Blog Marcel Fratzscher vom 11. Mai 2026
30 Milliarden Euro fehlen der Bundesregierung, um die akute Krise zu meistern. Zugleich sitzt das Land auf riesigen Goldreserven. Warum nicht einige davon nutzen?
Die Bundesregierung steckt mal wieder in einem finanziellen Dilemma: Auf der einen Seite klafft eine Haushaltslücke, die noch deutlich größer ausfallen dürfte als die 20 oder 30 Milliarden Euro, über die bisher diskutiert wird. Es könnte aber noch mehr Geld im Bundeshaushalt fehlen. Auf der anderen Seite wächst der Druck, entschlossen zu handeln und Geld in die Hand zu nehmen. Denn die Energiekrise, ausgelöst durch die Blockade der Straße von Hormus, trifft Deutschlands Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger mit voller Wucht. Eine Entlastung bei den Unternehmenssteuern, eine Energiekostenpauschale für alle Haushalte, gezielte Überbrückungshilfen für besonders betroffene Branchen – all das wäre notwendig. Aber das kostet Geld, das der Haushalt derzeit nicht hergibt.
Derzeit werden die schlechtesten Antworten auf dieses Dilemma diskutiert. Zum einen Steuererhöhungen: Sie würden in einer Rezession die Wirtschaft weiter abwürgen. Zum anderen Kürzungen bei öffentlichen Investitionen: Das wäre eine Hypothek auf die Zukunft, die das Land sich angesichts seiner ohnehin schwachen Investitionsdynamik nicht leisten kann. Beides wäre wirtschaftspolitisch grob fahrlässig.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 8. Mai 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Bleibt noch die Schuldenbremse. Das Grundgesetz erlaubt es, in einer außerordentlichen Notsituation von der Regel abzuweichen – wenn eine breite Mehrheit im Bundestag zustimmt. Zum einen aber ist fraglich, ob diese Mehrheit politisch zustande kommt; die innere Zerrissenheit der Regierungskoalition in Haushaltsfragen ist bekannt. Zum anderen, und das ist der wichtigere Punkt, kauft eine einmalige Ausnahme nur wenig Flexibilität.
Was passiert, wenn die Straße von Hormus noch für viele weitere Monate geschlossen bleibt? Wenn die Energiekosten weiter explodieren und die Wirtschaft in eine tiefere Rezession gleitet? Muss die Bundesregierung dann wieder eine Notausnahme beantragen – und dabei erneut einen politischen Showdown riskieren? Die Schuldenbremse ist kein Instrument, das man ständig in einer sich dynamisch entwickelnden Krise neu nutzen kann.
Es gibt eine deutlich bessere Option: Die deutschen Goldreserven sind atemberaubend groß. Mit rund 3.352 Tonnen Feingold verfügt Deutschland über die zweitgrößten Goldreserven der Welt – übertroffen nur von den Vereinigten Staaten. Bei einem heutigen Spotpreis von etwa 4.750 US-Dollar pro Feinunze und einem Euro-Dollar-Kurs von rund 1,17 ergibt sich ein Marktwert von annähernd 438 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Noch Ende 2024 wies die Bundesbank diesen Bestand mit gut 270 Milliarden Euro in ihrer Bilanz aus. Allein seit Jahresbeginn 2025 hat das Gold der Bundesbank also einen Wertzuwachs von mehr als 160 Milliarden Euro erfahren.
Etwas mehr als die Hälfte des Goldes wird heute im Tresor der Bundesbank in Frankfurt am Main aufbewahrt. 37 Prozent liegen bei der Federal Reserve Bank of New York. Zwölf Prozent verwahrt die Bank of England in London.
Die Bundesbank hätte in den vergangenen zwei Jahrzehnten unter den europäischen Zentralbankabkommen – den sogenannten Central Bank Gold Agreements, die zwischen 1999 und 2019 galten – durchaus die Möglichkeit gehabt, koordiniert Gold zu verkaufen, ohne den Markt zu destabilisieren. Diese Abkommen erlaubten den Unterzeichnerbanken gemeinsam Verkäufe von bis zu 500 Tonnen jährlich. Andere europäische Zentralbanken haben diese Spielräume genutzt. Die Bundesbank hat es kaum getan. Sie verkauft jährlich allenfalls ein bis zwei Tonnen Gold an das Bundesfinanzministerium – für die Prägung von Gedenkmünzen.
Einen Teil dieser Reserven zu liquidieren, wäre kein Tabubruch, sondern ökonomisch vernünftig. Zuerst, weil selbst der Verkauf von nur einem Viertel der Goldreserven mehr als 100 Milliarden Euro generieren würde – das ist genug, um die notwendigen Entlastungsmaßnahmen zu finanzieren und der Bundesregierung obendrein einen mehrjährigen Puffer zu geben, falls die Krise sich hinzieht. Es gäbe keine erneuten Koalitionsdramen, keine erneuten Ausnahmen von der Schuldenbremse, kein jährliches Haushaltschaos.
Zweitens, weil sich die Goldpreise derzeit auf historischen Rekordniveaus befinden. Es ist schlichtes kaufmännisches Denken, bei solchen Preisen zumindest einen Teil der aufgelaufenen Buchgewinne zu realisieren. Wer sein gesamtes Vermögen in einem einzigen Asset konzentriert belässt, handelt fahrlässig.
Zudem wären Goldverkäufe politisch leichter zu erzielen als eine erneute Ausnahme von der Schuldenbremse. Letztere polarisiert entlang tiefer ideologischer Gräben. Erstere lassen sich als pragmatisches Portfoliomanagement in einer Krisensituation darstellen – was sie im Kern auch sind. Man muss jedoch betonen, dass die Goldreserven bei der Bundesbank liegen, und es ist einzig und allein die Entscheidung der Bundesbank, wann und wie viel Gold veräußert werden soll.
Kritiker wenden ein, dass Goldreserven Vertrauensanker und notwendig sind, damit Notenbanken in Krisenzeiten die Währung und damit die Geldwertstabilität sichern können. Das Argument ist zwar richtig, nur zeigen wissenschaftliche Studien, dass die Bundesbank dafür nicht 440 Milliarden Euro, sondern nur einen Bruchteil dieser Reserven benötigt.
Außerdem, so ein weiteres Gegenargument, sollte das Gold der Bundesbank nicht die Fehler der Finanzpolitik ausgleichen müssen. Dies ist ein ordnungspolitischer Gedanke, der zu kurz greift: Ein Teil der Goldreserven sollte lediglich zur Bekämpfung der gegenwärtigen Krise genutzt werden, nicht zur dauerhaften Finanzierung staatlicher Defizite. Und man könnte auch umgekehrt fragen: Wann und unter welchen Umständen wollen diese Kritiker*innen jemals zulassen, dass Gold der Bundesbank verkauft wird? Niemals? Dann wäre das deutsche Gold in den Tresoren wertlos. Oder nur bei einer extremen Krise? Aber wie stark muss die gegenwärtige Krise dann noch werden? Und rechtfertigt die exorbitante Höhe der Goldreserven nicht, zumindest einen kleinen Teil jetzt für eine effektive Krisenbekämpfung zu nutzen?
Eingewendet wird auch, der Vorschlag eines Teilverkaufs der deutschen Goldreserven unterminiere die Unabhängigkeit der Bundesbank. Doch das ist nicht der Fall. Es geht hier um eine ökonomische Überlegung, nicht um ein rechtliches Argument. Die Bundesbank ist unabhängig, die Entscheidung liegt allein bei ihr. Die ökonomische Vernunft aber spricht für eine klügere Nutzung eines Teils der Goldreserven.
Deutschland sitzt auf einem der größten öffentlichen Vermögen Europas. Dieses Vermögen hat in wenigen Monaten mehr an Wert gewonnen, als der gesamte Bundeshaushalt an sozialen Transferleistungen ausgibt. Und gleichzeitig fehlt das Geld für Entlastungen und die Krisenbekämpfung. Das ist kein Naturgesetz, es ist eine politische Entscheidung – und zwar eine, die dringend überdacht werden sollte.
Gewerkschaften, die sich nicht transformieren, werden schrumpfen – nicht nur als Mitgliederorganisationen, was sie bereits seit Jahrzehnten tun, sondern als gesellschaftliche Kraft. Gewerkschaften beziehen ihre Legitimation nicht nur daraus, dass sie die Interessen der Beschäftigten wirksam vertreten, sondern auch daraus, dass sie gesellschaftlichen Fortschritt fördern und politische Stabilität stärken. Das können sie nicht einhalten, wenn ihre Kernforderungen an einer Arbeitswirklichkeit vorbeizielen, die KI und Digitalisierung täglich tiefgreifender verändern.
Das bedeutet nicht, dass Lohnpolitik und Arbeitszeitschutz unwichtig wären. Sie bleiben wichtig. Aber sie sind nicht mehr hinreichend. Der Tag der Arbeit am 1. Mai sollte deshalb nicht nur der Anlass sein, den Status quo zu verteidigen. Er sollte der Anlass sein, selbstbewusst zu fragen: Wie muss Gewerkschaftsarbeit aussehen, damit sie in zehn oder zwanzig Jahren noch relevant ist? Die Antwort liegt nicht in der Nostalgie, sondern in der Bereitschaft, die eigene Rolle ebenso mutig zu transformieren, wie es Gewerkschaften von den Unternehmen erwarten.
Themen: Geldpolitik , Konjunktur , Öffentliche Finanzen