Blog Marcel Fratzscher vom 19. Mai 2025
Beamte, Selbstständige und Politiker müssen ins Rentensystem einbezogen werden. Was sich gut anhört, ist auch machbar. Aber für eine gute Reform reicht es nicht.
Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas hat eine alte Debatte wiederbelebt: Auch Beamte, Politiker und Selbstständige sollen in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Der Vorschlag ist richtig und notwendig, auch wenn er nicht ohne Schwächen ist. Die empörte Ablehnung, etwa vom Beamtenbund, zeigt vor allem, wie egoistisch über Rentenpolitik diskutiert wird. Dabei ist eine grundlegende Reform längst überfällig.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 16. Mai 2025 auf ZEIT ONLINE in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Beamt*innen sind nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV), sondern erhalten Pensionen direkt vom Staat – sie fallen in der Regel deutlich höher aus als gesetzliche Renten. Während Beschäftigte nach 35 Jahren etwa 48 Prozent ihres durchschnittlichen Lebenseinkommens als Rente erhalten, bekommen Beamte knapp 70 Prozent ihres letzten Gehalts. Die durchschnittliche Beamtenpension liegt bei rund 3.240 Euro – mehr als doppelt so viel wie die Durchschnittsrente von 1.599 Euro. Insgesamt kosten Beamtenpensionen den Staat jedes Jahr über 63 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das ist etwa 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Bas' Vorschlag ist dabei nicht unmöglich, sondern könnte ganz einfach umgesetzt werden: Die Arbeitsministerin möchte erreichen, dass künftig neu eingestellte Beschäftigte im öffentlichen Dienst nicht mehr verbeamtet werden, sondern wie alle anderen in die GRV einzahlen.
Für jene, die auf eine sichere Pension gehofft haben, ist das ein Verlust. Für den Staat und die Steuerzahlenden ist es jedoch ein wichtiger Schritt, um langfristig die Kosten zu senken und das System gerechter zu machen. Die Reform könnte auch helfen, die große Ungleichheit bei der Altersvorsorge abzumildern.
Auch kurzfristig würde eine solche Reform zusätzliche Einnahmen für die gesetzliche Rente generieren, da nun zusätzliche Personen einzahlen müssten, diese aber erst in Zukunft ihre Ansprüche geltend machen können. Dieser sogenannte Einführungsgewinn bedeutet eine finanzielle Entlastung, die bis weit über 2050 hinaus wirken und die steigenden Finanzierungskosten des demografischen Wandels abfedern würde.
Ähnlich wie zum Beispiel in Österreich könnte Deutschland zudem sein Beamtenrecht reformieren und die Zahl der Beamten reduzieren und ihre Leistungen an das allgemeine Pensionsrecht angleichen. Das wäre auch ein Modell für Deutschland.
Ein weiterer Punkt, der in der Debatte oft übersehen wird, spricht dafür: Die hohen Pensionsansprüche binden Beamte an den Staat, oft ein Leben lang. Der Wechsel in die Privatwirtschaft wird unattraktiv, weil mit der Entlassung aus dem Beamtenverhältnis meist alle Pensionsansprüche verloren gehen (ehemalige Beamte werden in der GRV in der Regel nachversichert). Das macht das System starr und passt nicht so recht zu einer Arbeitswelt, die mehr Flexibilität und Mobilität braucht. Wir brauchen daher mehr Durchlässigkeit zwischen öffentlichem Dienst und Privatwirtschaft – und keine Einbahnstraße in Richtung Verbeamtung.
Die Einbeziehung von Beamten, Selbstständigen (und auch Politikern) kann aber nur ein erster Schritt sein. Eine echte Rentenreform muss weitergehen. Vor allem die massive Umverteilung von jung zu alt, wie sie durch die Rentengarantie der neuen Bundesregierung zementiert werden soll, belastet junge Generationen zunehmend. Und auch eine Anhebung des Renteneintrittsalters ist unumgänglich – allerdings verbunden mit mehr Flexibilität vor allem für jene, die dies nicht können, etwa aus gesundheitlichen Gründen.
Zudem muss die Umverteilung von Arm zu Reich gestoppt werden. Menschen mit niedrigem Einkommen haben im Schnitt fünf bis sechs Jahre weniger Lebenszeit nach Rentenbeginn als Menschen mit hohem Einkommen – finanzieren aber durch die GRV deren Rente mit. Die Rente muss vor allem die unteren Einkommensgruppen besser absichern.
Eine Rentenreform ist überfällig. Die Einbeziehung von Beamten, Selbstständigen und Abgeordneten in ein gemeinsames System ist ein sinnvoller Schritt. Doch das allein reicht nicht. Wir brauchen ein Rentensystem, das nachhaltiger, flexibler und sozial gerechter ist – für alle Generationen.
Themen: Rente und Vorsorge