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Wir denken Wirtschaft viel zu engstirnig

Blog Marcel Fratzscher vom 10. Juni 2022

Deutschland tut sich schwer, sich auf Veränderungen einzulassen – wie kaum ein anderes westliches Land. Dabei wird unsere Transformation ohne Verzicht nicht gelingen.

Dieser Text erschien am 10. Juni 2022 bei Zeit Online in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Wenn die sozial-ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft gelingen soll, dann müssen wir Verzichten lernen. Der Wunsch, an Altgewohntem festzuhalten und möglichst wenig Veränderung zuzulassen, ist wohl der wichtigste Grund für den Reformstau, die überbordende Bürokratie und die Besitzstandswahrung, die in kaum einem westlichen Land so fest verankert ist wie in Deutschland.

Die Weigerung so vieler Menschen, auch nur einen begrenzten Verzicht zu akzeptieren, ist einer der Gründe, warum die Bundesregierung ein vollständiges Energieembargo gegen Russland bislang abgelehnt hat. Zwar befürwortet eine Mehrheit der Deutschen ein solches Embargo, viele darunter sind aber gleichzeitig nicht gewillt, im Gegenzug ein Tempolimit, einen autofreien Sonntag oder deutlich höhere Spritpreise zu akzeptieren. Der Politik fehlt der Mut zur Ehrlichkeit: Die ökologische Transformation wird nur mit erheblichem Verzicht auf Gewohntes gelingen.

Dabei könnte sich Verzicht als Kraft und Treiber für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel erweisen. Verzicht ist als Teil der Fastenzeit ein wichtiger Bestandteil für Christen, Juden und Muslime. Viele Deutsche fasten oder verzichten zumindest zeitweise freiwillig auf Gewohnheiten wie Essen – zum Beispiel, um soziale oder religiöse Normen zu achten, die eigene Gesundheit zu schützen oder ganz bewusst wieder eine größere Wertschätzung für die Dinge des täglichen Lebens zu gewinnen. Und genau in diesem Bewusstsein und einer neuen Wertschätzung liegt die Chance, eine Transformation erfolgreich zu gestalten.

Wir brauchen ein komplett anderes Konsumverhalten

Ein Energieembargo gegen Russland würde mehr als eine Fastenzeit bedeuten und viele zu einem erheblichen Verzicht zwingen, der für die ökologische Transformation früher oder später eh notwendig ist. Denn die Ziele der Nachhaltigkeit, der Vielfalt, Widerstandsfähigkeit und hoher ethischer Standards, wie beispielsweise bei Menschenrechten oder Tierwohl, verlangen ein komplett anderes Konsumverhalten.

Dabei bedeutet jeder Verzicht nicht nur eine Einschränkung, sondern schafft neue Chancen und Werte. So werden wir unser Verhalten bei der Mobilität grundlegend ändern und Reisen per Flugzeug und Auto deutlich reduzieren müssen. Dies bedeutet nicht zwingend, dass Menschen weniger mobil sind oder weniger erleben. Sondern die Art der Mobilität wird sich verändern, Menschen werden mehr regional und lokal unterwegs sein.

Wir werden unsere Ernährung umstellen müssen und weniger Fleisch konsumieren; das sehr viel teurer werden muss, um den Schaden seiner Produktion an Umwelt und Klima widerzuspiegeln und um dem Tierwohl einen angemessenen Stellenwert zu geben. Dies dürfte in vielen Fällen zu einer gesünderen und ausgewogeneren Ernährung führen. Und wir werden unser Konsumverhalten grundlegend verändern und wegkommen müssen von Einmalprodukten, die möglichst billig, aber eben nicht nachhaltig hergestellt werden. Ersetzt wird dies durch Produkte, die Teil einer Kreislaufwirtschaft sind, bei der jedes Produkt fast vollständig recycelt wird.

Ein starker Einwand gegen diesen Wandel ist schon heute, dass weniger Mobilität und ein geringerer Konsum wirtschaftlichen Schaden in Form eines geringeren Wachstums bedeuten würden. Dieses Argument unterstreicht das noch immer zu engstirnige Verständnis von wirtschaftlichen Zielen: Es kann nicht um die Maximierung von in Euro gemessenen Wirtschaftsströmen gehen, sondern um Wohlstand. Dabei lassen sich eine intakte Umwelt oder sozialer Friede kaum finanziell messen.

Wessen Freiheiten werden eingeschränkt?

Ein zweiter Einwand ist die Behauptung, Verzicht bedeute eine Beschneidung individueller Freiheiten. Ja, man kann ein Tempolimit auf Autobahnen als eine Einschränkung individueller Freiheiten der Autofahrenden verstehen. Genauso kann man jedoch den Wandel von Klima und Umwelt als eine massive Einschränkung nicht nur individueller, sondern kollektiver Freiheiten künftiger Generationen begreifen. Und wohin uns die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl geführt hat, zeigen das Leiden und die Einschränkung der Freiheiten der Ukrainerinnen und Ukrainer heute.

Die notwendige Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft kann nur mit einem gewissen Maß an Verzicht gelingen. Dies bedeutet nicht zwingend eine Beschneidung von Wohlstand und Freiheit per se. Denn was viele heute als Verzicht empfinden, ist notwendig, um unseren Wohlstand und uns wichtige Freiheiten langfristig zu sichern. Und der Wandel im Konsumverhalten und ein Verzicht auf manch liebgewonnene Dinge dürften unser Bewusstsein schärfen, was für den Wohlstand unserer Gesellschaft notwendig ist – und was nicht. Die Politik sollte den Mut aufbringen, Bürgerinnen und Bürgern diese Veränderung zuzumuten. Nur so kann der notwendige Wandel gelingen.

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