Todesfälle durch Suizid, Alkohol und Drogen in Deutschland deutlich gesunken – klare Unterschiede zu den USA

Pressemitteilung vom 13. Februar 2019

Zahl der sogenannten Deaths of Despair („Tod aus Verzweiflung“) bei Menschen mittleren Alters von 1991 bis 2015 deutlich gesunken, sowohl in Ost- als auch Westdeutschland und unabhängig vom Geschlecht – Deutlicher Kontrast zu den USA – Reformen des Wohlfahrtssystems sollten auch potentielle Folgen für Gesundheit und Mortalität beachten

Seit den 1990ern hat sich die Zahl der Todesfälle durch Suizid, Alkohol und Drogen bei nichthispanischen Weißen mittleren Alters in den USA mehr als verdoppelt. Analysen am DIW Berlin zeigen nun, dass es in Deutschland keine ähnliche Entwicklung gibt. Peter Haan, Anna Hammerschmid, Robert Lindner und Julia Schmieder untersuchten, wie sich die Mortalitätsraten der 50 bis 54-jährigen in Deutschland seit 1990 entwickelt haben – insbesondere hinsichtlich der sogenannten Deaths of Despair („Tod aus Verzweiflung“), also Suiziden und Todesfällen, die mit Drogen und Alkohol zusammenhängen.

Dass die Zahl der Deaths of Despair seit 1991 deutlich gesunken ist, gilt für Frauen und Männer sowie für Ost- und Westdeutschland gleichermaßen. Selbst bei der Unterscheidung nach Familienstand und nach Staatsangehörigkeit wurde für keine der Untergruppen ein Anstieg festgestellt.

„Ökonomische und gesundheitliche Risiken sind in Deutschland besser abgesichert“ Peter Haan, Leiter der Abteilung Staat und Studienautor

„Uns hat interessiert, ob es in Deutschland Bevölkerungsgruppen gibt, für die wir ein ähnliches Phänomen wie in den USA beobachten können“, kommentiert Julia Schmieder die Studienergebnisse. „Obwohl es Bevölkerungsgruppen gibt, die große Veränderungen in ihren Lebensumständen erfahren haben, etwa Menschen in Ostdeutschland durch die Wiedervereinigung, finden wir keine Anhaltspunkte dafür.“


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Trotz der positiven Entwicklung bleiben die Risiken für ostdeutsche Männer höher

Zwischen 1991 und 2015 sind die Zahlen der Deaths of Despair bei ostdeutschen Männern um circa 55 Prozent zurückgegangen, für ostdeutsche Frauen sogar um etwa 58 Prozent. In Westdeutschland gingen die Zahlen für Frauen um etwa 45 Prozent zurück und für Männer um circa 39 Prozent.

Die Veränderungen beziehen sich jedoch auf unterschiedliche Niveaus: Die Zahlen bei ostdeutschen Männern lagen Anfang der 1990er deutlich höher als bei westdeutschen Männern. Nach der Wiedervereinigung fiel die Sterberate für ostdeutsche Männer schneller und der Ost-West-Unterschied wurde zunehmend kleiner. Seit der Jahrtausendwende stagniert allerdings diese Konvergenz in den Sterberaten und eine anhaltende höhere Sterblichkeit von ostdeutschen Männern verbleibt bis heute. Ein bedeutender Faktor sind hierbei häufigere Todesfälle durch alkoholbedingte Lebererkrankungen in Ostdeutschland.

Auch bei der Differenzierung nach dem Familienstand unterscheiden sich die Zahlen: Geschiedene und verwitwete Menschen in Deutschland sterben häufiger an den Deaths of Despair als ledige, noch seltener ist dies der Fall bei verheirateten Personen.

Eine wichtige Ursache für die unterschiedlichen Ergebnisse in Deutschland und den USA vermutet Peter Haan im deutschen Wohlfahrtssystem: „Ökonomische und gesundheitliche Risiken sind in Deutschland durch die stärkere Unterstützung von Arbeitslosen und eine flächendeckende Krankenversicherung mit ausgeprägter Nachsorge besser abgesichert. Bei Reformen des Wohlfahrtssystems sollten daher neben Arbeitsmarkteffekten und finanziellen Auswirkungen auch potentielle Folgen für Gesundheit und Mortalität beachtet werden.“

Links

  • DIW Wochenbericht 7+8/2019: Todesfälle durch Suizid, Alkohol und Drogen sinken deutlich bei Männern und Frauen in Ost- und Westdeutschland (PDF, 2.63 MB)
  • Interview mit Julia Schmieder: „Die fallenden Mortalitätsraten stehen im Gegensatz zu den Ergebnissen in den USA“ (PDF, 81.89 KB)
  • O-Ton von Julia Schmieder
    „Die fallenden Mortalitätsraten stehen im Gegensatz zu den Ergebnissen in den USA“ - Interview mit Julia Schmiedel
Julia Schmieder

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Gender Economics

Peter Haan

Abteilungsleiter in der Abteilung Staat

Anna Hammerschmid

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Staat