Ein Babyboomer-Soli für weniger Altersarmut

Blog Marcel Fratzscher vom 21. Juli 2025

Die Rente muss dringend reformiert werden. Eine Sonderabgabe für Wohlhabende im Ruhestand löst viele Probleme. Ohne die Jüngeren weiter zu belasten.

Die Alterung der Gesellschaft und der bevorstehende Ruhestand der Babyboomer-Generation sind kein Zukunftsszenario mehr – sie sind Realität und stellen schon heute eine akute sozialpolitische Herausforderung dar. Der demografische Wandel erschüttert die Fundamente der gesetzlichen Rentenversicherung und wirft eine zentrale Frage auf: Wer trägt die Kosten dieser strukturellen Veränderung – und wie lässt sich diese Belastung sozial gerecht, wirtschaftlich effizient und politisch tragfähig verteilen?

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 18. Juli 2025 auf ZEIT ONLINE in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Die bisherigen Maßnahmen der Rentenpolitik – kein höheres Renteneintrittsalter, deutlich steigende Renten und dadurch stark steigende Beitragssätze – verschieben die Last fast ausschließlich auf die jüngere Generation. Das mag kurzfristig fiskalisch bequem erscheinen, ist aber weder ökonomisch sinnvoll noch gesellschaftlich zukunftsfähig. Wenn wir Generationengerechtigkeit ernst nehmen, braucht es eine neue Logik der Verteilung: nicht mehr nur zwischen Jung und Alt, sondern auch innerhalb der älteren Generation von Reich zu Arm.

So ist der Vorschlag eines sogenannten Boomer-Solis zu verstehen, den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kürzlich vorgeschlagen hat. Diese Sonderabgabe wäre eine vielversprechende und innovative Reformoption, die sowohl aus ökonomischer als auch aus sozialpolitischer Perspektive überzeugt. Die Idee: Eine moderate Sonderabgabe auf sämtliche Alterseinkommen – also gesetzliche, betriebliche und private Renten, Beamtenpensionen, sonstige Versorgungsbezüge und gegebenenfalls auch Vermögenseinkommen im Ruhestand – soll gezielt höhere Rentenansprüche für Menschen mit niedrigen Alterseinkommen finanzieren. So lässt sich Altersarmut wirksam bekämpfen, ohne die erwerbstätige und jüngere Bevölkerung zusätzlich zu belasten.

Steigende Kosten und schwindende Sicherheit

Ein solcher Babyboomer-Soli wäre wirksamer als viele der derzeit diskutierten Reformansätze. Denn er setzt dort an, wo andere Konzepte an ihre Grenzen stoßen: bei der tatsächlichen Einkommensverteilung im Alter.

Während etwa eine progressive Rentenformel innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung ansetzt – etwa durch eine neue Bewertung von Entgeltpunkten und stärkere Belastung hoher Renten –, verfehlt sie häufig ihr Ziel. Denn hohe gesetzliche Renten bedeuten nicht automatisch hohe Alterseinkommen. Viele Wohlhabende im Ruhestand beziehen den Großteil ihres Einkommens aus privaten Vorsorgeprodukten, Kapitalerträgen oder Beamtenpensionen – Einkunftsarten, die im Umlagesystem der gesetzlichen Rente gar nicht erfasst werden.

Genau hier liegt der entscheidende Vorteil des Babyboomer-Solis: Er bezieht alle Alterseinkommen ein – und damit auch jene Gruppen, die bislang von Umverteilungsmaßnahmen weitgehend unberührt geblieben sind. Die Folge ist eine breitere Bemessungsgrundlage, die die Verteilungsgerechtigkeit verbessert.

Nicht nur auf die gesetzliche Rente blicken

Simulationen des DIW Berlin zeigen: Durch die Einbeziehung sämtlicher Alterseinkünfte lässt sich Altersarmut spürbar und nachhaltig senken – ohne die große Mehrheit der Ruheständler*innen übermäßig zu belasten. So sinkt etwa die Armutsrisikoquote bei Menschen über 65 Jahre um fast ein Viertel – von gut 18 auf knapp 14 Prozent. Gleichzeitig bleibt die finanzielle Belastung für wohlhabendere Ruheständlerinnen und Ruheständler moderat: Selbst wenn man Vermögenseinkommen einbezieht, liegt die durchschnittliche Abgabe bei den 20 Prozent der Haushalte mit dem höchsten Einkommen bei lediglich etwas über vier Prozent. Ein zumutbarer Beitrag – gemessen an dem damit erzielten sozialen Fortschritt.

Mittleres Einkommen würde kaum belastet

Zugleich zeigt sich: Haushalte mit mittleren Alterseinkommen werden kaum belastet, viele sogar entlastet. Die Maßnahme wirkt gezielt, vermeidet Überbelastung und stärkt die gesellschaftliche Akzeptanz.

Auch wirtschaftspolitisch ist der Babyboomer-Soli ein zukunftsweisender Vorschlag. Denn wer Altersarmut gezielt bekämpft, stärkt nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sondern auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage – gerade weil Menschen mit niedrigen Einkommen einen größeren Teil ihres Einkommens direkt konsumieren. Ein stabiles, als gerecht empfundenes Rentensystem schafft Vertrauen in die sozialen Sicherungssysteme. Und genau dieses Vertrauen ist die Grundlage für wirtschaftliche Teilhabe, gesellschaftlichen Zusammenhalt und langfristiges Wachstum.

Gerecht und pragmatisch

Zugleich ist der Babyboomer-Soli politisch und rechtlich deutlich einfacher umzusetzen als viele andere Reformideen. Während tiefgreifende Änderungen der Rentenformel verfassungsrechtlich heikel sind und oft nur mit langen Übergangsfristen greifen, kann eine solidarische Sonderabgabe über das Steuersystem schnell eingeführt und bei veränderter Lage flexibel angepasst oder zurückgenommen werden. Das macht den Babyboomer-Soli nicht nur gerechter, sondern auch pragmatischer als viele Alternativen.

Hinzu kommt: Eine solche Maßnahme würde endlich auch jene einbeziehen, die bislang kaum zur Finanzierung des demografischen Wandels beitragen.  Bisher lastet der demografische Druck fast ausschließlich auf den Erwerbstätigen: durch steigende Beiträge, sinkende Rentenniveaus und wachsende Steuerlasten. Das schwächt Arbeitsanreize, vertieft soziale Spaltungen und gefährdet das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Sozialstaats.

Es geht um die Zukunftsfähigkeit des Sozialstaats

Eine ausgewogene Verteilung der demografischen Lasten bedeutet, dass auch jene, die besonders vom wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsjahrzehnte profitiert haben, einen angemessenen Beitrag leisten. Die Babyboomer haben jahrzehntelang von soliden Renten, günstigen Wohnkosten, einem stabilen Arbeitsmarkt und einem starken Sozialstaat profitiert. Daher ist es jetzt dringend geboten, dass auch sie sich stärker an dessen Stabilisierung beteiligen.

Es geht nicht um die Schuldigen, sondern um Verantwortung

Dies ist keine Frage von Schuld oder Moral, sondern von Verantwortung und Weitsicht: Es geht um die Zukunftsfähigkeit unseres Sozialstaats, den Erhalt des Wohlstands und die Verteidigung des Generationenvertrags. Wer jetzt handelt, verhindert drastischere Maßnahmen in der Zukunft. Wer jetzt für eine faire und solidarische Lösung eintritt, stärkt die demokratische Legitimation unseres Systems – und damit auch die ökonomische und soziale Resilienz unseres Landes.

Es braucht Mut für eine nachhaltige Altersvorsorge

Der Babyboomer-Soli ist deshalb ein wirtschaftlich sinnvoller und generationengerechter Reformvorschlag. Ein Instrument, das Altersarmut reduziert, die Rentenfinanzierung stabilisiert, die junge Generation entlastet und gesellschaftliche Teilhabe im Alter stärkt; ein Baustein für mehr Wohlstand und Gerechtigkeit. Die neue Bundesregierung wäre gut beraten, diesen Weg mutig zu beschreiten. Die Zeit der kleinen Korrekturen ist vorbei. Jetzt braucht es Mut für eine nachhaltige Altersvorsorge – mit einer stärkeren Beteiligung der Babyboomer.

keyboard_arrow_up