält dieser Chatbot eine AfD-geführte Regierung für die effektivste – sowohl im Bund als auch in Sachsen-Anhalt. Die anderen vier sehen die AfD in keinem einzigen Fall als beste Regierung, mit einer Ausnahme: DeepSeek traut ihr zu, die Zuwanderung am stärksten zu senken.

SuperGrok prognostiziert unter einer AfD-Regierung mehr Wachstum, höheren Konsum, steigende Löhne, bessere Produktivität und einen attraktiveren Wirtschaftsstandort. Die anderen Modelle erwarten das Gegenteil: einen wirtschaftlichen Niedergang mit hohen Kosten für Wohlstand, Zusammenhalt und Demokratie.

Auffällig sind auch die Begründungen. SuperGrok offenbart extreme Widersprüche: Der Chatbot sagt für Deutschland höheres Wachstum voraus, rechnet zugleich aber mit massiven Handelsbarrieren, einbrechenden Exporten und benennt das Risiko eines EU-Austritts unter einer AfD-Regierung. Das ist ökonomisch unsinnig, denn eine offene Volkswirtschaft lebt von Exporten und Vorleistungen.

SuperGrok erwartet steigende Unternehmensinvestitionen, ignoriert jedoch die Risiken aus Fachkräftemangel und sinkenden Auslandsinvestitionen. Und es prognostiziert für Sachsen-Anhalt geringere Arbeitslosigkeit und weniger Insolvenzen, obwohl es bei Zuwanderung und Standortimage erhebliche negative Effekte einräumt. Dies gilt insbesondere für eine Region, deren größte Engpässe durch den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel verursacht sind.

AfD-Programme statt wissenschaftlicher Quellen

Die entscheidende Erklärung für diese widersprüchlichen Antworten liegt in den von den KI-Chatbots genutzten Quellen. Die vier anderen Chatbots stützen ihre Prognosen fast durchweg auf wissenschaftliche Studien von Forschungsinstituten und internationalen Organisationen. SuperGrok beruft sich überwiegend auf das Wahlprogramm und andere Dokumente der AfD und zitiert nur vereinzelt Forschung.

Selbst dort, wo es eine andere Partei empfiehlt, zieht SuperGrok nicht deren Programme, sondern erneut AfD-Material heran. Das legt den Verdacht nahe, dass SuperGrok durch die Auswahl seiner Quellen die politische Meinungsbildung zugunsten der AfD beeinflussen soll. Zumal mit DeepSeek ein chinesisches Modell zu ganz anderen Schlüssen kommt. Und niemand würde wohl einem chinesischen Chatbot eine Manipulation zugunsten demokratischer Parteien unterstellen.

Besonders brisant ist, dass SuperGrok seinen Nutzerinnen und Nutzern ausgerechnet jene Partei als ökonomischen Heilsbringer verkauft, die vielen eher schaden könnte. Meine früheren Analysen haben gezeigt, was ich das »AfD-Paradox« genannt habe: Die Menschen, die der AfD ihre Stimme geben, wären die Hauptleidtragenden ihrer Politik – bei Einkommen und Steuern ebenso wie bei Klima- und Sozialem, Demokratie und den eigenen Arbeitsplätzen.

Kritischen Umgang mit KI frühzeitig verankern

Die Partei steht für Steuersenkungen für die Wohlhabenden und für den Abbau des Sozialstaats, während unter ihren Wählerinnen und Wählern überdurchschnittlich viele Geringverdienende und Menschen aus strukturschwachen Regionen sind. Dieses Paradox zeigte sich nicht nur bei der Bundestags-, sondern auch bei der Europawahl.

Künstliche Intelligenz sollte trotz der besorgniserregenden Ergebnisse dieser Untersuchung nicht pauschal verteufelt werden. Die meisten der hier untersuchten Chatbots greifen auf seriöse Quellen zurück und liefern ökonomisch kohärente, ausgewogene Einschätzungen. Das Problem ist die mögliche Instrumentalisierung durch einzelne Anbieter, aber auch unsere Unfähigkeit, diese Mechanismen zu erkennen.

Deshalb braucht es erstens eine kluge Regulierung auf EU-Ebene, die Transparenz über Trainingsdaten, Quellen und politische Schlagseiten erzwingt, damit KI-Chatbots nicht zum Sprachrohr von Parteipropaganda werden.

Zweitens müssen wir den kritischen Umgang mit KI frühzeitig gerade in Schulen verankern. Die jüngeren Generationen nutzen diese Werkzeuge zunehmend täglich. Sie müssen lernen, Antworten kritisch zu hinterfragen und Verzerrungen zu erkennen. Mündigkeit im Umgang mit KI ist im 21. Jahrhundert eine demokratische Grundkompetenz. Wer sie nicht vermittelt, überlässt die politische Meinungsbildung jenen, die bewusst manipulieren könnten.

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