Fünf Jahre danach: Eine Zwischenbilanz zur Integration von Geflüchteten: Editorial

DIW Wochenbericht 34 / 2020, S. 559-561

Cornelia Kristen, C. Katharina Spieß

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Angela Merkels geschichtsträchtige Äußerung „Wir schaffen das“ liegt inzwischen fünf Jahre zurück. Die Aussage der Bundeskanzlerin stieß auf Zustimmung genauso wie auf Gegenrede. Viel wurde darüber diskutiert, was aus den in dieser Zeit nach Deutschland Geflüchteten, aber auch der bundesdeutschen Gesellschaft werden würde. Inzwischen liegen belastbare Daten dazu vor, die es ermöglichen, die frühen Integrationsverläufe dieser Geflüchteten nachzuzeichnen.

Integration vollzieht sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und umfasst verschiedene Dimensionen. Diese reichen von der Eingliederung in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt über die Aufnahme sozialer Beziehungen, etwa in Form von Kontakten oder Freundschaften, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bis hin zu Gefühlen der Zugehörigkeit.

Die vorliegende Ausgabe des DIW Wochenberichts thematisiert verschiedene dieser Facetten von Integration. Hierzu werden Daten der IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten genutzt (Kasten). Sie beruhen auf Informationen zu Schutzsuchenden, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland gekommen sind. Die meisten Geflüchteten sind im Jahr 2015 zugewandert und leben inzwischen seit fünf Jahren in der Bundesrepublik.

Das SOEP ist eine repräsentative jährliche Wiederholungsbefragung privater Haushalte, die seit 1984 in Westdeutschland und seit 1990 auch in Ostdeutschland durchgeführt wird.infoJan Goebel et al. (2019): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 239 (2), 345–360. Im Auftrag des DIW Berlin werden in Zusammenarbeit mit Kantar public jedes Jahr über 30.000 Personen aus rund 19.000 Haushalten befragt. Darunter finden sich sowohl Personen ohne Migrationshintergrund als auch Zugewanderte und ihre Nachkommen.

Zusätzlich wurden im Rahmen des SOEP verschiedene Sondererhebungen implementiert, welche sich speziell auf MigrantInnen richten. Hierzu gehören die IAB-SOEP-BAMF-Befragung von Geflüchteten, die für die hier versammelten Berichte die zentrale Informationsgrundlage bildet, sowie die IAB-SOEP-Migrationsstichproben. Beide Zusatzerhebungen sind in das SOEP integriert und können mittels statistischer Gewichtungsverfahren gemeinsam genutzt werden.

IAB-SOEP-Migrationsstichproben

Bei den IAB-SOEP-Migrationsstichproben handelt es sich ebenfalls um Panel-Haushaltsbefragungen.infoHerbert Brücker et al. (2014): The new IAB-SOEP Migration Sample: An introduction into the methodology and the contents. SOEP Survey Papers 216: Series C (online verfügbar, abgerufen 10. Juni 2020. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Editorials); Martin Kroh et al. (2015): The 2013 IAB-SOEP Migration Sample (M1): Sampling design and weighting adjustment. SOEP Survey Papers 271: Series C (online verfügbar); Simon Kühne und Martin Kroh (2017): The 2015 IAB-SOEP Migration Study M2: Sampling design, nonresponse, and weighting adjustment. SOEP Survey Papers 473: Series C (online verfügbar). Die in den Jahren 2013 und 2015 gezogenen Stichproben beinhalten Zugewanderte, die zwischen 1995 und 2013 nach Deutschland gekommen sind, sowie die Nachkommen von MigrantInnen, die seit 1949 nach Deutschland einwanderten. Auch hier nahmen alle Haushaltsmitglieder über 16 Jahren an der Erhebung teil. In den ersten fünf Wellen zwischen 2013 und 2018 wurden jeweils zwischen 2900 und 5000 Personen befragt.

Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten

Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von GeflüchteteninfoDie Befragung wird aus Mitteln des Haushaltes der Bundesagentur für Arbeit, die dem Forschungshaushalt des IAB zugewiesen sind, und aus Mitteln des Haushaltes des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert. Ferner tragen alle drei beteiligten Forschungseinrichtungen mit Personalmitteln zur Befragung bei. ist eine Längsschnittbefragung von Geflüchteten, die als Schutzsuchende nach Deutschland gekommen sind.infoDie Beschreibung der Daten orientiert sich an Herbert Brücker et al. (2019): Geflüchtete machen Fortschritt bei Sprache und Beschäftigung. DIW Wochenbericht Nr. 4, 55–70 (online verfügbar). Es nehmen die Mitglieder der Haushalte dieser Geflüchteten an der Befragung teil. Die Stichprobe wurde aus dem Ausländerzentralregister gezogen. In der ersten Welle bezog sich die Zielpopulation auf Schutzsuchende, die vom 1. Januar 2013 bis zum 31. Januar 2016 zugezogen und bis zum 30. Juni 2016 im Ausländerzentralregister registriert waren. Durch eine Aufstockung der Befragung 2017 werden auch Geflüchtete, die bis zum 31. Dezember 2016 zugezogen und bis zum 1. Januar 2017 registriert waren, berücksichtigt. Unter Verwendung statistischer Gewichtungsverfahren können für die Schutzsuchenden, die vom 1. Januar 2013 bis zum 31. Dezember 2016 nach Deutschland zugezogen sind, und ihre Haushaltsangehörigen verallgemeinerbare Aussagen getroffen werden.infoFür eine Darstellung des Studiendesigns für die ersten beiden Wellen vgl. Herbert Brücker, Nina Rother und Jürgen Schupp (2017): IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016: Studiendesign, Feldergebnisse sowie Analysen zu schulischer wie beruflicher Qualifikation, Sprachkenntnissen sowie kognitiven Potentialen. DIW Politikberatung kompakt 123 (online verfügbar); Martin Kroh et al. (2017): Sampling, nonresponse, and integrated Weighting of the 2016 IAB-BAMF-SOEP Survey of Refugees (M3/M4) – revised version. SOEP Survey Papers 477: Series C (online verfügbar); Jannes Jacobsen et al. (2019): Supplementary of the IAB-BAMF-SOEP Survey of Refugees in Germany (M5) 2017. SOEP Survey Papers 605 (online verfügbar).

Die Gesamtstichprobe umfasst inzwischen 7950 erwachsene Geflüchtete, die mindestens einmal befragt wurden.infoVgl. Herbert Brücker, Yuliya Kosyakova und Eric Schuß, (2020): Integration in Bildungssystem und Arbeitsmarkt macht weitere Fortschritte. IAB-Kurzbericht Nr. 4 (online verfügbar). Davon nahmen 4465 Personen an der ersten Befragungswelle 2016 teil, von denen 1761 Personen sowohl 2017 als auch 2018 erneut befragt werden konnten, 2964 Personen können über zwei Befragungswellen hinweg beobachtet werden.

Datensätze der vier Berichte

Entsprechend der Schwerpunktsetzungen der jeweiligen Berichte werden die verschiedenen Befragungsdaten in unterschiedlicher Weise genutzt. Im ersten Bericht werden Daten der ersten Welle der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten zur Beschreibung des mitgebrachten Bildungsniveaus von erwachsenen Geflüchteten herangezogen. Unterschieden wird dabei zwischen verschiedenen Zuwandergruppen (AfghanInnen, EritreerInnen, IrakerInnen und SyrerInnen).

Im zweiten Beitrag, der den erfüllten und unerfüllten Erwartungen der Geflüchteten zu ihrer Erwerbstätigkeit gewidmet ist, greifen die AutorInnen auf Daten der ersten drei Erhebungswellen der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten zurück und betrachten Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren, die an diesen drei Befragungen teilgenommen haben.

Im dritten Bericht stehen Kinder und Jugendliche von nach Deutschland geflüchteten Eltern im Fokus. Für die Analysen werden Angaben des Haushaltsvorstands oder der Kinder und Jugendlichen verwendet. Es liegen entsprechende Informationen für Personen im Alter von 12, 14 und 17 Jahren vor. Einbezogen werden Daten aus der zweiten und dritten Welle der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. Diese werden verglichen mit entsprechenden Informationen aus dem SOEP und der IAB-SOEP-Migrationsstichproben.

Im vierten Beitrag zur sozialen Integration von Schutzsuchenden, ihren Sorgen und den Sorgen der deutschen Mehrheitsgesellschaft werden Informationen aus den Jahren 2016, 2017 und 2018 einbezogen. Betrachtet werden dabei alle erwachsenen Geflüchteten. Diese Informationen werden verglichen mit entsprechenden Wellen des SOEP.

Zunächst richtet sich der Blick auf die von den Geflüchteten mitgebrachte Bildung, also das Bildungsniveau beim Zuzug nach Deutschland. Diese wird häufig aus dem Blickwinkel des Ziellands, in diesem Fall Deutschlands, beurteilt, da sie zum Beispiel für den hiesigen Arbeitsmarkt relevant ist. Gleichzeitig lässt diese Perspektive aber den Stellenwert, den die erworbene Bildung im Kontext der Herkunftsgesellschaft hat, außer Acht. Im Beitrag von Cornelia Kristen, Christoph Spörlein, Regine Schmidt und Jörg Welker werden beide Sichtweisen aufgegriffen: Die mitgebrachte Bildung wird mit dem für das Herkunftsland und mit dem für das Zielland Deutschland durchschnittlichen Bildungsniveau verglichen. Es wird gezeigt, dass Geflüchtete aus einer deutschen Perspektive heraus zwar als niedriger gebildet erscheinen, dass sie jedoch gleichzeitig häufig besser gebildet sind als die Mehrheit ihrer Herkunftsgesellschaft.

Die nach dem Zuzug geäußerten Erwartungen der Schutzsuchenden an ihre zukünftige Beteiligung am Arbeitsmarkt werden von Daniel Graeber und Felicitas Schikora behandelt. Haben sich diese Erwartungen erfüllt oder sind sie unerfüllt geblieben? Über einen Vergleich der im Jahr 2016 geäußerten Beschäftigungserwartungen mit der tatsächlichen Beschäftigung im Jahr 2018 wird dieser Frage nachgegangen. Dabei zeigt sich, dass die meisten Geflüchteten hohe Beschäftigungserwartungen hatten. Für eine knappe Mehrheit erfüllten sich die Erwartungen – positive wie negative. Ihre Ziele realisieren konnten vor allem Männer, Geflüchtete mit besserer psychischer Gesundheit und Personen mit einer mittleren oder höheren Bildung.

Im dritten Bericht geht es um die soziale Teilhabe der mit ihren Familien geflüchteten Kinder und Jugendliche: In welchem Maße nehmen sie an schulischen nicht curricularen und außerschulischen Aktivitäten teil? Fühlen sie sich der Schule zugehörig? Und in welcher Sprache sprechen die jungen Geflüchteten mit ihren Freunden? Ludovica Gambaro, Daniel Kemptner, Lisa Pagel, Laura Schmitz und C. Katharina Spieß verweisen auf eine gelungene Integration in vielen dieser Bereiche. So fühlen sich die meisten geflüchteten Kinder und Jugendlichen ihrer Schule zugehörig und stehen vielfach aufgrund des Besuchs von schulischen Ganztags- und Hortangeboten in regelmäßigem Kontakt mit Gleichaltrigen, die in Deutschland geboren sind. Nachholbedarf besteht dagegen bei verschiedenen Aktivitäten wie dem Besuch von Schul-AGs oder der Mitgliedschaft in Sportvereinen.

Die soziale Integration bezieht sich auf die sozialen Beziehungen zwischen Zugewanderten und Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft. Im Bericht von Katja Schmidt, Jannes Jacobsen und Magdalena Krieger werden beide Personengruppen in den Blick genommen. Seitens der Bevölkerung in Deutschland als Aufnahmegesellschaft haben die Sorgen aufgrund von Zuwanderung nach einem vorübergehenden Anstieg seit 2016 wieder abgenommen. Für die Geflüchteten lässt sich eine gegenläufige Entwicklung in Hinblick auf Sorgen aufgrund von Fremdenfeindlichkeit beobachten: Diese nehmen seit 2016 leicht zu. Die Kontakte zwischen Geflüchteten und Einheimischen sind ein weiterer wichtiger Gradmesser der sozialen Integration. Die Bilanz fällt diesbezüglich verhalten aus, denn bislang steht nur etwa die Hälfte der Geflüchteten in regelmäßigem Kontakt mit der hiesigen Bevölkerung.

Insgesamt zeichnen die vier Berichte ein differenziertes Bild der Integration entlang verschiedener Dimensionen. Dabei zeigen sich Erfolge beispielsweise in den Bereichen sozialer Teilhabe, sozialer Kontakte oder erfüllter Beschäftigungserwartungen. Gleichzeitig ergeben sich vielfältige Unterschiede und für den Lebenslauf spezifische Entwicklungspfade. So sind soziale Kontakte zu Gleichaltrigen bei Kindern und Jugendlichen größtenteils vorhanden, während Interaktionen zur Mehrheitsbevölkerung unter den erwachsenen Geflüchteten nicht im gleichen Maße verbreitet sind. Einmal mehr wird deutlich, dass die Einbindung in institutionelle Bezüge wie Schule und auch ganztägige Nachmittagsangebote für SchülerInnen wichtige Voraussetzungen für die Integration schafft. Sie ist nicht nur für Kinder und Jugendliche und deren Familien von großer Bedeutung, sondern auch für junge Erwachsene, die in Deutschland zusätzliche Bildungsqualifikationen erwerben. Hier sollte die Integrationspolitik verstärkt ansetzen, ohne die anderen Bereiche zu vernachlässigen.

C. Katharina Spieß

Abteilungsleiterin in der Abteilung Bildung und Familie

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