Rente: Panik und Realität

Medienbeitrag vom 2. September 2025

Die rentenpolitische Debatte ist seit Jahren von Schwarz-Weiß-Denken, Alarmismus und moralischen Schlagworten geprägt. Das erschwert eine nüchterne Auseinandersetzung mit den realen Herausforderungen, die der Renteneintritt der Babyboomer unweigerlich mit sich bringt. Prognosen aus dem Rentenversicherungsbericht 2011 sagten für 2025 einen Beitragssatz von 20,9 Prozent und ein Rentenniveau von 46,2 Prozent voraus – beides ist nicht eingetreten. Auch die oft behauptete zunehmende Finanzierung der gesetzlichen Rente durch Steuern existiert so nicht: Der Bundesanteil an den Rentenausgaben liegt seit Jahren stabil bei rund 30 Prozent, ebenso der Anteil der Rentenausgaben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung bei gut neun Prozent. Die Quote der Grundsicherungsempfänger im Alter ist mit etwas mehr als drei Prozent niedrig, das Altersarmutsrisiko stagniert seit 2014 auf Durchschnittsniveau.

Dieser Gastbeitrag von Johannes Geyer und Peter Haan erschien am 2. September 2025 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ).

Die positive Entwicklung hat mehrere Gründe: Reformen wie die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, ein abgesenktes Rentenniveau und weniger Frühverrentung haben gegriffen. Zudem zahlen heute deutlich mehr Menschen Rentenbeiträge – vor allem Ältere, Frauen und Zugewanderte. Die Lebenserwartung steigt langsamer als früher. Selbst teure Projekte wie die Mütterrente oder die Rentenangleichung Ost konnten ohne Beitragserhöhung finanziert werden. Die Rente ist also kein „Fass ohne Boden“. Hohe Steuerzuschüsse sind kein Alarmzeichen, sondern spiegeln auch Leistungen wider, die nicht aus Beiträgen finanziert werden sollen, weil sie ein gesamtgesellschaftliches Anliegen sind.

Trotzdem ist längst nicht alles gut bei der Rente, es wurden auch Fehler gemacht. Die Politik hat es versäumt, die langfristige Perspektive der Rente in den Fokus zu rücken. Viele Reformen erhöhen die Ausgaben dauerhaft. Und die demographische Entwicklung wirft ihre Schatten voraus: Vermutlich 2028 muss der Beitragssatz Richtung 20 Prozent angehoben werden. Die Rentenversicherung wird dann Jahr für Jahr mit dem Risiko eines steigenden Beitragssatzes umgehen müssen, und ihre Leistungen werden unter erheblichen Rechtfertigungsdruck kommen.

Versäumt wurde auch ein Neustart bei der ergänzenden Altersvorsorge. Fast 40 Prozent der Beschäftigten verfügen weder über eine betriebliche noch eine private Alterssicherung – der Anteil dieser Personen wächst seit Jahren. Diejenigen, die eine besitzen, haben oft schlecht verzinste Verträge, die nur einen beschränkten Beitrag zur Alterssicherung leisten können. Bisher gibt es keinen konkreten Plan, wie man den absehbaren Risiken bei der Rente vorbeugt. Sie steht zwar deutlich besser da, als sie vielfach gemacht wird. Aber mit dem Renteneintritt der Babyboomer nehmen die Herausforderungen deutlich zu. Damit ist die Rente nicht allein. Beitragssatzsteigerungen wird es auch im Gesundheits- und Pflegebereich geben. Bei Pflege- und Krankenversicherung sind die Herausforderungen mindestens genauso groß: Seit die Rücklagen der Krankenkassen aufgebraucht sind, steigt der Beitragssatz deutlich. Die Leistungsausweitungen bei der Pflege werden weitestgehend durch steigende Beiträge und private Zuzahlungen finanziert. Beitragssatzerhöhungen bei der Rente können also nicht isoliert betrachtet werden.

Warum die Rente besser ist als ihr Ruf – und wo die echten Baustellen liegen.

Für die Rente kommt es darauf an, den Kreis der Einzahlenden hochzuhalten und die Produktivitätsentwicklung zu verbessern. Priorität sollten die Förderung der Zuwanderung, die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren sowie die Ausweitung des Versichertenkreises haben. Dafür sollten Maßnahmen wie ein höheres Renteneintrittsalter nicht tabuisiert werden. Klar ist: Anhebungen  des Rentenzugangsalters sind an zwei Stellen sozial unausgewogen: erstens weil Menschen mit geringer Bildung und geringem Einkommen eine niedrigere Lebenserwartung haben. Zweitens weil diese Gruppe in ihren Jobs aufgrund physischer und psychischer Belastungen oft Schwierigkeiten hat, sich an neue Altersgrenzen anzupassen. Damit eine Erhöhung des Rentenzugangsalters politisch umsetzbar ist und effektiv die Beschäftigung erhöht, müssen die Arbeitsbedingungen verbessert werden, sodass es möglich und attraktiv ist, länger zu arbeiten. Vieles spricht dafür, die Umverteilung in der gesetzlichen Rente oder über alle Alterseinkommen zu stärken. Eine Variante, die alle Alters- und potentiell auch Vermögenseinkommen von Älteren einbezieht, wäre der Boomer-Soli, der kürzlich vom DIW Berlin vorgeschlagen wurde.

Bis 2027 soll eine Rentenkommission umsetzbare Vorschläge erarbeiten. Der Arbeitsauftrag klingt vage. Laut Koalitionsvertrag soll sie eine „neue Kenngröße für ein Gesamtversorgungsniveau über alle drei Rentensäulen prüfen“. In der Formulierung liegt aber auch eine Chance für eine große Reform. Denn ein neues Leistungsziel, das alle Säulen – gesetzliche, betriebliche und private Renten – funktional aufeinander bezieht und den Weg beschreibt, wie eine erfolgreiche Umsetzung aussehen kann – das wäre ein großer Schritt nach vorn.

Falls eine grundlegende Reform nicht gelingt, werden harte und unsystematische Eingriffe wahrscheinlicher. Das kann man im Ausland und in der Vergangenheit in Deutschland beobachten: In den mageren Neunziger- und Nullerjahren waren teils drastische Leistungskürzungen nötig, um die Finanzen der Rentenversicherung zu stabilisieren.

Johannes Geyer
Johannes Geyer

Stellvertretender Abteilungsleiter Abteilung Staat

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