MillionärInnen unter dem Mikroskop: Datenlücke bei sehr hohen Vermögen geschlossen – Konzentration höher als bisher ausgewiesen

  • MillionärInnen waren bislang in Bevölkerungsbefragungen unterrepräsentiert, entsprechend wenig wusste man über sie und die exakte Vermögenskonzentration in Deutschland
  • Neue Zusatzstichprobe im Bereich hoher Vermögen schließt bisherige Datenlücke – Verteilung individueller Nettovermögen ist danach noch ungleicher als bisher ausgewiesen
  • Reichstes Prozent der Bevölkerung vereint rund 35 Prozent des Vermögens auf sich, zuvor war man von knapp 22 Prozent ausgegangen
  • MillionärInnen sind häufiger als im Durchschnitt der Bevölkerung Männer, die älter, besser gebildet, selbständig und zufriedener mit ihrem Leben sind
  • Vermögensbildung von Personen aus unterer Hälfte der Verteilung könnte etwa in Form von Vermögenskonten gefördert werden, auf die auch der Staat einzahlt

„Dank der neuen Daten können wir erstmals verlässliche und statistisch aussagekräftige Untersuchungen im Bereich von MillionärInnen und Hochvermögenden vornehmen. Auch das exakte Ausmaß der Vermögenskonzentration in Deutschland wird dadurch klarer. Zuvor waren Menschen mit sehr hohen Vermögen im Sozio-oekonomischen Panel unterrepräsentiert.“ Johannes König

Personen mit Vermögen in Millionenhöhe waren bislang in Bevölkerungsbefragungen kaum vertreten – entsprechend wenig wusste man über sie. Auch blieb das exakte Ausmaß der Vermögenskonzentration unklar. Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) hat nun eine Spezialstichprobe integriert, in der Menschen mit hohen Vermögen stark überrepräsentiert sind, um die bisherige Datenlücke zu schließen. Neue Berechnungen auf dieser Grundlage und unter Hinzunahme öffentlich zugänglicher Reichenlisten ergeben, dass die Konzentration der individuellen Nettovermögen in Deutschland höher ist als bislang ausgewiesen: Die oberen zehn Prozent besitzen demnach gut zwei Drittel des gesamten individuellen Nettovermögens, zuvor war man von knapp 59 Prozent ausgegangen. Das reichste Prozent der Bevölkerung vereint rund 35 (statt knapp 22 Prozent) des Vermögens auf sich. Etwa 1,5 Prozent der Erwachsenen besitzen ein individuelles Nettovermögen von mindestens einer Million Euro. Sie unterscheiden sich nicht nur in der Vermögenshöhe von der übrigen Bevölkerung: Es handelt sich häufiger um Männer, die älter, besser gebildet, selbständig und zufriedener mit ihrem Leben sind. Die Vermögensbildung von Personen aus der unteren Hälfte der Vermögensverteilung könnte beispielsweise in Form von Vermögenskonten gefördert werden, in die auch der Staat einzahlt.

Der Armuts- und Reichtumsbericht der BundesregierunginfoVgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2017): Lebenslagen in Deutschland. Der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (online verfügbar; abgerufen am 7. Juli 2020. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). stellt wiederholt fest, dass die Datenlage in Deutschland im Bereich hoher Vermögen unzureichend ist. Die zur Verfügung stehendenden bevölkerungsrepräsentativen Befragungen decken zwar Vermögen bis in niedriger einstelliger Millionenhöhe ab. Aus sogenannten Reichenlisten ist jedoch bekannt, dass es im Jahr 2017 rund 700 MillionärInnen (Familien oder Einzelpersonen) mit einem Vermögen von mindestens 250 Millionen Euro gab.infoEin Schwellenwert von 250 Millionen Euro wurde gewählt, da dieser bisher die obere Grenze der Vermögensangaben im regulären SOEP war.

Von nun an kann die komplette Vermögensverteilung der Bevölkerung beschrieben werden

Die Datenlücke für Nettovermögen von rund drei Millionen bis zu einer viertel Milliarde Euro (Abbildung 1) konnte im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) mit Hilfe einer neuen Substichprobe (SOEP-P) geschlossen werden (Kasten 1). SOEP-P umfasst Personen mit Wohnsitz in Deutschland, die an mindestens einem Unternehmen weltweit nennenswerteinfoNennenswert bedeutet mehr als 0,1 Prozent der Anteile an einem Unternehmen. Anteile halten. Der Fokus auf Unternehmensanteile basiert auf der empirischen Regelmäßigkeit, dass mit zunehmender Höhe des Nettovermögens zumindest ein Teil des Vermögens in Form von Unternehmensanteilen gehalten wird.infoMindestens Teile des Vermögens in Form von Unternehmensanteilen zu halten, ist auch aus steuerlicher Sicht attraktiv, da es verschiedene steuerliche Ausnahmebestände für Betriebsvermögen und den damit verbundenen Ausgaben gibt. Ebenso gibt es steuerliche Anreize für Anlagen in Immobilien. SOEP-P erlaubt es zusammen mit dem regulären SOEP und öffentlich zugänglichen ReichenlisteninfoAngaben in Reichenlisten sind mit Vorsicht zu interpretieren, da diese für gewöhnlich auf Schätzungen auf Basis frei zugänglicher Informationen beruhen und das Gesamtvermögen häufig überschätzt wird. erstmals, die komplette Vermögensverteilung der Bevölkerung in Deutschland zu beschreiben. Bisher war das nur möglich, indem Annahmen über die Verteilung der Vermögen in der Datenlücke getroffen wurden, die mit einer entsprechenden Unsicherheit verbunden waren.infoVgl. Christian Westermeier und Markus M. Grabka (2015): Große statistische Unsicherheit beim Anteil der Top-Vermögenden in Deutschland. DIW Wochenbericht Nr. 7, 123–133 (online verfügbar). Vgl. auch die genannte internationale Literatur in Carsten Schröder et al. (2020): Verbesserung der Forschungsdateninfrastruktur im Bereich Hochvermögender mit dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP). SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research Nr. 1084 (online verfügbar). Weil mit SOEP-P auch die Fallzahl befragter MillionärInnen im SOEP deutlich gestiegen ist, können nun zudem deren Charakteristika statistisch genauer unter die Lupe genommen werden.

Die grundlegende Idee bei der Ziehung der neuen SOEP-Stichprobe SOEP-P geht auf die empirische Regelmäßigkeit zurück, derzufolge Top-Vermögende zumindest einen Teil ihres Vermögens in Form von Beteiligungen an Unternehmen halten. Unternehmen sind wiederum verpflichtet, Informationen über Eigentümerstrukturen zu veröffentlichen. Laut der Datenbank Orbis des Dienstleisters Bureau van Dijk (BvD) gibt es rund 1,7 Millionen Menschen mit Wohnsitz in Deutschland, die nennenswerte Anteile an mindestens einem Unternehmen weltweit halten. Aus dieser Grundgesamtheit wurden 1 956 zufällig ausgewählte Haushalte mit den Standard-SOEP-Erhebungsinstrumenten – inklusive des Moduls „Ihre persönliche Vermögensbilanz“ – befragt.infoFür zusätzliche Informationen sowohl zur Stichprobenziehung als auch zur Datenerhebung vgl. Schröder et al. (2020), a.a.O.

Ein Vergleich der regulären SOEP- mit der SOEP-P-Stichprobe zeigt, dass Personen in letzterer im Durchschnitt rund 21 Mal höhere Nettovermögen besitzen als die bisherige SOEP-Population. Dies ist nicht einzelnen Beobachtungen geschuldet: Vielmehr liegen die Vermögen in SOEP-P über die gesamte Nettovermögensverteilung hinweg weit über denen im SOEP. Insgesamt gibt es in SOEP-P ungewichtet 881 Fälle mit einem individuellen Nettovermögen von mindestens einer Million Euro, 353 Personen verfügen über mindestens drei Millionen Euro und 185 Personen über mindestens fünf Millionen Euro.

Erfassung von Vermögen durch Befragungen

Analysen der Vermögensverteilung auf Basis von bevölkerungsrepräsentativen Mikrodaten sind mit einer Reihe von methodischen und statistischen Problemen konfrontiert. In Bevölkerungsbefragungen werden Vermögensbestände gewöhnlich auf der Haushaltsebene erfasst.infoVergleiche zum Beispiel die Ergebnisse auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichrobe (EVS) des Statistischen Bundesamtes oder der Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen (PHF)“ der Deutschen Bundesbank. Das SOEP weist hier eine methodische Besonderheit auf, da das individuelle Vermögen von jeder Befragungsperson ab einem Alter von 17 Jahren erhoben wird.infoDas von Kindern (Personen unter 17 Jahren) gehaltene Vermögen wird vernachlässigt, wobei davon auszugehen ist, dass dieses nur einen sehr geringen Anteil am Gesamtvermögen ausmacht. Damit lassen sich im Vergleich zu Haushaltsvermögen auch Unterschiede innerhalb von Haushalten oder Partnerschaften darstellen.

Ein Vergleich aggregierter Vermögensbestände auf Basis des SOEP mit den sektoralen und gesamtwirtschaftlichen Vermögensbilanzen des Statistischen Bundesamtes wird durch eine Reihe von Abgrenzungs- und Definitionsunterschieden erschwert. Erstens weist das Statistische Bundesamt die privaten Haushalte zusammen mit den privaten Organisationen ohne Erwerbszweck aus. Zweitens werden neben dem Gebrauchsvermögen auch weitere Vermögensarten ausgewiesen, die im SOEP nicht erhoben werden. Hierzu zählen das Bargeld, der Wert von Nutztieren und Nutzpflanzen, Ausrüstungen, immaterielle Anlagegüter, Ansprüche gegenüber privaten Krankenversicherungen, gewerbliche Kredite und gewerbliche Anteile von Wohnbauten. Drittens wird im SOEP generell der aktuelle Marktwert erfragt, während beim Statistischen Bundesamt Immobilien nach dem Wiederbeschaffungswert angesetzt werden. Der Marktwert weicht aber bei Bestandsimmobilien signifikant vom Wiederbeschaffungswert ab.

Die Schätzung eines Verkehrswertes einer Immobilie im Rahmen einer Befragung ist schwierig, insbesondere wenn das Objekt geerbt oder bereits vor längerer Zeit gekauft wurde und die Befragten nicht über ausreichende aktuelle Marktkenntnis verfügen. Auch die Bewertung von Betriebsvermögen ist besonders schwierig. Vermögenswerte können im Gegensatz zu regelmäßigen Einkommen sehr volatil sein und damit die Bewertung zusätzlich erschweren. Dies führt wiederum, neben der generellen Sensitivität dieser Thematik, auch zu erhöhten Antwortverweigerungen oder zu fehlenden Angaben bei vermögensrelevanten Fragen.

Neben einer umfassenden Konsistenzprüfung der individuellen Angaben werden im SOEP alle fehlenden Vermögenswerte mittels multipler Imputation ersetzt.infoVgl. Markus M. Grabka und Christian Westermeier (2015): Editing and Multiple Imputation of Item-Non-Response in the Wealth Module of the German Socio-Economic Panel. SOEP Survey Papers Series C., Nr. 272 (online verfügbar). Die Qualität der Imputation fällt dabei aufgrund der Verwendung von Längsschnittdaten im Rahmen der wiederholten Messung der Vermögenserfassung in den Jahren 2002, 2007, 2012 und 2017 besser aus, als dies bei nur einmaliger Erhebung der Fall ist. Da die Personen in SOEP-P zum ersten Mal befragt wurden, kann nicht auf vergangene Werte zurückgegriffen werden. Aus diesem Grund wurde ein neuartiges Imputationsverfahren verwendet, das die logische Struktur des Fragebogendesigns besser berücksichtigen kann.infoVgl. Schröder et al. (2020), a.a.O.

Integrierte Datengrundlage „from top to bottom“

Der vorliegende Bericht basiert auf einer ausführlichen Dokumentation eines vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) finanzierten Projekts zur Verbesserung der Forschungsdateninfrastruktur im Bereich hoher Vermögen.infoVgl. Schröder et al. (2020), a.a.O. Zentrale empirische Grundlage sind die vom DIW Berlin in Zusammenarbeit mit Kantar erhobenen Daten des Sozio-oekonomischen Panels.infoDas Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative jährliche Wiederholungsbefragung privater Haushalte, die seit 1984 in Westdeutschland und seit 1990 auch in Ostdeutschland durchgeführt wird. Vgl. Jan Goebel et al. (2019): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Journal of Economics and Statistics, 239(2), 345–360 (online verfügbar). Erstellt wurde ein integrierter Datensatz der regulären SOEP-Stichprobe des Jahres 2017 – dem bis dato letzten Jahr, für das aufbereitete Vermögensangaben für die SOEP-Befragten vorliegen – und der neuen Zusatzstichprobe SOEP-P aus dem Jahr 2019.infoDas zeitliche Auseinanderfallen der beiden Erhebungszeitpunkte ist der umfangreichen Datenaufbereitung geschuldet. Zwar wurde die Vermögenssituation zeitgleich im Jahr 2019 auch bei regulären SOEP-Befragten erhoben, zum jetzigen Zeitpunkt liegen aber nur aufbereitete Informationen für die neue Stichprobe SOEP-P vor. Die damit verbundenen Einschränkungen in der Vergleichbarkeit der Vermögensangaben sind als eher gering anzusehen und dürften die generellen Aussagen in diesem Bericht nur geringfügig beeinträchtigen. Schließlich wurden diese integrierten Daten noch ergänzt um die laut Manager Magazin 700 reichsten Deutschen mit Wohnsitz in Deutschland im Jahr 2017infoVgl. Manager Magazin (2017): Reichenliste Deutschland 2017. Ausgabe 10/2017 (online verfügbar). Verwendet wurden die höchsten 700 Einträge der Reichenliste im Manager Magazin, die dann auf Personenebene heruntergebrochen wurden, indem entsprechend des Eintrags eine Personenanzahl recherchiert oder statistisch imputiert wurde., um die gesamte Vermögensverteilung beschreiben zu können.

Im Gegensatz zu anderen Bevölkerungsbefragungen, in denen das Vermögen auf Haushaltsebene erfasst wird,infoVgl. die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamtes oder die Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen (PHF)“ der Deutschen Bundesbank. werden im SOEP die individuellen Vermögen aller Personen ab 17 Jahren eines Privathaushalts separat – in mehreren Kategorien – erfragt (Kasten 2). Dieses Individualvermögen bildet die Grundlage der nachfolgenden Untersuchungen.infoAusgeschlossen werden Personen der IAB-BAMF-SOEP-Stichprobe von Geflüchteten (M3 bis M5), für die bislang keine Vermögensinformationen erhoben wurden.

Im SOEP werden insgesamt acht Arten des Bruttovermögens erhoben:

  • selbst genutztes Wohneigentum,
  • sonstiger Immobilienbesitz (unter anderem unbebaute Grundstücke, Ferien- und Wochenendwohnungen),
  • Geldvermögen (Sparguthaben, Spar- und Pfandbriefe, Aktien und Investmentanteile),
  • Vermögen aus privaten Versicherungen (Lebens- und private Rentenversicherungen einschließlich sogenannter Riester-Verträge),
  • Bausparguthaben,
  • Betriebsvermögen (Besitz von Einzelunternehmen und Beteiligung an Personen- oder Kapitalgesellschaften, nach Abzug von betrieblichen Verbindlichkeiten),
  • Sachvermögen in Form wertvoller Sammlungen wie Gold, Schmuck, Münzen oder Kunstgegenstände sowie
  • der Wert von Fahrzeugen.

Auf der Seite der Verbindlichkeiten werden unterschieden:

  • Hypothekenkredite auf selbst genutzte Immobilien,
  • Hypothekenkredite auf sonstige Immobilien,
  • Konsumentenkredite und
  • Studienkredite.

Werden die Verbindlichkeiten vom Bruttovermögen abgezogen, ergibt sich das Nettogesamtvermögen, das üblicherweise für Analysen zur personellen Vermögensverteilung herangezogen wird.infoFolgende Vermögenskomponenten bleiben beim hier analysierten Nettovermögen ausgeblendet: das Bargeld, der Wert des Hausrats, der Wert von Nutztieren und Nutzpflanzen, Ausrüstungen, immaterielle Anlagegüter, Ansprüche gegenüber privaten Krankenversicherungen, Verbindlichkeiten aufgrund gewerblicher Kredite und gewerbliche Anteile von Wohnbauten sowie quantitativ bedeutsame Anwartschaften an Alterssicherungssysteme. Zur Relevanz des letztgenannten Aspekts vgl. Timm Bönke et al. (2018): The joint distribution of net worth and pension wealth in Germany. Review of Income and Wealth (online verfügbar).

Vermögenskonzentration höher als bisher berichtet

Die Vermögensverteilung kann mit unterschiedlichen Maßen beschrieben werden. Im vorliegenden Bericht werden Perzentilwerte inklusive des Median und des Mittelwerts (Durchschnitt) herangezogen. Der Median ist der Wert, der die reichere von der ärmeren Hälfte der Bevölkerung trennt, beschreibt also das Vermögen exakt in der Mitte der Vermögensverteilung.

Die Analyse der vollständigen Vermögensverteilung wird schrittweise aufgebaut: Der erste Schritt basiert auf dem regulären SOEP und beschreibt daher die Verteilung bis zur bisherigen Datenlücke. Dann wird die neue SOEP-P-Stichprobe integriert, sodass die vormalige Datenlücke geschlossen ist. Um die komplette Verteilung zu beschreiben, wird anschließend in einem dritten Schritt auch die Reichenliste des Manager Magazins integriert (Tabelle 1).infoDie Daten des Manager Magazins beinhalten teils geschätzte Vermögenspositionen sowohl für einzelne Personen als auch für größere Familien. Im letzten Fall wurde eine Umrechnung pro Kopf vorgenommen. Für Details vgl. Schröder et al. (2020), a.a.O.

Tabelle 1: Verteilung der Nettovermögen im SOEP und nach Hinzunahme zusätzlicher Daten

In Euro

SOEP SOEP + Zusatzstichprobe im Bereich hoher Vermögen (SOEP-P) SOEP + SOEP-P + Reichenliste Manager Magazin
Perzentilwerte und Mittelwert untere Grenze Schätzung obere Grenze untere Grenze Schätzung obere Grenze untere Grenze Schätzung obere Grenze
p1 −25000 −22260 −20000 −25000 −22260 −20000 −25300 −22260 −20000
p5 −3900 −3000 −2060 −3600 −3000 −2000 −3759 −3000 −2000
p10 0 0 0 0 0 0 0 0 0
p25 0 0 0 0 0 0 0 0 0
p50 20000 22000 24000 20700 22800 25000 20700 22800 25000
p75 120000 123620 127100 122500 126000 130200 122500 126000 130260
p90 256000 265000 276031 266000 279236 287500 267789 279236 287700
p95 395000 407700 426000 417400 438000 457500 419500 438000 455000
p99 920000 1050000 1200000 1171367 1330000 1430000 119668 1333000 1431845
p99,9 3108000 4019000 4418795 4664803 5490000 8011008 4760000 5650000 8011008
Mittelwert 101903 107649 114727 120190 126694 135015 132009 139007 146666
Gini-Koeffizient 0,769 0,783 0,796 0,798 0,809 0,820 0,816 0,826 0,836

Anmerkung: Bei der „unteren Grenze“ und „oberen Grenze“ handelt es sich um die Spanne eines Bootstrap-Konfidenzintervalls mit 500 Replikationen. Die Informationen aus der Reichenliste des Manager Magazins beziehen sich auf die 700 reichsten Einzelpersonen in Deutschland.

Lesebeispiel: „p95“ steht für das 95. Perzentil und damit für den niedrigsten Vermögenswert in der Gruppe der fünf Prozent der Personen mit den höchsten Vermögen. Unter Hinzunahme zusätzlicher Daten (Zusatzstichprobe SOEP-P und Reichenliste des Manager Magazins) liegt dieser Perzentilwert deutlich höher als im SOEP.

Quellen: Sozio-oekonomisches Panel (soep.v35), SOEP-P (vorläufige Gewichte und vorläufige Vermögensangaben für das Jahr 2019), Manager Magazin (Reichenliste 2017); eigene Berechnungen mit gewichteten Werten.

Durch die Integration der neuen Zusatzstichprobe ändern sich die individuellen Nettovermögen in den unteren Vermögensgruppen (Quantilen) kaum. So beläuft sich der Median in der regulären SOEP-Stichprobe auf 22000 Euro und unter Hinzunahme von SOEP-P auf 22800 Euro. Das liegt in erster Linie daran, dass der Median, weil er genau die Mitte der Vermögensverteilung beschreibt, von Änderungen – in diesem Fall einer besseren Datenlage – bei den ganz hohen Vermögen im Gegensatz zum Mittelwert kaum beeinflusst wird. Mit Blick auf eben diesen Mittelwert ergeben sich dann auch deutlichere Unterschiede: Er steigt von rund 108000 Euro im SOEP auf 127000 Euro im integrierten Datensatz mit SOEP-P. Dies zeigt, dass SOEP-P – entsprechend der Zielsetzung der Stichprobenziehung – viele Personen mit hohen Vermögen beinhaltet. Dadurch steigt bei der integrierten Datengrundlage auch der Wert für das 95. Perzentil – also der niedrigste Vermögenswert der fünf Prozent der Personen mit den höchsten Vermögen – auf rund 438000 Euro und liegt damit rund 30000 Euro (beziehungsweise rund sieben Prozent) über dem bisher berichteten SOEP-Wert. Am 99. Perzentil wächst dieser Unterschied weiter auf fast 27 Prozent, am 99,9. Perzentil sogar auf knapp 37 Prozent.

Mit SOEP-P steigen also die gemessenen Vermögen im oberen Bereich und damit die gemessene Ungleichheit deutlich. Dies zeigt sich auch an einem Standardmaß zur Messung von Vermögensungleichheit, dem Gini-Koeffizienten: Je höher sein Wert, desto ungleicher sind die Vermögen verteilt.infoSein Wertebereich ist aufgrund negativer Vermögen hier nicht auf Werte zwischen 0 und 1 begrenzt. Schon auf Basis der regulären SOEP-Population liegt der Gini-Koeffizient bei 0,78. Mit SOEP-P steigt der Index auf 0,81. Nach zusätzlicher Berücksichtigung der Top-700 laut Manager Magazin steigt der Index nochmals und beträgt dann 0,83.infoNach Angaben des Household Finance and Consumption Survey (HFCS) der Europäischen Zentralbank hatten die Niederlande mit einem Gini-Koeffizienten von 0,78 im Jahr 2017 die höchste Vermögensungleichheit im Euroraum. Der HFCS basiert aber im Gegensatz zum hier verwendeten Konzept individueller Nettovermögen auf Haushaltsnettovermögen, was zu etwas geringeren Werten als bei individuellen Vermögen führt. Bei einem internationalen Vergleich der Vermögensungleichheit ist zudem zu beachten, dass nicht in allen Ländern das obere Ende der Verteilung gut abgedeckt ist. Damit liegt die Vermögensungleichheit in Deutschland auch im internationalen Vergleich auf einem hohen Niveau. Dabei ist zweifelsohne zu beachten, dass das Motiv für den Aufbau von Vermögen wesentlich von der Ausgestaltung des landesspezifischen sozialen Sicherungssystems abhängt: In Ländern mit einem gut ausgebauten System der sozialen Sicherung ist die Notwendigkeit, Privatvermögen als Vorsorge aufzubauen, eine ganz andere als beispielsweise in den angelsächsischen Ländern, die viel mehr auf eigene Vorsorge setzen.

Das hohe Ausmaß der Vermögenskonzentration wird durch einen weiteren Indikator bestätigt, dem Anteil am Gesamtvermögen, den ein bestimmter Teil der Bevölkerung am individuellen Gesamtvermögen hält (Tabelle 2). Im regulären SOEP verfügen die oberen zehn Prozent über knapp 59 Prozent des Gesamtvermögens, die oberen fünf Prozent halten etwa 44 Prozent, das vermögendste eine Prozent der Bevölkerung etwa 22 Prozent und die Top-0,1-Prozent noch etwa sieben Prozent. Nach Integration von SOEP-P steigt die gemessene Vermögenskonzentration deutlich auf rund 64 Prozent (oberstes Zehntel der Verteilung), 51 Prozent (oberste fünf Prozent), 29 Prozent (oberstes eine Prozent) beziehungsweise knapp 13 Prozent (oberste 0,1 Prozent). Ein weiterer Zuwachs der gemessenen Vermögenskonzentration ist nach der Berücksichtigung der Fälle aus der Reichenliste des Manager Magazins zu verzeichnen. Dann liegen die Werte bei rund 67, 55, 35 beziehungsweise 20 Prozent. Anders formuliert besitzen hiernach die unteren 90 Prozent nur rund ein Drittel des gesamten individuellen Nettovermögens (im regulären SOEP alleine waren es bisher immerhin noch 40 Prozent).

Tabelle 2: Anteile am Nettogesamtvermögen im SOEP und nach Hinzunahme zusätzlicher Daten

In Prozent

SOEP SOEP + Zusatzstichprobe im Bereich hoher Vermögen (SOEP-P) SOEP + SOEP-P + Reichenliste Manager Magazin
untere Grenze Schätzung obere Grenze untere Grenze Schätzung obere Grenze untere Grenze Schätzung obere Grenze
Top-10-Prozent (oberste zehn Prozent der Vermögensverteilung) 57,1 58,9 61,2 62,3 64,1 66,1 65,6 67,3 68,9
Top-5-Prozent 41,4 43,9 46,7 48,0 50,6 53,2 52,6 54,9 56,9
Top-1-Prozent 18,5 21,6 25,1 25,8 29,0 32,4 32,1 35,3 37,9
Top-0,1-Prozent 4,6 7,3 10,7 9,8 12,8 15,8 17,5 20,4 23,0

Anmerkung: Bei der „unteren Grenze“ und „oberen Grenze“ handelt es sich um die Spanne eines Bootstrap-Konfidenzintervalls mit 500 Replikationen. Die Informationen aus der Reichenliste des Manager Magazins beziehen sich auf die 700 reichsten Einzelpersonen in Deutschland.

Quellen: Sozio-oekonomisches Panel (soep.v35), SOEP-P (vorläufige Gewichte und vorläufige Vermögensangaben für das Jahr 2019), Manager Magazin (Reichenliste 2017); eigene Berechnungen mit gewichteten Werten.

Es lässt sich also festhalten, dass die Integration von SOEP-P (Schließung der Datenlücke) und der Reichenliste (oberstes Ende der Verteilung) zu einer deutlichen Zunahme der gemessenen Vermögenskonzentration in Deutschland im Vergleich zu ihrer Messung allein auf Basis der regulären SOEP-Stichprobe führt.infoDies gilt auch für die beiden anderen in Deutschland verfügbaren Datenquellen (EVS und PHF), da in beiden Datenquellen eine vergleichbare Zusatzstichprobe von Hochvermögenden nicht vorliegt. Allerdings sind in PHF besonders viele Fälle in Regionen mit überdurchschnittlichem Steueraufkommen vorhanden.

MillionärInnen legen ihr Vermögen anders an

Um eine vergleichende Analyse soziodemografischer, ökonomischer und qualitativer Merkmale entlang der Verteilung individueller Nettovermögen vorzunehmen, werden die Erwachsenen im SOEP (inklusive SOEP-PinfoDa für die in der Reichenliste des Manager Magazins erfassten Personen keine harmonisierten sozioökonomischen Charakteristika vorliegen, werden diese im Weiteren nicht berücksichtigt.) in vier Gruppen eingeteilt: Die untere Hälfte der Vermögensverteilung sind Personen mit einem individuellen Nettovermögen unterhalb des Median; die obere Mittelschicht sind Personen vom Median bis zum 75. Perzentil (von 22800 Euro bis 126000 Euro), Wohlhabende sind Personen vom 75. bis knapp unter das 99. Perzentil (von 126000 Euro bis unter eine Million Euro). Die vierte Gruppe besteht aus den Netto-VermögensmillionärInnen (sie machen die reichsten 1,5 Prozent der Verteilung aus). Die separate Betrachtung von MillionärInnen ist nach der Integration von SOEP-P in das SOEP wesentlich aussagekräftiger, da die Zahl der Beobachtungen von VermögensmillionärInnen von knapp über 300 auf fast 1200 steigt und damit verbunden auch die statistische Unsicherheit sinkt.

MillionärInnen verfügen nicht nur über höhere Vermögen – sie legen diese auch anders an (Tabelle 3). Die untere Hälfte der Vermögensverteilung verfügt im Durchschnitt über ein Bruttovermögen von etwa 11000 Euro. Davon entfallen mehr als 29 Prozent (rund 3200 Euro) auf Fahrzeuge, etwa ein Viertel (rund 2700 Euro) auf selbstgenutztes Wohneigentum und jeweils rund 15 Prozent (etwa 1600 beziehungsweise 1500 Euro) auf Geldanlagen und private Versicherungen.

Tabelle 3: Vermögen und Schulden von Personen im SOEP nach Integration der Zusatzstichprobe SOEP-P

In Euro

untere Hälfte der Vermögensverteilung obere Mittelschicht Wohlhabende MillionärInnen Insgesamt
Vermögen
Selbstgenutztes Wohneigentum 2733 56738 188680 574637 68180
Sonstige Immobilien 887 5880 50055 791784 25011
Geldanlagen 1614 12657 38519 333480 17806
Private Versicherung 1474 8320 17661 103255 8452
Bausparvermögen 789 3994 5946 10337 2942
Betriebsvermögen 283 1455 14269 1255887 21814
Sachanlagen 114 780 2779 24265 1253
Fahrzeuge 3244 6571 9781 33352 6046
Bruttovermögen 11139 96395 327690 3126997 151502
Schulden
Hypotheken auf selbstgenutzte Immobilien −2219 −18598 −19996 −29641 −10895
Hypotheken auf sonstige Immobilien −897 −2064 −8642 −140907 −5012
Konsumentenkredite −3964 −1731 −2000 −14567 −3094
Studienkredite −378 −104 −47 −0 −226
Verbindlichkeiten −7457 −22496 −30686 −185115 −19228
Nettovermögen (Bruttovermögen abzüglich Verbindlichkeiten) 3682 73899 297004 2941882 132274

Anmerkung: Die untere Hälfte entspricht dem Bereich bis zum 50. Perzentil der Nettovermögensverteilung, die obere Mittelschicht reicht vom 51. bis zum 75. Perzentil, Wohlhabende decken den Bereich vom 76. bis zum 98,5. Perzentil ab und MillionärInnen machen die obersten 1,5 Prozent der Vermögensverteilung aus.

Quellen: Sozio-oekonomisches Panel (soep.v35), SOEP-P (vorläufige Gewichte und vorläufige Vermögensangaben für das Jahr 2019); eigene Berechnungen mit gewichteten Werten.

Das durchschnittliche Bruttovermögen der oberen Mittelschicht ist mit circa 96000 Euro fast neun Mal so hoch. Die drei wichtigsten Vermögenskomponenten dieser Gruppe sind selbstgenutztes Wohneigentum mit rund 59 Prozent (rund 57000 Euro), gefolgt von Geldanlagen mit etwa 13 Prozent (13000 Euro) sowie privaten Versicherungen mit ungefähr neun Prozent (rund 8300 Euro).

Wohlhabende halten im Durchschnitt ein Bruttovermögen von circa 330000 Euro. Hier stellt erneut selbstgenutztes Wohneigentum mit einem Anteil am Bruttovermögen von fast 60 Prozent (rund 190000 Euro) die wichtigste Vermögenskomponente dar. Sonstige Immobilien gewinnen an Bedeutung und sind mit anteilig etwa 15 Prozent (rund 50000 Euro) die zweitgrößte Komponente. Dieser folgen Geldanlagen mit einem Anteil am Vermögen von rund zwölf Prozent (etwa 39000 Euro).

Bei den MillionärInnen beträgt das durchschnittliche Bruttovermögen gut drei Millionen Euro. Hier dominieren das Betriebsvermögen mit einem Anteil am Bruttovermögen von circa 40 Prozent (rund 1,26 Millionen Euro), gefolgt von sonstigen Immobilien, die rund ein Viertel des Bruttovermögens ausmachen (etwa 792000 Euro) und selbstgenutztem Wohneigentum mit circa 18 Prozent (rund 575000 Euro). Es dominieren somit Anlageformen, die auf die Generierung von Erträgen (Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung und Gewerbebetrieb) abzielen. Geldvermögen spielt in der Gruppe der MillionärInnen eine untergeordnete Rolle.

Mit Blick auf die Nettovermögen, also die Bruttovermögen abzüglich der Schulden, fällt auf, dass in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung die Schulden – vor allem in Form von Konsumentenkrediten – durchschnittlich fast so hoch sind wie die Vermögenswerte. Dementsprechend liegt das durchschnittliche Nettovermögen mit weniger als 3700 Euro auf sehr niedrigem Niveau. Zu beachten ist auch, dass die Hypotheken auf das selbstgenutzte Wohneigentum im Mittel fast genauso hoch sind wie deren Bruttowerte.infoDieser Befund des starken „leveraging“ deckt sich mit Ergebnissen aus den USA. Siehe Moritz Kuhn et al. (2020): Income and Wealth Inequality in America, 1949-2016. Journal of Political Economy, Forthcoming. Auch Konsumentenkredite spielen in dieser Gruppe im Gegensatz zu den vermögenderen Gruppen eine relativ große Rolle.

In der oberen Mittelschicht liegt das Nettovermögen im Durchschnitt bei rund 74000 Euro. Die durchschnittlichen Verbindlichkeiten in diesem Vermögenssegment summieren sich auf rund 22500 Euro, wobei der überwiegende Teil auf Hypothekenkredite entfällt (rund 83 Prozent oder etwa 19000 Euro) für selbstgenutzte und weitere neun Prozent (rund 2000 Euro) für sonstige Immobilien.

Wohlhabende verfügen über ein durchschnittliches Nettovermögen von fast 300000 Euro und Verbindlichkeiten von 31000 Euro. Auch hier erklären sich die Schulden vor allem durch Hypothekenkredite (rund 65 Prozent oder circa 20000 Euro) für selbstgenutzte und weitere 28 Prozent (etwa 9000 Euro) für sonstige Immobilien.

Die MillionärInnen besitzen ein Nettovermögen von durchschnittlich etwa drei Millionen Euro. Auch sie halten Verbindlichkeiten (rund 180000 Euro), die sich weit überwiegend aus Hypotheken für sonstige Immobilien erklären (etwa 140000 Euro).

Überdurchschnittlich viele Männer und Selbständige in Gruppe der MillionärInnen

Die Personen in den vier Vermögenssegmenten unterscheiden sich nicht nur in der Höhe und Zusammensetzung ihres Vermögens, sondern auch deutlich anhand ihrer soziodemografischen Merkmale. Dies gilt insbesondere für die MillionärInnen (Tabelle 4). Der Anteil von Frauen sinkt von etwa 53 Prozent in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung leicht auf rund 48 Prozent unter den Wohlhabenden. In der Gruppe der MillionärInnen befinden sich hingegen ganz überwiegend Männer, der Frauenanteil liegt bei lediglich etwa 31 Prozent. Auch die Altersverteilung verschiebt sich entlang der Vermögensverteilung deutlich: Je höher das Vermögen, desto älter die Person dahinter. Umgekehrt verhält es sich beim Anteil der Personen mit Migrationshintergrund: Diese sind im unteren Bereich der Vermögensverteilung deutlich überrepräsentiert. Dies gilt auch für die Personen mit Wohnsitz in den neuen Bundesländern. Sie sind mit circa 20 Prozent in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung überrepräsentiert und mit rund sechs Prozent in der Gruppe der MillionärInnen deutlich unterrepräsentiert.

Tabelle 4: Soziodemografische Merkmale nach Vermögensgruppen

Anteile in Prozent

untere Hälfte der Vermögensverteilung obere Mittelschicht Wohlhabende MillionärInnen
Merkmale
Frauen 53 50 48 31
Mit Migrationshintergrund 31 19 12 14
Wohnort in neuen Bundesländern 20 20 8 6
Altersgruppen
18 bis 24 Jahre 16 1 0 0
25 bis 49 Jahre 46 38 23 23
50 bis 64 Jahre 19 32 39 37
65 Jahre und älter 19 29 38 40
Arbeitsmarktstatus
Aktiv 59 65 59 62
Inaktiv 25 10 9 5
Verrentet 16 25 32 33
Stellung im Beruf
Selbständige 4 8 19 73
ArbeiterInnen 23 20 12 2
BeamtInnen 4 7 10 4
Auszubildende 17 2 0 0
Angestellte 53 63 59 22
Angestellte mit Führungsaufgaben 1 2 5 22
GeschäftsführerInnen und GesellschafterInnen 2 2 4 26
Betriebsgröße Selbstständiger
Keine MitarbeiterInnen 83 69 47 20
1 bis 9 MitarbeiterInnen 16 29 44 34
10 und mehr MitarbeiterInnen 1 2 9 46

Anmerkung: Die untere Hälfte entspricht dem Bereich bis zum 50. Perzentil der Nettovermögensverteilung, die obere Mittelschicht reicht vom 51. bis zum 75. Perzentil, Wohlhabende decken den Bereich vom 76. bis zum 98,5. Perzentil ab und MillionärInnen machen die obersten 1,5 Prozent der Vermögensverteilung aus.

Quellen: Sozio-oekonomisches Panel (soep.v35), SOEP-P (vorläufige Gewichte und vorläufige Vermögensangaben für das Jahr 2019); eigene Berechnungen mit gewichteten Werten.

Das beschriebene Altersmuster wird durch den Anteil verrenteterinfoVerrentet ist man nach der hier verwendeten Definition, wenn man eine Rente oder Pension bezieht, was unternehmerische Aktivität nicht notwendigerweise ausschließt. Personen bestätigt: Wie zu erwarten, steigt der Anteil der Verrenteten von rund 16 Prozent in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung auf etwa 25 Prozent im mittleren Vermögensbereich beziehungsweise rund ein Drittel in den beiden oberen Vermögenssegmenten. Dagegen überrascht, dass der Anteil der Aktiven am Arbeitsmarkt trotz deutlicher Unterschiede in der Altersstruktur über alle Vermögenssegmente hinweg recht stabil bei rund 60 Prozent liegt. Der Anteil der Inaktiven am Arbeitsmarkt, die beispielsweise Kinder erziehen oder Angehörige pflegen, sinkt dagegen deutlich von rund 25 Prozent in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung auf nur rund fünf Prozent in der Gruppe der MillionäreInnen. Erwerbslosigkeit im erwerbsfähigen Alter kommt unter diesen damit so gut wie nicht vor.

Angestellte sind in den unteren drei Vermögenssegmenten mit einem Anteil von etwa 53 bis 63 Prozent die wichtigste Beschäftigungsgruppe. Sie machen jedoch nur rund 22 Prozent der MillionärInnen aus. Selbständige sind hier mit 73 Prozent deutlich in der Mehrheit. Weitere Beschäftigtengruppen, deren Anteile entlang der Vermögensverteilung systematisch abnehmen, sind ArbeiterInnen (von etwa 23 auf unter zwei Prozent) und Auszubildende (von circa 17 auf unter ein Prozent).

Auch der Anteil der Beschäftigten in Leitungspositionen steigt entlang der Vermögensverteilung deutlich. Gleiches gilt für den Anteil Selbständiger, die Personen beschäftigen. Während im unteren Vermögenssegment rund 83 Prozent der Selbständigen solo-selbständig sind, haben weitere 16 Prozent maximal neun Mitarbeitende. Bei den selbständigen MillionärInnen ist nur noch etwa ein Fünftel solo-selbständig. Rund 34 Prozent haben ein bis neun und rund 46 Prozent zehn und mehr Mitarbeitende.

MillionärInnen sind überdurchschnittlich zufrieden mit ihrem Leben

Die deutsche Bevölkerung ist im Durchschnitt mit ihrem Leben zufrieden (Abbildung 2).infoDie Zufriedenheit wird auf einer Skala von 0 (ganz und gar unzufrieden) bis 10 (ganz und gar zufrieden) gemessen. Wer mehr Vermögen hat, ist aber zufriedener: So liegt die durchschnittliche Lebenszufriedenheit in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung bei 7,1 Punkten (auf einer Skala von 0 bis 10), in der oberen Mittelschicht bei 7,4, bei den Wohlhabenden bei 7,6 und bei den MillionärInnen bei 8,2. Auch wenn dieser Befund die Redewendung ,,Geld allein macht nicht glücklich“ nicht widerlegt, zeigt er doch, dass Vermögen und Zufriedenheit positiv korrelieren.infoSiehe Daniel Kahneman und Angus Deaton (2010): High income improves evaluation of life but not emotional well-being. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(38), 16489–16493.

Der positive Zusammenhang zwischen Vermögen und Zufriedenheit bestätigt sich auch für weitere untergeordnete Dimensionen: Einkommen, Arbeit, Wohnung, Gesundheit und Familie. Dabei lässt sich besonders für die Gruppe der MillionärInnen ein deutlicher Anstieg der bereichsspezifischen Zufriedenheiten beobachten. Nur in der Dimension Freizeit lässt sich dieser positive Zusammenhang nicht bestätigen. Hier steigt das durchschnittliche Zufriedenheitsniveau über die unteren drei Vermögenssegmente von rund 7,2 auf 7,5 und fällt dann für das Segment der MillionärInnen wieder etwas ab auf 7,3 Punkte.

Ein Erklärungsansatz für die abnehmende Zufriedenheit mit der Freizeit bei MillionärInnen könnte in der hohen Arbeitsbelastung liegen: Erwerbstätige in dieser Gruppe geben an, mit fast 47 Stunden pro Woche etwa zehn Stunden mehr als Erwerbstätige in den drei unteren Vermögenssegmenten zu arbeiten (Abbildung 3).infoDie Angaben basieren auf der Selbsteinschätzung der Befragten zu ihrer durchschnittlich geleisteten Arbeitszeit pro Woche. Entsprechend mangelt es diesen Personen zwar nicht an den finanziellen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, jedoch dürfte aufgrund der hohen Arbeitsbelastung die freie Zeit an sich knapp bemessen sein.

Fazit: Die Vermögenskonzentration ist hoch – zu hoch?

Mit der Erweiterung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) um die neue Substichprobe SOEP-P ist es gelungen, den in Deutschland bisher vorliegenden blinden Fleck im Bereich sehr hoher Vermögen zu beseitigen. Die Befunde auf Grundlage dieser neuen Daten zeigen, dass die Vermögenskonzentration in Deutschland höher ausfällt als bisher in den verfügbaren Datenquellen berichtet wurde. Nettovermögen in Deutschland sind auch deutlich ungleicher verteilt als beispielsweise EinkommeninfoVgl. Markus M. Grabka und Jan Goebel (2020): Realeinkommen steigen, Quote der Niedrigeinkommen sinkt in einzelnen Altersgruppen. DIW Wochenbericht Nr. 18, 315–323 (online verfügbar). oder KonsuminfoVgl. Charlotte Bartels und Carsten Schröder (2020): Income, consumption and wealth inequality in Germany: Three concepts, three stories?. Forum New Economy – Basic Paper 02/2020. Bei Heranziehen der Anwartschaften aus den staatlichen und betrieblichen Alterssicherungssystemen reduziert sich jedoch die Vermögensungleichheit deutlich, vgl. Bönke et al. (2018), a.a.O..

Bei der Einordnung der hohen Vermögensungleichheit ist zu beachten, dass diese zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen wird. Zu diesem Zeitpunkt wird die Vermögensverteilung für den Querschnitt der gesamten erwachsenen Bevölkerung betrachtet. Man vergleicht also die Vermögen von jungen, älteren und alten Erwachsenen – ohne zu beachten, dass der Vermögensaufbau und -abbau ein dynamischer, lebenslanger Prozess ist. Man vergleicht auch Menschen, die – sofern sie die Wahl haben – heute mehr sparen, um morgen mehr zu konsumieren oder Unsicherheiten vorzubeugen, mit Menschen, die lieber heute konsumieren. In jedem Fall lassen sich die gemessenen Vermögensungleichheiten nicht gleichsetzen mit ungleichen Konsummöglichkeiten über den gesamten Lebenszyklus.

Um die hohe Vermögenskonzentration zu verringern beziehungsweise die Vermögen im unteren Bereich aufzubauen, sind vor allem drei Maßnahmen im Gespräch: eine progressive Vermögensteuer, gebundene Transfers, um das Sparverhalten derer anzuregen, die dies vorher nicht oder nicht ausreichend getan haben, sowie die progressivere und stärkere Besteuerung von Vermögensübertragungen von einer Generation an die nächste.

In den politischen Diskurs wird immer wieder ein mögliches Comeback der Vermögensteuer eingebracht. KritikerInnen derselben argumentieren aber, dass eine solche mit hohem administrativen Aufwand sowie potentiellen Ausweichreaktionen (Verschiebung von Vermögen ins Ausland) verbunden sei.infoSiehe unter anderem Anette Alstadsæter et al. (2019): Tax evasion and inequality. American Economic Review, 109(6), 2073–2103; sowie Enrico Moretti und Daniel J. Wilson (2019): Taxing Billionaires: Estate Taxes and the Geographical Location of the Ultra-Wealthy. National Bureau of Economic Research, Working Paper 26 387. Es gibt aber weitere Gegenargumente: Wie in diesem Bericht gezeigt wurde, halten viele Hochvermögende Betriebsvermögen. Negative Anreize, ihr Vermögen produktiver Aktivität zuzuführen, kann langfristige Konsequenzen für den materiellen Wohlstand aller haben, weil Investitionen, die Arbeitsplätze geschaffen hätten, möglicherweise nicht mehr oder weniger umfangreich getätigt werden. Auch die aktuelle Rezession verdeutlicht das Problem einer Vermögensteuer, da diese ertragsunabhängig bemessen wird und in einer Krisensituation wie derzeit die Rezession noch zusätzlich verschärfen kann.

Es ist auch zu beachten, dass Menschen sparen und Vermögen ansammeln, um ihre Konsummöglichkeiten in der Zukunft zu vergrößern. Wie viel sie sparen, hängt von ihrer Präferenz ab, mit der sie „Konsum heute“ im Vergleich zu „Konsum morgen“ bewerten. Hier stellt sich also die Frage, warum man diejenigen stärker besteuern sollte, die lieber morgen konsumieren möchten oder vorsichtiger sind.

Staatliche Anreize zur Vermögensbildung, wie die Riester- oder Rürup-Rente, gibt es bereits. Allerdings zeigt sich, dass diese nicht zielgenau sind und von Haushalten mit geringen Ressourcen eher selten genutzt werden.infoSiehe Giacomo Corneo et al. (2018): Distributional Effects of Subsidizing Retirement Savings Accounts: Evidence from Germany. FinanzArchiv: Public Finance Analysis, 74(4), 415–445. Ein möglicher Ansatz, den Vermögensaufbau in der Breite der Bevölkerung zu fördern, besteht also in einer Reform der staatlich geförderten privaten Alterssicherung, etwa indem man individualisierte Vermögenskonten einführt, in die der Staat (für diejenigen mit geringen finanziellen Möglichkeiten) einzahlt und auf die die Menschen (ab einem bestimmten Alter) zugreifen können. Erfahrungen aus dem Ausland wie in Schweden zeigen, dass bei einer relativ hohen zu erwartenden Rendite auch eine hohe Teilnahmequote erzielt werden kann.infoVgl. Andreas Knabe und Joachim Weimann (2017): Die Deutschlandrente: Ein Konzept zur Stärkung der kapitalgedeckten Altersvorsorge. ifo Schnelldienst, 18, 25–33; und Bundesrat (2018): Antrag des Landes Hessen. Entschließung des Bundesrates zur Stärkung der ergänzenden kapitalgedeckten Altersvorsorge. Drucksache 65/18. Vgl. auch das Vierteljahrsheft zur Wirtschaftsforschung des DIW Berlin (2019): Zukunft der kapitalgedeckten Alterssicherung in Deutschland – zwischen Staatsfonds und individuellem Vermögenskonto. Nr. 1/2019 (online verfügbar). Daneben ist an eine veränderte Immobilienförderung zu denken, die mehr Menschen in die Lage versetzt, privaten Immobilienbesitz zu erwerben.infoVgl. Peter Gründling und Markus M. Grabka (2019): Staatlich geförderter Mietkauf kann einkommensschwachen Familien Weg in die eigenen vier Wände ebnen. DIW Wochenbericht Nr. 29, 499–506 (online verfügbar). Es ist jedoch zu betonen, dass die absolute Höhe der staatlichen Förderung von vorrangiger Bedeutung ist und nicht staatlich geförderte Extrarenditen, da diese bei geringen Sparbeträgen kaum Wirkung entfalten.infoSiehe die kontrafaktische Analyse in Maximilian Wenzel und Johannes König (2019): Investment Losses and Inequality (online verfügbar).

Ein drittes Instrument zur Verringerung einer hohen Vermögenskonzentration ist die Erbschaftsteuer, denn ein großer Anteil der Vermögen wird vererbtinfoVgl. Anita Tiefensee und Markus M. Grabka (2017): Das Erbvolumen in Deutschland dürfte um gut ein Viertel größer sein als bisher angenommen. DIW Wochenbericht Nr. 27, 565–570 (online verfügbar). – resultiert also weder aus selbst erzieltem Einkommen noch aus Konsumverzicht „heute.“ Sie harmoniert mit dem meritokratischen Gedanken, dass sich Menschen ihren Wohlstand verdienen sollten. Sowohl die Verschonungsabschläge bei der Übertragung von Betriebsvermögen auf die Folgegeneration als auch die ansonsten relativ hohen Freibeträge für sonstiges Vermögen haben die Basis dieser Steuer weiter erodiert. Sind die Erbenden keine guten UnternehmerInnen, könnte eine stärkere Besteuerung bei der Übertragung von Betriebsvermögen auch einen Beitrag zur Stärkung des Standorts Deutschland und des Arbeitsplatzerhalts sein.infoSiehe Fatih Guvenen et al. (2019): Use it or lose it: Efficiency Gains from Wealth Taxation, National Bureau of Economic Research, Working Paper 26 284. Zumindest sollte die Zehnjahresfrist im Erbschaftsteuergesetz insofern überdacht werden, als dass eventuelle Freibeträge nur einmal im Leben, aber nicht alle zehn Jahre wiederholt in Anspruch genommen werden können.

Johannes König

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Konstantin Göbler

Studentische Hilfskraft in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Charlotte Bartels

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Carsten Schröder

Vize-Direktor SOEP und Bereichsleitung Angewandte Panelanalysen in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Markus M. Grabka

Direktorium SOEP und kommissarische Bereichsleitung Wissenstransfer in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel



JEL-Classification: D31;D14;C83
Keywords: top wealth, wealth, asset portfolio, oversampling, SOEP
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2020-29-1