Ich bin ein Quotenmann

Blog Marcel Fratzscher vom 4. Januar 2021

Seit Jahrhunderten sind wir Männer privilegiert. Wenn jetzt eine Frauenquote in Unternehmen gilt, bringt das nicht nur Chancengleichheit. Es nützt auch den Männern.

Die Entscheidung, eine Frauenquote in Vorständen einzuführen, hat in den vergangenen Wochen viele Diskussionen ausgelöst. Für die einen ist ein solches Gesetz ein Eingriff in die Freiheit von Unternehmen, den viele als wirtschaftlich schädlich für die betroffenen Firmen ansehen.

Dieser Beitrag ist am 29. Dezember 2020 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Für die anderen schafft dieses Gesetz Freiheiten, reduziert Diskriminierung und verbessert die Chancengleichheit von Frauen nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern in der Gesellschaft als Ganzes. Wichtig aber ist in dieser Debatte zu betonen, dass dies kein Streit zwischen Männern und Frauen ist, denn wahrscheinlich wünscht sich auch die Mehrheit der Männer Chancengleichheit und Gleichstellung, so wie die große Mehrheit der Frauen.

Eine Gruppe prominenter und erfolgreicher Frauen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur hat in der Kampagne für die Frauenquote mit dem Satz "Ich bin eine Quotenfrau" eine Kontroverse herbeigeführt. Sie suggerieren damit in den Augen mancher, sie hätten es ohne ihr Geschlecht nicht zu diesem Erfolg gebracht. Schaut man jedoch ehrlich hin, muss jeder, auch jeder Gegner der Frauenquote, realisieren, dass diese Frauen ihren Erfolg nicht wegen, sondern trotz ihres Geschlechts erreicht haben.

Weiß, heterosexuell, westdeutsch

Leider hat diese Provokation bei vielen nicht oder nicht ausreichend funktioniert, denn die Reaktion von erfolgreichen Männern hätte sein müssen: "Ich bin ein Quotenmann." Die Privilegierung trifft auf viele Männer sehr viel häufiger zu. Seit Jahrhunderten erhalten Männer Positionen und Privilegien in diesem Land nicht wegen ihrer Qualifikationen, sondern aufgrund des Geschlechts.

Ein überwältigender Anteil der Positionen in Politik, Wirtschaft und Kultur wird in Deutschland heute von weißen, heterosexuellen, christlichen Männern aus Westdeutschland besetzt. Genauer gesagt hängen beruflicher Erfolg und die Stellung in der Gesellschaft in Deutschland nicht nur stark vom Geschlecht ab, sondern auch von der Ethnizität, der Hautfarbe, der Religion, der sexuellen Orientierung und sexuellen Identität, der regionalen Herkunft und anderer Eigenschaften.

Die Kritiker der Frauenquote haben nicht unrecht, wenn sie sagen, dass diese ein Eingriff in die Entscheidungsgewalt der Unternehmen ist. Es mag in der Tat in Einzelfällen zu Ungerechtigkeiten kommen, beispielsweise weil betroffene Unternehmen nicht schnell reagieren und Frauen in Vorstandspositionen bringen können. Dieser Einschränkung der Freiheit in einzelnen Fällen steht jedoch die Einschränkung der Freiheit für 51 Prozent unserer Gesellschaft gegenüber, nämlich aller Frauen.

Hinzu kommt die Tatsache, dass sich eine Frauenquote auf drei ganz verschiedenen Ebenen positiv auswirkt. Das zeigt die überwältigende Mehrheit wissenschaftlicher Studien zu den Erfahrungen mit der Frauenquote in vielen anderen Ländern. Erstens ist die Frauenquote positiv für die Gesellschaft insgesamt, weil sie einen weiteren wichtigen Schritt hin zu Chancengleichheit bringt. Sie allein reicht sicherlich nicht aus, aber sie trägt dazu bei, die Diskriminierung zu reduzieren. Beispielsweise weil sie Unternehmen zwingt, Mitarbeiterinnen frühzeitig zu fördern und bestehende Hürden etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus dem Weg zu räumen. Frauen in verantwortlichen Positionen sind auch enorm wichtig als Vorbilder für Mädchen und junge Frauen, sodass dies für sie den Rahmen der Möglichkeiten erweitert.

Zweitens ist eine Frauenquote positiv für die Unternehmen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Unternehmen mit einem ausgewogenen Management und einem hohen Maß an Diversität wirtschaftlich erfolgreicher und widerstandsfähiger sind. Das Managerinnen-Barometer des DIW Berlin hat Anfang dieses Jahres zudem ergeben, dass Unternehmen, die in den vergangenen Jahren erfolgreich die Frauenquote für Aufsichtsräte umgesetzt haben, gleichzeitig auch mehr Frauen in ihre Vorstände gebracht haben.

Männer wünschen sich erfolgreiche Partnerinnen

Und drittens ist eine Frauenquote gut für jeden einzelnen Menschen – und zwar nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Umfragen und Studien zeigen, dass sich eine Mehrheit der Männer mehr Gleichstellung und Chancengleichheit wünscht. Das gilt für die Gesellschaft als Ganzes, aber auch für die eigenen Familien. Auch Männer wollen, dass ihre Partnerinnen gesund und zufrieden eine erfüllende Karriere verfolgen können. Sie wollen genauso mehr Aufgaben in der Familie mit ihren Partnerinnen teilen, wie Frauen dies wollen.

Die Frauenquote für Vorstände ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt in Richtung Chancengleichheit und Gleichstellung in Deutschland. Sie ist auch eine Chance, im Vergleich mit anderen Ländern wie den skandinavischen aufzuholen. Diese Diskussion und auch die Tatsache, dass die Frauenquote nur für relativ wenige Unternehmen bindend ist und für viele auch nur eine Frau im Vorstand verlangt, zeigt, wie weit der Weg in Deutschland bis zur tatsächlichen Gleichstellung noch ist.

Statt darüber zu spekulieren, ob eine Frau nun eine Quotenfrau ist oder nicht, sollten wir vielmehr darüber diskutieren, ob und wer von uns Männern ein Quotenmann ist. Oder ob wir es letztlich nicht alle sind, uns dessen aber nicht bewusst sein wollen, weil wir unsere Privilegien schon seit Jahrhunderten genießen.

Themen: Gender , Unternehmen

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