Direkt zum Inhalt

Davos als historische Chance für nachhaltiges Wirtschaften nutzen: Kommentar

DIW Wochenbericht 3 / 2024, S. 48

Claudia Kemfert

get_appDownload (PDF  83 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  3.08 MB)

Zum in dieser Woche stattfindenden Weltwirtschaftsforum reisen so gut wie alle namhaften Regierungs- und Wirtschaftsvertreter*innen der Welt an. Über 60 Staats- und Regierungschef*innen und über 800 CEOs, die wichtigsten Firmenlenker*innen der Welt, lassen es sich nicht nehmen, beim traditionsreichen World Economic Forum (WEF) in Davos zugegen zu sein. Auch die EU-Präsidentin und der UN-Generalsekretär werden vor Ort sein. Auf der Webseite des WEF wird mit großen Worten die historische Bedeutung des Forums gepriesen: In Davos hätten Griechenland und die Türkei ihre Feindschaft beendet und Helmut Kohl und Hans Modrow die deutsche Wiedervereinigung verhandelt. Aber wie historisch könnte das diesjährige, das 54. Weltwirtschaftsforum werden?

Historische Entscheidungen sind überfällig, denn selten waren die globalen Bedingungen so unsicher wie jetzt. Militärische Auseinandersetzungen, Angriffe auf Demokratie und Freiheit nehmen besorgniserregend zu. Der Risikobericht des WEF zeigt auch dieses Jahr, dass neben Desinformation und sozialen Polarisierungen vor allem der Klimawandel und die damit verbundenen Schäden die weltweit größten Risiken darstellen. Auf rund 270 Milliarden Dollar summierten sich laut Rückversicherer Munich Re zuletzt die weltweiten Schäden durch Naturkatastrophen. Der längerfristige Trend zeigt nach oben.

Rund 200 der weltweit größten Unternehmen beziffern ihre Geschäftsrisiken durch den Klimawandel auf insgesamt knapp eine Billion Dollar. Würde jedes dieser Unternehmen 50 Milliarden Dollar in Klimaschutz investieren, würden nicht nur Schäden vermieden, sondern könnten enorme Renditen erwirtschaftet werden. Klimaschutz zahlt sich aus, das wissen wir seit Jahrzehnten. Dennoch sind wir nicht auf dem richtigen Pfad: Die 100 größten Unternehmen sind seit 1988 für mehr als 70 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Finanzinstitute haben seit dem Pariser Klimaabkommen mehr als 1,4 Milliarden Dollar in fossile Brennstoffe investiert. Die jüngst veröffentlichte Oxfam-Studie zeigt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert. Soziale Unruhen können damit zunehmen und die Demokratie gefährden.

Bisher wurden in Davos stets viele gute und auch kluge Ziele formuliert. Umgesetzt wurden davon aber bisher nur wenige. Wären die vereinbarten Nachhaltigkeitsziele beherzt integriert und gelebt worden, hätten wir kaum noch Armut und Hunger in der Welt, überall ausreichend Bildung, menschenwürdige Arbeit sowie sauberes Wasser und Energie. Klimaschutz würde überall umgesetzt werden. Ungleichheiten wären stark reduziert, Produktion und Konsum weitgehend nachhaltig, Infrastruktur und Digitalisierung ausreichend vorhanden. All das würde Wohlergehen und Gesundheit für alle Menschen und Tiere schaffen. Das Artensterben wäre weitestgehend gestoppt, Mensch und Planet wären gesünder.

Selten war die Diskrepanz zwischen notwendigen Zielen und Worten auf der einen Seite und der realen Umsetzung auf der anderen Seite so groß. Und die Schere geht immer weiter auseinander. Dabei könnte das WEF einen echten Wandel bewirken, da die wichtigsten Akteur*innen vor Ort sind. Einen U-Turn. Sie könnten, wenn sie wollten. Viele Unternehmen sind sich ihrer Verantwortung bewusst und haben die richtigen Ambitionen und Ziele. An sie sollte appelliert werden, einen echten Wandel hervorzubringen.

Bestes Beispiel ist der globale Ausbau erneuerbarer Energien, der nun endlich vorangeht. Da viele Staaten profitieren, sinken die Barrieren. Trotz vieler Verhinderungsstrategien rechnen sich erneuerbare Energien am internationalen Markt. Was für ein leuchtendes Signal könnte von Davos ausgehen, wenn alle Staatenlenker*innen sich dazu verpflichteten, verbindliche Ziele beim Ausbau erneuerbarer Energien zu vereinbaren. Unternehmen könnten enorm profitieren, wenn sie statt in fossile in erneuerbare Energien investierten.

Von einer nachhaltigen Wirtschaft werden wir langfristig alle profitieren, die Unternehmen genauso wie die Gesellschaft. Und wenn wir das erkannt haben, werden gleichzeitig Desinformationskampagnen, soziale Polarisierungen und Kriege, die mit fossilem Kapital finanziert werden, enden und so Frieden und Freiheit ermöglicht. Schaffen wir endlich den Wandel?

Claudia Kemfert

Abteilungsleiterin in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

keyboard_arrow_up