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Wird sich die Wirtschaft erholen, Herr Fratzscher?

Blog Marcel Fratzscher vom 26. Oktober 2023

Selten gab es in der Frage der wirtschaftlichen Lage einen größeren Pessimismus als heute. Darauf braucht es Antworten. An großen Herausforderungen ist die Wirtschaft aber noch immer gewachsen.

Selten in den vergangenen 70 Jahren haben sich so viele Menschen in Österreich, Deutschland und ganz Europa so große Sorgen um die Zukunft der Wirtschaft gemacht, wie heute. Selten gab es einen größeren Pessimismus, was die wirtschaftliche Lage betrifft. Aber genauso selten lagen die Menschen auch so falsch mit ihren Ängsten. Denn die wirtschaftliche Realität heute ist deutlich besser als die Wahrnehmung.

Dieser Text erschien am 25. Oktober 2023 in Der Standard.

Die Frage "Wird sich die Wirtschaft erholen?" lässt sich am besten mit einer rhetorischen Gegenfrage beantworten: Hat sich die Wirtschaft jemals nicht erholt? Wenige Länder mussten in den letzten 200 Jahren so große Veränderungen, Krisen, Kriege und Herausforderungen bewältigen wie Österreich und Deutschland, vor allem in den letzten 90 Jahren. Jedes Mal, ohne Ausnahme, haben sich Gesellschaft und Wirtschaft erholt und sind stärker zurückgekommen. Österreich genießt heute einen der höchsten Lebensstandards weltweit. Mehr noch, kaum ein Land hat ein so hohes Maß an Wohlstand, Sicherheit und sozialem Frieden.

Dies bedeutet nicht, dass es keinen Anlass zur Sorge um die wirtschaftliche Zukunft gibt – ganz im Gegenteil. Aber wir sollten uns vielmehr auf die zwei daraus abgeleiteten Fragen fokussieren: Wie wird die Wirtschaft der Zukunft aussehen, und was bedeutet dies für die Gesellschaft? Und als Zweites die normative Frage: Wie wollen wir, dass Wirtschaft und Gesellschaft in Zukunft aussehen werden, und was müssen wir tun, um dies Realität werden zu lassen? Dabei stehen die Ängste und Sorgen uns vielleicht am meisten im Weg und hindern uns am stärksten daran, eine bessere Zukunft zu gestalten. Aber der Reihe nach.

Drei Transformationen

Die Wirtschaft überall in der Welt – und mehr noch in den hochindustrialisierten Ländern wie Österreich und Deutschland – steht vor drei riesigen Transformationen, bei denen kaum ein wirtschaftlicher Stein auf dem anderen bleiben wird. Die erste betrifft die Globalisierung. Mit den zunehmenden Handelskonflikten, der Pandemie und nun dem Krieg in der Ukraine ist allen bewusst geworden, dass sich die globalen wirtschaftlichen Abhängigkeiten grundlegend verändern werden.

Europas Strategie der vergangenen 30 Jahre war sehr vereinfacht gesagt: Wir verlassen uns auf die Sicherheitsgarantien der USA, wir machen uns abhängig von billigem Gas und Öl aus Russland, und wir vertrauen auf China als Wachstumslokomotive für unsere Exporte und für billige Konsumgüter. Heute ist allen bewusst, dass diese Strategie in keinem der drei Bereiche mehr vollends aufgeht. Die Forderung mancher, man müsse nun die Globalisierung stoppen und das Rad zurückdrehen, wäre jedoch ein teurer Irrsinn. Fast nirgendwo hängen Wohlstand und so viele gute Arbeitsplätze von einer offenen Volkswirtschaft und den Exporten ab wie in Österreich und in Deutschland. Eine Deglobalisierung und ein Reshoring – also der Versuch, Produktion wieder ins eigene Land oder nach Europa zurückzubringen – sind bei der enormen Abhängigkeit heute eine gefährliche Illusion.

Ende der Erpressbarkeit

Die Transformation der Globalisierung wird daher anders aussehen: Es geht um die Symmetrie von Abhängigkeiten, sodass Österreich und Deutschland sich nicht mehr so erpressbar im Zusammenhang mit russischem Gas oder chinesischen Akteuren machen. Es geht um Resilienz und wirtschaftliche Sicherheit, sodass unsere globalen Wertschöpfungsketten auch in künftigen Krisen funktionieren können – und sich nicht solche riesigen Verwerfungen wie während der Corona-Pandemie oder jetzt im Ukrainekrieg auch für Westeuropa ergeben.

Die zweite Transformation ist die ökologische und digitale, die die Technologielandschaft und fast alle Unternehmen grundlegend verändern wird. Von vielen Unternehmen wird dies als Bedrohung wahrgenommen, gerade von Industrieunternehmen, die unter hohen Energiekosten leiden. Diese Sorge ist berechtigt. Aber sie ist auch zu eng und eindimensional.

Riesige Chancen

Österreich hat eine hoch innovative Industrie und viele Stärken bei grünen Technologien. Alle Volkswirtschaften durchlaufen diese Transformation, und für viele österreichische und europäische Unternehmen sind dies auch günstige Gelegenheiten, um neue Geschäftsfelder zu erschließen und Marktanteile zu erhöhen. Dafür muss die Politik aber dringend bessere Rahmenbedingungen für private Investitionen schaffen – durch einen Abbau von Bürokratie und Regulierung, mehr Investitionen in eine leistungsfähige Infrastruktur und in Bildung, Qualifizierung und Fachkräfte. Und es erfordert Mut, vor allem von den großen Industrieunternehmen selbst, aber auch den mittelständischen Unternehmen, eigene Fehler einzugestehen und zu korrigieren, um die Transformation nicht weiter zu verschlafen. Die Digitalisierung ist eine Sorge, aber gleichzeitig auch eine riesige Chance. Denn sie hat enormes Potenzial, die Produktivität zu verbessern, Gewinne zu steigern und die Fachkräftelücke zumindest ein Stück weit zu schließen.

Ängste nehmen

Die dritte ist die soziale Transformation. Eine neue Globalisierung und völlig veränderte Produktionsprozesse betreffen jeden einzelnen Menschen in unserer Gesellschaft, niemand wird sich dem entziehen können, auch heute schon nicht. Die Transformationen werden viele Jobs zerstören und noch viel mehr Arbeitsplätze grundlegend verändern, wie das bei vielen Veränderungen der Vergangenheit schon so war. Was jedoch an den künftigen Transformationen anders sein wird, ist die enorme Geschwindigkeit, mit der sie vonstattengehen und das Leben jedes Menschen und jeder Familie verändern werden.

Die Sorgen und Ängste der Menschen hinsichtlich der wirtschaftlichen Zukunft sind daher verständlich und gerechtfertigt. Veränderung wird erst einmal von den meisten als Bedrohung wahrgenommen, vor allem, wenn man großen Wohlstand und Sicherheit erreicht hat. Daher ist es für Politik und Unternehmen so wichtig, den Menschen diese Ängste zu nehmen und die Chancen aufzuzeigen. Die ökologische Transformation und der Klimaschutz bedeuten Sicherheit für unsere Lebensgrundlage, weniger gesundheitliche Schäden durch Feinstaub oder Umweltzerstörung und letztlich auch mehr wirtschaftliche Sicherheit. Die Digitalisierung wird viele der Arbeitsplätze besser machen, produktiver und humaner.

Politik gefragt

Das Scheitern der Politik und der Unternehmen, diese sozialen Implikationen mitzudenken und zu adressieren, ist die vielleicht größte Gefahr für die Zukunft. Die soziale Schere ist durch Pandemie und Inflation deutlich weiter aufgegangen. Die soziale Akzeptanz für Veränderungen ist in einer solchen Krise nicht nur ohnehin schon gering, sondern sie sinkt weiter, da Politik und Unternehmen zu wenig tun, um vor allem Menschen mit geringen Einkommen und Chancen und vulnerable Gruppen besser zu unterstützen. Ohne ein hohes Maß an sozialer Akzeptanz wird sich jedoch keine der Reformen bei Klimaschutz, Digitalisierung oder Neugestaltung globalen Lieferketten umsetzen lassen.

Österreich und Europa haben in den letzten 75 Jahren immer wieder große Herausforderungen und Krisen erfolgreich bewältigt, sind wirtschaftlich und gesellschaftlich stärker zurückgekommen. Die soziale Marktwirtschaft, die mittelständische Wirtschaftsstruktur mit hoch innovativen Unternehmen, ein starker Rechtsstaat und gute staatliche Institutionen sind drei der wichtigen Stärken, die vor allem Österreich in den vergangenen 75 Jahren gegenüber globalen Wettbewerben so erfolgreich gemacht haben. Ähnliches gilt für Deutschland. Wir sollten die Probleme und Herausforderungen heute nicht ignorieren. Aber wir sollten uns besser auf die Stärken konzentrieren und dies klug nutzen, um die Transformation so zu gestalten, dass sie zu mehr Wohlstand, Sicherheit, sozialen Frieden und Solidarität beiträgt. Die Politik weiß, was zu tun ist, sie hat alle Instrumente – nun braucht sie auch den Mut und einen klaren Kompass, um die notwendigen Reformen umzusetzen.

Themen: Konjunktur

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