Wegfall von Studi-Jobs könnte Bildungsungleichheiten verstärken

DIW aktuell 44, 6 S.

Jan Berkes, Frauke Peter, C. Katharina Spieß

2020

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26. Mai 2020 - Viele Studierende erleben in der der Corona-Pandemie einen veränderten Alltag – Vorlesungen und Seminare finden fast ausschließlich online statt, gelernt wird vornehmlich von zu Hause aus. Auch finanziell müssen viele dieser jungen Menschen mit einer angespannten Situation umgehen: Oft sind es klassische Studi-Jobs als Service-Kraft oder Aushilfe, die im Zuge der Krise komplett wegfallen. Studierende aus nichtakademischen Elternhäusern werden besonders von dieser Entwicklung betroffen, da sie öfter in fachfremden Jobs arbeiten und zudem stärker auf ihre Nebeneinkommen angewiesen sind. Gleichwohl die Politik mit neuen Krediten und einem Nothilfefonds bereits unterstützend eingegriffen hat, wird dies vielfach als unzureichend angesehen. Überlegungen zu einer temporären Erhöhung des BAföG-Satzes und einer weiteren Ausdehnung der Berechtigten sollten deshalb ebenfalls weiterdiskutiert werden.

Nebenjobs sind für nicht wenige Studierende eine wichtige Einnahmenquelle, um ihr Studium zu finanzieren. Durch die Corona-Pandemie fallen diese Einnahmen jedoch vielfach weg, da viele Studierende nicht mehr ihre Nebenjobs, etwa in der Gastronomie, im Verkauf oder anderen Bereichen ausüben können.[1] Darüber hinaus sind die meisten Studierenden mit Nebenjobs nicht berechtigt, Arbeitslosengeld oder andere Sozialleistungen zu erhalten. Allerdings erhalten sie weiterhin Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG), insofern sie dazu berechtigt sind. So müssen sich viele Studierende nicht nur an das Lernen im Distanzbetrieb gewöhnen, sondern stehen auch vor großen finanziellen Herausforderungen. Besonders betroffen sind dabei diejenigen, deren Eltern nicht in der Lage sind, die kurzfristigen Einkommensausfälle auszugleichen.

Die Politik hat diese Problematik erkannt und entsprechende Unterstützungsleistungen ins Leben gerufen: So initiierte der Bund jüngst ein Kreditprogramm, das es Studierenden erlaubt, bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ein zunächst zinsloses Darlehen von bis zu 650 Euro im Monat zu beantragen. Allerdings ist dieses Darlehen nur temporär zinsfrei, anders als das BAföG. Ebenso wenig ist beim KfW-Darlehen die Rückzahlungssumme durch eine Obergrenze begrenzt. Außerdem soll ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung aufgelegter Nothilfefonds helfen: Das Deutsche Studentenwerk soll mit 100 Millionen Euro die bereits existierenden Fonds der lokalen Studierendenwerke unterstützen. Auch verwiesen die verantwortlichen Ministerien verstärkt auf den Aktualisierungsantrag für das BAföG, der es ermöglichen soll, Veränderungen in der Einkommenssituation der Eltern in der Corona-Krise zu berücksichtigen. Allerdings müssen die AntragsstellerInnen das elterliche Einkommen für das aktuelle Jahr schätzen, was im Nachhinein zu Rückzahlungsforderungen führen kann. Alles in allem ist absehbar, dass sich viele Studierende angesichts der momentanen Lage viel stärker als bisher verschulden werden müssen.

Welche Gruppe von Studierenden wird am meisten vom Wegfall der Nebenjobs betroffen sein? Droht der flächendeckende Wegfall studentischer Nebenjobs unter Umständen sogar Bildungsungleichheiten zu verstärken? Diesen und angrenzenden Fragen wird in dem vorliegenden Bericht nachgegangen. Da noch keine repräsentativen Daten für das laufende Kalenderjahr vorliegen, beziehen sich die folgenden Ergebnisse auf Daten, die vor Ausbruch der Corona-Pandemie erhoben wurden. Sie ermöglichen es abzuschätzen, welche Gruppen von Studierenden von der gegenwärtigen Krise besonders betroffen sind.

Studierende ohne akademischen Familienhintergrund sehr wahrscheinlich stärker von Erwerbsausfällen betroffen

Studierende finanzieren ihre Lebenshaltungskosten unterschiedlich. Insgesamt zeigt sich, dass nach Zahlungen der Eltern Nebenjobs die zweitwichtigste Einnahmequelle sind. Die jeweiligen Anteile am Gesamteinkommen variieren aber sehr stark nach elterlichem Bildungshintergrund wie Zahlen der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, der größten bundesweiten Befragung von Studierenden zeigen (siehe Abbildung 1): Für Studierende, deren Eltern keinen akademischen Bildungsabschluss haben, bestehen dabei die monatlichen Einnahmen zu 33 Prozent aus elterlicher finanzieller Unterstützung und zu 30 Prozent aus eigenem Verdienst, wohingegen bei „Akademikerkindern“ diese Anteile bei 66 und 20 Prozent liegen.

Abbildung 1: Zusammensetzung der monatlichen Einnahmen nach Bildungsherkunft[2]
In Prozent, 2016

Quellen: Eigene Darstellung nach Middendorff et al. (2017): DSW/DZHW 21. Sozialerhebung, Hauptbericht, Abbildung 4.9. (online verfügbar).
Grafik: DIW Berlin

Insgesamt sind viele Studierende neben ihrem Studium erwerbstätig, 2016 waren es 68 Prozent.[3] Wie bereits erwähnt, ist bei Studierenden aus nicht akademisch gebildeten Elternhäusern der Anteil der Einkünfte durch Nebenjobs am insgesamt zur Verfügung stehenden Einkommen deutlich höher. Dies zeigt sich auch in den Daten des Berliner-Studienberechtigten-Panels (Best Up)[4]: 2016 sind 50 Prozent der Studierenden neben dem Studium erwerbstätig.[5] Dabei ist der Anteil der Studierenden aus nicht akademisch gebildeten Elternhäusern mit 54 Prozent signifikant höher als mit 44 Prozent bei jenen, bei denen mindestens ein Elternteil einen Hochschulabschluss hat (siehe Abbildung 2).[6] Viele Studierende sehen die Finanzierung des Lebensunterhalts als ein wichtiges Motiv, einen Nebenjob anzunehmen. Dies gilt vor allem in den ersten Studienjahren und hängt vermutlich auch mit hohen Mietpreisen und Lebenshaltungskosten in den Großstädten zusammen. Ebenso hoffen Studierende darauf, durch ihre Nebentätigkeiten praktische Erfahrungen zu sammeln und Kontakte für den späteren Berufseinstieg zu knüpfen.[7]

Jedoch zeigt sich, dass die Motive, den späteren Eintritt in den Arbeitsmarkt durch einen studentischen Nebenjob vorteilhaft zu gestalten, für Studierende aus Nicht-Akademikerhaushalten schwächer ausgeprägt sind und mit der Art der ausgeübten Erwerbstätigkeit zusammenhängen. So gehen 49 Prozent der Studierenden ohne Elternteil mit Hochschulabschluss im ersten Studienjahr im Berliner-Studienberechtigten-Panel (Best Up) einer fachfremden Nebentätigkeit nach. Das sind sieben Prozentpunkte mehr als bei ihren Peers aus akademisch gebildeten Elternhäusern (siehe Abbildung 2). Als fachfremd gelten Tätigkeiten, die nichts mit den Inhalten des Studiums zu tun haben. Ähnliche Unterschiede zeigen sich auch in den Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) oder der 21. Sozialerhebung. Bemerkenswert ist außerdem, dass sich diese sozioökonomischen Unterschiede in Hinblick auf den Nebenjob und den Bildungshintergrund der Eltern nicht bei der Gruppe derjenigen zeigen, welche fachnahe Nebenjobs ausüben – Jobs die durch die aktuelle Krise allerdings weniger gefährdet sind.

Durch die pandemiebedingten Einschränkungen haben somit vermutlich vermehrt Studierende aus nicht akademisch gebildeten Familien ihre fachfremden Nebenjobs verloren und können dadurch ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr (vollständig) finanzieren. Gerade für diese Gruppe gestaltet es sich schwieriger, kurzfristig auf andere Erwerbsmöglichkeiten auszuweichen oder die eigenen Eltern um zusätzliche finanzielle Unterstützung zu bitten. Gegenwärtig sind Nicht-Akademikerhaushalte eher von Kurzarbeit betroffen als Haushalte, in denen die Eltern höhere Qualifikationen aufweisen.[8]

Abbildung 2: Anteil erwerbstätiger Studierender und Art der Nebentätigkeit nach elterlichem Bildungshintergrund
In Prozent, 2016

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis des Berliner-Studienberechtigten-Panels, Welle 5 (2016).
Grafik: DIW Berlin

Sozioökonomische Unterschiede könnten sich verstärken

Ein hoher Anteil der Studierenden aus nicht akademisch gebildeten Elternhäusern übt eher gering qualifizierte beziehungsweise fachfremde Nebentätigkeiten aus.[9] Dies trifft besonders auf die ersten zwei Jahre nach Studienbeginn zu (Abbildung 3): 54 Prozent der erwerbstätigen Studierenden mit Eltern ohne Hochschulabschluss gehen zwölf Monate nach Studienbeginn gering qualifizierten Erwerbstätigkeiten, beispielsweise als Servicekraft in Restaurants oder Cafés, als Reinigungskraft oder als Aushilfskraft, nach. Bei Studierenden mit akademisch gebildeten Eltern sind dies nur 47 Prozent.

Abbildung 3: Anteil erwerbstätiger Studierender, die gering qualifizierten Erwerbstätigkeiten nachgehen

Quelle: Eigene Darstellung nach Staneva (2017), a.a.O.
Grafik: DIW Berlin

Neben der höheren Wahrscheinlichkeit für Studierende aus nicht akademischen Familien durch die gegenwärtige Situation den Nebenjob zu verlieren und somit kurz- und langfristig finanziell stärker belastet zu sein, gibt es noch eine weitere Komponente, warum ohnehin vorhandene Bildungsungleichheiten durch Maßnahmen gegen eine Ausbreitung des Corona-Virus verstärkt werden könnten. Frühere Studien zeigen, dass die finanzielle Situation mit dem Studienerfolg beziehungsweise mit der Wahrscheinlichkeit eines Studienabbruchs korreliert. Das BAföG und die sichergestellte Finanzierung eines Studiums beeinflussen die Wahrscheinlichkeit das Studium erfolgreich abzuschließen.[10] Somit könnte für Studierende aus nicht akademisch gebildeten Elternhäusern durch den Verlust ihrer (fachfremden) Nebentätigkeit in der gegenwärtigen Krise auch die Studienabbruchwahrscheinlichkeit überproportional ansteigen. Denn die Erwerbstätigkeit bleibt für diese Gruppe vor allem ein Mittel, um das Studium zu finanzieren – während sie bei manch anderen Gruppen von Studierenden mit akademischem Familienhintergrund häufig dem Zweck dient, studienfachnahe Erfahrungen zu sammeln.

Fazit: Kurzfristig investieren, um mittelfristig zu sparen

Festgehalten werden kann demnach, dass insbesondere Studierende aus Nicht-Akademikerfamilien ihre Nebenjobs verlieren, da diese meist fachfremd und somit in stärker von der Krise betroffenen Sektoren angesiedelt sind. Fachnahe Nebenjobs, wie die Arbeit als studentische Hilfskraft an Universitäten oder in anderen Forschungseinrichtungen, sind davon nicht oder weniger betroffen. Hinzu kommt, dass mit der einhergehenden finanziellen Unsicherheit innerhalb dieser Gruppe die Wahrscheinlichkeit von Studienabbrüchen steigt, was gesamtwirtschaftlich betrachtet hohe Kosten mit sich bringen könnte. Hierbei ist einerseits an die öffentlichen Ausgaben für nicht abgeschlossene Studiengänge, andererseits aber auch an zukünftig fehlende Fachkräfte zu denken. Auch diese Aspekte sollten in die Überlegungen, wie dem Problem im Hier und Jetzt begegnet werden kann, einfließen.

Die Wirkung der bisherigen Maßnahmen kann empirisch noch nicht untersucht werden. Vielfach wird jedoch bemängelt, dass diejenigen die nach einem Jahr das neue Darlehen und die Zinsen zurückzahlen müssen, dann vor noch größeren Problemen stehen werden und die Verschuldung für sie weiter zunimmt. Kostenüberlegungen könnten darüber hinaus auch manche potenzielle StudienanfängerInnen ohne akademischen Familienhintergrund davon abhalten, ein Studium aufzunehmen. Damit würde der „Education Gap“ im Hochschulbereich weiter zunehmen und somit der Bildungshintergrund der Eltern eine noch größere Rolle bei der Entscheidung für oder gegen die Aufnahme eines Studiums spielen.

Die Mitglieder der Kultusministerkonferenz (KMK) haben sich bereits dafür ausgesprochen, den Zugang zum BAföG kurzfristig für alle Studierenden zu öffnen – unabhängig von ihrer Leistungsberechtigung.[11] Dieser Vorstoß wurde mit dem Verweis auf ein zu langes parlamentarisches Verfahren abgelehnt. Wenn allerdings bedacht wird, wie rasch so mancher Schutzschirm für die Wirtschaft im Parlament verabschiedet wurde, dann sollten auch die Überlegungen der KMK nochmals geprüft werden – bei dieser Gelegenheit könnte auch gleich über die Höhe des BAföG-Regelsatzes diskutiert werden. Eine alleinige Erhöhung des Regelsatzes hätte den Vorteil, dass sie zielgerichteter wirkt und vermutlich schneller durchsetzbar wäre, als das BAföG für alle Studierenden. Fest steht in jedem Fall, dass man sehr rasch zu weiteren konkreten Lösungen kommen sollte, die die Gruppe der betroffenen Studierenden unterstützen.

 

Fußnoten

[1] Vgl. für die allgemeine Entwicklung am Arbeitsmarkt Anna Hammerschmid et al. (2020): Frauen in Corona-Krise stärker am Arbeitsmarkt betroffen als Männer. DIW aktuell Nr. 42 (online verfügbar).

[2] Erläuterung: Studierende niedriger Bildungsherkunft haben kein Elternteil, das studiert hat und höchstens ein Elternteil mit Hochschulreife. Unter Studierenden mittlerer Bildungsherkunft hat kein Elternteil studiert, beide Elternteile haben jedoch eine Hochschulreife. Studierende gehobener Bildungsherkunft haben ein, Studierende hoher Bildungsherkunft zwei Elternteile, die studiert haben. Vgl. für weitere Details Glossar zum Hauptbericht und zum Sonderbericht der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, Typisierung der Bildungsherkunft in der 21. Sozialerhebung (online verfügbar).

[3] Vgl. Elke Middendorff et al. (2017): Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2016. 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks – durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Bundesministerium für Bildung und Forschung (online verfügbar).

[4] Vgl. Martin Ehlert et al. (2017): The Berliner-Studienberechtigten-Panel (Best Up): Methodological and Data Report. DIW Data Documentation Nr. 90 (online verfügbar).

[5] Insgesamt ist der Anteil erwerbstätiger Studierender im Berliner-Studienberechtigten-Panel (Best Up) geringer als in Gesamtdeutschland, was unter anderem an der Beschränkung auf Studierende liegen kann, die ihr Abitur in Berlin erworben haben.

[6] Eigene Berechnungen auf Basis des Berliner-Studienberechtigten-Panels, Welle 5 (2016). Vgl. Peter et al. (2018): Informing Students about College: An Efficient Way to Decrease the Socio-Economic Gap in Enrollment – Evidence from a Randomized Field Experiment. DIW Discussion Paper Nr. 1770 (online verfügbar)

[7] Vgl. Mila Staneva (2017): Studentische Erwerbstätigkeit: Elternhaus spielt bei der Wahl des Studentenjobs eine Rolle. DIW Wochenbericht Nr. 41, 914–924 (online verfügbar).

[8] Vgl. Carsten Schröder et al. (2020): Vor dem Covid-19-Virus sind nicht alle Erwerbstätigen gleich. DIW aktuell Nr. 41 (online verfügbar)

[9] Vgl. Staneva (2017), a.a.O.

[10] Vgl. Richard König (2018): Studienbegleitende Erwerbstätigkeit – ein Hindernis auf dem Weg zu einem erfolgreichen Studienabschluss? In: Karsten Becker und Sonja Heißenberg (Hrsg.): Dimensionen studentischer Vielfalt: empirische Befunde zu heterogenen Studien- und Lebensarrangements.

[11] Vgl. Redaktionsnetzwerk Deutschland: Karliczek lehnt Bafög-Öffnung wegen Corona-Krise ab (online verfügbar).

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Abstract

Viele Studierende erleben in der der Corona-Pandemie einen veränderten Alltag – Vorlesungen und Seminare finden fast ausschließlich online statt, gelernt wird vornehmlich von zu Hause aus. Auch finanziell müssen viele dieser jungen Menschen mit einer angespannten Situation umgehen: Oft sind es klassische Studi-Jobs als Service-Kraft oder Aushilfe, die im Zuge der Krise komplett wegfallen. Studierende aus nichtakademischen Elternhäusern werden besonders von dieser Entwicklung betroffen, da sie öfter in fachfremden Jobs arbeiten und zudem stärker auf ihre Nebeneinkommen angewiesen sind. Gleichwohl die Politik mit neuen Krediten und einem Nothilfefonds bereits unterstützend eingegriffen hat, wird dies vielfach als unzureichend angesehen. Überlegungen zu einer temporären Erhöhung des BAföG- Satzes und einer weiteren Ausdehnung der Berechtigten sollten deshalb ebenfalls weiterdiskutiert werden.

Jan Berkes

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie

C. Katharina Spieß

Abteilungsleiterin in der Abteilung Bildung und Familie