Nur eine Frage der Perspektive

Blog Marcel Fratzscher vom 1. Februar 2021

In Deutschland wird viel zu emotional über die Fehler bei der Pandemiebekämpfung diskutiert. Doch damit ignorieren wir, welche privilegierte Stellung wir haben.

Dieser Beitrag ist am 29. Januar 2021 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen.

In Deutschland wird der Streit über die Bewältigung der Corona Pandemie immer emotionaler geführt. Fast jede und jeder glaubt zu wissen, was gerade alles schiefläuft, wer daran schuld ist und dass man es sehr viel besser machen müsste. Nicht nur unter Querdenkern zirkulieren Verschwörungstheorien – falsche Informationen und Mythen verbreiten sich zunehmend im öffentlichen Diskurs. Einzelne Politikerinnen und Politiker werden attackiert und Gruppen gegeneinander ausgespielt. Unternehmen wird vorgeworfen, sie riskierten die Gesundheit ihrer Beschäftigten.

Kurzum, die Debatte in Deutschland hat ein Maß an Emotionalität erreicht, das eine sachliche Debatte fast unmöglich macht. Das führt zunehmend dazu, dass die Entscheidungen zur Bekämpfung der Pandemie zu vielen Menschen nicht mehr durchdringen, die Akzeptanz erodiert und dass damit ein Erfolg der getroffenen Maßnahmen, unabhängig von ihrem Nutzen, fast unmöglich wird.

Um wieder Maß und Mitte in dieser Diskussion zu finden, hilft es, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und zu sehen, was im Rest der Welt passiert. Mit einem Perspektivwechsel würden wir realisieren, dass bei all den großen und wichtigen Problemen, die wir in der Tat bewältigen müssen, Deutschland die Pandemie vergleichsweise hervorragend gemeistert hat. Die allermeisten Gesellschaften der Welt, und vor allem die Ärmsten, leiden stärker als wir.

Milliarden Menschen müssen noch Jahre auf Impfung warten

Es ist richtig, dass die Planung und Umsetzung der Impfungen in Deutschland – nach der unfassbar schnellen Entwicklung eines Impfstoffs in weniger als einem Jahr – zahlreiche Defizite aufweisen. Viele der Menschen in Deutschland hätten ohne diese Fehler ihre Impfungen vielleicht im Februar oder März und nicht erst im Mai oder Juni erhalten können. Im Vergleich dazu erhält die Mehrheit der etwa 7,8 Milliarden Menschen auf der Welt einen Impfstoff aber wohl erst im Jahr 2022, viele auch erst 2023. Und auch dies ist unsicher, denn viele der ärmsten Menschen sind nur schwer erreichbar, weil sie keinen Zugang zu Kommunikation oder einem Gesundheitssystem haben.

In Deutschland streiten wir nun wieder über die schwarze Null und führen eine ernsthafte Debatte darüber, ob die Schuldenbremse nun schon im Jahr 2022 oder vielleicht erst im Jahr 2025 wieder greifen soll. Wir leisten uns, völlig zu Recht, ein neues Medikament zur Behandlung der schlimmsten Covid-Fälle für 2.000 Euro pro Dosis. Jeder Euro davon ist sinnvoll genutzt, weil das Mittel Leiden verringert und Leben rettet. In vielen Ländern in Afrika, Asien und Südamerika aber wird es dieses Medikament nicht geben. Viele wissen nicht, wie sie die Impfstoffe bezahlen, beschaffen und verteilen sollen. Wenn wir uns Sorgen darüber machen, ob die Anzahl der Intensivbetten und Beatmungsgeräte ausreicht, haben die meisten dieser Länder eine solche Ausstattung nicht.

In Deutschland sind bisher fast 55.000 Menschen an oder mit dem Coronavirus gestorben. Das ist dramatisch und ein trauriger Verlust. In den armen Ländern der Welt sterben jedes Jahr 600.000 Menschen an Malaria, ohne dass wir uns dies bewusst machen. Und das, obwohl wir mit nur einem Bruchteil des Aufwands der Erforschung eines Impfstoffs für Covid-19 Malaria schon längst hätten besiegen können.

Die Schließung von Schulen und Kitas in Deutschland trifft Familien hart. Vor allem Kinder und Jugendliche aus einkommensschwächeren und bildungsfernen Schichten sind die Leidtragenden. Die Schere im Bildungssystem wird weiter aufgehen und dies widerspricht all unseren Idealen von Fairness und Chancengleichheit. In vielen Entwicklungsländern gibt es unzählige Analphabeten und auch viele Kinder, die nur kurz oder gar nicht in die Schule gehen können. Besonders oft sind es Mädchen. 

100 Millionen Menschen leben in absoluter Armut

Wir sorgen uns zu Recht darüber, dass Solo-Selbstständige nach Jahren harter Arbeit nun ihre Existenz verlieren und auf Hartz IV zurückfallen. Dies hat dramatische Konsequenzen für jeden und jede Einzelne der Betroffenen und deren Familien, was sich auch nach der Pandemie nicht so schnell ändern dürfte. In den ärmsten Ländern sind dagegen mehr als 100 Millionen Menschen wieder in die absolute Armut gerutscht, müssen also von weniger als zwei Euro pro Tag überleben. Für viele bedeutet das, Hunger zu erleiden und keinen Zugang zu jeglicher Grundversorgung zu haben.

Wir machen uns in Deutschland Sorgen darüber, ob die Wirtschaft nun Anfang oder erst Ende 2022 wieder auf Vorkrisenniveau sein wird. Für viele der ärmsten Länder beginnen die wirtschaftlichen Probleme erst mit dieser Pandemie und werden sich in den kommenden Jahren deutlich verschärfen. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds warnen, dass zahlreiche Entwicklungsländer schwere Schulden- und Wirtschaftskrisen erleiden werden, da internationale Investoren ihre Gelder abziehen und ihr Zugang zu europäischen und US-Märkten beschnitten wird.

Man könnte diese Liste noch lange fortführen. Diese Vergleiche sollen nicht bedeuten, dass unsere akuten Probleme in Deutschland nicht schwerwiegend und ernst sind – das sind sie. Aber es sollte unseren Problemen und Herausforderungen eine neue Perspektive geben und Grundlage für eine sachliche Debatte sein, bei der wir nicht nur die Schwächen und Fehler unseres Handelns monieren, sondern auch die vielen Erfolge und die großen Stärken unserer Gesellschaft und unserer sozialen Marktwirtschaft erkennen.

Daher ist es gut und richtig, dass das Weltwirtschaftsforum in Davos in dieser Woche diese Polarisierung in der Welt zu ihrem Kernthema gemacht hat. Viele der Rednerinnen und Redner haben erkannt, dass globale Kooperation und Multilateralismus und vor allem die Unterstützung der schwächsten Gesellschaften eine dringende Priorität sein müssen.

Alle Ressourcen zur Unterstützung der am härtesten Betroffenen vorhanden

Auch der neue Bericht von Oxfam zur Ungleichheit in der Welt unterstreicht diese Polarisierung. Nicht wenige der Beobachtenden kritisieren die Hilfsorganisation für ihren Fokus auf den Reichtum einiger weniger – und wie dieser trotz der Pandemie weiter zugenommen hat. Viele sehen darin eine Neiddebatte, bei der erfolgreichen Menschen der Erfolg nicht gegönnt wird. Eine andere Perspektive ist, dass die Studie von Oxfam zeigt, dass wir in der Welt alle notwendigen Ressourcen und Möglichkeiten haben, auch den am härtesten betroffenen Gesellschaften und Menschen in dieser Pandemie zu helfen. Diese Botschaft ist wichtig.

Wir sollten in Deutschland dringend zu einer sachlicheren Debatte über unseren Umgang mit der Corona-Pandemie zurückkehren. Ein Blick auf den Rest der Welt und vor allem auf die Ärmsten der Armen würde uns bewusst machen, wie privilegiert wir sind und glücklich wir uns schätzen können und dass wir in den letzten zwölf Monaten der Pandemie sehr viel richtig gemacht haben. Und eine solche Perspektive würde helfen, unseren Horizont zu erweitern und zu verstehen, dass Solidarität und Gemeinschaft nicht nur national, sondern global verstanden werden müssen.

Themen: Europa , Ungleichheit

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