Blog Marcel Fratzscher vom 8. Dezember 2025
Das reichste Prozent der Welt vermehrt sein Vermögen massiv, während Millionen weiter abrutschen. Das ist ein Risiko für die Demokratie – auch in Deutschland.
Ein neuer Oxfam-Bericht versetzt einer ohnehin düsteren Entwicklung den nächsten Schlag: Ein kleiner Kreis Superreicher verzeichnet binnen zwölf Monaten enorme Zugewinne – während Millionen weiter abrutschen. Inzwischen kontrolliert das reichste Prozent weltweit mehr Vermögen als die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung. Das ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck einer Dynamik, in der Vermögen immer schneller aus sich selbst heraus wächst – und große Teile der Gesellschaft kaum noch Chancen auf eigenen Kapitalaufbau haben.
Auch in Deutschland zeigt sich dieses Muster in besonderer Schärfe. Seit vielen Jahren gehört die Bundesrepublik zu den Ländern mit der höchsten Vermögensungleichheit in Europa. Die reichsten zehn Prozent der Haushalte halten zwei Drittel des Nettovermögens; die untere Hälfte der Bevölkerung kommt zusammen gerade einmal auf ein Prozent. Besonders alarmierend: Nahezu dreißig Prozent der Haushalte besitzen keinerlei Vermögen – viele sind sogar überschuldet. Ihnen fehlen nicht nur finanzielle Rücklagen, sondern auch jede reale Chance auf eine stabile wirtschaftliche Perspektive.
Anders als in vielen anderen Industrieländern hängt Vermögen hierzulande stark vom Zufall der Geburt ab, da große Vermögensbestände vor allem über Erbschaften weitergegeben werden. Mehr als die Hälfte des gesamten privaten Vermögens wurde geerbt, nicht selbst erarbeitet. Dies gilt noch stärker für die Hochvermögenden. Die strukturelle Ungleichheit wird dadurch zementiert, statt im Laufe einer Lebensarbeitszeit ausgeglichen werden zu können.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 5. Dezember 2025 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Die Ursachen liegen in politischem Gestaltungsversagen und verzerrten Anreizen: Kaum ein anderes Land belastet Arbeit so hoch und Vermögen so niedrig wie Deutschland. Kapital und große Vermögen tragen vergleichsweise wenig zum Gemeinwohl bei. Zugleich bleibt der Zugang zu Immobilien – der zentralen Vermögensbasis deutscher Haushalte – für viele unerreichbar.
Zudem fällt die öffentliche Förderung von Vermögensaufbau gering aus und kommt häufig gerade jenen zugute, die ohnehin über hohe Einkommen verfügen. Die Folge ist eine Spaltung, bei der Kapital aus Renditen und Immobilienwertsteigerungen rascher wächst als Arbeitseinkommen, und zwar selbst dann, wenn Menschen hart arbeiten. So sind die Vermögen der Superreichen im vergangenen Jahr um 16,5 Prozent angewachsen, zeigen die Berechnungen von Oxfam – das ist ein vielfach höheres Wachstum als für die meisten Arbeitseinkommen.
Die Folgen reichen weit über individuelle Chancenungleichheiten hinaus. Ökonomisch führt die hohe Konzentration von Vermögen zu einer ineffizienten Nutzung von Kapital. Vermögensarme Haushalte können kaum in Bildung, berufliche Weiterbildung oder selbstständige Tätigkeit investieren. Das hemmt Innovation, Produktivität und die gesamtwirtschaftliche Dynamik.
Dabei sind Gesellschaften mit breiter verteiltem Vermögen resilienter, investieren mehr und sie können ihre soziale Marktwirtschaft besser verwirklichen. In Deutschland hingegen führt die Vermögensarmut großer Bevölkerungsteile zu einer chronischen Unterinvestition in menschliches Kapital und privates Eigentum – beides Säulen langfristigen Wachstums.
Doch die wirtschaftlichen Risiken sind nur ein Teil des Problems. Gesellschaftlich befeuert Vermögensungleichheit Polarisierung und Misstrauen. Wer das Gefühl hat, trotz Arbeit nicht voranzukommen, verliert Vertrauen in staatliche Institutionen und demokratische Verfahren. Der Aufschwung populistischer Bewegungen geht in vielen Ländern Hand in Hand mit wachsenden sozialen Ungleichheiten.
Extreme Ungleichheit schwächt demokratische Systeme zudem unmittelbar, weil wirtschaftliche Macht politischen Einfluss verstärkt und gesellschaftliche Fairness zunehmend infrage gestellt wird. Wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung weder Vermögen aufbauen noch am Wachstum des wirtschaftlichen Wohlstands teilhaben kann, entsteht ein gefährlicher Nährboden für politische Radikalisierung.
Die Oxfam-Ergebnisse verdeutlichen, dass nur ein entschlossenes politisches Umsteuern Abhilfe schaffen kann. Eine Schlüsselrolle spielt dabei eine grundlegende Neuordnung der Steuerpolitik – national wie global. International bieten die jüngst diskutierten Vorschläge einer Mindestbesteuerung großer Vermögen – etwa das sogenannte Zucman-Modell, also einer globalen Steuer von zwei Prozent pro Jahr auf Vermögen von mehr als 100 Millionen US-Dollar – einen wichtigen Schritt, um Steuervermeidung durch Vermögensverlagerung einzudämmen. So könnte ein fairerer Beitrag sehr großer Vermögen zur Finanzierung öffentlicher Güter sichergestellt werden. Globale Zusammenarbeit ist unverzichtbar: Kapital ist mobil, und nationale Alleingänge verlieren in der globalisierten Wirtschaft rasch an Wirkung.
Deutschland muss diesen Weg konsequent unterstützen und zugleich sein eigenes Steuersystem modernisieren. Die Besteuerung von Arbeit sollte deutlich reduziert, die Besteuerung großer Vermögen, Kapitalerträge und Erbschaften hingegen angemessen gestärkt werden. Eine gerechte Erfassung großer Immobilienwerte, eine Reform der Erbschaftsteuer und die konsequente Einbeziehung hoher Kapitalgewinne sind zentrale Elemente einer solchen Reform. Dadurch könnten nicht nur staatliche Einnahmen stabilisiert, sondern auch ein fairerer Wettbewerb zwischen Arbeit und Kapital hergestellt werden.
Ebenso wichtig sind konkrete Schritte, die breite Bevölkerungsschichten beim Vermögensaufbau unterstützen. Dazu zählen sichere, kapitalgedeckte Vorsorge, gezielte Hilfen für kleine und mittlere Einkommen beim Ansparen, Investitionen in bezahlbaren Wohnraum sowie ein besserer Zugang zu Bildung und Qualifizierung. Ein inklusiver Arbeitsmarkt, der auch Menschen mit geringeren Startchancen ermöglicht, stabile Erwerbsbiografien aufzubauen, bleibt ein zentraler Baustein jeder vermögenspolitischen Strategie.
Schließlich trägt Deutschland auch international Verantwortung. Eine engagierte Entwicklungszusammenarbeit, faire Handelsbeziehungen und die Stärkung multilateraler Institutionen sind notwendig, um globale Ungleichheit zu reduzieren und Hunger sowie extreme Armut nachhaltig zu bekämpfen. Oxfam weist seit Jahren darauf hin, dass strukturelle Notlagen im Globalen Süden nur durch langfristige Investitionen in Ernährungssicherheit, Bildung, Gesundheit und wirtschaftliche Teilhabe überwunden werden können.
Ungleichheit ist keine naturgegebene Tatsache, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen. Sie kann daher auch durch politische Entscheidungen überwunden werden.
Die Befunde sind ein Weckruf: Ein System, das Wohlstand bündelt, sägt an seinem eigenen Ast. Gerecht verteilte Chancen und Vermögen sind kein Zierwerk, sondern die Voraussetzung für Stabilität, Stärke – und eine lebendige Demokratie.
Themen: Unternehmen