Der blinde Fleck von Davos

Blog Marcel Fratzscher vom 21. Januar 2020

Natürlich ist der Klimawandel eine Herausforderung für Unternehmen. Doch unter seinen Folgen leiden vor allem ärmere Menschen und Frauen. Die Politik muss sie stärken.

Kolumne

Dieser Beitrag ist am 21. Januar 2020 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Das Weltwirtschaftsforum in Davos soll sich in diesem Jahr vor allem um ein Thema drehen: den Klimawandel und die hohen Folgekosten für die Wirtschaft. Wie in jedem Jahr kritisiert die Hilfsorganisation Oxfam das Forum in Davos für seine blinden Flecken. Der aktuelle Bericht fokussiert sich vor allem auf die weltweite Ungleichheit von Männern und Frauen und wie gerade die ärmere Hälfte der Menschheit und insbesondere Frauen besonders stark unter den Folgen des Klimawandels, unter extremen Wetterereignissen und Jobverlusten leiden. Ihre Stimme sei in Davos jedoch nicht zu hören.

Die jährlichen Berichte von Oxfam zum Weltwirtschaftsforum sorgen regelmäßig für Empörung, wenn sie die hohe Ungleichheit bei Vermögen, Einkommen, Chancen und politischem Einfluss zwischen einer kleinen wirtschaftlichen Elite und der großen Mehrheit der Menschheit vor Augen führen. Auch wenn Kritiker wiederholt die Datengrundlage zur Messung von Ungleichheit monieren, die in der Tat häufig keine eindeutigen Aussagen über eine jährliche Veränderung zulässt, besteht über die Fakten kein Zweifel: Die ärmere Hälfte der Menschheit besitzt kaum mehr als ein Prozent der gesamten Vermögen. Sie hat somit kaum die Möglichkeit, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten, den Kindern Chancen auf Bildung und eine bessere Zukunft zu eröffnen, sich gegen Risiken abzusichern und Vorsorge zu betreiben. Trotz aller Bemühungen zur Armutsbekämpfung hat sich daran nur wenig geändert.

Und beim Klimawandel gilt: Im Vergleich zu vielen Unternehmen und Menschen in Europa ist er eine ungleich größere Herausforderung für die ärmere Hälfte der Menschheit, die vorwiegend in Entwicklungs- und Schwellenländern lebt, und hier vor allem für Frauen. Denn zunehmende extreme Wetterereignisse und die abnehmende Biodiversität treffen die arme Landbevölkerung und Jobverluste die arme Stadtbevölkerung sehr viel härter als andere Menschen.

Dabei sind Armut und Verletzlichkeit vor allem weiblich, dies zeigt die aktuelle Oxfam-Studie überzeugend: Männer haben im Durchschnitt 50 Prozent mehr Vermögen, haben sehr viel häufiger eine bezahlte Arbeit und deutlich höhere Einkommen als Frauen. Frauen mit Kindern haben eine 22 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, in absoluter Armut zu leben, also von weniger als 1,90 Dollar pro Tag. Sie haben eine schlechtere Absicherung und Vorsorge für die Gesundheit und das Alter. Zwei von drei Menschen, die im Alter keine finanziellen Bezüge erhalten, sind Frauen. Und Frauen haben weniger Einfluss, ihrer Stimme Gehör zu verleihen: Nur 24 Prozent aller Parlamentsabgeordneten weltweit sind Frauen.

Frauen werden nur für 41 Prozent ihrer Arbeit entlohnt

Trotzdem arbeiten Frauen jeden Tag im Durchschnitt deutlich länger als Männer: Frauen arbeiten 7 Stunden und 28 Minuten, Männer 6 Stunden und 44 Minuten. Der entscheidende Unterschied sind dabei gar nicht so sehr die unterschiedlichen Stundenlöhne, sondern die Tatsache, dass Männer für 80 Prozent ihre Arbeitszeit finanziell entlohnt werden, Frauen dagegen nur für 41 Prozent. Denn Frauen und Mädchen leisten Dreiviertel der unbezahlten Pflege- und Fürsorgearbeit, also Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen und den Haushalt. Und hier schließt sich der Teufelskreis: Da Mädchen in ärmeren Ländern häufig schon sehr früh in solche Arbeit eingebunden werden, erhalten sie häufig keine oder eine schlechtere Bildung, haben geringere Chancen, eine bezahlte Arbeit zu finden, und haben dadurch weniger Autonomie und sind besonders verletzlich.

Wer nun meint, dies sei in erster Linie ein Problem der Entwicklungsländer in Afrika oder Asien, der täuscht sich. Auch in Deutschland gibt es eine riesige Lücke in der Pflege- und Fürsorgearbeit zwischen Männern und Frauen. Frauen erledigen auch trotz Erwerbsarbeit mehr als 60 Prozent dieser Arbeit, die auch in unserem Land zumeist unbezahlt ist und häufig weniger Anerkennung findet. Und die wirklich schlechte Nachricht ist: Das Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern in dieser Arbeit hat sich in den letzten 20 Jahren kaum reduziert.

Pflege und Fürsorge haben einen wirtschaftlichen Wert

Will man das Problem der Gleichstellung ernsthaft angehen, erfordert dies einen grundlegenden Mentalitätswandel in Bezug auf Pflege- und Fürsorgearbeit. Diese Arbeiten sind nicht "unproduktiv" oder wirtschaftlich minderwertig. Sie haben sowohl einen hohen gesellschaftlichen als auch einen wirtschaftlichen Wert, da sie häufig ein entscheidendes Bindeglied für Familien und Gesellschaften sind. Und sie ermöglichen eine produktive Volkswirtschaft, denn nur dadurch können Kinder und Jugendliche eine gute Bildung und Ausbildung erhalten und viele Erwachsene einer bezahlten Arbeit nachgehen.

Die Politik kann und sollte deutlich mehr tun, um dieses Ungleichgewicht zu reduzieren und die Wertschätzung von Pflege- und Fürsorgearbeit zu erhöhen. Gerade reiche Länder wie Deutschland können und müssen deutlich mehr in soziale Infrastrukturen investieren, von Kitas und Kindergärten bis hin zu Pflegeeinrichtungen im Alter. Sie sollten dafür sorgen, dass Pflegearbeit besser entlohnt und die Leistungen derer, die unbezahlte Pflege- und Fürsorgearbeit leisten, auch finanziell stärker honoriert wird. Nötig sind auch Reformen des Steuersystems, die Frauen bessere Chancen im Arbeitsmarkt eröffnen und es für Männer attraktiver machen, sich in der Pflege- und Fürsorgearbeit in der Familie zu engagieren.

Und hier geht es zurück zum Weltwirtschaftsforum in Davos: Natürlich ist der Klimawandel eine große Herausforderung für Unternehmen und die Politik. Die Wirtschaftslenker in Davos können sich aber kaum vorstellen, um wie viel stärker davon die ärmere Hälfte der Menschheit und vor allem Frauen und Mädchen betroffen sind und sein werden. Mangelnde Bildung und unbezahlte Arbeit machen sie ungleich verletzlicher und rauben ihnen die Möglichkeit, sich abzusichern. Die Folgen des Klimawandels verschärfen diese prekäre Situation um ein Vielfaches.