Arm sind nicht nur Migranten

Blog Marcel Fratzscher vom 4. Juni 2018

Dieser Beitrag ist am 01. Juni in der ZEIT ONLINE–Kolumne „Fratzschers Verteilungsfragen“ erschienen.

Es ist ein Mythos, dass Ungleichheit und Armut in Deutschland vor allem durch die Zuwanderung begründet sind. Ja, das Armutsrisiko in Deutschland nimmt zu, und eine Erklärung dafür ist in der Tat die zunehmende Migration. Viele der Menschen, die neu ins Land kommen, beziehen zuerst einmal geringe Löhne und Einkommen und sind relativ häufig von Armut bedroht. Aber dies ist eben nur eine Erklärung.

Eine neue DIW-Studie zeigt, dass die Ungleichheit der Einkommen seit den 1990er-Jahren deutlich gestiegen ist. Die ärmsten zehn Prozent der Haushalte haben heute geringere reale verfügbare Einkommen (also nach sozialen Transfers und Steuern) als noch in den 1990er-Jahren, bei den Markteinkommen (also ohne Transfers und Steuern) sind es sogar noch mehr, die auf der Strecke geblieben sind. Diese Entwicklung hat vor allem bis 2005 stattgefunden, seitdem hat sich die Einkommensungleichheit stabilisiert. Nun lässt sich darüber streiten, ob das Krisenjahr 2005 wirklich ein gültiges Vergleichsjahr ist und ob es als Erfolg zählen kann, dass die Ungleichheit seitdem nicht weiter gestiegen ist, obwohl es einen Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsboom gab.

Wer sind die Einkommensschwachen?

Ein prominentes Argument einiger Ökonomen und Politiker lautet, der Einkommensverlust der ärmsten Haushalte sei gar kein so großes Problem, da die betroffenen Menschen heute andere sind als damals. Einige derer, die in den 1990er-Jahren zu den ärmsten zählten, konnten aufsteigen und bessere Einkommen erzielen, andere leben heute gar nicht mehr. Dafür sind andere Menschen nachgerückt, die nun die Gruppe der Einkommensschwachen ausmachen. Und dazu zählen heute durch die Zuwanderung sehr viel mehr Migrantinnen und Migranten als vor 25 Jahren. Der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der Gruppe der 20 Prozent mit den niedrigsten Einkommen liegt nun (Stand 2015) bei rund 40 Prozent, im Jahr 2005 war es noch rund ein Viertel.

Ist also alles gut, da ja „nur“ die Zugewanderten von Armut und geringen Einkommen betroffen sind? Dieses Argument ist mindestens aus drei Gründen falsch. Zum einen entsteht schnell der Eindruck von Menschen zweiter Klasse, dessen Wohlergehen einen geringeren Wert hat. Wieso soll es akzeptabel sein, dass es andere Menschen sind als früher, die heute für den gleichen Job in der Pflege oder in der Gebäudereinigung geringere Einkommen erhalten als vor 20 Jahren? Und sollte es tatsächlich als Erfolg gefeiert werden, dass es heute einen größeren Niedriglohnbereich gibt als noch vor 20 Jahren?

Genauso verkehrt ist die Annahme, die Ungleichheit wäre nicht so hoch, wenn Deutschland nicht so viel Zuwanderung erfahren würde. Wer würde denn die Jobs in der Pflege, auf dem Bau und im Gaststättengewerbe machen, wenn nicht Migrantinnen und Migranten? Vielleicht gäbe es dann nicht ganz so viele Jobs in diesen Branchen und die Löhne wären nicht ganz so niedrig, aber an der Einkommensverteilung würde dies nur wenig verändern. Viele sehr schlecht bezahlte Jobs würden dann von Deutschen gemacht werden. Dass Einheimische häufig von Zuwanderung profitieren, da bessere Jobs dadurch entstehen und ihnen Aufstiegschancen eröffnet werden, belegen mehrere Studien, zum Beispiel aus den USA. Kurzum, auch viele Deutsche haben sich durch die Zuwanderung besserstellen können.

Nicht nur Migrantinnen und Migranten sind armutsgefährdet

Drittens ist es arithmetisch falsch, den Anstieg des Armutsrisikos und die Einkommensverluste der Einkommensschwächsten auf Migrantinnen und Migranten allein zu schieben. Eine differenzierte Analyse ist hier erforderlich. Die sogenannte Armutsrisikoquote, die misst, welcher Anteil der Bevölkerung ein verfügbares Einkommen von weniger als 60 Prozent des Medians erzielt, liegt mittlerweile bei beinahe 17 Prozent. Zwar ist die Armutsrisikoquote bei Personen mit Migrationshintergrund von 15 Prozent in den 1990ern auf heute über 25 Prozent gestiegen, und das gilt sowohl direkt für jene, die selbst ins Land gekommen sind, als auch indirekt für die Kinder der Migranten.

Bei Menschen ohne Migrationshintergrund ist die Armutsrisikoquote hingegen „nur“ von zehn auf 13 Prozent gestiegen. Da diese zweite Gruppe jedoch etwa 60 Prozent aller Haushalte ausmacht, bedeutet dies, dass der Anstieg der Armut zum größten Teil durch einen Anstieg bei Deutschen ohne Migrationshintergrund erklärt wird und eben nicht durch Migration.

Armutsrisiko alleinerziehend

Eine tiefergehende Analyse zeigt, dass eben nicht nur Migrantinnen und Migranten, sondern auch andere Gruppen überdurchschnittlich und zunehmend armutsgefährdet sind. Alleinerziehende mit einem Kind haben eine Armutsrisikoquote von 27 Prozent und die, die alleine zwei oder mehr Kinder erziehen, sogar von 41 Prozent! Und bei 65- bis 75-Jährigen in Ostdeutschland – Menschen also, deren Erwerbsbiografie durch die Wende möglicherweise massiv durcheinandergebracht wurde – hat sich zwischen 2002 und 2014 die Armutsrisikoquote verdoppelt. Auch Wohnverhältnisse spielen eine Rolle: Das DIW hat errechnet, dass das Armutsrisiko bei Haushalten, die zur Miete wohnen – und das ist gut die Hälfte der Bevölkerung –, sich in den vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt hat. Bei Eigentümerinnen und Eigentümern ist es gleich geblieben und erheblich niedriger.

Wie so oft ist also auch bei diesem Thema genaueres Hinschauen geboten und einfache Narrative, die manche so praktisch finden, werden der komplexen Realität nicht gerecht. Eines aber steht fest: Vom Wirtschaftsboom und Rekorden am Arbeitsmarkt profitieren längst nicht alle, und das sollte die Politik auf den Plan rufen.