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Niedriglohnsektor in Deutschland schrumpft seit 2017

DIW Wochenbericht 5 / 2024, S. 67-76

Markus M. Grabka

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  • Bruttostundenlöhne sind zwischen 1995 und 2021 inflationsbereinigt um 16,5 Prozent gestiegen
  • Vor allem im untersten Lohndezil haben sie sich durch Einführung des Mindestlohns und veränderter Lohnpolitik der Gewerkschaften erhöht
  • Niedriglohnsektor ist dadurch von 23,5 Prozent im Jahr 2007 auf 15,2 Prozent im Jahr 2022 geschrumpft
  • Haushaltsnettoeinkommen sind zwischen 1995 und 2020 durchschnittlich um ein Drittel gewachsen; im untersten Dezil um nur vier Prozent, im obersten um 50 Prozent
  • Um gestiegene Einkommensungleichheit zu bekämpfen, müssen Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten verbessert und junge Menschen ohne Berufsabschluss gezielter qualifiziert werden

„Dank einer veränderten Lohnpolitik der Gewerkschaften und der Einführung sowie den Anhebungen des Mindestlohns liegen die Löhne für Beschäftigte aktuell inflationsbereinigt deutlich über dem Niveau wie vor 25 Jahren.“ Markus M. Grabka

Die Bruttostundenlöhne von abhängig Beschäftigten sind im Zeitraum 1995 bis 2021 inflationsbereinigt durchschnittlich um 16,5 Prozent gewachsen, unter den Vollzeitbeschäftigten sogar um 25 Prozent. Insbesondere bei den niedrigsten Löhnen gibt es seit 2013 starke Zuwächse, vor allem aufgrund der Einführung des Mindestlohns 2015 und dessen Erhöhungen in den folgenden Jahren. Im Ergebnis ist der Niedriglohnsektor von einem Höchststand von 23,5 Prozent im Jahr 2007 auf zuletzt 15,2 Prozent im Oktober 2022 geschrumpft. Die positive Lohnentwicklung wirkt sich auch auf die Haushaltsnettoeinkommen aus. Diese sind zwischen 1995 und 2020 inflationsbereinigt im Schnitt um 33 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hat die Spreizung der Einkommen insgesamt zugenommen. Während die zehn Prozent der niedrigsten Einkommen nur um vier Prozent gestiegen sind, haben die obersten zehn Prozent eine Steigerung von 50 Prozent erzielt. Im Ergebnis ist die Ungleichheit der Haushaltsnettoeinkommen gemessen am Gini-Koeffizienten von 0,25 im Jahr 1999 auf 0,3 gewachsen. Will man die Ursachen der langfristig zugenommenen Ungleichheit der Haushaltsnettoeinkommen bekämpfen, bedarf es unter anderem einer verbesserten Integration von Zugewanderten in den Arbeitsmarkt und einer gezielteren Qualifizierung junger Erwachsener ohne beruflichen Bildungsabschluss.

Die letzten zwei Jahrzehnte waren in Deutschland durch verschiedene wirtschaftliche Krisen geprägt. So ist beispielsweise das reale Bruttoinlandsprodukt in der Finanzmarktkrise 2009 um 5,7 Prozent und im ersten Jahr der Coronapandemie 2020 um 3,8 Prozent gesunken.infoStatistisches Bundesamt (2023): Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen 3. Vierteljahr 2023 (online verfügbar, abgerufen am 15. Januar 2023. Dies gilt auch für alle anderen Onlinequellen, sofern nicht anders vermerkt.) Diesen starken Einbrüche standen in den Folgejahren zwar starke Zuwächse gegenüber, aber in der längeren Frist fiel die Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts mit gerade einmal einem Prozent im Jahresdurchschnitt zwischen 2011 und 2021 gering aus.infoStatistisches Bundesamt (2023): Bruttoinlandsprodukt, preisbereinigt (online verfügbar). Wie wirken sich diese Entwicklungen auf die Bruttolöhne und Gehälter der Beschäftigten und die Haushaltsnettoeinkommen der Privathaushalte in Deutschland aus? Hierzu werden Einkommensinformationen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP)infoDas SOEP ist eine repräsentative jährliche Wiederholungsbefragung privater Haushalte, die seit 1984 in Westdeutschland und seit 1990 auch in Ostdeutschland durchgeführt wird; vgl. Jan Goebel et al. (2018): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Journal of Economics and Statistics, 239(29), 345–360 (online verfügbar). Für die vorliegende Publikation wurde die Datenversionen SOEPv38.1 genutzt, siehe dazu DOI: 10.5684/soep.core.v38.1eu, DOI: 10.5684/soep.iab-soep-mig.2021.1 und DOI: 10.5684/soep.iab-bamf-soep-mig.2021.1., das in Zusammenarbeit mit infas – Institut für angewandte Sozialwissenschaft erhoben wird, zurückgegriffen (Kasten). Die Angaben der Löhne beziehen sich auf den Zeitraum 1995 bis 2021, die der Haushaltsnettoeinkommen auf den Zeitraum 1995 bis 2020. Das Jahr 1995 wurde als Startjahr gewählt, da zu diesem Zeitpunkt die Transformation der ostdeutschen Wirtschaft nach der Wiedervereinigung nahezu abgeschlossen war. Ergänzt werden diese durch Informationen des Statistisches Bundesamtes.

Der vorliegende Bericht verwendet das Konzept des Bruttostundenlohns. Dieser wird auf Grundlage der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit – liegt keine vereinbarte Arbeitszeit vor, wird die geleistete Arbeitszeit herangezogen – und den Angaben zum Bruttomonatsverdienst inklusive eventueller Überstundenzahlungen des vorangegangenen Monats gebildet. Sonderzahlungen wie Urlaubs-, Weihnachtsgeld oder Boni bleiben dabei unberücksichtigt. Die wöchentliche Arbeitszeit wird zudem mit dem Faktor 4,33 multipliziert, um die monatliche Arbeitszeit zu erhalten. Es wird nur der Lohn aus einer Haupttätigkeit herangezogen, Nebentätigkeiten bleiben unberücksichtigt.

Die Haushaltsnettoeinkommen werden retrospektiv für das Vorjahr erhoben und liegen daher letztmalig für das Einkommensjahr 2020 vor. Die Analyse der Haushaltsnettoeinkommen zieht das Konzept der Bedarfsgewichtung heran. So wird die Einkommenssituation von Haushalten unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung – internationalen Standards entsprechend – durch die Umrechnung des gesamten Einkommens eines Haushalts in sogenannte bedarfsgewichte beziehungsweise Äquivalenzeinkommen vergleichbar gemacht. Dazu werden die Haushaltseinkommen unter Verwendung einer von der OECD vorgeschlagenen und in Europa allgemein akzeptierten Skala umgerechnet, und jedem Haushaltsmitglied wird das so errechnete Äquivalenzeinkommen zugewiesen, unter der Annahme, dass alle Haushaltsmitglieder in gleicher Weise vom gemeinsamen Einkommen profitieren. Dabei erhält der Haushaltsvorstand ein Bedarfsgewicht von eins; weitere Personen haben jeweils ein Gewicht von 0,5 und Kinder bis zu 14 Jahren ein Gewicht von 0,3. Unterstellt wird also eine Kostendegression in größeren Haushalten.

Bei der Analyse der Angaben des SOEP des Jahres 2021 ist zu beachten, dass es zu einem Wechsel des Befragungsinstituts gekommen ist und zudem bedingt durch die Eindämmungsmaßnahmen im Rahmen der Coronapandemie die Befragungssituation anders als in den Vorjahren ausgefallen ist. So wurden 2021 rund 44 Prozent der Interviews mit Erwachsenen per Telefon durchgeführt. Beide Aspekte können Einfluss auf die Antwortbereitschaft als auch die Qualität der Antworten haben, was zu zusätzlichen Unsicherheiten bei der Einkommensmessung führt.

Arbeitsmarkt in Rekordlaune

Trotz wiederholter gesamtwirtschaftlicher Krisen entwickelt sich der Arbeitsmarkt seit geraumer Zeit positiv. Die jüngsten Arbeitsmarktdaten weisen auf einen erneuten Beschäftigungsrekord von zuletzt mehr als 46 Millionen Erwerbspersonen hin.infoPressemitteilung des Statistischen Bundesamts vom 16. November 2023: Mehr als 46 Millionen Erwerbstätige im 3. Quartal 2023 (online verfügbar). Verglichen mit dem Jahr 1995 ist das ein Zuwachs von annähernd acht Millionen Erwerbstätigen.infoStatistisches Bundesamt (2023): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit (Inländer), Zeitreihe (online verfügbar). Dieser Zuwachs speist sich fast ausschließlich aus einer gestiegenen Zahl von Beschäftigten, da die Zahl der Selbstständigen in der langen Frist nahezu unverändert blieb.infoStatistisches Bundesamt (2024): Selbstständige im Inland nach Wirtschaftssektoren (online verfügbar). Im Beobachtungszeitraum gab es dabei deutliche Veränderungen im Anteil der Selbstständigen ohne Beschäftigte. Vgl. dazu Informationen auf der Webseite des Statistischen Bundesamts.

Reale Stundenlöhne sind seit 2013 um 20 Prozent gestiegen

Löhne sind die wichtigste Einkommensquelle für die meisten Privathaushalte. Es werden daher im Folgenden die vereinbarten realeninfoMit dem Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes in Preisen des Jahres 2015 umgerechnet. Dabei ist zu beachten, dass die Inflation private Haushalte je nach Position in der Einkommenshierarchie unterschiedlich stark trifft, da deren Konsumstrukturen sich unterscheiden. So haben Haushalte am unteren Ende der Einkommensverteilung relativ höhere Ausgaben für Nahrungsmittel und Wohnkosten. Vgl. Maximilian Priem et. al. (2022): Folgen der Inflation treffen untere Mittelschicht besonders: staatliche Hilfspakete wirken nur begrenzt. DIW Wochenbericht Nr. 28, 388–394 (online verfügbar). Bruttostundenlöhne abhängig Beschäftigter in Haupttätigkeit betrachtet.infoNicht berücksichtigt werden hierbei Selbstständige, Auszubildende, Praktikant*innen sowie Wehr- und Zivildienstleistende. Die durchschnittlichen inflationsbereinigten Bruttostundenlöhne sind im Zeitraum 1995 bis 2012 insgesamt um drei Prozent leicht gesunken (Abbildung 1). In dieser Phase hat die Arbeitslosigkeit in Deutschland zunächst zugenommen. Die Tarifpartner reagierten darauf mit Lohnzurückhaltung. Im Gegensatz dazu sind die Löhne von 2013 bis 2021 um 20 Prozent gestiegen. Am unteren Ende der Lohnverteilung dürften sich branchenspezifische Mindestlöhne sowie die Einführung des allgemeinen Mindestlohns im Jahr 2015 positiv ausgewirkt haben. Darüber hinaus ist es den Gewerkschaften gelungen, Lohnsteigerungen durchzusetzen, die vielfach über der Inflation lagen. Über den gesamten Beobachtungszeitrum sind die realen Bruttostundenlöhne somit um 16,5 Prozent auf zuletzt durchschnittlich rund 20,30 Euro gewachsen.infoDer nominale Bruttostundenlohn lag laut Angaben des SOEP bei rund 22,20 Euro und damit nur geringfügig unter dem Vergleichswert des Statistischen Bundesamtes mit 22,65 Euro bezogen auf den April 2022 (vgl. dazu die Informationen auf der Webseite des Statistischen Bundesamts). Dabei ist zudem zu beachten, dass in den Angaben des SOEP Sonderzahlungen wie Urlaubs-, Weihnachtsgeld oder Boni nicht enthalten sind.

Da in den letzten Jahren immer mehr Menschen teilzeitbeschäftigt waren und relativ weniger in Vollzeit arbeiteten, lohnt ein Blick auf die Entwicklung der Stundenlöhne von Vollzeitbeschäftigten.infoEine Vollzeitbeschäftigung liegt dann vor, wenn die vereinbarte Arbeitszeit 37,5 Stunden oder mehr pro Woche beträgt. Bei diesen fällt die Entwicklung noch positiver aus. So sind ihre Löhne bereits in der ersten Phase bis 2012 um rund sieben Prozent gewachsen und in der zweiten sogar noch stärker. Insgesamt sind die realen Bruttostundenlöhne der Vollzeitbeschäftigten über den gesamten Zeitraum mit rund 25 Prozent überdurchschnittlich gestiegen.

Seit 2013 starke Lohnzuwächse im untersten Lohndezil

Da sich die Entwicklung des Durchschnitts deutlich von beispielsweise derjenigen an den Rändern der Lohnverteilung unterscheiden kann, werden nun Lohndezile gebildet. Hierzu werden die Bruttostundenlöhne nach der Höhe sortiert und in zehn gleich große Gruppen (Dezile) eingeteilt. Das unterste (oberste) Dezil gibt den Lohn der ärmsten (reichsten) zehn Prozent der Beschäftigten an.infoZu beachten ist, dass die Beschäftigten über die Zeit hinweg aufgrund von individuellen Lohnveränderungen ihre Position verändern können und nicht immer demselben Dezil zuzuordnen sind. Der Mittelwert je Dezil wird zudem auf den Wert des Jahres 1995 normiert, sodass die prozentuale Entwicklung der Löhne je Dezil dargestellt werden kann (Abbildung 2). Auch hier können primär zwei Phasen beobachtet werden. Im Zeitraum 1995 bis einschließlich 2012 spreizen sich die Stundenlöhne deutlich auf. Dies geht vorrangig auf die untere Hälfte der Verteilung zurück. Vor allem im ersten Lohndezil kommt es zu deutlichen realen Rückgängen von bis zu minus 27 Prozent. Dies lag unter anderem daran, dass Minijobs und schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs zugenommen haben sowie öffentliche Unternehmen privatisiert wurden (beispielsweise kommunale Krankenhäuser), was vielfach mit Lohneinbußen bei Neuverträgen von Beschäftigten in diesen Sektoren einherging.

In der zweiten Phase ab 2013 steigen die Reallöhne über alle Dezile hinweg an – im untersten Dezil jedoch besonders stark. Hierzu dürfte einerseits die Einführung des allgemeinen Mindestlohns beigetragen haben, aber andererseits auch die veränderte Lohnpolitik der Gewerkschaften. Denn diese fordern seit einigen Jahren nicht mehr allein pauschale prozentuale Lohnsteigerungen, sondern ergänzen diese oft durch Mindestzahlungen für untere Lohngruppen, die relativ gesehen deutlich höher ausfallen als für höhere Lohngruppen.infoSo beispielsweise in den Tarifverhandlungen des öffentlichen Dienstes 2020. Vgl. Pressemitteilung von Verdi vom 27. August 2020: Tarifrunde öffentlicher Dienst Bund und Kommunen 2020 (online verfügbar).

In allen Dezilen liegen zudem im Jahr 2021 die Reallöhne über dem Ausgangswert des Jahres 1995. Im untersten Lohndezil fällt der Zuwachs mit rund sechs Prozent dennoch am niedrigsten aus. In der Mitte der Verteilung ist eine Erhöhung von 16 Prozent festzustellen, während die obersten vier Dezile alle Zuwächse von etwa 20 Prozent erzielen konnten.

Löhne von älteren Beschäftigten steigen am stärksten

Neben Veränderungen beim Beschäftigungsumfang (Vollzeit versus Teilzeit) und einer zunehmenden Frauenerwerbstätigkeit gibt es auch demografische Veränderungen im Arbeitsmarkt. So ist absehbar, dass sukzessive die Kohorte der Babyboomer*innen den Arbeitsmarkt verlassen, während nur relativ wenige junge Erwerbspersonen neu hinzukommen. Gleichzeitig sind über 54-Jährige in den letzten 15 Jahren immer häufiger erwerbstätig. Wie sich diese unterschiedlichen Entwicklungen auf die Löhne auswirken, ist unklar. Die Arbeitnehmer*innen werden hier in fünf Altersgruppen unterteilt: Die jüngste Gruppe setzt sich aus den bis zu 24-Jährigen zusammen, gefolgt von den 25- bis 34-Jährigen, den 35- bis 44-Jährigen und den 45- bis 54-Jährigen. Die letzte Gruppe bilden die 55- bis 64-Jährigen.infoDie quantitativ kleine Gruppe der Arbeitnehmer*innen im Alter ab 65 Jahren bleibt hier unberücksichtigt. Die letzten beiden Altersgruppen haben 2021 jeweils einen Anteil von etwa 23 Prozent an allen Arbeitnehmer*innen. Typische Lohnprofile zeigen das Muster, das zu Beginn des Erwerbslebens die Löhne niedrig ausfallen und anschließend deutlich steigen. Ab dem 40. Lebensjahr steigen die Löhne nicht mehr so stark. Entsprechend finden sich die durchschnittlich höchsten Löhne für die Altersgruppen ab dem 45. Lebensjahr (Abbildung 3). Zwischen 1995 und 2012 fallen die realen Verluste umso höher aus, je jünger die Beschäftigten sind. Neu auf den Arbeitsmarkt eintretende Kohorten mussten sich im Vergleich zu Vorgängerkohorten mit niedrigeren Löhnen zufriedengeben. Ältere Beschäftigte konnten zumindest im ersten Zeitraum ihr Lohnniveau real nahezu halten. Ab 2013 setzt dann die Phase der Reallohnsteigerungen ein, von der aber die jüngsten Arbeitnehmer*innen nur unterproportional profitieren können. Während in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen die Löhne real über den gesamten Zeitraum um knapp 18 Prozent steigen, wachsen diese bei der Gruppe der unter 25-Jährigen nur um etwas mehr als sechs Prozent. Dies ist insofern überraschend, als dass junge Arbeitnehmer*innen immer knapper werden und sich dies auch in höheren Löhnen widerspiegeln sollte. Auf der anderen Seite verfügen ältere Beschäftigte häufig über langjähriges Fachwissen, das aktuell am Arbeitsmarkt sehr gefragt ist, was auch deren Lohnverhandlungsmöglichkeiten positiv beeinflusst.

Seit 1995 steigen die Stundenlöhne der Spezialist*innen besonders stark

In den letzten 25 Jahren haben sich auch die Anforderungen in den Berufen verändert. Das Anforderungsniveau, das mithilfe der Klassifikation der Berufe beschrieben werden kann,infoEine Klassifizierung von Berufen (KldB2010) wurde zuletzt von der Bundesagentur für Arbeit und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt durchgeführt. Die hier ausgewiesenen Werte bis einschließlich 2012 basieren auf der vorhergehenden Kodierung (KldB1992). bildet die Komplexität der auszuübenden Tätigkeit ab und ist in vier Komplexitätsgrade unterteilt: 1 – Helfer- und Anlerntätigkeiten, 2 – fachlich ausgerichteten Tätigkeiten, 3 – komplexe Spezialistentätigkeiten, 4 – hochkomplexe Tätigkeiten. Dabei kann seit 1995 eine Verschiebung hin zu komplexen Tätigkeiten beobachtet werden. Deren Anteil an allen Beschäftigten hat sich seit 1995 um gut fünf Prozentpunkte erhöht. Im Gegenzug sind rein fachlich ausgerichtete Tätigkeiten um mehr als drei Prozentpunkte zurückgegangen.

Die Entwicklung der realen Bruttostundenlöhne nach Anforderungsniveaus ähnelt dem nach Lohndezilen (Abbildung 4). Beschäftigte mit Anlern- oder Helfertätigkeiten haben in der ersten Phase bis einschließlich 2012 die größten realen Lohnverluste zu verzeichnen. Diese belaufen sich auf etwa 18 Prozent. Je höher das Anforderungsniveau, desto niedriger fallen auch die realen Lohnverluste aus. Bei den hochkomplexen Tätigkeiten sind dies gerade einmal drei Prozent. Ab 2013 dominieren wieder reale Lohnsteigerungen das Bild. Ungeachtet dessen verbleibt aber die Gruppe der Beschäftigten mit Anlern- oder Helfertätigkeiten immer noch im negativen Bereich; das heißt, ihre realen Stundenlöhne liegen am aktuellen Rand noch immer unter dem Niveau im Ausgangsjahr 1995. Anders verhält es sich mit den komplexen Spezialistentätigkeiten. Hier steigen die Löhne über den gesamten Zeitraum um knapp 29 Prozent. Der Abstand zu den Löhnen für hochkomplexe Tätigkeiten kann etwas reduziert werden.infoFür die Höhe des Lohns ist dabei aber nicht allein das Anforderungsniveau relevant, sondern auch die Branche spielt eine wichtige Rolle, vgl. Holger Seibert, Barbara Schwengler und Doris Wiethölter (2022): Berufsspezifische Lohnunterschiede. In einigen Helferjobs verdienen Fachkräfte mehr als in ihrem erlernten Beruf. IAB-Kurzbericht Nr. 14 (online verfügbar).

Für die Höhe des Lohns ist auch relevant, inwiefern Beschäftigte tarifvertraglichen Regelungen unterliegen (Abbildung 5).infoIn der langen Frist hat die Tarifbindung abgenommen. Vgl. Statistisches Bundesamt (2023): Tarifbindung von Arbeitnehmern (online verfügbar). Abgesehen von hochkomplexen Tätigkeiten werden Beschäftigte, die angeben, dass sich ihr Lohn aus einem Tarifvertrag ergibt, durchweg höher entlohnt, als wenn dies nicht der Fall ist.infoZur Problematik einer genauen Erfassung der Tarifbindung vgl. Hagen Lesch und Christoph Schröder (2023): Die statistische Erfassung von Tarifbindung und Tarifgeltung. IW-Report Nr. 45 (online verfügbar). Bei den Anlern- und Helfertätigkeiten und den fachlich ausgerichteten Tätigkeiten macht dieser Unterschied immerhin 17 Prozent aus. Bei den komplexen, spezialisierten Tätigkeiten beziffert sich die Differenz immer noch auf rund zehn Prozent. Bei hochkomplexen Tätigkeiten dreht sich der Befund um, da hier diejenigen ohne tarifliche Bindungen einen 16 Prozent höheren Stundenlohn aufweisen.infoWenn neben firmenspezifischen Merkmalen auch personenspezifische Merkmale berücksichtigt werden, reduziert sich die Lohndifferenz auf maximal sechs Prozent. Carolin Denise Fulda und Christoph Schröder (2023): Tarifbindung und Verteilung. IW-Report Nr. 32 (online verfügbar).

Niedriglohnsektor schrumpft weiter

Die Arbeitsmarktreformen Hartz I bis III Anfang des Jahrtausends dienten auch dazu, einen Niedriglohnsektor in Deutschland zu etablieren. So sollten Arbeitslose schneller in Beschäftigung gebracht werden. Gleichzeitig sollten diese Reformen ein Sprungbrett in besser entlohnte Tätigkeiten bilden.infoVgl. Markus M. Grabka und Konstantin Göbler (2020): Der Niedriglohnsektor in Deutschland. Falle oder Sprungbrett für Beschäftigte? Bertelsmann Stiftung (online verfügbar). Von Niedriglohn spricht man, wenn Beschäftigte weniger als zwei Drittel des MediansinfoDer Median teilt die Arbeitnehmer*innen in zwei gleich große Gruppen. Die erste Gruppe besteht aus den Arbeitnehmer*innen mit geringen Löhnen, die anderen Gruppe mit höheren Löhnen. des vereinbarten Bruttostundenlohns verdienen. Die Niedriglohnschwelle liegt auf Basis der SOEP-Daten im Jahr 2021 für Hauptbeschäftigungen bei rund 13 Euro brutto pro Stunde.

Der politisch erwünschte Ausbau des Niedriglohnsektors ist deutlich zu erkennen (Abbildung 6). Allein im Zeitraum von 1996 bis 2007 hat der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor von rund 16 Prozent auf etwa 23,5 Prozent erheblich zugelegt. Der Einführung des allgemeinen Mindestlohns sowie der bereits beschriebenen veränderten Lohnpolitik der Gewerkschaften ist es zu verdanken, dass der Niedriglohnsektor deutlich geschrumpft ist. Auf Grundlage der Angaben des SOEP macht dieses Lohnsegment 2021 einen Anteil an allen Beschäftigten von 20,5 Prozent aus, genauso hoch wie vom Statistischen Bundesamt berichtet. Letztere liefert auf Grundlage der vierteljährlichen Verdiensterhebung aktuelle Informationen zum Niedriglohnsektor. Insbesondere der Oktober 2022 ist hier von Interesse, da zu diesem Zeitpunkt der Mindestlohn von 10,45 Euro auf 12 Euro angehoben wurde. Infolgedessen ist der Niedriglohnsektor nochmals deutlich auf nunmehr 15,2 Prozent geschrumpft und liegt damit unter dem Niveau von 1995.

Ungleichheit der Stundenlöhne so niedrig wie zu Beginn der 2000er Jahre

Die Entwicklung der Lohndezile als auch des Niedriglohnsektors deuten darauf hin, dass die Lohnungleichheit zumindest in den letzten Jahren abgenommen haben dürfte. Um die Verteilung der Bruttostundenlöhne zu beschreiben, wird das 90:10-Perzentilverhältnis herangezogen. Dies beschreibt das Verhältnis der Person mit dem geringsten Verdienst aus dem obersten Dezil (90. Perzentil)infoBei Perzentilen werden die Beschäftigten nach der Höhe der Löhne sortiert und in 100 gleichgroße Gruppen eingeteilt. zu der Person mit dem höchsten Verdienst aus dem untersten Dezil (10. Perzentil). Dieses Maß gibt an, um wieviel mehr der obere Rand der Lohnverteilung als der untere Rand verdient.

Am niedrigsten ist die Ungleichheit bei den Bruttostundenlöhnen in den vergangenen 25 Jahren im Jahr 1997 mit einem Wert von 3,2 (Abbildung 7). Danach nimmt die Ungleichheit stark zu und erreicht im Jahr 2011 den bisherigen Höchststand mit einem Wert von rund vier. Anschließend setzt langsam eine Trendumkehr ein. Im Jahr 2020 wird ein vorläufiger Tiefstand mit einem Wert von 3,4 erreicht.infoDie amtliche Statistik berichtet für den Zeitraum 2018 bis April 2022 von einer Stagnation der Lohnungleichheit mit einem Wert von 3,28 auf niedrigem Niveau. Vgl. Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts vom 25. November 2022: 0,5 Millionen weniger Niedriglohnjobs im April 2022 gegenüber April 2018 (online verfügbar). Die vorliegenden Daten deuten damit daraufhin, dass die Auswirkungen der Coronapandemie keine relevanten Effekte auf die Lohnungleichheit hatten.

Reale Haushaltsnettoeinkommen legen seit 1995 im Schnitt um 33 Prozent zu

Die bisherigen Analysen bezogen sich auf den individuellen Stundenlohn. Neben Löhnen beziehen die Privathaushalte aber weitere Einkommen, wie Alterseinkommen, staatliche Transfers oder Kapitaleinkommen. Zudem leben Personen gemeinsam in Haushalten und legen für gewöhnlich auch ihre ökonomischen Ressourcen zusammen. Daher werden im Folgenden die jährlichen Haushaltsnettoeinkommen betrachtet.infoGemäß den Konventionen des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung (Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2013): Lebenslagen in Deutschland) und den Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (z.B. das Jahresgutachten 2016/2017: Zeit für Reformen) wird bei Verwendung von Jahreseinkommen jeweils das Einkommensjahr ausgewiesen. Die Jahreseinkommen werden im SOEP retrospektiv für das vorangegangene Kalenderjahr erhoben, aber mit der Bevölkerungsstruktur des Erhebungszeitpunkts gewichtet. Die hier präsentierten Daten für 2020 sind also in der Befragungswelle 2021 erhoben worden. Zudem wird hier der Mietwert selbstgenutzten Wohneigentums als fiktive Einkommenskomponente mit herangezogen. Davon werden die direkten Steuern und Sozialabgaben abgezogen. Um Skaleneffekte des gemeinsamen Wirtschaftens zu berücksichtigen, wird eine Bedarfsgewichtung vorgenommen (Kasten).infoVgl. auch den Begriff „Äquivalenzeinkommen“ im DIW Glossar (online verfügbar).

Die Entwicklung der realen bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen wird wiederum ab 1995 beschrieben. Im Durchschnitt legen die Haushaltsnettoeinkommen seit 1995 inflationbereinigt um insgesamt 33 Prozent zu.infoDie Veränderung der Bruttostundenlöhne muss sich nicht eins zu eins in Änderungen der Haushaltsnettoeinkommen widerspiegeln. So werden die Löhne brutto betrachtet, während das Haushaltseinkommen netto nach Steuern und Sozialabgaben analysiert wird. Auch unterscheiden sich die Populationen, da die Löhne nur für die abhängig Beschäftigten vorliegen, während bei den Haushaltseinkommen alle Personen in Privathaushalten herangezogen werden. Das bedeutet, dass sich die Privathaushalte im Schnitt gut ein Drittel mehr Güter leisten können als noch vor 25 Jahren. Auch hier wird eine differenzierte Betrachtung nach DezileninfoEs werden Dezile des bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommens gebildet. vorgenommen und wiederum auf das Ausgangsjahr 1995 normiert (Abbildung 8). Im Ergebnis zeigt sich, dass alle Einkommensdezile im Vergleich der Jahre 1995 und 2020 reale Einkommenszuwächse erzielen. Insbesondere ab dem Jahr 2001 unterscheiden sich diese aber: Während im untersten Einkommensdezil unter leichten Schwankungen die Einkommen gerade einmal um vier Prozent steigen, wachsen sie im obersten Einkommensdezil um etwa 50 Prozent. In der Mitte der Verteilung (viertes bis sechstes Dezil) erhöhen sich die Einkommen immerhin noch um ein Viertel bis zu einem Drittel.

Die schwache Entwicklung im untersten Dezil ist dabei auch auf die Migration nach Deutschland zurückzuführen. Zunächst hat die Zahl der ausländischen Bevölkerung allein zwischen 2015 und 2022 um etwa 4,3 MillioneninfoStatistisches Bundesamt (2023): Ausländische Bevölkerung 2015 bis 2022 nach Bundesländern (online verfügbar). zugenommen, unter anderen durch Fluchtmigration aus Ländern wie Syrien, Irak, Afghanistan oder der Ukraine. Diese Personen befinden sich zu Beginn ihrer Migration nach Deutschland vor allem im untersten Einkommensdezil, da diese zunächst mit Ausnahme ukrainischer Geflüchteter keine Arbeit nachgehen dürfen und auf Grundsicherungsleistungen angewiesen sind. Entsprechend hat sich nach Angaben des SOEP der Anteil der Personen mit einem direkten Migrationshintergrund im untersten Einkommensdezil in den frühen 1990er Jahren von zwölf Prozent über rund 20 Prozent im Jahr 2010 bis hin zu 29 Prozent im Jahr 2020 mehr als verdoppelt. Betrachtet man individuelle Verläufe, so ist erkennbar, dass Zugewanderte sukzessive in den Arbeitsmarkt eintreten und somit auch ihre Einkommenssituation verbessern.infoSo liegt der Anteil der Erwerbstätigen unter den Geflüchteten, die eine Aufenthaltsdauer von sechs Jahren aufweisen, bei 54 Prozent. Vgl. Herbert Brücker et al. (2023): Erwerbstätigkeit und Löhne von Geflüchteten steigen deutlich. IAB-Kurzbericht Nr. 13 (online verfügbar).

Das Ausmaß an Einkommensungleichheit wird international zumeist mit dem Gini-Koeffizienten gemessen.infoVgl. auch den Begriff Gini-Koeffizient im DIW Glossar (online verfügbar). Je höher der Wert des Koeffizienten (zwischen 0 und 1), desto höher die gemessene Ungleichheit. Während Mitte der 1990er Jahre der Gini-Koeffizient für Einkommen in Deutschland einen Wert von etwa 0,25 aufweist, steigt dieser bis 2005 zunächst deutlich auf 0,28. Anschließend nimmt die Ungleichheit nur noch geringfügig zu, erreicht 2013 einen Wert von 0,29 und liegt 2020 bei 0,30. Im internationalen Vergleich rangiert Deutschland damit weiterhin unterhalb des OECD-Durchschnitts, der im Jahr 2021 bei 0,31 liegt.infoVgl. OECD Income Distribution Database.

Niedrigeinkommensquote liegt aktuell je nach Statistik zwischen 14,7 und 17,6 Prozent

Aus sozialpolitischer Sicht ist der untere Rand der Einkommensverteilung von besonderem Interesse, da diese Menschen häufig auf finanzielle Hilfen des Staates angewiesen sind. Nach einer Definition der Europäischen Union spricht man von Armutsrisiko, wenn Personen weniger als 60 Prozent des Medians des bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung steht. Da dieses ein rein eindimensionales Maß ist und sich nur an der Höhe des Einkommens bemisst (Aspekte wie das private Vermögen bleiben unberücksichtigt ), wird hier präziser von der Niedrigeinkommensquote gesprochen. Im Folgenden werden die drei Datenquellen herangezogen, die auch in der Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung hierzu verwendet werden.

Auf Basis der SOEP-Daten liegt die Niedrigeinkommensschwelle im Jahr 2020 für einen Einpersonenhaushalt bei nominal 1343 Euro netto pro Monat.infoDie Niedrigeinkommensschwelle auf Basis des Mikrozensus im Jahr 2020 liegt bei 1124 Euro, diejenige auf Grundlage der Daten des deutschen Teils von EU-SILC für den gleichen Zeitpunkt bei 1300 Euro (siehe www.amtliche-sozialberichterstattung.de). Bei dem Vergleich der Angabe aus dem Mikrozensus ist zu beachten, dass im SOEP wie international üblich auch der Mietwert selbstgenutzten Wohneigentums zur Einkommensmessung herangezogen wird. Die Niedrigeinkommensquote ist seit Ende der 1990er Jahre von rund elf Prozent bis zum Jahr 2015 auf rund 16 Prozent deutlich gewachsen (Abbildung 9). Seitdem zeigen die verfügbaren Datenquellen zur Messung der Niedrigeinkommensquote ein uneinheitliches Bild. So beträgt am aktuellen Rand die Quote auf Grundlage des deutschen Teils von European Union Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC) 14,7 Prozent, über 16,7 Prozent mittels der Angaben aus dem Mikrozensus, bis hin zu 17,6 Prozent nach Angaben des SOEP.infoWährend die Niedrigeinkommensquote einen insgesamt steigenden Trend aufweist, verhält es sich mit der Gruppe der sogenannten Aufstocker*innen anders. Dies sind primär Erwerbstätige, deren Lohn nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, und die daher ergänzend Leistungen der Grundsicherung beziehen. Zudem zählt die Bundesagentur für Arbeit auch arbeitslose Erwerbsfähige hinzu, die zur Existenzsicherung sowohl Arbeitslosengeld als auch Bürgergeld beziehen. Hier zeigt sich, dass sich deren Zahl von rund 1,4 Millionen im Jahr 2010 auf 0,78 Millionen im Juni 2023 nahezu halbiert hat (online verfügbar, verschiedene Jahre). Bei der Interpretation ist zu beachten, dass unterschiedliche Datenquellen in einzelnen Jahren zu abweichenden Ergebnissen, im langen Trend aber zu vergleichbaren Befunden kommen.

Fazit: Zielgerichtete Förderung ausbauen

Die vorliegenden Daten beschreiben die langfristige Entwicklung der realen Stundenlöhne und bedarfsgewichteten realen Haushaltsnettoeinkommen in Deutschland. Betrachtet man die durchschnittlichen Niveaus, so kann ein positives Bild gezeichnet werden, da sowohl die Bruttostundenlöhne als auch die Haushaltsnettoeinkommen in der langen Frist real deutlich gewachsen sind. Insbesondere seit dem Jahr 2013 hellt sich das Bild stark auf. Bei den Löhnen geht dies mit einer erheblichen Verbesserung am unteren Rand der Verteilung einher. So ist der Niedriglohnsektor, bedingt durch den Mindestlohn und einer veränderten Lohnpolitik der Gewerkschaften, von einem Hoch mit annährend 24 Prozent auf zuletzt nur noch 15 Prozent stark geschrumpft. Lohnzuwächse führen aber nicht zwangsläufig zu steigenden Haushaltsnettoeinkommen aufgrund der hohen Transferentzugsraten bei Grundsicherungsbezug beziehungsweise hohen Abgaben bei anderen Erwerbstätigen. Die positive Lohnentwicklung wird durch die langfristig gestiegene Ungleichheit der Haushaltsnettoeinkommen getrübt. Denn die Schere zwischen dem untersten und dem obersten Einkommensdezil ist vor allem seit Beginn der 2000er Jahre deutlich auseinandergegangen. Entsprechend schwankt die aktuelle Niedrigeinkommensquote je nach Datenquelle zwischen 14,7 Prozent und 17,6 Prozent.

Will man die Ursachen der gestiegenen Niedrigeinkommensquote bekämpfen, so bedarf es unter anderem weiterhin einer verbesserten Integration von Zugewanderten in den Arbeitsmarkt. Hierzu zählen gezielte Förderprogramme zur Verbesserung der Sprachkenntnisse als auch der Abbau administrativer Hürden für eine Erwerbsaufnahme.infoSo wird beispielsweise Asylbewerber*innen, deren Antrag abgelehnt wurde, die aber eine Duldung erhalten haben, erst nach sechs Monaten Aufenthalt eine Beschäftigungserlaubnis gewährt. Darüber hinaus bedarf es gezielter Qualifizierung von jungen Erwachsenen ohne beruflichen Bildungsabschluss. Nach Angaben der amtlichen Statistik sind 16,3 Prozent der Menschen ab 15 Jahren ohne beruflichen Bildungsabschluss und befinden sich nicht in schulischer oder beruflicher Bildung.infoStatistisches Bundesamt (2023): Bevölkerung im Alter von 15 Jahren und mehr nach allgemeinen und beruflichen Bildungsabschlüssen nach Jahren (online verfügbar). Diese Personengruppe ist vielfach dauerhaft von Armut bedroht.

Letztlich ist das Instrument der Kindergrundsicherung zu nennen, denn die Niedrigeinkommensquote ist unter Kindern und Jugendlichen überdurchschnittlich hoch. Zwar ist davon auszugehen, dass mit diesem ab 2025 geltenden Instrument die Kinderarmut voraussichtlich reduziert werden kann, Sozialverbände halten das zur Verfügung stehende Geld aber bei weitem nicht für ausreichend, um Kinderarmut effektiv zu bekämpfen.infoVgl. Lisa Mayerhofer (2023): Kritik an Kindergrundsicherung: Armutsforscher fordert Abschaffung von Kinderfreibetrag. Frankfurter Rundschau vom 12. September (online verfügbar). Zudem ist an diesem Instrument zu kritisieren, dass zwar die monetären Transfers erhöht und der administrative Aufwand für die Eltern reduziert werden sollen, die dahinterliegenden Ursachen für die schlechte finanzielle Lage der Familien aber nicht angegangen werden.infoVgl. Markus Dettmer (2023): Mehr Geld ist nicht automatisch sozial. Spiegel online vom 24. August (online verfügbar) oder Nationale Armutskonferenz (2023): Gemeinsamer Appell des Ratschlags Kinderarmut – Juni 2023 (online verfügbar).

Markus M. Grabka

Direktorium SOEP und kommissarische Bereichsleitung in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel



JEL-Classification: D31;I31;J31
Keywords: Wages, working poor, Income inequality, poverty, SOEP
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2024-5-1

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