Das Sicherheitsgefühl in Deutschland ist sozial und regional ungleich verteilt

DIW Wochenbericht 30 / 2025, S. 463-471

Anna Bindler, Hannah Walther

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  • Sicherheitsgefühl beeinflusst individuelles Verhalten, Lebensqualität, Konsumverhalten und kann politische Einstellungen sowie staatliches Handeln prägen
  • Kriminalitätsfurcht steht nicht nur im Zusammenhang mit realer Kriminalität, sondern kann auch unabhängig davon zunehmen, etwa in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche
  • Ältere Menschen, Frauen, Personen ohne Hochschulabschluss oder mit niedrigem Einkommen sorgen sicher eher um die Kriminalitätsentwicklung
  • Regional ist bei Kriminalität und Sicherheitsempfingen ein deutliches Nord-Süd-Gefälle erkennbar, wobei Menschen im Süden sich sicherer fühlen als im Norden
  • Medien und Politik sollten sachlich aufklären, damit Wahrnehmung von Kriminalität und tatsächliche Lage nicht auseinanderdriften

„Die Jahre, in denen sich Kriminalität und Kriminalitätsfurcht gegenläufig entwickelten, fielen zusammen mit gesellschaftlichen Veränderungen. Das ist die Zeit der Fluchtzuwanderung 2015/16, aber auch ein Zeitraum mit vielen Terroranschlägen in Europa. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass das Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung gestiegen ist.“ Anna Bindler

Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung ist gesellschaftlich hoch relevant: Es beeinflusst individuelles Verhalten, Lebensqualität, Konsumverhalten und kann politische Einstellungen sowie staatliches Handeln prägen. Mithilfe von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und des Gleichwertigkeitsberichts der Bundesregierung 2024 werden die Entwicklung sowie die regionale und gesellschaftliche Verteilung des Sicherheitsempfindens in Deutschland analysiert. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Kriminalitätsfurcht nicht nur mit realer Kriminalität zusammenhängt, sondern unabhängig davon zunehmen kann. Das zeigt sich zum Beispiel in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche. Regional ist ein deutliches Nord-Süd-Gefälle erkennbar: Kriminalität ist im Süden geringer und die Menschen fühlen sich dort sicherer als im Norden. Sozial ungleich verteilt zeigt sich Kriminalitätsfurcht besonders bei vulnerablen Gruppen: Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich tendenziell unsicherer. Junge Menschen, Männer, Personen mit Hochschulabschluss oder höherem Einkommen machen sich weniger Sorgen um die Kriminalitätsentwicklung. Um zu vermeiden, dass subjektive Wahrnehmung von Kriminalität und faktische Sicherheitslage auseinanderdriften, sollte eine verantwortungsvolle Berichterstattung und ein sachlicher Diskurs angestrebt werden. Medien und Politik sollten zur Aufklärung beitragen, statt Ängste zu verstärken.

Kriminalität verursacht erhebliche Kosten. Internationale Studien beziffern die gesamtwirtschaftlichen Kosten in den USA auf bis zu zehn, in Europa auf vier bis sieben Prozent des Bruttoinlandproduktes.infoDavid A. Anderson (2012): The Cost of Crime. Foundations and Trends in Microeconomics, 7(3), 209–265; Horst Entorf und Alexander Schulan (2018): Kosten-Nutzen-Analyse in der Kriminalprävention. In: Maria Walsh et al. (Hrsg.): Evidenzorientierte Kriminalprävention in Deutschland: Ein Leitfaden für Politik und Praxis, Wiesbaden (online verfügbar, abgerufen am 28. Juni 2025. Dies gilt auch für alle anderen Onlinequellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Gesellschaftliche Kosten von Kriminalität gehen aber darüber hinaus: Neben materiellen Schäden und Folgen für die Opfer beeinflusst Kriminalität auch das subjektive Sicherheitsgefühl.infoAnna Bindler, Nadine Ketel und Randi Hjalmarsson (2020): Costs of Victimization. In: Dave Marcotte and Klaus Zimmermann (Hrsg.): Handbook of Labor, Human Resources and Population Economics. Springer, Cham. Verschiedene Umfragen zeigen, dass dieses in Deutschland in den letzten Jahren gesunken ist.infoAnna Bindler (2025): Mehr Sicherheit durch Prävention: Wie Bildung, Arbeit und soziale Stabilität Kriminalität verringern. DIW aktuell Nr. 108 (online verfügbar). Diese Entwicklung prägt auch die politische Debatte. Im Bundestagswahlkampf 2025 wurden Kriminalität und innere Sicherheit stark thematisiert und spielen weiterhin eine große Rolle, unter anderem im Kontext der Migrationspolitik.

Inwieweit spiegeln die Sorgen vor Kriminalität die faktische Sicherheitslage im Land wider? Vor zehn Jahren beschäftigten sich schon einmal Wissenschaftler*innen des DIW Berlin mit dieser Frage.infoMathias Bug, Martin Kroh und Kristina Meier (2015): Regionale Kriminalitätsbelastung und Kriminalitätsfurcht – Befunde der WISIND-Studie. DIW Wochenbericht Nr. 12, 259–269 (online verfügbar). Der Bericht umfasst eine nach Deliktschwere gewichtete Kriminalitätsbelastung und Dunkelfeldbereinigung. Die Annahme, Angst vor Kriminalität sei in vielen Regionen irrational und entspreche nicht der Sicherheitslage vor Ort, konnten die Forscher*innen damals nicht bestätigen. In ihrem Bericht dokumentierten sie einen deutlichen statistischen Zusammenhang zwischen regionaler Kriminalitätsbelastung und Kriminalitätsfurcht. Seit 2015 haben sich jedoch viele gesellschaftliche Veränderungen ergeben, die sich auf die Wahrnehmung von Kriminalität (und Kriminalität selbst) ausgewirkt haben können.

Der vorliegende Bericht beschreibt das gesellschaftliche und persönliche Sicherheitsempfinden in Deutschland. Mithilfe von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und des Gleichwertigkeitsberichts der Bundesregierung 2024 (GWB) untersucht er die Entwicklung sowie regionale Unterschiede im Sicherheitsempfinden im Vergleich zur tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung. Er zeigt, wie ungleich das Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft verteilt ist, und diskutiert die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung dieser Ergebnisse.

Kriminalitätsfurcht hat verschiedene Dimensionen

Bei der Analyse von Kriminalitätsfurcht wird zwischen sozialer und personaler Kriminalitätsfurcht unterschieden. Soziale Kriminalitätsfurcht beschreibt die Sorge um Kriminalität als gesellschaftliches Problem, aber geht nicht zwingend mit einer eigenen Betroffenheit einher. Sie kann außerdem persönliche Einstellungen zu Polizei, Strafverfolgung oder Justiz beinhalten.infoChristoph Birkel et al. (2022): Sicherheit und Kriminalität in Deutschland – SKiD 2020. Bundesweite Kernbefunde des Viktimisierungssurvey des Bundeskriminalamts und der Polizeien der Länder. Wiesbaden (online verfügbar).  Um sie zu messen, werden Personen beispielsweise nach ihren Sorgen über die Kriminalitätsentwicklung und zu ihren Einstellungen zur Sicherheit befragt, so wie im SOEP (Kasten 1). Personale Kriminalitätsfurcht beschreibt hingegen die Angst, persönlich betroffen zu sein:infoBirkel et al. (2022), a.a.O. Sie zeigt sich in der Angst vor Kriminalität (affektive Ebene), in der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden (kognitive Ebene), oder im Verhalten, das dieses Risiko reduzieren soll (konative Ebene).infoKlaus Boers (1994): Kriminalität und Kriminalitätsfurcht im sozialen Umbruch. Neue Kriminalpolitik, 6(2), 27–31 (online verfügbar).  Auch sie wird über Befragungen erfasst, so zum Beispiel in der repräsentativen Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ (SKiD)infoBirkel et al. (2022), a.a.O. oder der GWB-Befragung (Kasten 1). Die Teilnehmenden beantworten Fragen wie: „Wie sicher fühlen Sie sich, wenn Sie abends allein in Ihrer Nachbarschaft unterwegs sind?“ oder „Wie sicher fühlen Sie sich in Ihrer Wohnumgebung insgesamt?“

Im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), der größten und am längsten laufenden Langzeitpanelstudie Deutschlands, wird seit 1994 die Sorge vor der Kriminalitätsentwicklung in Deutschland abgefragt. Dabei wird die soziale Kriminalitätsfurcht anhand der Frage „Wie ist es mit den folgenden Gebieten – machen Sie sich da Sorgen?“ bezogen auf „Über die Entwicklung der Kriminalität in Deutschland“ erhoben. Die Befragten können mit „große Sorgen“, „einige Sorgen“ sowie „keine Sorgen“ antworten. Es wurde in diesem Bericht der Anteil untersucht, der sich „große Sorgen“ macht (Abbildungen 1, 2 und 7).

Der Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung 2024 (GWB), herausgegeben vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), untersucht die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in deutschen Regionen. Er basiert auf einer repräsentativen Befragung von über 30000 Bürger*innen, die 2023 durchgeführt wurde. Anhand der Frage „Wie sicher fühlen Sie sich in Ihrer Wohnumgebung insgesamt?“ und den Antwortmöglichkeiten „Sehr sicher“, „Eher sicher“, „Eher nicht sicher“, „Gar nicht sicher“ und „Weiß nicht“ wird die personale Kriminalitätsfurcht erfasst.  Die Angaben wurden mit Werten von 0 bis 3 kodiert; höhere Werte bilden ein höheres Gefühl von Sicherheit ab. Es wurden die Werte auf einer Skala von 0 bis 1 normiert, sodass ein Wert von 0 im Vergleich volles Unsicherheitsempfinden und von 1 volles Sicherheitsempfinden bedeutet (Abbildungen 3, 4 und 5). Für Abbildungen 3 und 4 wurden sie vorher regional gemittelt. Die Befragung zum GWB umfasste zudem die Frage „Wenn man einmal die Lebensqualität in den unterschiedlichen Regionen in Deutschland vergleicht: Welche der folgenden Aspekte sind Ihnen hierfür besonders wichtig? Sie können bis zu drei Aspekte angeben“. „Sicherheit vor Kriminalität“ war eine der Auswahlmöglichkeiten. Die Antworten wurden kodiert als 3–Wichtigste, 2–Zweitwichtigste, 1–Drittwichtigste, 0–Nicht genannt. Es wurde daraus eine binäre Variable kodiert, die angibt, ob „Sicherheit vor Kriminalität“ ausgewählt wurde (Abbildung 6).

Im monatlichen Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen wird die Frage „Fühlen Sie sich durch die Kriminalität bei uns bedroht?“ regelmäßig gestellt. Befragte können mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. Die Frage wurde nicht in jedem Monat erhoben und die Anzahl an Beobachtungen pro Monat ist teilweise klein, sodass Antworten monatlich gewichtet und jährlich gemittelt wurden.

Kriminalitätsfurcht korreliert in Deutschland teilweise mit der Kriminalitätsentwicklung

Inwieweit korrelieren soziale und personale Kriminalitätsfurcht mit polizeilich erfasster Kriminalität?infoFür diesen Bericht liegen keine aktuellen Zahlen aus Dunkelfeldstudien vor. Die derzeit aktuellen Zahlen beziehen sich auf 2019/2020. Neue Zahlen der Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts werden im Laufe des Jahres 2025 erwartet. Ein Vergleich methodischer Ansätze mit Gewichtung und Dunkelfeldbereinigung kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Bug, Kroh und Meier (2015), a.a.O. Diese Frage hat zwei Dimensionen: die Entwicklung über die Zeit und die regionale Verteilung der Variablen.

Die Korrelation zwischen sozialer Kriminalitätsfurcht und Kriminalitätsraten schwankt

Seit der Jahrtausendwende sinkt die Zahl der Straftaten, die in der Polizeilichen Kriminalstatistik berichtet werden, relativ zur Bevölkerungsgröße tendenziell (Kasten 2). Bis 2004 nahm die Kriminalitätsrate leicht zu, fiel dann bis 2010 und blieb bis 2014 auf diesem Niveau (Abbildung 1). Während der Fluchtzuwanderung 2015/16 stieg sie kurzfristig an. Zieht man von den Gesamtstraftaten jedoch Verstöße gegen das Aufenthalts-, Asylverfahrens- und Freizügigkeitsgesetz ab (zum Beispiel unerlaubter Aufenthalt), zeigt sich in diesem Zeitraum kein Anstieg der Kriminalität. Von 2017 bis 2021 sank die Rate wieder und erreichte mit 6070 Fällen pro 100000 Einwohner*innen einen Tiefstand. Nach dem längeren Abwärtstrend steigen die Zahlen seit 2022 wieder an.infoDieser Anstieg folgt der Zeit der Kontaktbeschränkungen während der Pandemie und kann teilweise durch zeitliche Verschiebungen von Kriminalität („Nachholeffekte“) erklärt werden. Vgl. Christoph Nägel und Clemens Kroneberg (2023): Zum Anstieg der Kinder- und Jugenddelinquenz nach Ende der COVID-19-Pandemie. Kriminologie – Das Online-Journal 3, 182–207 (online verfügbar).

Die Datengrundlage für die Kriminalitätsentwicklung bildet die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS).infoPolizeiliche Kriminalstatistik (PKS), Bundeskriminalamt (online verfügbar). Betrachtet werden die Straftatengruppen „Straftaten insgesamt“, „Straftaten insgesamt, jedoch ohne Verstöße gegen das Aufenthalts-, das Asylverfahrens- und das Freizügigkeitsgesetz/EU“, „Straßenkriminalität“ (zum Beispiel Diebstahl an/aus Kraftfahrzeugen, Taschendiebstahl) und „Gewaltkriminalität“ (zum Beispiel Raub, Körperverletzung).infoFür Details siehe Übersicht Summenschlüssel 2024 der PKS (online verfügbar). Dabei werden Häufigkeitszahlen verwendet (Zahl der Straftaten pro 100000 Einwohner*innen). Zur besseren Vergleichbarkeit von Kriminalitätsbelastung und -furcht wurden die Häufigkeitszahlen auf einer Skala von 0 (niedrigste Belastung) bis 1 (höchste Belastung) normiert. Die Kriminalitätsbelastung bezieht sich auf das Hellfeld (der Polizei bekannte Fälle) ohne Gewichtung verschiedener Tatbestände.infoZur Interpretation der PKS vgl. Anna Bindler (2025): Polizeiliche Kriminalitätsstatistik muss mit Vorsicht gelesen werden. DIW Statement (online verfügbar).

Dem insgesamt langfristig rückwärtsläufigen Trend steht die Entwicklung der sozialen Kriminalitätsfurcht, basierend auf SOEP-Daten, entgegen. Während sich im Jahr 2000 rund 54 Prozent der Befragten große Sorgen über Kriminalität machten, waren es 2013 nur noch 31 Prozent. Ab 2014 stieg die soziale Kriminalitätsfurcht deutlich an und erreichte 2016 mit 47 Prozent fast das Niveau von 2000. Nach 2017 nahm sie zwar wieder ab, stieg jedoch ab 2021 erneut an. Im Jahr 2023 gaben 38 Prozent an, sich große Sorgen über die Kriminalitätsentwicklung zu machen.

Die Entwicklung in der sozialen Kriminalitätsfurcht läuft teils parallel, teils entgegen der Entwicklung der Gesamtstraftaten pro 100000 Einwohner*innen (Abbildung 1). Bis 2013 korrelierten beide Variablen stark positiv. Ab 2014 stieg die soziale Kriminalitätsfurcht jedoch, während die Kriminalitätsrate sank. Das bedeutet, dass von 2014 bis 2017 die Korrelation stark negativ war.infoDie Aussage bezieht sich auf Gesamtstraftaten ohne ausländerrechtliche Verstöße, die im Regelfall nicht mit Gefährdungen einzelner Personen einhergehen. Seit 2018 korrelieren soziale Kriminalitätsfurcht und Kriminalitätsraten wieder positiv. Der Zeitraum, in dem sie gegenläufig sind, fiel in eine Phase großer gesellschaftlicher Veränderungen, geprägt durch die Fluchtzuwanderung 2015/16, aber auch mehrerer Terroranschläge in Europa. Diese können sich, unter anderem durch die mediale Berichterstattung, verstärkt auf das Sicherheitsempfinden in Deutschland ausgewirkt haben – auch wenn die Kriminalitätsraten nicht stiegen.infoVgl. Olivier Marie und Paolo Pinotti (2024): Immigration and Crime: An International Perspective. Journal of Economic Perspectives, 38(1), 181–200 (online verfügbar).

Die Gesamtkriminalität umfasst eine Vielzahl an Straftaten mit unterschiedlichen Schweregraden, von denen einige mehr, andere weniger relevant für das Sicherheitsgefühl sein können. Potenziell besonders relevant sind Straßen- und Gewaltkriminalität (Kasten 2). Straßenkriminalität nahm seit der Jahrtausendwende deutlich ab (Abbildung 2). Auch hier zeigt sich zwischen 2014 und 2017 eine starke negative Korrelation mit sozialer Kriminalitätsfurcht. Die Gewaltkriminalität hingegen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Die Korrelation mit sozialer Kriminalitätsfurcht blieb durchgängig positiv, schwankte aber in der Stärke und ist ab 2018 nur noch moderat ausgeprägt. Obwohl Gewaltkriminalität 2024 nur 3,7 Prozent der Straftaten ausmachte, ist sie jedoch im öffentlichen Diskurs stark präsent und verursacht hohe Kriminalitätskosten.infoBindler, Hjalmarsson und Ketel (2020), a.a.O.

Kriminalität und Sicherheitsgefühl sind regional unterschiedlich verteilt

Die Korrelation zwischen Kriminalitätsfurcht und tatsächlicher Kriminalität wird nicht nur über die Zeit, sondern auch in ihrer räumlichen Verteilung untersucht. Dies ist insbesondere für die personale Kriminalitätsfurcht relevant, die sich nicht auf bundesweite Entwicklungen, sondern auf das persönliche Sicherheitsempfinden bezieht. Das anhand der GWB-Daten berechnete Sicherheitsempfinden in der eigenen Wohnumgebung variiert deutlich je nach Region (Abbildung 3). Auffällig ist ein Nord-Süd-Gefälle: Im Süden Deutschlands fühlen sich die Menschen sicherer als im Norden. Ein ähnliches Gefälle ergibt sich bei der regionalen Kriminalitätsbelastung, gemessen an der Gesamtkriminalität ohne ausländerrechtliche Verstöße. Dieses Nord-Süd-Gefälle war schon vor zehn Jahren bei Kriminalitätsfurcht und Kriminalitätsbelastung sichtbar.infoBug, Kroh und Meier (2015), a.a.O.

Wie bei der zeitlichen Entwicklung der sozialen Kriminalitätsfurcht korreliert das personale Sicherheitsgefühl teilweise mit der regionalen Kriminalitätsbelastung. Insgesamt zeigt sich eine moderat ausgeprägte negative Korrelation. Das bedeutet, dass Regionen mit weniger Kriminalität tendenziell ein höheres Sicherheitsgefühl aufweisen, aber dieser Zusammenhang nur moderat ausgeprägt ist. Dabei gibt es regionale Unterschiede (Abbildung 4): Viele Kreise mit einem hohen Sicherheitsgefühl haben auch eine geringe Kriminalitätsbelastung. Auffallend ist jedoch, dass das Sicherheitsgefühl in vielen Großstädten trotz höherer Kriminalitätsbelastung im mittleren Bereich liegt. Das legt nahe, dass Kriminalitätsfurcht und -belastung zwar zusammenhängen, letztere aber nicht allein das Sicherheitsempfinden bestimmt.infoZur Problematik des Dunkelfelds vergleiche Fußnote 9.

Kriminalitätsfurcht ist gesellschaftlich ungleich verteilt

Nicht alle Menschen sind gleichermaßen von Kriminalität betroffen. Das Risiko, Opfer von Kriminalität zu werden, variiert nach demografischen und sozio-ökonomischen Merkmalen.infoBindler, Hjalmarsson und Ketel (2020), a.a.O.; Anna Bindler et al. (2024): Discontinuities in the age-victimisation profile and the determinants of victimization. Economic Journal, 134(657), 95–134 (online verfügbar). Aber nicht nur die objektive Wahrscheinlichkeit, Kriminalität zu erfahren, sondern auch die subjektiv wahrgenommene Kriminalitätsfurcht korreliert mit diesen sozio-ökonomischen Faktoren. Mithilfe von Regressionsmodellen kann dieser Zusammenhang zwischen individuellen Merkmalen und dem personalen Sicherheitsempfinden, der Einstellung zur Wichtigkeit von Sicherheit vor Kriminalität und der sozialen Kriminalitätsfurcht untersucht werden (Kasten 3). Die Ergebnisse lassen zwar keine kausalen Schlüsse zu, geben aber Aufschluss über die Verteilung des Sicherheitsempfindens in der Bevölkerung.

Der Zusammenhang zwischen Sicherheitsgefühl und sozio-ökonomischen Variablen wurde mit Regressionsanalysen erfasst. Dabei wurde das jeweilige Maß des Sicherheitsgefühls auf entsprechende Variablen regressiert. Der geschätzte Koeffizient spiegelt den Unterschied im Sicherheitsempfinden zur Referenzgruppe wider. Die Variablen (und Referenzgruppen) sind: unter 30 oder über 60 Jahre (30 bis 60 Jahre), Männer (Frauen), Hochschulabschluss (kein Hochschulabschluss), SOEP: Einkommen ≥ Median Nettoerwerbseinkommen (Einkommen<Median), GWB: Haushaltsnettoeinkommen ≥ 3000 Euro/Monat (<3000 Euro/Monat), Unternehmer*innen (andere ausgeübte Tätigkeit), Migrationshintergrund (kein Migrationshintergrund). Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Die Koeffizienten der GWB-Regressionen wurden mit Fixed Effekten auf Kreisebene um regionale Unterschiede bereinigt. Das heißt, es wurde die Korrelation der sozio-ökonomischen Charakteristika mit Sicherheitsempfinden innerhalb eines Landkreises untersucht. Somit konnten Unterschiede in Einkommen, Altersstruktur zwischen den Landkreisen konstant gehalten werden.

Junge Menschen unter 30 Jahren haben zwar im Durchschnitt ein höheres Risiko, Opfer zu werden, fühlen sich in ihrer Wohngegend aber sicherer als 30- bis 60-Jährige (Abbildung 5). Über 60-Jährige und unter 30-Jährige nennen Sicherheit vor Kriminalität im Vergleich zu anderen Faktoren signifikant weniger oft als einen der drei wichtigsten regionalen Faktoren als Menschen im mittleren Alter (Abbildung 6). Für die über 60-Jährigen steht beispielsweise „Gute Gesundheits- und Pflegeversorgung“ an erster Stelle. Der Geschlechterunterschied beim Sicherheitsgefühl ist klein (Abbildung 5). Allerdings bewerten Männer im Vergleich zu Frauen im Durchschnitt „Sicherheit vor Kriminalität“ häufiger als wichtigen regionalen Faktor. Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich in ihrer Wohngegend unsicherer und messen der Sicherheit eine höhere Bedeutung bei als Personen ohne Migrationshintergrund.infoDie Erkenntnisse decken sich mit früheren Ergebnissen. In der Dunkelfeldstudie SKiD 2020 zeigte sich bei Menschen mit Migrationshintergrund hinsichtlich vieler Straftaten eine signifikant höhere affektive Kriminalitätsfurcht. Menschen mit Migrationshintergrund haben beispielsweise eine wesentlich höhere Furcht vor Vorurteilskriminalität, vgl. Birkel et al. (2022), a.a.O.

Auch sozio-ökonomische Merkmale spielen eine Rolle: Menschen mit Hochschulabschluss fühlen sich sicherer und schätzen das Thema weniger wichtig ein als Personen ohne Hochschulabschluss. Unternehmer*innen wiederum stufen Sicherheit häufiger als wichtig ein als der Rest der Bevölkerung. Personen aus Haushalten mit höherem Nettoeinkommen berichten von einem stärkeren Sicherheitsgefühl als solche mit niedrigeren Haushaltseinkommen. Dies kann mit unterschiedlichen Lebensumständen zusammenhängen, aber auch damit, wie hoch das tatsächliche Kriminalitätsrisiko vor Ort ist.

Die SOEP-Daten erlauben es auch, die Verteilung der sozialen Kriminalitätsfurcht zu untersuchen (Kasten 3). Männer, Personen unter 30 Jahren, Menschen mit Migrationshintergrund, mit Hochschulabschluss oder mit einem höherem Nettoerwerbseinkommen sorgen sich durchschnittlich weniger über die Kriminalitätsentwicklung (Abbildung 7). Über 60-Jährige hingegen haben eine signifikant höhere soziale Kriminalitätsfurcht. Obwohl Männer und junge Menschen ein höheres Risiko haben, Opfer einer Straftat zu werden, ist die soziale Kriminalitätsfurcht bei Frauen und älteren Menschen stärker ausgeprägt.infoDieses Phänomen wird auch als Kriminalitätsfurcht-Paradox bezeichnet. Vgl. Informationen auf SozTheo.de – Soziologie & Kriminologie. Bei den Geschlechterunterschieden liegt die soziale Kriminalitätsfurcht von Frauen schon seit der ersten Abfrage im SOEP (1994) über dem Wert der Männer. Vgl. Theresa M. Entringer und Laura Buchinger (2024): Subjektives Wohlbefinden und Sorgen. Sozialbericht 2024: Ein Datenreport für Deutschland (online verfügbar). Dieser scheinbare Gegensatz lässt sich durch die höhere Verletzlichkeit dieser Gruppen plausibel erklären. Auch kann Kriminalitätsfurcht zu Vermeidungsverhalten führen, das das Risiko, Opfer zu werden, senkt.

Sicherheitsgefühl ist ökonomisch und politisch relevant

Studien dokumentieren die gesellschaftliche Relevanz von Kriminalitätsfurcht. Im privaten Leben kann sie etwa die Lebensqualität mindern, private Ausgaben für Sicherheit erhöhen, aber auch zu veränderten Routinen und Aktivitäten führen, die sich auch auf die Arbeitsmarktteilhabe auswirken.infoExistierende Studien zeigten beispielsweise im US-Kontext schon früh, dass Menschen ihr Arbeitsmarktverhalten in dem Sinne an lokale Kriminalität anpassen, dass sie weniger abends und nachts arbeiten. Die daraus resultierenden wirtschaftlichen Kosten wurden auf zwischen vier und zehn Milliarden US-Dollar geschätzt. Daniel S. Hamermesh (1999): Crime and Timing of Work. Journal of Urban Economics, 45(2), 311–330 (online verfügbar). Im öffentlichen Bereich kann ein geringeres Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung zu höheren staatlichen Ausgaben führen (um dem entgegenzuwirken), aber auch den sozialen Zusammenhalt schwächen und die politische Meinungsbildung beeinflussen.infoBindler, Hjalmarsson und Ketel (2020), a.a.O. Die gesellschaftliche und ökonomische Relevanz von Sicherheit und Sicherheitsempfinden spiegelt sich auch in den hier untersuchten Daten wider: Im Gleichwertigkeitsbericht nannten etwa 13 Prozent der Befragten Sicherheit vor Kriminalität als einen von drei besonders wichtigen Faktoren für die Lebensqualität in den Regionen Deutschlands. Mehr Zustimmung fanden nur die Themen bezahlbarer Wohnraum und gute Gesundheits- und Pflegeversorgung. Bei Unternehmer*innen war Sicherheit vor Kriminalität mit 16 Prozent der am häufigsten genannte Faktor. Diese Zahl deutet darauf hin, dass das Sicherheitsgefühl auch für den Wirtschaftsstandort entscheidend ist.infoVgl. Anna Bindler et al. (2025): Sondervermögen allein reichen nicht – Fünf dringende Maßnahmen für den Standort Deutschland. DIW aktuell Nr. 112 (online verfügbar).

Auch in der politischen Meinungsbildung spielt Kriminalität eine Rolle. Daten des Politbarometers der Forschungsgruppe Wahlen veranschaulichen (Kasten 1): Das Gefühl, durch Kriminalität bedroht zu sein, variiert stark nach Wahlabsicht der Befragten (Abbildung 8). Bei Anhänger*innen von CDU/CSU, SPD und Die Linke schwankt der Anteil der Besorgten in den vergangenen 20 Jahren meist zwischen 20 und 40 Prozent, folgt aber einem ähnlichen Trend. Auffällig ist, dass zwei Parteien von diesem Trend abweichen: Bei Anhänger*innen der Grünen ist die Kriminalitätsfurcht weniger stark ausgeprägt und liegt mit wenigen Ausnahmen unter 20 Prozent. Dagegen ist bei denen der AfD die Kriminalitätsfurcht viel stärker ausgeprägt: Im Jahr 2023 fühlen sich über 60 Prozent von ihnen von Kriminalität bedroht. Diese Zahlen lassen keine Rückschlüsse zu, ob politische Meinungen sich kausal aus Kriminalitätsfurcht ergeben. Sie verdeutlichen aber die politische Relevanz des Themas und die unterschiedlichen Wahrnehmungen in der Bevölkerung.

Fazit: Kriminalitätsfurcht ernst nehmen und sachlich aufklären

Es zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Kriminalitätsfurcht und Kriminalitätsraten über die Zeit schwankt. Die Ergebnisse bekräftigen die Schlussfolgerungen einer Studie des DIW Berlin von vor zehn Jahren, dass Kriminalitätsfurcht in manchen Jahren positiv mit Kriminalität korreliert.infoBug, Kroh und Meier (2015), a.a.O. Sie zeigen aber auch, dass gerade in Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen und Vorkommnisse Kriminalitätsfurcht unabhängig vom Kriminalitätsaufkommen zunehmen kann. Darüber hinaus sieht man eine regionale Ungleichheit beim Sicherheitsempfinden. Diese korreliert mit der Verteilung der Kriminalitätsbelastung, aber nicht perfekt. Auch gesellschaftlich ist Kriminalitätsfurcht ungleich verteilt und betrifft in vielerlei Hinsicht vor allem vulnerable Gruppen.

Die Analysen in diesem Bericht zeigen Korrelationen und beschreibende Zusammenhänge auf. Zukünftige Forschung sollte kausale Zusammenhänge untersuchen, um evidenzbasiertes Handeln zu ermöglichen. Dafür ist auch eine verbesserte Datenlage notwendig, zum Beispiel durch eine jährliche Dunkelfeldbefragung – so wie in anderen europäischen Ländern.infoIn Deutschland gibt es seit 2020 bereits die bundesweite Dunkelfeldbefragung „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland (SKiD)“. Sie soll langfristig alle zwei Jahre durchgeführt werden. Siehe Projektbeschreibung SKiD des BKA (online verfügbar). Das würde es ermöglichen, die Entwicklungen von Kriminalität (inklusive Dunkelfeld) und Sicherheitsempfinden in Deutschland systematisch über die Zeit hinweg zu analysieren. Angesichts der ökonomischen und politischen Relevanz ist dies wichtig. Schon jetzt lassen sich aber Schlüsse für Politik und Gesellschaft ableiten: Gerade in Zeiten großer Veränderungen braucht es eine sachliche und transparente Kommunikation, damit subjektive Wahrnehmung von Kriminalität und faktische Sicherheitslage nicht auseinanderdriften. Auf der einen Seite kommt den Medien hier eine wichtige Rolle zu: Untersuchungen zeigen zum Beispiel, dass zu Gewalt- oder Sexualdelikten überproportional oft berichtet wird und dass Wahrnehmungen von Kriminalität von der Art der Berichterstattung geprägt sind.infoEric van Um, Michael Huch und Mathias Bug (2015): Lokale Kriminalitätsberichterstattung: Abbild oder Zerrspiegel von Kriminalität? DIW Wochenbericht Nr. 12, 288–294 (online verfügbar); Sekou Keita, Thomas Renault und Jérôme Valette (2024): The Usual Suspects: Offender Origin, Media Reporting and Natives’ Attitudes Towards Immigration. The Economic Journal, 134(657), 322–362 (online verfügbar). Auf der anderen Seite sollte die Politik einen sachlichen Diskurs anstreben, der auf Fakten und Aufklärung setzt und keine unnötigen Ängste und Verunsicherungen auslöst. Dabei ist es wichtig, kurzfristige Kriminalitätsentwicklungen zu kommunizieren und zu diskutieren. Allerdings sollte dies transparent und im Kontext der langfristigen Trends passieren. Letztendlich ist aber natürlich auch eine Sicherheits- und Kriminalpolitik entscheidend, die Prävention und effektive Strafverfolgung kombiniert, um Kriminalität nachhaltig zu reduzieren und das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung zu stärken.

Anna Bindler

Abteilungsleiterin in der Abteilung Kriminalität, Arbeit und Ungleichheit



JEL-Classification: K42;K14;R19;J10
Keywords: crime, crime perceptions, public security, regional inequality, social inequality
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-30-1

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