Die AfD ist eine Gefahr für Demokratie und Wohlstand

Blog Marcel Fratzscher vom 16. Februar 2026

Die AfD-Ideologie ist eine Gefahr für die Demokratie. Sie nutzt ein Menschenbild, das von Angst geprägt ist, und ökonomische Konzepte, die Wohlstand vernichten würden. 

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 13. Februar 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Die größte politische Herausforderung unserer Zeit besteht nicht in wirtschaftlichen Krisen, nicht in geopolitischen Konflikten und auch nicht allein im Klimawandel. Sie besteht darin, dass die liberale Demokratie selbst zunehmend unter Druck gerät. Es ist möglich, dass sie in wenigen Jahrzehnten weltweit nur noch in Resten existiert. Die Gefahr kommt vor allem von innen – von politischen Kräften, die demokratische Verfahren nutzen, um ihre Substanz auszuhöhlen. In Deutschland stellt die AfD die größte Bedrohung dar. Sie ist nicht einfach eine radikale Protestbewegung, sondern eine Partei, deren Ziele und Ideologie das Fundament unseres demokratischen Rechtsstaats bedrohen.

Um die Tragweite dieser Gefahr zu verstehen, lohnt der Blick über Deutschland hinaus. Denn viele antidemokratische Bewegungen weltweit basieren auf einer ähnlichen Ideologie. In den USA prägen Personen wie Donald Trump, JD Vance und der Techmilliardär Peter Thiel ein politisches Weltbild, das von einem tiefen Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und internationaler Kooperation geprägt ist. Wie ich in meiner ersten Kolumne zur Ideologie dieser Akteure dargestellt habe, stützt sich dieses Weltbild auf eine radikale und zugleich verzerrte Interpretation der Anthropologie des französischen Philosophen René Girard.

Ein Menschenbild der Angst

Girards zentrale Idee, dass moderne Gesellschaften Konflikte durch staatliche Institutionen zivilisieren, wird dort bewusst ignoriert. Stattdessen wird behauptet, demokratische Ordnungen seien zu schwach, um Rivalität zu kontrollieren. Aus dieser Prämisse wird dann abgeleitet, dass autoritäre Eliten, technokratische Kontrolle oder private Monopole die bessere Alternative seien. Diese Sichtweise ist gefährlich, weil sie Demokratie nicht als Lösung gesellschaftlicher Konflikte versteht, sondern als Hindernis, das überwunden werden müsse. Die AfD knüpft an dieses Denken an.  

Aus dieser Sichtweise entsteht ein Menschenbild, das von Angst geprägt ist. Individuelle Vielfalt wird als Risiko, nicht als Chance betrachtet. Pluralismus wird als Spaltung gedeutet. Rechte und Freiheiten werden relativiert, sobald sie nicht dem eigenen politischen Lager dienen. Die AfD nutzt dieses Menschenbild, um Misstrauen zu säen – gegenüber den Institutionen, die die Herausforderungen unserer Zeit bewältigen sollen. 

Die AfD missachtet die Grundlage unseres Wohlstands

Wer das politische Projekt der AfD nüchtern analysiert, erkennt autoritäre Strukturen, die an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte erinnern. Die AfD fordert eine politische Kontrolle über die Justiz, sie greift unabhängige Medien an, sie relativiert zentrale Grundrechte und bedient ein ethnisch definiertes Verständnis von Nation und Zugehörigkeit. Sie behauptet, dass eine angeblich homogene Volksgemeinschaft existiere, deren "wahrer Wille" von demokratischen Institutionen verfälscht werde. Dieses Denken ist antidemokratisch und gefährlich, weil es politischen Pluralismus als illegitim darstellt.

Die Politikwissenschaftler Levitsky und Ziblatt zeigen in ihrer vergleichenden Analyse, dass Demokratien nicht durch Revolution, sondern durch schrittweise Normverletzungen zerfallen. Freedom House dokumentiert diesen Trend weltweit seit Jahren.

Historisch ist dies ein bekanntes Muster. Demokratien verlieren ihre Substanz selten auf einen Schlag. Sie erodieren langsam, wenn Institutionen politisiert, Minderheiten delegitimiert und Rechtsstaatlichkeit relativiert werden. Die AfD bewegt sich in genau dieser Logik. Sie nutzt demokratische Verfahren, um sie anschließend zu unterlaufen. Es ist daher kein Alarmismus, sondern eine historische Lehre, darauf hinzuweisen, dass ein Erstarken der AfD einen Rückfall in autoritäre und ausgrenzende Muster bedeuten würde, von denen wir glaubten, sie hinter uns gelassen zu haben. 

Schuld sind ...

Die AfD arbeitet wie kaum eine andere Partei mit dem Sündenbockmechanismus, den Girard als grundlegenden sozialen Reflex beschreibt. Moderne demokratische Systeme existieren, um diesen Reflex zu überwinden. Durch Rechtsstaatlichkeit, durch den Schutz von Minderheiten, durch geregelte Verfahren der politischen Auseinandersetzung und durch die Möglichkeit, Konflikte friedlich auszutragen, schaffen sie einen Rahmen, der Gewalt und Diskriminierung entgegenwirkt. Die AfD jedoch kehrt zu einem politischen Stil zurück, der die Stabilität und Identität von Gemeinschaften durch die Konstruktion eines Feindes herzustellen versucht.

Migranten, Geflüchtete, religiöse Minderheiten, Bürgergeldbeziehende, Journalist*innen, politische Gegner*innen: All diese Gruppen werden zu Schuldigen erklärt, um soziale Unzufriedenheit anzufachen und umzuleiten. Die AfD bietet damit keine Antworten auf die strukturellen Herausforderungen unserer Gesellschaft, sondern verschiebt Probleme, indem sie Bevölkerungsgruppen abwertet. Diese Strategie mag kurzfristig mobilisieren, doch langfristig zerstört sie Vertrauen, schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und vertieft soziale Spaltungen. Eine solche Gesellschaft nimmt sich selbst jene Vielfalt und Offenheit, die sie für wirtschaftliche und soziale Innovation benötigt.

Dabei zeigt die empirische Forschung der drei Wirtschaftsnobelpreisträger Acemoglu, Johnson und Robinson unter anderem, dass gerade Demokratien, die Vielfalt und Toleranz wertschätzen, Konflikte langfristig besser stabilisieren und lösen können und zu wirtschaftlichem Fortschritt führenInternationale Vergleichsstudien belegen zudem, dass Demokratien dort erodieren, wo Institutionen delegitimiert und Macht konzentriert wird.

Deutschland braucht das Gegenteil dessen, was die AfD will

Eine stabile Demokratie ist politisch und wirtschaftlich die beste Grundlage für Fortschritt und Wohlstand. Rechtssicherheit, internationale Kooperation, offene Märkte und eine moderne soziale Marktwirtschaft sind die Faktoren, die Deutschland stark gemacht haben. Die AfD gefährdet diese Grundlagen. Ihre Ablehnung der Europäischen Union würde deutsche Unternehmen isolieren und das deutsche Wirtschaftsmodell zerstören, das auf Offenheit und Exportstärke basiert. Die Migrationspolitik der AfD würde den Fachkräftemangel verschärfen, die soziale Infrastruktur belasten und den demografischen Wandel verschlimmern. Ihre Klimapolitik würde die technologische Transformation stoppen und künftige Generationen stark belasten. Ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen sind rückwärtsgewandt und wurzeln in einer Vorstellung nationaler Autarkie, die mit einer globalisierten Ökonomie unvereinbar ist.

Deutschland braucht das Gegenteil dessen, was die AfD propagiert: mehr Investitionen in Bildung, Forschung und Digitalisierung, eine sozial ausgewogene Gestaltung des Klimaschutzes, eine Stärkung der Europäischen Union und eine Wirtschaftsordnung, die Innovation fördert und gleichzeitig soziale Sicherheit garantiert. Eine autoritäre Politik verspricht kurzfristig einfache, populistische Antworten, doch diese kann nicht funktionieren – stattdessen zerstört sie die Voraussetzungen für nachhaltigen Wohlstand.

Die Antwort auf die Herausforderungen, die die AfD stellt, kann nicht allein in moralischer Abgrenzung oder in politischen Brandmauern bestehen. Demokratische Parteien müssen zeigen, dass sie fähig sind, auf die tatsächlichen Bedürfnisse und Sorgen der Menschen einzugehen. Sie müssen die Dysfunktionalitäten unserer Demokratie beheben und ihre Institutionen so stärken, dass sie auch unter Druck handlungsfähig bleiben. Sie müssen wirtschaftliche Fairness sicherstellen, damit Abstiegsängste nicht weiter wachsen. Und sie müssen Räume schaffen, in denen gesellschaftliche Konflikte konstruktiv ausgetragen werden.

Unsere Werte sind nicht selbstverständlich

Deutschland steht vor einer grundlegenden Entscheidung. Die AfD stellt nicht nur politische Positionen infrage, sondern die zentralen Werte, auf denen unsere Gesellschaft nach 1945 aufgebaut wurde: die Würde des Menschen, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Freiheit der Meinung, die Offenheit gegenüber Vielfalt und die europäische Integration. Diese Werte sind die Essenz der Erfolgsgeschichte unseres Landes – und sie sind nicht selbstverständlich.

Demokratie braucht Menschen, die sie verteidigen und reformieren. Und sie braucht starke Institutionen. Sie braucht wirtschaftliche Strukturen, die Wohlstand und Sicherheit ermöglichen. Und sie braucht eine Kultur, die Unterschiede nicht als Gefahr, sondern als Stärke begreift.

keyboard_arrow_up