So schadet der Börsenboom der Demokratie

Blog Marcel Fratzscher vom 3. August 2026

Von hohen Aktienkursen profitieren Reiche besonders stark. Ärmere hingegen werden durch steigende Preise und Mieten zunehmend abgehängt. Das ist politisch gefährlich.

Als Elon Musk Anfang Juni 2026 mit dem geplanten Börsengang von SpaceX offiziell zum ersten Billionär der Menschheitsgeschichte aufstieg, war das Medienecho gewaltig. Kaum Aufmerksamkeit hingegen erhielt die Tatsache, dass dies kein Ausreißer, sondern Symptom einer strukturellen Verschiebung ist, die sich seit Jahren vollzieht und deren politische Sprengkraft unterschätzt wird.

Der jüngste Global Wealth Report der Boston Consulting Group (BCG) bestätigt: Das globale Privatvermögen wächst rasant, angetrieben von Aktien- und Kapitalmärkten. Gleichzeitig stagnieren oder schrumpfen die Realeinkommen breiter Bevölkerungsschichten. Der Boom der Finanzmärkte und die Not der Daseinsvorsorge sind extreme Widersprüche in einer Demokratie und Marktwirtschaft.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 31. Juli 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Der deutsche Aktienindex Dax hat sich seit 2015 nahezu verdreifacht, der US-amerikanische S&P 500 legte noch stärker zu. Wer Vermögen in Aktien angelegt hat, ist reicher geworden, meist mit wenig eigener Arbeitsleistung. Doch von Aktienbesitz profitiert in Deutschland nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Die reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen rund 67 Prozent des gesamten Nettovermögens. Die untere Hälfte der Bevölkerung verfügt über nahezu kein Nettovermögen – oder ist sogar verschuldet. Wer kein Kapital besitzt, partizipiert nicht am Börsenboom.

Aktiengewinne für wenige, Kaufkraftverlust für viele

Gleichzeitig hat die Inflation der Jahre 2021 bis 2023 und der erneute Preisanstieg in den vergangenen Monaten jene Haushalte am härtesten getroffen, die ohnehin wenig haben. Denn Haushalte mit geringem Einkommen geben einen weitaus höheren Anteil ihres verfügbaren Einkommens für Energie, Lebensmittel und Mieten aus. Genau diese Güter wurden besonders teuer. Nach Berechnungen auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts lag die Inflationsrate für einkommensschwache Haushalte in den Spitzenjahren 2022/23 teils zwei bis drei Prozentpunkte höher als für einkommensreiche Haushalte. Das entspricht einer systematischen Kaufkraftumverteilung von unten nach oben.

Hinzu kommt eine geopolitische Dimension: Die Energiepreiskrisen der vergangenen Jahre haben in erheblichem Maße Russland und andere autoritäre fossile Exportstaaten gestärkt. Die hohe Inflation war damit nicht nur eine Umverteilung von Arm zu Reich innerhalb offener Gesellschaften, sondern auch eine Umverteilung von demokratischen Gesellschaften hin zu Diktaturen. Dies ist ein doppelter Schaden für die liberale Weltordnung.

Die BCG-Studie zeigt auch, dass die Zahl der Millionäre und Milliardäre weltweit kontinuierlich wächst. In Deutschland zählte das manager magazin zuletzt über 250 Milliardärinnen und Milliardäre – so viele wie nie zuvor. Gleichzeitig verharrt die Armutsquote in Deutschland bei über 16 Prozent. Das ist das Ergebnis politischer Weichenstellungen und politischer Untätigkeit.

Denn der Börsenboom der letzten Jahre ist nicht Ausdruck wirtschaftlicher Dynamik, sondern das Resultat einer expansiven Geldpolitik, die Vermögenspreise systematisch aufgebläht hat, ohne dass dieser Zuwachs nennenswert umverteilt worden wäre. Wer Aktien, Immobilien oder Unternehmensanteile besaß, wurde reicher. Wer nichts davon besaß, profitierte nicht – und zahlte obendrein höhere Mieten, während Immobilienbesitzer von niedrigen Zinsen profitierten.

Die Vermögenskonzentration hat dabei eine Eigendynamik, die demokratische Gesellschaften langfristig aushöhlt. Wie Studien des Internationalen Währungsfonds und der OECD wiederholt belegt haben, korreliert hohe Vermögensungleichheit mit geringerer sozialer Mobilität, schwächerem Wirtschaftswachstum und der Erosion demokratischer Institutionen. Wer über ausreichend Kapital verfügt, kann politische Prozesse beeinflussen: über Lobbying, Medieneigentum, Parteispenden. Elon Musks politische Einflussnahme in den USA ist das extreme, aber symptomatische Beispiel einer Logik, die auch in Europa greift.

Besonders besorgniserregend an dieser Entwicklung ist nicht die Ungleichheit per se. Es ist die politische Ignoranz ihr gegenüber. In keiner der großen europäischen Koalitionsverhandlungen der letzten Jahre spielte Vermögensverteilung eine relevante Rolle. In Deutschland hat die Bundesregierung unter Friedrich Merz das Thema weitgehend vom Tisch gewischt. Eine ernsthafte Diskussion über Vermögensteuern, eine Reform der Erbschaftsteuer oder eine stärkere Besteuerung von Kapitalerträgen findet schlicht nicht statt.

Stattdessen werden Steuersenkungen für Besserverdienende diskutiert, während soziale Leistungen unter Haushaltsdruck geraten. Es ist eine Politik, die die Schere weiter öffnet – und das in einer Zeit, in der viele Bürgerinnen und Bürger ohnehin das Gefühl haben, dass die Politik nicht für sie arbeitet.

Die Demokratie zahlt den Preis

Dieser Vertrauensverlust hat konkrete politische Konsequenzen. Populistische und antidemokratische Parteien haben in ganz Europa zuletzt von der Wahrnehmung profitiert, dass das System die Reichen begünstigt und die normalen Menschen vergisst. Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass Krisen immer sie treffen – steigende Mieten, höhere Energierechnungen, Kaufkraftverluste –, während Vermögende und Konzerne von denselben Krisen profitieren, dann wächst die Wut. Diese Wut ist verständlich und gefährlich.

Es ist kein Zufall, dass die politische Polarisierung in jenen Regionen und Milieus am stärksten zugenommen hat, in denen die Wohlstandsschere am deutlichsten auseinandergeht. Die Verbindung zwischen ökonomischer Ungleichheit und demokratischer Erosion ist empirisch gut belegt – und wird in der politischen Debatte systematisch ignoriert. Dabei ist das Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit eine notwendige Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dieses Vertrauen wird beschädigt, wenn die Politik zeigt, dass sie in Krisen die Lasten ungleich verteilt.

Demokratien können auch scheitern, wenn sie ökonomisch versagen – wenn sie nicht in der Lage sind, dafür zu sorgen, dass Wohlstand und Lasten fair verteilt werden.

Was jetzt getan werden sollte

Die Politik muss die Verteilungsfrage endlich ernst nehmen. Konkret bedeutet das: erstens eine Reform der Erbschaft- und Schenkungsteuer, die heute in Deutschland die Konzentration großer Vermögen in einzelnen Familien über Generationen hinweg begünstigt. Zweitens eine stärkere Besteuerung von großen Vermögen, die heute allzu häufig nicht besteuert werden. Drittens gezielte Entlastungen für einkommensschwache Haushalte, die direkt und unbürokratisch wirken.

Dazu braucht es aber eine ehrliche öffentliche Debatte über das, was der Börsenboom und Vermögensungleichheit bedeuten. Elon Musk als erster Billionär der Geschichte ist das Symbol einer Entwicklung, die – wenn die Demokratien nicht gegensteuern – ihre eigene Legitimität aushöhlt. Wer die Demokratie stärken will, muss zeigen, dass der Staat in Krisen handlungsfähig ist und die Lasten fair verteilt. Denn wenn das Vertrauen erst einmal verloren ist, ist es schwer zurückzugewinnen.

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