Cannabiskonsum nach Teillegalisierung stabil, Kokain nimmt seit Jahren zu

DIW Wochenbericht 13 / 2026, S. 211-219

Anna Bindler, Andreea-Maria Stoica

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  • Cannabisbezogene Delikte gehen nach Teillegalisierung im April 2024 auf rund ein Drittel zurück
  • Cannabiskonsum bleibt kurzfristig stabil – Befragungs- und Abwasserdaten zeigen keine strukturellen Veränderungen nach Teillegalisierung
  • Preise für Cannabis sind weitgehend konstant – Anstiege von Beschaffungs- und Gewaltkriminalität fallen zeitlich nicht mit Reform zusammen
  • Konsum von Kokain einschließlich Crack und Methamphetamin nimmt seit Jahren deutlich zu
  • Politik sollte Prävention und Aufklärung priorisieren, um auf Entwicklungen bei Cannabis und anderen Drogen reagieren zu können

„Wenn es der politische Wunsch ist, den Cannabiskonsum zu reduzieren, ist ein erneutes Verbot nicht unbedingt der wirksamste Hebel. Vielmehr sollten wir uns Gedanken um Aufklärung und Prävention machen. Gleichzeitig dürfen wir die Entwicklungen auf anderen Drogenmärkten nicht aus den Augen verlieren: Gerade der Konsum von Kokain, Crack und Methamphetamin ist in den letzten Jahren stark gestiegen.“ Anna Bindler

Zwei Jahre nach Inkrafttreten der Cannabis-Teillegalisierung untersucht dieser Wochenbericht aktuelle Entwicklungen auf Cannabis- und anderen Drogenmärkten in Deutschland. Grundlage sind Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik, bevölkerungsrepräsentative Befragungen, Abwassermessungen sowie Preisinformationen. Die Zahl registrierter Cannabis- und Rauschgiftdelikte ist 2024 deutlich zurückgegangen, was primär einen statistischen Effekt widerspiegelt. Beim Cannabiskonsum zeigen Befragungs- und Abwasserdaten kurzfristig keine systematischen Veränderungen. Cannabispreise bleiben ebenfalls weitgehend stabil. Verschiedene Indikatoren zeigen eine zunehmende Dynamik bei anderen illegalen Substanzen, insbesondere Kokain und Methamphetamin, die regional unterschiedlich ausgeprägt ist. Veränderungen in Gewalt- oder Beschaffungskriminalität lassen sich bislang nicht zeitlich mit der Reform in Verbindung bringen. Insgesamt deuten die verfügbaren Daten darauf hin, dass die Teillegalisierung kurzfristig vor allem strafrechtliche Effekte hatte, während Entwicklungen auf anderen Drogenmärkten eigenständigen Trends folgen. Prävention und Beobachtung dieser Märkte bleiben daher zentrale politische Herausforderungen.

Am 1. April 2024 trat das Gesetz zur Teillegalisierung von Cannabis in Kraft (Gesetz zum kontrollierten Umgang mit Cannabis und zur Änderung weiterer Vorschriften, Cannabisgesetz – CanG). Es erlaubt Erwachsenen den Besitz begrenzter Mengen Cannabis sowie den privaten und gemeinschaftlichen Eigenanbau in staatlich kontrollierten Anbauvereinigungen, sogenannten Cannabisclubs. Ein kommerzieller Verkauf ist weiterhin verboten. Das Gesetz beschränkt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen Konsumorte, verbietet Werbung und sieht diverse Präventions-, Kontroll- und Evaluationsmaßnahmen vor. Neue Ordnungswidrigkeiten und Straftatbestände – etwa bei Überschreiten der erlaubten Mengen oder unerlaubtem Anbau – wurden eingeführt und seit 2024 in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) gesondert erfasst.infoDer EU-Rechtsrahmen verpflichtet die Mitgliedstaaten, Herstellung und Handel mit illegalen Drogen strafrechtlich zu sanktionieren. Zugleich bestehen Spielräume etwa beim Umgang mit Eigenkonsum oder medizinischer Nutzung, sodass nationale Regelungen innerhalb der EU variieren, vgl. Rahmenbeschluss 2004/757/JI des Rates vom 25. Oktober 2004, ABl. L 335 vom 11. November 2004, 8–11.

Dem Gesetz ging ein intensiver gesellschaftlicher und politischer Diskurs voraus. Auch die Wissenschaft hat sich in verschiedenen Disziplinen mit dem Thema beschäftigt. Aus ökonomischer Sicht gibt es theoretische Argumente sowohl für eine Regulierung beziehungsweise ein Verbot als auch für eine Entkriminalisierung beziehungsweise Legalisierung von Cannabis.infoEntkriminalisierung bedeutet, dass der Besitz geringer Mengen Cannabis nicht mehr strafrechtlich verfolgt wird, während Handel und Anbau weiterhin verboten bleiben. Eine Legalisierung geht darüber hinaus, indem auch Produktion und Abgabe unter staatlicher Regulierung erlaubt und in einen kontrollierten Markt überführt werden. Dabei werden negative gesellschaftliche Auswirkungen, Gesundheitsrisiken und Folgen für den Schwarzmarkt abgewogen, denen Vorteile einer kontrollierten Freigabe und Kosten der Strafverfolgung gegenüberstehen.infoJustus Haucap und Leon Knoke (2022): Warum und wie die Legalisierung des Cannabismarktes in Deutschland erfolgen sollte. Wirtschaftsdienst: Zeitschrift für Wirtschaftspolitik 102(1), 32–39 (online verfügbar, abgerufen am 26. Februar 2026. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Im politischen Diskurs lassen sich aufbauend darauf Handlungsoptionen ausloten.

Empirisch besteht noch kein Konsens darüber, ob Verbote den Drogenkonsum tatsächlich stark reduzieren und ob gesellschaftliche Kosten (Auswirkungen auf öffentliche Gesundheit, Sicherheit, Kriminalität oder wirtschaftliche Produktivität) durch Konsum oder Verbote (und damit einhergehende Schwarzmärkte) entstehen.infoEdward M. Shepard und Paul R. Blackely (2010): Economics of crime and drugs: Prohibition and public policies for illicit drug control. In: Bruce L. Benson und Paul R. Zimmerman (Hrsg.): Handbook on the economics of crime. Edward Elgar Publishing (online verfügbar). Studien aus Ländern mit bereits eingeführten Reformen liefern erste Erkenntnisse.infoFür eine Übersicht über Ergebnisse aus den USA siehe zum Beispiel: D. Mark Anderson und Daniel I. Rees (2023): The public health effects of legalizing marijuana. Journal of Economic Literature, 61(1), 86–143 (online verfügbar). In den USA hat die Einführung regulierter legaler Cannabismärkte den Konsum unter Erwachsenen steigen und Festnahmen wegen Cannabisbesitzes sinken lassen. Der Konsum härterer Drogen, Gewalt- und Eigentumskriminalität nahm nicht zu.infoJoseph J. Sabia et al. (2024): The effects of recreational marijuana laws on drug use and crime. Journal of Public Economics 234, 105075 (online verfügbar). Nach der Entkriminalisierung von Cannabisbesitz im Londoner Bezirk Lambeth wurden dort mehr cannabisbezogene Delikte registriert. Mit veränderter Verteilung der Ressourcen der Polizei stiegen die Aufklärungsquoten, die Kriminalität sank.infoJérôme Adda, Brendon McConnell und Imran Rasul (2014): Crime and the depenalization of cannabis possession: Evidence from a policing experiment. Journal of Political Economy 122(5), 1130–1202 (online verfügbar).

Vor Inkrafttreten des Cannabisgesetzes in Deutschland in der vergangenen Legislaturperiode spiegelte der öffentliche Diskurs genau diese Facetten wider. Zwei Jahre später ist diese Debatte wieder aktuell. Auch international wird die Legalisierung von Cannabis kontrovers diskutiert.infoVgl. The New York Times (2026): It’s Time for America to Admit That It Has a Marijuana Problem. Ausgabe vom 9. Februar (online verfügbar). In Deutschland reichen Äußerungen zum Gesetz, der ausstehenden Evaluation (April 2028) und zur Zwischenevaluation (2025) innerhalb der Regierungsparteien von „ein richtiges Scheißgesetz“ über „Die Frage ist: Wollen wir die gesellschaftlichen Veränderungen schon haben oder wollen wir vorher schon gegensteuern, bevor gesellschaftliche Veränderungen passieren?“ zu „dass die Legalisierung von Cannabis der richtige und längst überfällige Schritt war“.infoSüddeutsche Zeitung (2025): Bundeslagebild 2024. BKA: Organisierte Kriminalität rekrutiert gezielt Kinder für Gewalttaten. Ausgabe vom 24. Oktober (online verfügbar); Deutschlandfunk (2025): Interview der Woche. Ausgabe vom 30. November (online verfügbar); Carmen Wegge (2025): Cannabis-Legalisierung wirkt: Weniger Strafverfahren, mehr Jugendschutz (online verfügbar). Auch gesellschaftlich gehen die Meinungen auseinander: In einer Umfrage im Frühjahr 2025 waren 38 Prozent der Befragten dafür, das Gesetz rückgängig zu machen und ebenfalls 38 Prozent dafür, es genauso zu belassen.infoDie Zeit (2025): Umfrage: Keine Mehrheit für Rückkehr zu Cannabis-Verbot. Ausgabe vom 30. März (online verfügbar). Vor diesem Hintergrund beleuchtet dieser Wochenbericht den aktuellen Stand der Entwicklungen auf dem Cannabismarkt und auf anderen Drogenmärkten und leitet Implikationen daraus ab.

Entwicklungen auf dem Cannabismarkt

Seit den 1990er Jahren bis 2023 hat sich die Zahl der in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS, Kasten) erfassten Rauschgiftdelikte mehr als verdreifacht (Abbildung 1). Insbesondere bis Anfang der 2000er Jahre und nach 2010 stiegen Rauschgiftdelikte deutlich, gingen aber während der Corona-Pandemie leicht zurück. Nach der Cannabis-Teillegalisierung im Jahr 2024 sanken die Deliktzahlen stark, was sich auf die Entwicklung insgesamt auswirkte: Wurden 2023 noch 346877 Rauschgiftdelikte erfasst, waren es 2024 nur noch 228104.

Die Analysen zur Kriminalitätsentwicklung basieren auf der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamts (BKA).infoVgl. Bundeskriminalamt, Polizeiliche Kriminalstatistik (online verfügbar). In dieser Studie werden folgende Straftatengruppen und deren jeweiligen Aufklärungsquoten (AQ) betrachtet: Rauschgiftdelikte (soweit nicht bereits mit anderer Schlüsselzahl erfasst), direkte Beschaffungskriminalität (Oberschlüssel: Rauschgiftdelikte), Gewaltkriminalität, Straßenkriminalität. Die AQ gibt in Prozent das Verhältnis der aufgeklärten zu den bekannt gewordenen Fälle im Berichtszeitraum an. Betrachtet werden folgende spezifische (konsumnahe) Rauschgiftdelikte: „Allgemeiner Verstoß mit Cannabis und Zubereitungen“, „Allgemeiner Verstoß mit Kokain einschl. Crack“, „Allgemeiner Verstoß mit Amphetamin und seinen Derivaten in Pulver- oder flüssiger sowie in Tabletten- bzw. Kapselform (Ecstasy)“, „Allgemeiner Verstoß mit Methamphetamin in Pulver-, kristalliner oder flüssiger sowie in Tabletten- bzw. Kapselform,“ „Allgemeiner Verstoß mit Heroin“, „Allgemeiner Verstoß mit LSD“. Als Maß werden die absoluten Fallzahlen (erfasste Fälle) verwendet.

Die Preisangaben basieren auf Daten des BKA, die im Rahmen des REITOX-Berichts 2025 an die Europäische Drogenagentur (EUDA) übermittelt wurden (Datenjahr 2024/2025).infoFranziska Schneider, Krystallia Karachaliou und Esther Neumeier (2026): Bericht 2025 des nationalen REITOX-Knotenpunkts an die EUDA (Datenjahr 2024/2025). Deutschland, Workbook Drogenmärkte und Kriminalität. Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht DBDD, IFT Institut für Therapieforschung, München (online verfügbar). Die Preise beziehen sich auf durchschnittliche Straßenhandelspreise in Euro pro Gramm oder Einheit. Die vorliegenden Analysen verwenden ausschließlich Straßenhandelspreise. Seit 2011 erfolgt zudem auf Grundlage eines Harmonisierungsverfahrens eine einheitliche Differenzierung von Großhandelsmengen in standardisierte Gewichtskategorien.

Die Analysen zum Konsum von Cannabis und weiteren psychoaktiven Substanzen basieren auf den Daten des Epidemiologischen Suchtsurvey (ESA).infoVgl. IFT Institut für Therapieforschung, Epidemiologischer Suchtsurvey (online verfügbar). Der ESA ist eine seit 1980 regelmäßig durchgeführte, bevölkerungsrepräsentative Befragung in Deutschland zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen. Die Erhebung erfolgt im Dreijahresrhythmus. Für diesen Bericht wurden die Erhebungswellen 2012 (n=9084), 2015 (n=9204), 2018 (n=9267), 2021 (n=9046) und 2024 (n=7534) herangezogen. Die Auswertungen beschränken sich auf Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren, um Vergleichbarkeit über die Zeit sicherzustellen. Die Erhebung 2024 wurde zwischen August und Dezember 2024 (nach Inkrafttreten des CanG) durchgeführt. Die Daten für diesen Bericht wurden direkt aus den Veröffentlichungen zum ESA (mit entsprechender Gewichtung) übernommen.

Die weiteren Analysen zum Konsum illegaler Substanzen basieren auf Abwasserdaten der Europäischen Drogenagentur (EUDA) und der Sewage Analysis CORe Group Europe (SCORE).infoVgl. European Union Drugs Agency (2026): a.a.O. Seit 2011 werden europaweit Abwasserproben nach standardisiertem Protokoll erhoben, um regionale Unterschiede im Drogenkonsum zu vergleichen. Im Jahr 2025 umfasste die Erhebung 115 Städte in 25 EU-Mitgliedstaaten plus Norwegen und Türkei. In den teilnehmenden Städten wurden zwischen März und Mai über eine Woche hinweg täglich 24-Stunden-Mischproben an Kläranlagen entnommen. Analysiert wurden Urin-Biomarker bestimmter Substanzen: Amphetamin, Methamphetamin, MDMA und Ketamin, Hauptmetaboliten von Kokain (Benzoylecgonin) und Cannabis (THC-COOH). Die ausgewiesenen Werte geben die gemessenen Rückstandsmengen im Rohabwasser an und werden auf die angeschlossene Bevölkerung normiert (Milligramm pro 1000 Einwohner pro Tag). Diese stellen keine direkt geschätzten Konsummengen dar. Für Städte mit mehreren Kläranlagen werden gewichtete Mittelwerte ausgewiesen. Werte unterhalb der analytischen Nachweisgrenze werden als Null ausgewiesen. Folgende Städte sind mit folgenden Jahren in den Messungen enthalten: Berlin (2014, 2015, 2017, 2018, 2022, 2025), Chemnitz (2017–2025), Dortmund (2013–2024), Dresden (2013–2025), Dülmen (2013–2022), Erfurt (2017–2025), Frankfurt (2017, 2025), Hamburg (2017, 2020, 2024, 2025), Hannover (2017, 2025), Magdeburg (2017, 2020–2025), Mainz (2017, 2025), München (2014–2025), Nürnberg (2017, 2020–2025), Rostock (2017, 2025), Saarbrücken (2017–2024), Stuttgart (2017, 2025).

Cannabisbezogene Delikte sinken mit der Teillegalisierung

Verglichen mit 2023 gingen die erfassten cannabisbezogenen Delikte mit der Teillegalisierung im Jahr 2024 auf etwa ein Drittel zurück (Abbildung 1):info2023 wurden 173945 Fälle erfasst, 2024 waren es 61670. Bezieht man die seit 2024 zusätzlich erfassten Verstöße (gegen das KCanG und MedCanG) mit ein, wurden im Jahr 2024 insgesamt 78987 cannabisbezogene Delikte erfasst. Die Verschiebung von der Illegalität in die Legalität hat die Zahl der Delikte per Definition reduziert. Rauschgiftkriminalität ist zum Großteil Kontrollkriminalität. Das heißt, dass Straftaten vorwiegend durch Kontrollen der Polizei (oder andere Sicherheitsbehörden) festgestellt werden und die Dunkelziffer (also die Zahl nicht bekannter Fälle) potenziell hoch ist. Veränderungen in der PKS können dadurch Marktreaktionen (Angebot und Nachfrage) oder institutionelle Effekte (Polizeiarbeit und Kontrollen) widerspiegeln. Veränderungen in den erfassten Fällen an Rauschgiftdelikten der PKS können daher nur bedingt als Veränderungen auf dem Drogenmarkt interpretiert werden.

Kurzfristig keine größeren Veränderungen des Konsums

Befragungsdaten geben weiteren Aufschluss über die Entwicklung des Konsums. Der Epidemiologische Suchtsurvey (ESA, Kasten) zeigt, wie prävalent der Konsum verschiedener Substanzen ist. Die Zwölf-Monatsprävalenz beim Cannabiskonsum steigt seit 2012 moderat an, aber ohne erkennbare strukturelle Veränderung im Reformjahr 2024 (Tabelle). Von 2018 bis 2021 stieg die Prävalenz „starken“ und „unregelmäßigen“ Konsums, von 2021 bis 2024 „regelmäßigen“ Konsums.infoStarker Konsum: „fast täglich“; regelmäßiger Konsum: „mindestens einmal im Monat/Woche“; unregelmäßiger Konsum: „weniger als einmal im Monat“. Von denjenigen, die 2024 angaben, in den letzten zwölf Monaten Drogen konsumiert zu haben, nahmen rund 64 Prozent Cannabis und rund sieben Prozent Kokain/Crack oder MDMA (Ecstasy).

Tabelle: Prävalenz von Drogenkonsum in Deutschland

In Prozent der Befragten

Substanz 2012 2015 2018 2021 2024
Cannabis
Prävalenz insgesamt 4,5 6,1 7,1 8,8 9,8
Starker Konsum 0,5 0,7 0,8 1,5 1,6
Regelmäßiger Konsum 1,3 1,7 1,8 2,0 2,6
Unregelmäßiger Konsum 2,7 3,7 4,5 5,3 5,7
Prävalenz Konsum nach Substanz1
Cannabis 63,60
Kokain/Crack 7,10
MDMA 6,50
Heroin 5,20
NPS 5,20
Amphetamin 4,50
LSD 4,50
Halluzinogene Pilze 3,20

1 von denen, die angegeben haben, Drogen zu konsumieren.

Anmerkung: Das obere Panel der Tabelle zeigt die Entwicklung derjenigen, die in der Befragung angaben, in den letzten zwölf Monaten Cannabis konsumiert zu haben (insgesamt und unterschieden nach Regelmäßigkeit) . Das untere Panel zeigt den Anteil derjenigen, die angaben, in den letzten zwölf Monaten bestimmte Substanzen konsumiert zu haben.

Quellen: IFT Institut für Therapieforschung, Epidemiologischer Suchtsurvey.

Befragungen haben in diesem Zusammenhang den Nachteil, dass befragte Personen ihren Konsum legaler und illegaler Substanzen möglicherweise nicht wahrheitsgetreu oder präzise angeben. Dies könnte nach der Teillegalisierung bedeutsam sein: Tatsächliche Veränderungen im Cannabiskonsum könnten durch eine höhere Bereitschaft zu ehrlichen Angaben verzerrt werden. Mit Abwasserdaten gibt es aber eine weitere Datenquelle, die weder die Problematik der Kontrollkriminalität noch der Befragungen hat. Dabei werden in ausgewählten Städten Drogenrückstände (im Fall von Cannabis THC-COOH) im Abwasser gemessen.infoDer Hauptwirkstoff von Cannabis (THC) ist im Urin von Konsument*innen kaum und damit im Abwasser schwer nachweisbar. Stattdessen wird ein Abbauprodukt, THC-COOH, gemessen. Jakob Manthey et al. (2025): Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN): 1. Zwischenbericht (online verfügbar). Das gibt Aufschluss über den gesamten Cannabiskonsum, allerdings nicht darüber, wer wieviel konsumiert. Erste Abwasseruntersuchungen wurden in den Monaten vor und nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes durchgeführt. Kurzfristig konnte dabei in der Analyse der Daten kein systematischer Einfluss der Reform auf den Cannabis-Konsum festgestellt werden.infoManthey et al. (2025): a.a.O.

Cannabispreis in vergangenen Jahren stabil

Neben Delikten und Konsum sind die Preise für Cannabisprodukte von Interesse. Der vom BKA ermittelte Straßenhandelspreis für Cannabis ist langfristig gestiegen, in den letzten Jahren (bis 2024) aber relativ stabil bei zehn Euro pro Gramm geblieben (Abbildung 2). Auch der Preis für medizinisches Cannabis liegt im Schnitt bei rund zehn Euro pro Gramm.infoPharmazeutische Zeitung (2024): Cansativa lockt Apotheken mit Boni. Ausgabe vom 16. April (online verfügbar). In der Befragung zur Zwischen-Evaluation nach der Teillegalisierung (Teil der offiziellen wissenschaftlichen Evaluierung des Gesetzes) wurden Preise nach Bezugsquellen erfragt. Dabei ergeben sich (relativ geringe) Unterschiede mit niedrigeren Durchschnittspreisen bei Eigenanbau und etwas höheren, aber vergleichbaren Preisen bei illegalen Quellen, Apotheken und Anbauvereinigungen (umgerechnet aus Beiträgen und Gebühren).infoDie Daten basieren auf einer Befragung, die im Juni und Juli 2025 stattgefunden hat. Vgl. Manthey et al. (2026), a.a.O.

Andere Delikte und Kriminalitätsentwicklung

Veränderungen auf Drogenmärkten können sich über verschiedene Mechanismen auf Kriminalität insgesamt auswirken. Illegale und legale Märkte unterscheiden sich grundlegend in ihrer Funktionsweise: Im illegalen Bereich gibt es keine Verträge oder rechtlich durchsetzbare Ansprüche sowie keine Wettbewerbsregulierung. Gewaltkriminalität kann eine Folge sein – entweder zur Durchsetzung von Ansprüchen oder im Umgang mit Wettbewerbern (zum Beispiel Konkurrenz um „Territorien“ und Preissetzung).infoScott Jacques et al. (2016): Effects of prohibition and decriminalization on drug market conflict: Comparing street dealers, coffeeshops, and cafés in Amsterdam. Criminology & Public Policy, 15(3), 843–875 (online verfügbar); Jens Beckert und Frank Wehinger (2013): In the shadow: Illegal markets and economic sociology. Socio-Economic Review, 11(1), 5–30 (online verfügbar). Hinzu kommt die Eigentums- und Beschaffungskriminalität zur Finanzierung von Drogenkonsum. Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen, etwa durch Reformen, können sowohl kriminalitätsreduzierende (weniger gewaltsame Interaktionen) als auch kriminalitätserhöhende Effekte (veränderte Konsummuster) haben. Der Gesamteffekt ist vorab nicht eindeutig bestimmbar.

Eine kausale Analyse ist im Rahmen dieses Berichts nicht möglich, stattdessen fokussiert er sich auf deskriptive Entwicklungen (Abbildung 3). Bei Gewaltkriminalität gab es einen Anstieg Anfang der 2000er Jahre, gefolgt von einer langen Zeit sinkender Fallzahlen. Seit etwa 2021 wurden mehr Fälle verzeichnet, aber ohne sprunghafte Veränderung zwischen 2023 und 2024.infoIm Vergleich sind die Fallzahlen in anderen Bereichen, wie zum Beispiel bei der Straßenkriminalität (Abbildung 3), deutlich höher als bei der Beschaffungs- und Gewaltkriminalität. Vgl. auch Anna Bindler und Hannah Walther (2025): Das Sicherheitsgefühl in Deutschland ist sozial und regional ungleich verteilt. DIW Wochenbericht Nr. 30, 463–471 (online verfügbar). Die Zahl der erfassten Fälle von Beschaffungskriminalität fluktuiert mit einem Tief im Jahr 2019 (1598 Fälle). Danach stieg sie an, 2024 wurden 2584 Fälle erfasst.

Durch die Cannabis-Teillegalisierung werden potenziell Ressourcen bei der Polizei sowie in Folge bei Staatsanwaltschaften oder Gerichten frei. Grund ist der Wegfall der Verfolgung von vorher strafrechtlich relevanten Fällen. In anderen Kontexten hat eine solche Verschiebung dazu geführt, dass diese Ressourcen an anderer Stelle zur Kriminalitätsbekämpfung (zum Beispiel bei Eigentumsdelikten) eingesetzt werden konnten.infoAdda, McConnell und Rasul (2014), a.a.O. Erfolge der Polizei können sich in einer höheren Anzahl erfasster Fälle spiegeln. Ein anderes Maß sind Aufklärungsquoten: Diese sind relativ hoch für Gewaltkriminalität und im Vergleich dazu niedrig für Straßenkriminalität (Abbildung 3). Aus den Daten, die bei Veröffentlichung dieses Berichts bis 2024 verfügbar sind, lässt sich bisher bei keiner der abgebildeten Deliktarten eine merklich höhere Aufklärungsquote nach der Reform verzeichnen.infoBei Rauschgiftdelikten sind Aufklärungsquoten aufgrund des oben beschriebenen Phänomens der Kontrollkriminalität sehr hoch. Allerdings setzt eine solche Veränderung möglicherweise mit Verzögerung ein, insbesondere bei zeitintensiveren Ermittlungen oder strukturellen Veränderungen. Eine wichtige Komponente der Polizeiarbeit, nämlich die der Prävention, ist schwieriger darzustellen: Nicht erfasste Fälle und nicht begangene Straftaten sind in der PKS nicht unterscheidbar.

Entwicklungen auf anderen Drogenmärkten

Eine Befürchtung bezüglich der Teillegalisierung ist, dass Cannabis als „Einstiegsdroge“ dienen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen könnte, andere illegale Substanzen zu konsumieren. Mit den verfügbaren Daten ist es schwierig, diese Aussage kausal zu untersuchen. Allerdings lohnt es sich, die Entwicklungen auf Drogenmärkten näher anzuschauen.infoFür weitere Informationen und Referenzen zur Entwicklung von Drogenmärkten und sogenannten Drogenepidemien, vgl.: Timothy J. Moore und Rosalie Liccardo Pacula (2021): Causes and consequences of illicit drug epidemics. In: Klaus F. Zimmermann (Hrsg.): Handbook of Labor, Human Resources and Population Economics. Springer (online verfügbar).

Starker Anstieg von kokainbezogenen Delikten

Verglichen mit Cannabis zeigen sich bei anderen Substanzen unterschiedliche Entwicklungen: Bei kokainbezogenen Delikten (einschließlich Crack) ist ein sehr starker Anstieg in der PKS zu sehen, von 20964 Fällen im Jahr 2022 auf 27224 Fälle im Jahr 2023 und 27703 im Jahr 2024 (Abbildung 4). Bei anderen Substanzen (Amphetamin einschließlich Ecstasy, Methamphetamin, Heroin, LSD) sind dagegen in den letzten Jahren in den von der PKS erfassten Fällen Rückgänge oder (relativ) stabile Zahlen zu sehen.

Deutliche Zunahme von Drogenrückständen im Abwasser

Wie bei Cannabisdelikten handelt es sich auch hier zu einem großen Teil um Kontrollkriminalität. Die PKS spiegelt die Kombination der zugrundeliegenden Entwicklungen und Intensität der Erfassung durch die Polizei wider. Befragungen sind, wie oben beschrieben, bei illegalen Substanzen nur bedingt aufschlussreich und für viele Substanzen bieten sich wiederum Abwasserdaten als Datenquelle an (Kasten).infoHeroin ist bis dato schwer bis gar nicht im Abwasser nachweisbar. Rückstände liegen teils unter der Nachweisgrenze oder können nicht eindeutig von den Rückständen anderer Opioide, die auch in der medizinischen Behandlung genutzt werden (insbesondere Morphin), unterschieden werden. Vgl.: European Union Drugs Agency (2026): Wastewater analysis and drugs – a European multi-city study (online verfügbar). Wie in der PKS fällt für die teilnehmenden Städte ein im Durchschnitt starker Anstieg für Kokain und Crack insbesondere seit 2019/2020 auf (Abbildung 5). Verglichen mit 2015 war die durchschnittlich festgestellte Menge 2025 fast viermal so hoch. Auch die gemessene Menge für Amphetamin und insbesondere Methamphetamin stieg auf ein Mehrfaches.

Dabei gibt es regionale Unterschiede. Vor allem in Großstädten wie Dortmund, Hamburg, Hannover, München, Stuttgart sowie Berlin ist Kokain weiter verbreitet als andere Substanzen (Abbildung 6). In den meisten weiter östlich gelegenen Städten (Chemnitz, Dresden, Erfurt und Nürnberg) ist Methamphetamin prävalenter. Die Beobachtungen für Deutschland decken sich mit Europa:infoEuropean Union Drugs Agency (2026), a.a.O. Insgesamt gibt es Anstiege mit höheren Konzentrationen von Kokain in Städten in West- und Südeuropa, und Methamphetamin in osteuropäischen Städten (vor allem in Tschechien und der Slowakei).infoTschechien galt lange als Hauptproduzentenland für Crystal Meth in Europa. Die räumliche Nähe der ost- und südostdeutschen Städte zur Grenze (und damit zu den Handelswegen) ist eine plausible Erklärung für die regionale Verteilung. Andere Gründe können in der demografischen und sozio-ökonomischen Zusammensetzung der Konsument*innen liegen, und wie diese sich regional in Deutschland verteilen.

Preise auf illegalen Märkten

Wie bei Cannabis sind auch hier Preisentwicklungen von Interesse. Bei den vom BKA ermittelten Straßenhandelspreisen für illegale Drogen zeigen sich ähnlich wie beim Konsum unterschiedliche Tendenzen. Während Preise für zum Beispiel Heroin und Kokain relativ stabil geblieben sind, ist der Preis für Methamphetamin seit 2015 leicht und für Crack stark gesunken (Abbildung 7). Allerdings beruhen insbesondere die ermittelten Preise für Crack auf teilweise nur wenigen Beobachtungen.

Fazit: Priorität auf Prävention und Aufklärung legen

Aus den Analysen in diesem Wochenbericht lassen sich mehrere Erkenntnisse ableiten. Cannabiskonsum und -preise haben sich ersten Daten zufolge nach der Teillegalisierung nicht markant verändert, wie auch der erste Zwischenbericht zur offiziellen wissenschaftlichen Evaluation der Reform schlussfolgert.infoVgl. Manthey et al. (2025), a.a.O. Aufgrund der Datenlage können allerdings nur kurzfristige Aussagen getroffen werden; mittel- und langfristige Evaluierungen werden wichtig sein. Die PKS-Daten zeigen einen starken Rückgang von Rauschgiftdelikten nach der Reform, der primär ein statistischer Effekt der Legalisierung ist. Anstiege in Beschaffungs- und Gewaltkriminalität könnten auf eine angespanntere Situation auf dem Drogenmarkt deuten, allerdings beginnen diese Entwicklungen deutlich vor 2024. Indikatoren für die Nachfrage illegaler Drogen sprechen für einen Anstieg vor allem beim Konsum von Kokain/Crack und Methamphetamin, jeweils mit eigener Dynamik. Auch hier begann die Entwicklung bereits vor 2024.

Es lassen sich insbesondere zwei Implikationen für Politik und Gesellschaft ableiten. Erstens geht es um die Frage, ob und wie Nachfrage und Angebot von Cannabis reguliert werden sollten. Medizinische Forschung zeigt, dass gesundheitliche Risiken bestehen und nicht verharmlost werden sollten.infoBesonders gefährdet durch Cannabiskonsum gelten Jugendliche (da sich das Gehirn bis Mitte 20 noch entwickelt), Personen mit psychischer Vorbelastung sowie Menschen mit bestehendem Sucht- oder Herz-Kreislauf-Risiko. In diesen Gruppen können kognitive Beeinträchtigungen, Abhängigkeitsentwicklung oder psychische Erkrankungen wahrscheinlicher auftreten. Vgl. Marion Sonnenmoser (2008): Cannabiskonsum: Für Jugendliche besonders riskant. Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe 1, 34–35 (online verfügbar). Die Anzahl derjenigen, die Cannabis konsumieren, steigt seit Jahren. Dabei hat die Teillegalisierung, zumindest auf den ersten Blick, bisher nicht über längerfristige Entwicklungen hinaus zu markanten Veränderungen geführt. Um letztere politisch zu adressieren, scheint ein Ansatz der Aufklärung und Prävention (über Diskussionen zur Rücknahme der Reform hinaus) besonders wichtig. Zweitens konzentriert sich die aktuelle Debatte stark auf Cannabis, während andere Entwicklungen auf Drogenmärkten weniger öffentliche Beachtung finden. Da die Ressourcen begrenzt sind, bleibt die Frage, wo der größte Handlungsbedarf besteht und ob der aktuelle Diskurs diesen reflektiert. Angesichts der Entwicklungen bei illegalen Substanzen wie Kokain und Crack, Methamphetamin und künftig voraussichtlich auch stärker synthetischen Opioiden sollte hier der Fokus liegen. Dabei gibt es keine Steuerungselemente wie auf legalen Märkten (zum Beispiel über Steuern oder Altersbeschränkungen wie bei Tabak oder Alkohol). Stattdessen kommt öffentlichen Behörden und Institutionen (wie Polizei und Zoll) eine wichtige Funktion zu. Studien aus dem internationalen Kontext zeigen, dass eine Unterbrechung von Lieferketten auf der Angebotsseite kurzfristig effektiv sein kann.infoVgl. Carlos Dobkin und Nancy Nicosia (2009): The war on drugs: Methamphetamine, public health and crime. American Economic Review, 99(1), 324–349 (online verfügbar). Langfristig kommt auf der Nachfrageseite der Suchtberatung, der Prävention durch Aufklärung und der flächendeckenden Gesundheitsversorgung eine tragende Rolle zu. Die Schwierigkeit wird weiter darin bestehen, die Angebote nachhaltig zu finanzieren sowie Risikogruppen und betroffene Menschen wirksam zu erreichen.



JEL-Classification: I12;I18;K32;K42
Keywords: cannabis, drugs, crime, legalization, police
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-13-1


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