Unfähig, gegen das Unbekannte zu kämpfen

Blog Marcel Fratzscher vom 2. August 2021

Pandemie und Klimakrise haben eine wesentliche Gemeinsamkeit: Sie müssen bekämpft werden, bevor die Auswirkung zu spüren sind. Doch diese Einsicht fehlt vielen Menschen.

Stellen Sie sich das folgende Szenario vor: Die Corona-Pandemie endet nicht sehr bald, so wie wir es uns wünschen, sondern Mutationen machen das Coronavirus endemisch, also dauerhaft in unserem Leben. Ähnlich wie die jährliche Grippesaison wird sich das Virus stetig verändern. Immer neue Impfungen sind notwendig, ebenfalls wie bei der Grippe – mit dem Unterschied, dass Corona sehr viel ansteckender und gefährlicher ist.

Dieser Text erschien erstmals am 23. Juli bei Zeit Online als Teil der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Dies bedeutet, dass wir Menschen dauerhaft unser Verhalten verändern müssen und dass es das gesellschaftliche Zusammenleben mit der gleichen vorherigen Unbesorgtheit nie wieder so geben wird. Selbst wenn die Impfstoffe schnell an die neuen Mutationen angepasst werden können, ist nicht auszuschließen, dass es immer wieder zu neuen Ausbrüchen kommt, die starke Einschnitte verlangen: bei Familienfeiern, Reisen und im Schul- und Geschäftsbetrieb. In akuten Phasen könnte es immer wieder zu Schließungen, Sperrungen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit kommen.

Für fast alle von uns ist dies ein Horrorszenario. Die damit verbundenen permanenten Einschränkungen unserer Grundrechte und die enormen Schäden für Gesundheit und Wirtschaft entziehen sich unserer Vorstellungskraft. Dabei warnen die Weltgesundheitsorganisationen WHO und Expertinnen und Experten seit geraumer Zeit vor Pandemien und haben stetig – erfolglos – eine bessere Vorsorge und Vermeidungsstrategien eingefordert. Für Politik und Gesellschaft war es bisher schlichtweg nicht vorstellbar, dass eine solche Pandemie die Welt seit nun fast 18 Monaten – und wohl noch für geraume Zeit – im Würgegriff hält.

Die Macht, sich selbst auszulöschen

Es ist die Unfähigkeit, sich Unbekanntes vorzustellen, und der Unwillen, gegen schwer einschätzbare Risiken zu handeln, die zu einer Blindheit gegenüber den existenziellen Risiken für die Menschheit führen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman beschreibt diese Bias oder Verzerrungen in seinem Buch Thinking, fast and slow. Verhaltensökonom*innen forschen dazu seit mindestens zwei Jahrzehnten.

Obwohl wir uns zunehmend der blinden Flecken in unserem Handeln bewusst sind, tun Politik und Gesellschaft noch immer wenig, um ihre Fehler zu korrigieren. Der Philosoph Toby Ord sieht in The Precipice: Existential Risk and the Future of Humanity als Konsequenz eine zunehmende Diskrepanz zwischen Macht und Weisheit. Durch die technologische Entwicklung hat die Menschheit zunehmend die Möglichkeit erhalten, das eigene Leben zu gestalten und das eigene Schicksal zu bestimmen. Die von Menschen gemachte Technologie gibt der Menschheit nun seit knapp 100 Jahren aber auch die Macht, sich selbst als Spezies auszulöschen – durch atomare, chemische und biologische Waffen oder durch die Zerstörung von Klima und Umwelt. Technologieikonen wie Bill Gates und Elon Musk warnen, eine unkontrollierte künstliche Intelligenz könne in Zukunft eine noch größere Bedrohung werden.

Die zunehmende Diskrepanz zwischen Macht und Weisheit ist entstanden, da die Menschheit mit diesen potenten Technologien nicht angemessen umzugehen weiß. Obwohl uns die existenziellen Risiken bewusst sind, tun wir zu wenig, um die technologische Entwicklung zu steuern, zu kontrollieren und die Risiken zu minimieren. Das Wachstum der menschlichen Weisheit hat nicht Schritt gehalten mit dem technologischen Wandel, was zu einem zunehmenden Kontrollverlust führt.

Der Klimawandel ist ein existenzielles Risiko für die Menschheit

Zwar hat der technologische Wandel die Lebensbedingungen für die allermeisten Menschen enorm verbessert. Gleichzeitig bedroht dieser jedoch die Grundlage dieses Wohlstands, weil es so schwer ist, sich der Konsequenzen bewusst zu werden und heute Entscheidungen zu treffen, die kurzfristig übertrieben und unnötig erscheinen mögen, aber langfristig existenziell sein können.

Ein mahnendes Beispiel ist auch die jüngste Flutkatastrophe im Westen Deutschlands. Sie unterstreicht, dass der Klimawandel ein existenzielles Risiko für die Menschheit ist. Doch obwohl extreme Wetterbedingungen und Naturkatastrophen zunehmen und jedes Jahr Menschen infolgedessen sterben, liegen die Konsequenzen des Klimawandels für viele Menschen – genau wie die oben beschriebene endemisch gewordene Pandemie – außerhalb ihres Vorstellungsvermögens.

Die Wissenschaft lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass die Erderwärmung fortschreiten und in den kommenden 40 Jahren zu ganz grundlegenden Veränderungen in Umwelt und Wirtschaft führen wird. Viele Menschen werden ihre Heimat verlassen müssen, und der Kampf um überlebensnotwendige Ressourcen wie Wasser und eine verlässliche Nahrungsversorgung wird zunehmen. Damit werden sich auch geopolitische Konflikte verschärfen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Veränderung von Klima und Umwelt auch militärische Konflikte befeuert.

Die junge Generation besitzt mehr Weisheit als die ältere

Die Hoffnung ist, dass die Wissenschaft uns diese Konsequenzen besser veranschaulicht, dass Katastrophen wie die gegenwärtige Pandemie uns die Augen öffnen und – in den Worten des Philosophen Toby Ord – zu mehr Weisheit führen werden. Die Hoffnung ist auch, dass wir schon heute die notwendigen Technologien haben, um die Veränderung von Klima und Umwelt zu bremsen und den Schaden zu begrenzen. Der Großteil der Menschen, das zeigen viele Umfragen, vertraut der Wissenschaft – deutlich mehr, als der Politik oder den Medien vertrauen. Ohne die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und vor allem der Medizinerinnen und Mediziner hätten sich weniger Menschen an die gemeinsamen Regeln gehalten und wäre die Bewältigung der Pandemie deutlich schlechter verlaufen.

Dabei sitzen die Verfechter des Status quo, denen es vor allem um die Bewahrung ihrer eigenen Macht und ihres Besitzstandes geht, noch an den Schaltzentralen der politischen und wirtschaftlichen Macht in unserer Gesellschaft. Ihre Stimme hat überall Gehör und Gewicht, und auch jetzt im Wahlkampf warnen sie vor Veränderungen und appellieren an die gute alte Zeit, auch wenn diese nicht immer so gut war und auch nicht zurückzuholen ist.

Und die Hoffnung ist, dass die junge Generation mehr Weisheit besitzt als die ältere. Die Fridays-for-Future-Bewegung ist einer dieser Lichtblicke, bei der junge Menschen auf Tatsachen und Erkenntnisse der Wissenschaft hinweisen und ihre Rechte und die künftiger Generationen vehement einfordern. Wir als Gesellschaft wären klug beraten, auf diese Stimme zu hören, um Macht und Weisheit der Technologie wieder besser miteinander in Einklang zu bringen und dem Klimaschutz eine viel höhere Priorität einzuräumen, als er es heute für Politik und Gesellschaft hat.

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