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Warum es in Frankreich besser läuft als in Deutschland

Blog Marcel Fratzscher vom 10. Januar 2024

Deutschland und Frankreich driften wirtschaftlich auseinander. Trotzdem bleiben sie die Motoren Europas, schreibt DIW-Präsident Marcel Fratzscher in einem Gastbeitrag.

Selten war der Kontrast zwischen der französischen und der deutschen Wirtschaft so groß wie heute. Während Frankreich ein überraschend starkes Wachstum verzeichnet und sowohl für ausländische als auch für inländische Investoren immer attraktiver wird, hat Deutschland zu kämpfen. Deutschland mag zwar weit davon entfernt sein, der „kranke Mann“ Europas zu sein. Doch wir erleben eine schwere politische Krise, die einen Schatten auf die ökonomischen Zukunftsperspektiven wirft.

Dieser Gastbeitrag erschien am 11. Januar 2024 in der WirtschaftsWoche.

Die französische Wirtschaft hat sich während der Pandemie und der Energiekrise 2022 als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. In den vergangenen zwei Jahren hat Frankreich seine Wettbewerbsfähigkeit gesteigert, sein Unternehmensumfeld verbessert und mehr als doppelt so viele ausländische Direktinvestitionen angezogen wie Deutschland.

Im Gegensatz dazu sieht sich Deutschland aufgrund seiner sinkenden Wettbewerbsfähigkeit gezwungen, umfangreiche Subventionen zu zahlen, um internationale Investoren anzulocken und seine eigene Industrie zu unterstützen. Während für Frankreich 2023 ein Wachstum von 1,0 Prozent erwartet wird, dürfte das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfen, gefolgt von einem minimalen Wachstum im Jahr 2024.

Frankreich hat Maßnahmen schneller umgesetzt

Diese unterschiedlichen Entwicklungen lassen sich auf mehrere Faktoren zurückführen. So erlaubt es das französische Präsidialsystem Präsident Emmanuel Macron, klare Prioritäten zu setzen und neue Maßnahmen schnell umzusetzen. Dies hat ihn in die Lage versetzt, wichtige Reformen des Rentensystems und des Arbeitsmarktes durchzuführen, bestehende Vorschriften zu straffen und kühne industriepolitische Ziele zu setzen, die nun beginnen, sich auszuzahlen, einschließlich eines stetigen Rückgangs der Arbeitslosigkeit.

In Deutschland bremsen die Kontrollmechanismen

Deutschland kämpft derweil mit dem politischen Stillstand. Die Ampelkoalition ist gescheitert. Tiefe ideologische Gräben haben das Land in eine politische Krise geführt, die das Land lähmt – was sich nicht zuletzt im Regierungsstreit um den Staatshaushalt 2024 widerspiegelt.

Deutschlands komplexes föderales System mit seinen Kontrollmechanismen wurde entwickelt, um die Demokratie zu stärken und eine Rückkehr zum Autoritarismus zu verhindern. Als solches gibt es der Stabilität den Vorzug vor Schnelligkeit und Flexibilität. Dieses System fordert nun seinen wirtschaftlichen Tribut, da Deutschland dringend und schnell Reformen in den Bereichen Regulierung, Steuern, Industrie und Handel braucht.

Deutschland: Export und Industrie

Ein weiterer entscheidender Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland: Das deutsche Wirtschaftsmodell der Nachkriegszeit stützt sich stark auf den Export, der heute fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung ausmacht. Das Modell wurde durch politische Präferenzen und – vor der Einführung des Euro – durch eine auf die starke D-Mark ausgerichtete Geldpolitik geprägt.

Darüber hinaus hat die deutsche Wirtschafts- und Steuerpolitik in der Vergangenheit den Industriesektor begünstigt, von der Automobilindustrie über die chemische Industrie bis hin zum Maschinenbau. Die Politik konzentrierte sich darauf, den Anteil der Industrie an der Wirtschaftsleistung zu steigern, der derzeit fast doppelt so hoch ist wie in Frankreich.

Die deutsche Arbeitslosenquote ist immer noch eine der niedrigsten

Trotz aller Unterschiede haben die Volkswirtschaften Frankreichs und Deutschlands weit mehr Gemeinsamkeiten, als allgemein anerkannt wird. Frankreich hat in den vergangenen vier Jahren zwar besser abgeschnitten als Deutschland, ist aber immer noch dabei, den bemerkenswerten Wirtschaftsboom Deutschlands in den 2010er-Jahren aufzuholen. Deutschland hat eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in Europa, seine Unternehmen konnten ihre hohen globalen Marktanteile halten.

Beide Länder reagierten sehr nationalistisch auf die Krisen

Beide Länder verfügen über Sozialsysteme, die einer Reform bedürfen. Und beide entwickelten als Reaktion auf die Pandemie, den Krieg in der Ukraine und die zunehmenden geopolitischen Spannungen eine zunehmend protektionistische Wirtschaftsagenda. So haben sowohl Deutschland als auch Frankreich nationale industriepolitische Maßnahmen ergriffen, etwa die Förderung einheimischer Unternehmen durch reduzierte Strompreise, direkte Finanzhilfen und verschiedene Steuervergünstigungen. Es wurde ein Subventionswettlauf gestartet, um ausländische Investoren und multinationale Unternehmen wie Tesla und Intel anzuziehen.

Diese Maßnahmen aber sind unfair gegenüber Unternehmen in schwächeren europäischen Volkswirtschaften, schränken den Wettbewerb ein und bergen die Gefahr, dass der Binnenmarkt, die wichtigste wirtschaftliche Errungenschaft der EU, untergraben wird.

Der Populismus kommt auch nach Deutschland

Wie geht es nun politisch weiter? Während die Inflation die soziale Polarisierung und politische Uneinigkeit anheizt, gewinnen rechtsextreme Bewegungen an Boden. Die Welle des Populismus und Rechtsextremismus, die viele westliche Demokratien erfasst hat, ist nun auf dem Weg nach Deutschland.

China und USA sind im Wettkampf

Da die rechtsextreme AfD auf bestem Weg ist, drei wichtige Landtagswahlen im Jahr 2024 zu gewinnen, könnte Deutschland vor einer noch tieferen politischen Krise stehen. Und schließlich sind sowohl Deutschland als auch Frankreich durch die eskalierende geopolitische Rivalität zwischen den USA und China bedroht.

Deutschland und Frankreich sollten gemeinsam die EU reformieren

Daher sollten nun beide Länder von einer national ausgerichteten Wirtschafts- und Finanzpolitik abrücken und gemeinsam an der Reform und Stärkung der EU arbeiten. Zumal die jüngste Reform des Stabilitäts- und Wachstumspakts unzureichend ist, um Investitionen und die Transformation der europäischen Wirtschaft zu fördern. Im Alleingang aber haben die französische und deutsche Wirtschaft nicht die nötige Größe, um mit den beiden größten Volkswirtschaften der Welt zu konkurrieren, insbesondere in kritischen neuen Sektoren wie künstliche Intelligenz und digitale Dienstleistungen.

Wirtschaftspolitik sollte europäische Ziele verkörpern

Der Wohlstand, den Frankreich und Deutschland heute genießen, geht zu einem großen Teil auf ihre enge Partnerschaft in den vergangenen 70 Jahren zurück. Um ihr Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten und ihren globalen Einfluss zu erhalten, müssen beide Länder auch künftig eng zusammenarbeiten und alles daran setzen, die Europäische Union zu stärken.

Doch angesichts des starken Widerstands aus Deutschland scheint Macron seine Ambitionen, Europa zu reformieren, aufgegeben zu haben. Das ist ein Fehler. Es gilt jetzt, den Binnenmarkt zu stärken, die Bankenunion zu vollenden, die Kapitalmarktunion fortzusetzen, eine gemeinsame Industriepolitik zu entwickeln und Regulierung und Bürokratie abzubauen. Es geht um die Gestaltung einer Wirtschafts- und Industriepolitik, die unsere europäischen Werte und Ziele verkörpert.

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