Warum Deutschland zurückfällt

Medienbeitrag vom 28. Juli 2026

Warum Deutschland zurückfällt

Die deutsche Industrie verliert an Boden – viele Ursachen sind hausgemacht. Wie kann die stille Auszehrung gestoppt werden? Fünf Vorschläge.

Dieser Gastbeitrag von Alexander Schiersch und Alexander S. Kritikos ist am 27. Juli 2026 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

Deutschlands forschungsintensive Industrien bilden seit Jahrzehnten das Fundament der deutschen Wirtschaft. Doch ob Automobilindustrie, Maschinenbau, Chemie- oder Elektronikindustrie, es knirscht seit einiger Zeit. Das zentrale Problem ist eine politisch hausgemachte und inzwischen strukturell verankerte Investitionsschwäche. Jahrzehntelang galt Deutschlands Erfolgsformel fast schon als gesetzt: Mittels hochwertiger Produkte, getrieben von kontinuierlicher Innovation und  exzellenter Ingenieurskunst, werden Wohlstandund Arbeitsplätze gesichert. Doch dieses Fundament hat Risse bekommen. Der Wertschöpfungsanteil der Produzenten hochwertiger Technologiegüter ist zuletzt gesunken, der Anteil der spitzentechnologischen Industrien stagniert. Alarmierend ist die Entwicklung bei der Arbeitsproduktivität, also der realen Wertschöpfung je Beschäftigten. Bei hochwertigen Technologiegütern hat die deutsche Industrie seit einer Dekade kaum Fortschritte erzielt. Zwischen 2015 und 2024 stieg die Produktivität hier nur um magere sieben Prozent. Entsprechend verlieren deutsche Exporte forschungsintensiver Güter im Welthandel an Boden. Ihr Anteil an den globalen Exporten sank seit 2015 um rund 15 Prozent, wie eigene Analysen des DIW Berlin zeigen. Der komparative Vorteil, der lange Zeit höhere Preise rechtfertigte, ist in Gefahr.

Die Produktivität anderer EU-Länder wächst deutlich stärker

Das gängige Narrativ, wonach der Einbruch externen, nicht beeinflussbaren Faktoren geschuldet sei, also gestiegenen Energiepreisen, geopolitischen Verwerfungen, neuen Zöllen oder Chinas aggressiver Exportoffensive, greift jedoch zu kurz. Denn angrenzende Volkswirtschaften erzielten im gleichen Zeitraum durch strategische Spezialisierung hohe Produktivitätszuwächse. In den Niederlanden und der Schweiz wuchs die Produktivität bei hochwertigen Technologiegütern um rund 25 Prozent.  Noch deutlicher klafft die Schere in den spitzentechnologischen Industrien auseinander. Zwar wuchs Deutschlands Produktivität dort von 2015 bis 2023 um 25 Prozent, doch seitdem geht es abwärts. Zu dem verblasst dieser Wert im Vergleich: In den Niederlanden stieg die Produktivität um 59 Prozent, in der Schweiz um das Doppelte, und auch Dänemark legte erheblich stärker zu. Mit echten Innovationen lassen sich in Europa also weiterhin zusätzliche Wertschöpfung und Wachstum generieren.

Investitionsschwäche bremst Unternehmen aus

Die tiefere Ursache der deutschen Misere liegt in einer chronischen Investitionsschwäche. Reale Ausrüstungsinvestitionen vieler Unternehmen sind zu niedrig, die Erneuerungszyklen zu lang. Innovationen setzen erhebliche private und öffentliche Investitionen voraus. Doch das regulatorische und wirtschaftliche Umfeld hat sich so verschlechtert, dass Unternehmen zunehmend vor Investitionen im Inland zurückschrecken. Es sind eben nicht (nur) die hohen Energiekosten, sondern viel mehr eine erdrückende Bürokratie mit langwierigen Antrags- und Genehmigungsverfahren sowie ausufernden Berichts- und Dokumentationspflichten. Und während Digitalisierungsschübe punktuell bleiben, wird analoge Infrastruktur zum Engpass.

Zudem läuft Deutschland in eine demographische Sackgasse. Der Mangel an Ingenieuren, IT Spezialisten und Fachkräften bremst Unternehmen bereits heute aus. All das verschiebt die Renditeerwartungen und bremst Investitionen aus. Kapital fließt zunehmendins Ausland ab, wo Rahmenbedingungen besser gestaltet sind. Diese Investitionsschwäche hat ein zweites, eben so gravierendes Gesicht. Sie betrifft auch junge Hightech-Unternehmen mit Skalierungsproblemen. Gründungen gibt es in Deutschland in substanzieller Zahl. Doch die Firmen wachsen weit weniger dynamisch als in den USA. Seit der SAP-Gründung im Jahr 1972 hat in Deutschland kein Start-up mehr eine Marktkapitalisierung von 100 Milliarden Euro erreicht– die zwei zuletzt in den Dax aufgenommenen Unternehmen liegen bei unter 10 Milliarden Euro. 

In den USA entstanden im selben Zeitraum über ein halbes Dutzend Unternehmen mit Bewertungen jenseits einer Billion Euro. Auch der Blick auf die jüngere Vergangenheit ernüchtert. Viele der hierzulande gestarteten „Einhörner“, also Start-ups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Euro, verlagern die Suche nach Investitionskapital oder Börsengänge in die USA, weil der europäische Kapitalmarkt nicht die nötige Tiefe für Spätphasenfinanzierungen bietet.

Das Problem ist also weniger ein Mangel an Ideen oder Gründungsdynamik, sondern die Skalierung. Entsprechend klein sind die europäischen Wagniskapitalmärkte. Der EU-Anteil am global eingesammelten Venture Capital liegt bei fünf Prozent, gegenüber 52 Prozent in den USA und 40 Prozent in China.

Europäischer Flickenteppich

Eine wesentliche Ursache liegt erneut im regulatorischen Umfeld. Europa reguliert sehr viel, bringt die Vollendung eines funktionierenden Binnenmarktes aber nicht voran. Der Draghi-Report zeigt das Ausmaß. Während in den USA auf Bundesebene zwischen 2019 und 2024 rund 5500 Gesetze und Regulierungen verabschiedet wurden, hat die EU den Kontinent mit rund 13.000 Rechtsakten geflutet. Zu dem setzen die 27 Mitgliedstaaten EU-Recht unterschiedlich um. EU-Richtlinien werden, auch in  Deutschland, mit zusätzlichen bürokratischen Anforderungen angereichert („Gold-Plating“).

Das Ergebnis ist ein regulatorischer Flickenteppich. Ein in Deutschland gegründetes Tech-Unternehmen muss für jeden weiteren EU-Markt faktisch einen eigenen regulatorischen Prozess durchlaufen. Das gilt um so mehr für datengetriebene Geschäftsmodelle und KI-Anwendungen, die für Wachstum wichtiger sind denn je. Solange jedoch 27 nationale Sonderregeln den Datenaustausch fragmentieren, lassen sich datenbasierte Geschäftsmodelle nicht im erforderlichen Maßstab entwickeln und ausrollen. Der Flickenteppich wirkt zu dem doppelt auf den Kapitalmarkt. Zum einen ist der europäische Kapitalmarkt selbst fragmentiert. Zum anderen lohnt im zersplitterten Binnenmarkt das Skalieren weniger, was die Nachfrage nach Wachstumskapital dämpft. Dies erzeugt einen sich selbst verstärkenden Kreislauf, in dem auch deutsche Hightech-Unternehmen gefangen sind.

Fünf Maßnahmen sind erforderlich

Will Deutschland den schleichenden Verlust seiner industriellen Substanz stoppen und gleichzeitig attraktiver für Hightech-Unternehmen mit Skalierungsbedarf werden, bedarfes keiner neuen Subventionsmilliarden wie für den Industriestrompreis, sondern eines Umsteuerns der Wirtschaftspolitik mit fünf angebotsorientierten Maßnahmen.

Erstens: die Effizienz und Qualität de röffentlichen Verwaltung systematisch erhöhen, um die Bürokratiebelastung zu reduzieren. Die jüngsten Koalitionsbeschlüsse, wonach gesetzliche Dokumentations und Berichtspflichten gegenüber demStaat–wo  immer möglich– aufgehoben werden sollen, gehen in diesem Bereich in die richtige Richtung. Doch es bedarf eines systemischen Ansatzes, der über solche Maßnahmen hinausgeht und die Interaktion zwischen Staat und Wirtschaft grundlegend neu denkt. Denn es wird immer Regulierung geben. Ihre Wirkung hängt aber nicht nur von der Zahl der Vorschriften ab, sondern auch von der Qualität der Verwaltung, die diese gestaltet und umsetzt. Eine kompetente Verwaltungsstruktur kann, wie die nordischen Länder zeigen, eine hohe Regulierungsdichte kompensieren, indem Antrags- und Genehmigungsverfahren spürbar beschleunigt und Unternehmen entlastet werden.


Zweitens: eine durchgängige Digitalisierung der Verwaltung. Deutschland hinkt bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und der Herstellung von Schnittstellen zur Wirtschaft hinterher. Anträge, Zertifizierungen und Meldepflichten müssen vollständig digital ablaufen. Den größten Hebel bietet der Einsatz Künstlicher Intelligenz in den Behörden selbst. KI-Systeme können Anträge prüfen, Standardfälle bearbeiten, Routinetätigkeiten übernehmen und so Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren um ein Vielfaches verkürzen. Digitalisierung und KI stärken damit zugleich die in Punkt 1geforderte Steigerung der Verwaltungsqualität. 

Drittens: Investitionen in die Infrastruktur. Ein Industriestandort kann ohne funktionierende analoge und digitale Infrastruktur nicht existieren. Die jahrzehntelange Vernachlässigung von Verkehrs, Schienen- und Stromnetzen rächt sich nun. Logistische Ineffizienzen verteuern die Produktion und mindern die Planbarkeit. Der schleppende Ausbau digitaler Netze – etwa Glasfaser und flächendeckendes 5G – ist zudem ein Standortnachteil für forschungs- und wissensintensive Unternehmen wie für digitale Geschäftsmodelle, die auf Echtzeitdaten angewiesen sind. Das Sondervermögen muss diese Defizite angehenund darf nicht als Verschiebebahnhof für Haushaltsprobleme dienen. 

Viertens: den Zugang von Nicht-EU-Fachkräften nach Deutschland beschleunigen. Die langwierigen Visa- und Arbeitserlaubnisverfahren für Fachkräfte aus Drittstaaten müssen konsequent digitalisiert und entbürokratisiert werden. Einen vielversprechenden Ansatz bietet die geplante digitale Agentur, die die zersplitterten Zuständigkeiten beiderZuwanderung aus dem Nicht-EU-Ausland bündeln und die komplexen Prozesse beschleunigen könnte. Hier griffen die beiden zuvor geforderten Hebel ineinander: höhere Verwaltungsqualität durch gebündelte, effiziente Zuständigkeiten und deren durchgängige Digitalisierung. Administrative Effizienz ist auch eine ökonomische Notwendigkeit im Ringen umweltweite Talente.

Fünftens: die konsequente Vollendung des europäischen Binnenmarkts. Das ist die größte Herausforderung, aber auch jene mit dem größten Wachstumspotential. Denn der Binnenmarkt bleibt in mehreren, sich gegenseitig verstärkenden Dimensionen unvollendet,die zusammen adressiert werden müssen. Drei Dinge braucht es: einen wirklich offenen Produkt- und Dienstleistungsmarkt, einen einheitlichen europäischen Datenraum ohne nationale Sonderregeln als Fundament für datengetriebene und KI-Innovationen sowie eine echte Kapitalmarktunion. Anders als bei den anderen Hebeln liegt die Entscheidungsgewalt hier in Brüssel und den 27 Hauptstädten. Die Bundesregierung kann den Binnenmarkt nicht im Alleingang vollenden, wohl aberals größte Volkswirtschaft der EU ihr politisches Gewicht in die Waagschale werfen. Das erfordert eine klare Priorisierung dieser Agenda, enge Allianzen mit gleichgesinnten Mitgliedstaaten und konkrete Initiativen wie das von der Kommission im März 2026 vorgeschlagene „28. Regime“ („EU Inc.“), das innovativen Unternehmen bei der Gründung eine einheitliche EU-weite Rechtsform jenseits der 27 nationalen Gesellschaftsrechte ermöglichen soll.

Deutschland hat ein vitales Eigeninteresse, diesen Prozess voranzutreiben. Wie weit hochproduktive Volkswirtschaften auch im bestehenden europäischen Rahmenkommen, zeigen die Niederlande, die Schweiz und Dänemark. Industrieller Erfolg ist möglich, wenn zumindest die nationalen Rahmenbedingungen für Investitionen stimmen. An der Notwendigkeit der hier vorgeschlagenen Maßnahmen haben die jüngsten Reformbeschlüsse der Bundesregierung kaum etwas geändert. Die Regierung sollte aber den Schwung aus diesen Beschlüssen nutzen, um zeitnah auch die anhaltende Investitionsschwäche anzugehen, mit leistungsfähigerer Verwaltung, konsequenter Digitalisierung, moderner Infrastruktur und der Öffnung für globale Talente. Nur so bleibt der Standort Deutschland für forschungsintensive Industrien weiterhin attraktiv. Die jüngst verkündeten Massenentlassungen in der Automobilindustrie zeigen, wie tief die Risse im Fundament der deutschen Wirtschaft bereits sind.

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