Blog Marcel Fratzscher vom 26. Januar 2026
Die Vermögen der Wenigen explodieren, während die Masse schaut, wo sie bleibt. Deutschland muss das ändern – und könnte Vorbild sein. Denn es geht um die Demokratie.
Während sich in Davos im Januar die Mächtigen der Welt zum Weltwirtschaftsforum versammeln, legt die neue Oxfam-Studie den Finger in eine der offenen Wunden unserer globalen Ordnung. Hinter den wohlfeilen Schlagworten vieler Wirtschaftslenker und Politiker – "Resilienz", "Nachhaltigkeit" und "inklusive Wirtschaft" verbirgt sich eine Realität, die immer grotesker wird: Vermögen konzentriert sich in einem historischen Ausmaß bei wenigen Menschen – und die Politik schaut weg. Dies hat enorme Kosten für Wirtschaft und Gesellschaft und ist heute eine der größten Bedrohungen für unsere Demokratie.
Die Fakten sind erschütternd. In den vergangenen fünf Jahren – und besonders im letzten Jahr – ist die Vermögensungleichheit weltweit massiv gestiegen. Die zwölf reichsten Menschen der Welt besitzen heute mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Die Vermögen der Milliardäre sind in fünf Jahren um 80 Prozent gewachsen, allein im letzten Jahr um 16 Prozent. Das ist keine normale Marktdynamik mehr, sondern eine strukturelle Schieflage.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 23. Januar 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Besonders drastisch zeigt sich das am Beispiel Elon Musk: Er verdient laut Oxfam-Studie in vier Sekunden mehr als ein durchschnittlicher Mensch im Jahr. Gleichzeitig hat er sich bei Tesla ein Vergütungspaket ausgehandelt, das ihm perspektivisch fast eine Billion Dollar zusätzlich verschaffen könnte – eine Zahl jenseits menschlicher Vorstellungskraft. Und Musks Äußerungen lassen kaum Zweifel, dass es ihm dabei nicht primär ums Geld geht, sondern um Macht und Kontrolle. Genau hier wird das politische Problem sichtbar.
Auch Deutschland ist kein Hort der Gleichheit. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin zeigt seit Jahren: Die reichsten ein Prozent besitzen mehr als 30 Prozent des gesamten Vermögens, während das ärmste Drittel praktisch keine nennenswerten Ersparnisse hat. Im europäischen Vergleich gehört Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Vermögensungleichheit – nicht nur mit viel konzentriertem Reichtum, sondern auch mit viel Armut. Mit knapp einem Drittel aller Menschen lebt hierzulande ein ungewöhnlich großer Teil der Bevölkerung ohne Rücklagen und ist damit abhängig vom Sozialstaat.
Oft heißt es: Ist das nicht eine Neiddebatte? Gönnen wir erfolgreichen Menschen ihren Erfolg nicht? Und überhaupt: Gibt es nicht in jeder Gesellschaft Ungleichheit?
Ja, Ungleichheit existiert überall. Und in einem gewissen Maß kann sie sogar echte Leistung und freie Entscheidungen widerspiegeln und somit Anreize setzen. Das Problem ist: Der größte Teil der heutigen Vermögensungleichheit hat wenig mit persönlicher Leistung zu tun. Er beruht immer stärker auf Erbschaften, politischem Einfluss und der Fähigkeit, Wettbewerb zu verzerren und Steuern zu vermeiden. Wir erleben keine Meritokratie, sondern eine Vererbungsgesellschaft mit Tendenzen zur Oligarchisierung.
Hohe Ungleichheit zerstört Solidarität. Sie schafft eine Gesellschaft der Gewinner und Abgehängten. Viele Eltern können ihren Kindern nicht das ermöglichen, was längst als normal gilt – Musikunterricht, Auslandsaufenthalte, Nachhilfe, kulturelle Teilhabe. Damit werden Lebenswege schon früh festgelegt. Polarisierung und Misstrauen wachsen, während das Gefühl gemeinsamer Zugehörigkeit schwindet.
Wirtschaftlich ist Ungleichheit kein Motor, sondern eine Bremse. Wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft wenig Chancen haben, gehen Talente verloren – für sie selbst und für die gesamte Volkswirtschaft. Unternehmen verlieren Kreativität und Produktivität, weil Fachkräfte fehlen oder diese weniger Fähigkeiten haben, als es möglich wäre.
Politisch ist die Lage gefährlich. Geld kauft Macht – das sehen wir gerade in den USA, aber auch zunehmend in Europa. Auch in Deutschland haben sehr reiche Familienunternehmen und Superreiche erheblichen politischen Einfluss. Das untergräbt das demokratische Prinzip "eine Person, eine Stimme". Wenn Vermögen politische Entscheidungen prägt, wird Demokratie ausgehöhlt.
Es braucht zwei große Reformen. Erstens: eine grundlegende Reform des Steuersystems. Deutschland besteuert Arbeit extrem hoch und Vermögen vergleichsweise gering – kaum ein anderes Land hat eine solch extreme Schieflage im Steuersystem. Das ist mit der Hauptgrund, warum Vermögen so stark wachsen können.
Die gegenwärtige Debatte um die Reform der Erbschaftsteuer ist ein Beispiel. Viele der heutigen Milliardäre in Deutschland sind reich geworden, weil sie geerbt haben, oft nahezu steuerfrei. Das Argument, eine stärkere Besteuerung würde Unternehmen zerstören, ist empirisch falsch. Andere Länder zeigen, dass man Unternehmen erhalten und trotzdem Erbschaften fair besteuern kann — indem man Erbschaftsteuern über Jahre und Jahrzehnte stundet, sodass lediglich ein Teil der Gewinne für die Zahlung der Erbschaftsteuer herangezogen wird.
Ebenso sinnvoll wäre eine sogenannte Milliardärssteuer nach dem Vorschlag von Gabriel Zucman: zwei Prozent jährlich auf Vermögen über 100 Millionen Euro. Nach Berechnungen meines Kollegen Stefan Bach würde dies knapp 17 Milliarden Euro an zusätzlichen Steuereinnahmen für den deutschen Staat bedeuten. Selbst dann würden die Vermögen der Hochvermögenden weiter wachsen, denn historisch steigen sie im Schnitt um rund sieben Prozent pro Jahr. Es geht nicht um Enteignung, sondern um eine relativ geringe Beteiligung an den Kosten der Gesellschaft, die diesen Reichtum überhaupt erst möglich macht. Warren Buffett hat es treffend formuliert: Er zahlt einen niedrigeren Steuersatz auf sein Einkommen als seine Sekretärin.
Zweitens: echte Chancengleichheit, vor allem in der Bildung. Deutschland schneidet bei der sozialen Mobilität im Bildungssystem erschreckend schlecht ab – schlechter sogar als die USA, obwohl unser Bildungssystem überwiegend öffentlich finanziert ist. Die PISA-Studien zeigen sinkende Leistungen, und das ifo Institut belegt, dass Bildungsungleichheit in den vergangenen Jahrzehnten sogar zugenommen hat. Das ist ein doppeltes Versagen: Wir investieren viel zu wenig in Bildung und erreichen immer weniger – und reproduzieren soziale Unterschiede, statt sie abzubauen.
Die Vermögensungleichheit ist heute eine der größten Bedrohungen unserer Demokratie. Wie gefährlich sie geworden ist, zeigt der Einfluss der Tech-Milliardäre in den USA, ohne die Donald Trump und JD Vance kaum an die Macht gekommen wären. Demokratie wird zur Beute des großen Geldes.
Deutschland könnte – und sollte – vorangehen. Eine faire Besteuerung großer Erbschaften und Vermögen ließe sich schnell umsetzen. Sie würde der Wirtschaft nicht schaden, sondern sie stärken, weil sie in Bildung, Infrastruktur und soziale Stabilität investiert würde.
Am Ende ist es eine Frage des politischen Willens. Wollen wir eine Demokratie, in der jeder Mensch zählt – oder eine Vermögensaristokratie, in der wenige herrschen? Die Antwort darauf entscheidet über unsere Zukunft und die unserer Demokratie.
Themen: Bildung , Ungleichheit