Wenn Angst die Demokratie zerstört

Blog Marcel Fratzscher vom 1. Juni 2026

Populisten unterscheiden sich von Demokraten vor allem in der Art, wie sie Angst instrumentalisieren. Sie glauben: Wer Angst macht, hat Macht. Und leider stimmt das. 

Wer verstehen will, warum demokratische Gesellschaften heute so fragil geworden sind, muss nicht auf Migration, Globalisierung oder technologische Umbrüche schauen. Er muss auf die politische Instrumentalisierung von Angst blicken. Und die hat einen ökonomischen Kern. Neu ist, wie gezielt Angst politisch eingesetzt wird. Populisten haben eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie perfektioniert: Sie verwandeln komplexe Probleme in moralische Konflikte, konstruieren Feindbilder und suggerieren, dass Sicherheit und Wohlstand nur durch Ausgrenzung zu erreichen seien. 

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 29. Mai 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Durch digitale Medien erreicht diese Logik eine neue Dimension. Für 74 Prozent in der Altersgruppe zwischen 16 und 27 Jahren ist Social Media die wichtigste Informationsquelle. Das Problem: Negative Botschaften polarisieren auf den verschiedenen Plattformen und generieren so deutlich höhere Reichweiten. In Deutschland nutzen Populisten diese Logik, indem sie hauptsächlich Kritik an Bestehendem üben und damit die wahrgenommenen Inhalte dominieren. Wer Angst erzeugt, kontrolliert Wahrnehmung, politische Entscheidungen und hat die Macht, die Demokratie zu bedrohen.

Die Ideologie der Angst

Angst thematisiert auch der niederländische Politikwissenschaftler Cas Mudde und beschreibt Populismus als eine »dünne Ideologie«. Diese teile die Gesellschaft in zwei moralisch aufgeladene Lager: das »anständige Volk« und die »korrupte Elite«. Diese ideologische Spaltung ist genau der Mechanismus, mit dem Populisten weltweit so erfolgreich sind: Die korrupte Elite habe die Macht an sich gerissen – deshalb müsse man die Macht dem anständigen Volk zurückgeben, lautet deren Paradigma. Dabei zeigt sich aktuell, dass Populisten oft selbst Teil einer korrupten Elite sind.

Diese Darstellung schürt Angst und lebt zugleich von dieser. Denn erst Angst macht politische Konflikte existenziell. Migration wird zur Bedrohung der Identität, Klimapolitik zur Bedrohung des Wohlstands, soziale Umverteilung zur Bedrohung der Leistungsgerechtigkeit. So entsteht ein Weltbild, in dem Politik nicht mehr als Suche nach gemeinsamen Lösungen erscheint, sondern als Kampf zwischen zwei Lagern. Dies ist der Kern moderner gesellschaftlicher Polarisierung.

Die politische Ökonomie der Angst

Doch Angst braucht einen Nährboden. Populisten schaffen einen solchen. Der Politikwissenschaftler Philip Manow aus Siegen zeigt, dass Populismus tief in ökonomischen Umbrüchen verwurzelt ist. Globalisierung, Digitalisierung und der Umbau der Wohlfahrtsstaaten haben neue Gewinner und Verlierer hervorgebracht. So sind im Norden Europas trotz ausgeprägter Wohlfahrtsstaaten Populisten erfolgreich, weil die schwindende Industrie zu Verlustängsten führt. Im Süden Europas hingegen fehlt es an staatlichen Ausgaben. Die europäische Austeritätspolitik verhindert diese im großen Umfang und bestärkt somit die dortigen Populisten. Sie sind daher gerade dort erfolgreich, wo Menschen sich abgehängt fühlen – und wo Politik es versäumt, reale Aufstiegschancen zu schaffen.

Angst rechtfertigt autoritäre Machtstrukturen

Michael Zürn vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) beschreibt eine weitere Dimension der Krise: Moderne Demokratien stehen unter dem Druck globaler Konflikte, die national kaum lösbar sind. Migration, Klimawandel oder Finanzmärkte sprengen die klassischen Handlungsspielräume des Nationalstaats. Gleichzeitig erwarten Bürgerinnen und Bürger einfache Lösungen. Populisten reagieren darauf mit Versprechen, die sie nicht einlösen können – die aber politisch wirksam sind: nationale Abschottung, autoritäre Führung, klare Schuldzuweisungen. Angst wird so zum Ersatz für politische Steuerungsfähigkeit. Statt komplexe Probleme zu lösen, werden einfache Narrative produziert.

Der ungarische Ökonom und Politikwissenschaftler Zoltán Ádám analysiert autoritären Populismus als Versuch, die »Transaktionskosten« demokratischer Politik zu reduzieren. Demokratie ist langsam, konflikthaft und pluralistisch. Autoritäre Populisten versprechen Effizienz, Ordnung und klare Entscheidungen. Ádám spricht von einer »Re-Feudalisierung der Demokratie«: Institutionelle Regeln werden durch personalisierte Machtstrukturen ersetzt, während Wahlen formal erhalten bleiben. Angst ist das zentrale Legitimationsinstrument dieses Umbaus. Sie rechtfertigt den Abbau von Freiheit im Namen von Sicherheit.

Die schleichende Transformation der Demokratie

Die größte Gefahr ist nicht der einzelne populistische Wahlerfolg. Es ist die schleichende Veränderung demokratischer Normen. Wenn Angst zur Normalität wird, verändert sich die Demokratie selbst. Debatten werden moralisiert, Kompromisse delegitimiert, Minderheitenrechte infrage gestellt. 

Demokratie lebt jedoch von Vertrauen – Vertrauen in Institutionen, in Mitmenschen, in die Möglichkeit gemeinsamer Lösungen. Angst zerstört dieses Vertrauen. Sie ersetzt Kooperation durch Misstrauen, Solidarität durch Konkurrenz und Rationalität durch Emotion. Selbst scheinbar pragmatische Forderungen – etwa nach massiven Abschiebungen – sind oft reine Symbolpolitik, die ökonomisch unsinnig und demokratisch gefährlich ist.

Wer die Demokratie verteidigen will, muss mehr tun, als Populisten moralisch zu kritisieren. Er muss die soziale Grundlage der Angst(-politik) zerstören: durch mehr Chancengleichheit, mehr soziale Sicherheit und eine Politik, die Hoffnung statt Angst produziert.

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