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Inflationsraten fallen höher aus, wenn Kosten selbstgenutzten Wohneigentums berücksichtigt werden

Pressemitteilung vom 8. Dezember 2021

DIW-Studie untersucht Auswirkung auf Inflationsrate, wenn selbstgenutztes Wohneigentum in Inflationsberechnung des Euroraums einbezogen wird – EZB plant dies ab 2026 – Anteil der Wohnkosten hätte sich im Verbraucherpreiskorb verdoppelt – Inflationsrate läge im Schnitt um 0,3 Prozentpunkte höher, auch in Deutschland – EZB hätte aber wohl ihre Geldpolitik nicht anpassen müssen

Die Inflation im Euroraum wäre in den vergangenen Jahren im Durchschnitt um 0,3 Prozentpunkte höher ausgefallen, wären die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum miteinberechnet worden. Vor allem in Ländern mit hoher Wohneigentumsquote wie Spanien hätte es einen Unterschied von bis zu 0,9 Prozentpunkten ausgemacht, in Deutschland hätte der Anstieg dem Euroraum-Schnitt entsprochen. Dies sind Ergebnisse einer aktuellen Studie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

© DIW Berlin

Die Makroökonomin Geraldine Dany-Knedlik und ihr Kollege Andrea Papadia haben untersucht, wie sich die Einbeziehung der Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum methodisch und technisch umsetzen ließe und welche Auswirkungen dies auf die Inflationsrate der vergangenen fünf Jahre gehabt hätte. „Die Inflationsrate im Euroraum hätte unter Einbeziehung der Kosten von selbstgenutztem Wohneigentum näher an den Zielen der Europäischen Zentralbank von nahe zwei Prozent gelegen. An ihrer Geldpolitik hätte das vermutlich aber nicht viel geändert, da die Inflation über einen längeren Zeitraum immer noch zu niedrig gewesen wäre“, schlussfolgert Studienautorin Dany-Knedlik.

Unterschiede in Spanien größer als in Deutschland

„Da für die meisten Haushalte die Ausgaben für Wohnen einen erheblichen Anteil ihrer Ausgaben darstellen, ist es umso wichtiger, diese Ausgabenkomponente und deren Preisänderungen auch im Inflationsmaß angemessen zu berücksichtigen“, erläutert Studienautor Papadia. „Wenn die täglich gefühlte Preisentwicklung von den offiziellen Daten der Notenbank abweicht, kann dies zu Lasten ihrer Glaubwürdigkeit gehen.“ Gerade die seit August stark anziehende Inflationsrate verschärft das Problem noch einmal, denn es ist davon auszugehen, dass die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum ebenfalls entsprechend steigen.

Die Berücksichtigung des derzeit von der europäischen Statistikbehörde Eurostat bereitgestellten Preisindizes von selbstgenutztem Wohneigentum in den EZB-Verbraucherpreiskorb würde die Gewichtung der Wohnkosten im Warenkorb fast verdoppeln. Im Ländervergleich führt dies allerdings zu deutlichen Unterschieden bei den Inflationsabweichungen: In Spanien und in den Niederlanden, also in Ländern mit hohen Wohneigentumsquoten, sind sie wesentlich größer als in Frankreich und in Deutschland, wo die Wohneigentumsquoten weitaus niedriger sind.

„An der Geldpolitik der EZB hätte die höhere Inflation vermutlich nicht viel geändert, da sie über einen längeren Zeitraum immer noch zu niedrig gewesen wäre“ Geraldine Dany-Knedlik

Für Deutschland war die Differenz zwischen der Inflation ohne und mit selbstgenutztem Wohneigentum in der Vergangenheit hingegen zwar eher gering. Jedoch zeigen sich am aktuellen Rand deutliche Unterschiede: So hätte die Inflation im Juni unter Berücksichtigung dieser Kosten bei 2,8 Prozent statt bei nur rund zwei Prozent gelegen. Grund sind vor allem die aktuellen Materialknappheiten und die steigenden Preise für Baustoffe.

Die EZB plant, die Kosten selbstgenutzten Wohnungseigentums ab dem Jahr 2026 in den Verbraucherpreiskorb der EZB mit einfließen zu lassen. Dies wird von den meisten Zentralbanken anderer fortgeschrittener Volkswirtschaften bereits umgesetzt. Probleme bereiten der EZB noch die korrekte Abgrenzung der konsumtiven und der investiven Komponente der Kosten selbstgenutzten Wohneigentums und die zeitnähere Bereitstellung der notwendigen Daten.

 

Links

  • Studie im DIW Wochenbericht 49/2021
  • Weekly Report 49/2021 (die Studie in englischer Sprache)
  • Infografik in hoher Auflösung (JPG, 1.86 MB)
  • Interview mit Studienautorin Geraldine Dany-Knedlik
  • O-Ton von Geraldine Dany-Knedlik
    Qualitätsverbesserung des Preisindexes dürfte die Glaubwürdigkeit der EZB stärken - Interview mit Geraldine Dany-Knedlik
Geraldine Dany-Knedlik

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Makroökonomie

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