Gesundheitliche Unterstützung für Geflüchtete muss sich weiter verbessern: Interview

DIW Wochenbericht 5 / 2020, S. 73

Maria Metzing, Erich Wittenberg

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Frau Metzing, wie gut oder schlecht ist der durchschnittliche Gesundheitszustand von Geflüchteten im Vergleich zur deutschen Gesamtbevölkerung? Wir haben den Gesundheitszustand Geflüchteter, die ab 2013 nach Deutschland gekommen sind, mit anderen Bevölkerungsgruppen verglichen. Zu den untersuchten Gruppen gehören u.a. Geflüchtete, die vor 2013 ankamen, aber auch Personen ohne Migrationshintergrund. Unsere Studie zeigt, dass die körperliche Gesundheit der Geflüchteten, die seit 2013 in Deutschland angekommen sind, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überdurchschnittlich gut ist. Allerdings ist der körperliche Gesundheitszustand der Geflüchteten, die vor 2013 kamen, unterdurchschnittlich. Zum einen wird das daran liegen, dass die Geflüchteten, die schon länger in Deutschland leben, im Durchschnitt wesentlich älter sind. Zum anderen könnte dies mit sozioökonomischen Faktoren zusammenhängen, wie zum Beispiel einem geringeren Einkommen oder einer schlechteren Wohnsituation.

Wie ist es zu erklären, dass die körperliche Gesundheit der Geflüchteten, die seit 2013 gekommen sind, über dem Durchschnittswert der deutschen Gesamtbevölkerung liegt? Andere Forschungsarbeiten zeigen, dass gerade MigrantInnen in einem guten körperlichen Zustand sind, wenn sie in neue Länder flüchten. Denn man muss bestimmte körperliche Voraussetzungen mitbringen, damit man eine Flucht auf sich nehmen kann. In unseren Analysen zeigt sich aber auch, dass das Alter eine Rolle spielt. Die neueren Geflüchteten sind sehr jung und haben auch dadurch einen besseren körperlichen Gesundheitszustand als der Bevölkerungsdurchschnitt. Bei der psychischen Gesundheit sehen wir allerdings, dass die Geflüchteten in allen Altersgruppen, insbesondere aber in der Altersgruppe über 45 Jahre, einen schlechteren Gesundheitszustand als der Bevölkerungsdurchschnitt haben.

Woran liegt es, dass der psychische Zustand schlechter ist? Das kann daran liegen, dass durch die Fluchterfahrungen Traumatisierungen entstanden sind. Aber es gibt auch andere Dinge, die psychische Folgen haben können, zum Beispiel die Trennung von der Familie.

Wie sieht es aus, wenn man nach Geschlecht unterscheidet? Es zeigt sich, dass Frauen in der Tendenz in allen Bevölkerungsgruppen eine schlechtere körperliche und psychische Gesundheit haben.

Welche Rolle spielt die Bildung? In allen untersuchten Bildungsständen ist die körperliche Gesundheit der Geflüchteten der letzten Jahre höher und die psychische Gesundheit niedriger als beim Bevölkerungsdurchschnitt.

Bleiben die Unterschiede im Zeitverlauf konstant oder ist in den letzten Jahren eine Veränderung zu erkennen? Hierfür haben wir Daten aus 2016 und 2018 miteinander verglichen. Wir haben festgestellt, dass sich die körperliche und psychische Gesundheit der neueren Geflüchteten dem Bevölkerungsdurchschnitt angenähert haben. Die Änderungen sind aber eher gering. So bleibt auch in 2018 festzustellen, dass die körperliche Gesundheit von Geflüchteten der letzten Jahre besser und ihre psychische Gesundheit durchschnittlich schlechter ist als beim Bevölkerungsdurchschnitt.

Welche gesundheitspolitischen Forderungen lassen sich aus Ihren Ergebnissen ableiten? Im Bereich der gesundheitlichen Versorgung Geflüchteter hat sich seit 2015 schon Einiges verbessert. Seit 2015 ist der Zugang für Asylsuchende zum deutschen Gesundheitssystem nach einem 15-monatigen Aufenthalt möglich, vorher waren das 48 Monate. Aber da die psychische Gesundheit immer noch unter dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt, sollten in diesem Bereich weitere Maßnahmen getroffen werden.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Maria Metzing

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel