Blog Marcel Fratzscher vom 13. Januar 2026
Die CSU will Hunderttausende abschieben. Das wäre ein Wohlstandsrisiko. Flüchtlinge arbeiten oft in systemrelevanten Berufen und stabilisieren die Sozialkassen.
Die CSU hat eine Abschiebeoffensive vorgeschlagen – mit Linienflügen nach Afghanistan und Syrien. Das wäre für Deutschland ein ökonomisches Eigentor und ein gesellschaftlicher Rückschritt. Der CSU-Vorschlag ist reiner Populismus. Er widerspricht dem Kern des deutschen Asylrechts und ignoriert die empirisch belegten wirtschaftlichen Chancen gelungener Integration. Angesichts der demografischen Alterung und des dramatischen Arbeitskräftemangels wäre dieses Vorhaben ökonomisch kontraproduktiv, für Unternehmen belastend und volkswirtschaftlich teuer.
Deutschland steht bekanntlich vor einer demografischen Zäsur. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, Jahr für Jahr scheiden mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt aus, als nachrücken. Für die Unternehmen ist das längst Realität. In vielen Branchen sind fehlende Beschäftigte der entscheidende Engpass – nicht fehlende Nachfrage. Wer nun Hunderttausende Menschen, die bereits hier sind, arbeiten oder arbeiten könnten, aus dem Land drängen will, verschärft die Lage. Das ist keine Wende, wie es die CSU bezeichnet, sondern eine Selbstschädigung.
Die Arbeitsmarktentwicklung zeigt zudem klar, wie wichtig Migration bereits heute für die Stabilität der deutschen Beschäftigung ist. In den vergangenen Jahren gab es einen Zuwachs an Beschäftigung nur durch Menschen aus dem Ausland – lediglich mit Menschen aus dem Inland oder EU-Ausland wäre dies nicht zu schaffen gewesen. Das ist keine Meinung, sondern ein statistischer Befund, den auch wirtschaftspolitische Analysen in Deutschland immer wieder betonen.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 13. Januar 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Besonders deutlich lässt sich das am Beispiel syrischer Staatsangehöriger zeigen. Das IAB weist aus, dass im September 2024 rund 287.000 syrische Staatsangehörige abhängig beschäftigt waren, davon 82 Prozent sozialversicherungspflichtig. Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit dokumentiert zudem, dass die Beschäftigungsquote syrischer Staatsangehöriger seit 2016 stark gestiegen ist und ein relevanter Teil des ausländischen Beschäftigungswachstums zuletzt auf syrische Beschäftigung entfiel. Das sind keine Randgruppen, wie es bei der CSU heißt, sondern längst ein relevanter Teil des Arbeitsmarkts.
Der Verlust von mehr als 200.000 Beschäftigten aus dem Arbeitsmarkt bedeutet kurz- und mittelfristig eine konjunkturelle Abwärtsspirale. Beschäftigung sinkt, Unternehmen produzieren weniger, Einkommen und Konsum gehen zurück – ebenso die Nachfrage. Gerade in ohnehin schwierigen Zeiten kann das eine erneute Rezession auslösen. Das wird häufig unterschätzt, weil Migration oft nur als Verteilungsfrage diskutiert wird. In Wahrheit ist sie auch eine Wachstumsfrage. Wenn Arbeitskräfte fehlen, werden Aufträge nicht abgearbeitet, Dienstleistungen nicht erbracht, Investitionen verschoben. Das trifft auch Deutsche unmittelbar: Weniger Produktion bedeutet weniger Einkommen, weniger Wohlstand und oft auch weniger Arbeitsplatzsicherheit in den betroffenen Unternehmen.
Der Schaden wäre besonders groß, weil viele Geflüchtete in systemrelevanten Bereichen arbeiten – in Medizin, Gesundheit und Pflege, Logistik, Verkehr, Bau, Reinigung, Gastronomie und Grundversorgung. Gerade hier ist der Personalmangel schon heute spürbar: längere Wartezeiten, höhere Preise, geschlossene Angebote, überlastete Dienste. Der Mediendienst Integration verweist darauf, dass Menschen syrischer Herkunft überproportional häufig in Engpassberufen tätig sind; bei syrischen Männern liegen Schwerpunkte etwa in Verkehrs- und Logistikberufen, im Gastgewerbe, im Gesundheitswesen und im Bau. Wer hier Arbeitskräfte entfernt, sorgt nicht für mehr Ordnung, sondern macht das tägliche Leben schwerer – und teurer. Denn Knappheit treibt Preise, bei Pflegeplätzen, Handwerksleistungen, Transport, Gastronomie, vielen Dienstleistungen. Die soziale Frage wird dadurch verschärft, nicht gelöst.
Hinzu kommt die fiskalische Dimension, die in der Debatte oft verzerrt wird. Migration verursacht zunächst Kosten – das ist banal und selbstverständlich: Unterbringung, Sprachkurse, Verwaltung, Integration kosten Geld. Aber daraus zu folgern, Migration sei dauerhaft ein Minusgeschäft, ist empirisch nicht haltbar. Eine oft zitierte ZEW-Berechnung zeigt, dass die 6,6 Millionen Ausländerinnen und Ausländer, die 2012 in Deutschland lebten, im Laufe ihres restlichen Lebens insgesamt rund 147,9 Milliarden Euro mehr an Steuern und Sozialbeiträgen zahlen, als sie an Transfers erhalten. Auch neuere Analysen betonen: Entscheidend ist nicht die Ankunft, sondern die Erwerbsintegration. Auf kommunaler Ebene untersucht eine aktuelle ifo-Studie (mit Daten von 2010 bis 2019), wie Zuwanderung Ausgaben und Einnahmen beeinflusst, und macht deutlich, dass man die fiskalische Wirkung seriös nur über beide Seiten – Einnahmen und Ausgaben – bewerten kann
Gerade für den Sozialstaat ist die Arbeitsmarktintegration zentral. Wenn Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, zahlen sie Beiträge in Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Und weil Geflüchtete häufig jünger sind als die deutsche Bevölkerung, wirken sie – bei gelingender Integration – wie ein demografischer Stabilisator. Das ist kein romantisches Narrativ, sondern der nüchterne Kern dessen, was zahlreiche Analysen zur Alterung und zu Sozialversicherungen seit Jahren betonen. Die Behauptung, Geflüchtete würden der Rentenkasse etwas wegnehmen, ist so pauschal formuliert falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Wer Arbeitskräfte abschiebt, die Beiträge zahlen, belastet die Systeme zusätzlich – und macht höhere Beiträge oder niedrigere Leistungen wahrscheinlicher.
Befürworter der Abschiebeoffensive argumentieren, sie sei nötig, um die Zahl der Geflüchteten zu reduzieren. Aber genau hier liegt die politische und ökonomische Absurdität: Eine breit angelegte Abschiebepolitik ist ein Signal der Abschottung. Dann werden noch weniger Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland kommen, weil das Land als unsicher und feindselig wahrgenommen wird, ein unberechenbarer Standort. Zugleich wird die Zahl der Schutzsuchenden aber nicht sinken, denn dass Menschen fliehen, liegt an Krieg, Verfolgung und Armut, nicht an deutschen Sozialleistungssätzen. Genau diese Logik ist in der Debatte um die sogenannten Pull-Faktoren zentral: Wer versucht, Deutschland weniger attraktiv zu machen, trifft am Ende vor allem die qualifizierte Zuwanderung und schadet dem Standort.
Der wirtschaftliche Schaden wäre langfristig größer als kurzfristig. Eine Abschiebeoffensive würde die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfähigkeit Deutschlands schwächen. Unternehmen investieren dort, wo sie Perspektiven haben: verlässliche Regeln, Fachkräfte, offene Märkte, Planbarkeit. Wer ein Klima erzeugt, in dem Menschen, die sich bereits integriert haben, jederzeit mit Abschiebung rechnen müssen, zerstört Vertrauen – bei Beschäftigten, bei Firmen, bei internationalen Talenten. Das betrifft auch deutsche Beschäftigte: Wenn Betriebe wegen Arbeitskräftemangel schrumpfen oder abwandern, gehen Arbeitsplätze verloren, und zwar nicht nur die von Zugewanderten, sondern auch die von Deutschen.
Die Forschung belegt, dass Integration Zeit braucht und mit Aufenthaltsdauer deutlich besser wird, wie etwa ein IAB-Kurzbericht feststellt. Wer Bleibeperspektiven zerstört, beendet diese Entwicklung. Man zahlt die Anfangskosten und verhindert dann die Erträge, weil Menschen nicht mehr investieren können: in Sprache, Qualifikation, Beruf, Zukunft.
Eine rationale Politik muss deshalb unterscheiden. Abschiebungen sind in einem Rechtsstaat möglich und notwendig – aber sie müssen sich eng auf Straftäter und eindeutige Gefährder konzentrieren. Wer das Asylrecht schützt und zugleich konsequent gegen Kriminalität vorgeht, handelt sowohl rechtsstaatlich als auch im Interesse der Gesellschaft. Eine pauschale Abschiebeoffensive gegen ganze Gruppen hingegen ist weder effizient noch gerecht.
Hinzu kommt eine politische Dimension. Die Aneignung von AfD-Positionen radikalisiert. Wer das Narrativ übernimmt, Migration sei primär Bedrohung, stärkt am Ende jene, die von Angst und Polarisierung leben. Genau diese Dynamik – der falsch geführte Diskurs, der Parteien am Rand stärkt und die Mitte verunsichert – ist seit Jahren sichtbar. Eine Politik, die Härte demonstriert, aber dabei Wohlstand, Ordnung und Integration untergräbt, wird die Unzufriedenheit nicht verringern, sondern steigern.
Deutschland braucht das Gegenteil einer Abschiebeoffensive: eine kluge, pragmatische Migrationspolitik, die schnellere Arbeitsmarktintegration ermöglicht, Qualifikationen anerkennt, Sprache fördert, Betriebe unterstützt und verlässliche Perspektiven schafft. Wer den Wohlstand sichern will, muss Migration gestalten. Eine Abschiebeoffensive würde Deutschland dagegen nur ärmer machen.
Themen: Arbeit und Beschäftigung , Migration