Nicht allein auf die Bruttolöhne schauen

Blog Marcel Fratzscher vom 17. Februar 2020

Wächst oder sinkt die Ungleichheit in Deutschland? Das kommt darauf an, welchen Indikator man betrachtet. Schaut man auf das Haushaltseinkommen, ist das Urteil eindeutig.

Zuerst die gute Nachricht: Gemessen an den Stundenlöhnen der Beschäftigten hat die Ungleichheit in Deutschland seit 2013 deutlich abgenommen. Der Grund ist, dass gerade die niedrigen Löhne seither stärker gestiegen sind als andere. Mit dieser Entwicklung kann man die Hoffnung verbinden, dass nun mehr Menschen in der Lage sind, für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen.

Dieser Beitrag ist am 14. Februar 2020 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Doch der individuelle Stundenlohn ist nicht das zentrale Maß, das über die Möglichkeiten von Menschen entscheidet, ihre materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Wichtiger ist hier das verfügbare Einkommen, und zwar auf Haushaltsebene. In dieser Größe fließen die Einkommen zusammen, die für den Konsum zur Verfügung stehen, nachdem Steuern und Sozialabgaben abgezogen sind und staatliche Transferleistungen hinzugezählt wurden – und hier nimmt die Ungleichheit bislang weiter zu.

Es ist wichtig, diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen. Dann lässt sich besser verstehen, wie Staat und Gesellschaft mehr Menschen die Chance eröffnen könnten, durch Arbeit und Teilhabe ihren Lebensstandard zu sichern und zu verbessern.

Niedrige Löhne stark gestiegen

Ungleichheit sinkt bei Löhnen, steigt aber bei den Einkommen nach 90:10-Perzentilverhältnis*


Grafik: DIW Berlin

* Das 90:10-Perzentilverhältnis gibt an, wieviel mehr die nach Einkommen oder Löhnen oberen zehn Prozent im Verhältnis zu den unteren zehn Prozent der Haushalte oder Beschäftigten haben bzw. verdienen.

** nach Steuern, Sozialabgaben und Transferleistungen. Bedarfsgewichtete Jahreseinkommen im Folgejahr erhoben, bedarfsgewichtet mit der modifizierten OECD-Äquivalenzskala.

*** Vereinbarte Bruttostundenlöhne in Haupttätigkeit, nur abhängig Beschäftigte in Privathaushalten, ohne Auszubildende, Praktikanten, Selbständige.                            
Quellen: SOEPv34 und SOEPv35, Berechnungen des DIW Berlin.   

Was steckt hinter der Statistik? Eine neue Studie des DIW Berlin zeigt eine bemerkenswert positive Entwicklung der vereinbarten Bruttostundenlöhne für die unteren 20 Prozent, also diejenigen, die im in Deutschland vergleichsweise großen Niedriglohnbereich tätig sind. Für die unteren 10 Prozent sind die Reallöhne zwischen 2013 und 2018 sogar um rund ein Fünftel gestiegen. Das ist stärker als für andere Lohngruppen. Deshalb ist die Lohnungleichheit seit 2013 rückläufig und befindet sich inzwischen wieder auf dem Niveau, das Anfang der 2000er-Jahre herrschte. Ein wichtiger Grund für diese positive Entwicklung war die Einführung des Mindestlohns 2015, von dem – laut Lohnverteilung 2014 – rund 4,5 Millionen Beschäftigte direkt profitieren sollten.

Wie passt es aber nun zusammen, dass die Ungleichheit bei der Verteilung der individuellen Bruttostundenlöhne rückläufig ist und parallel dazu die Ungleichheit bei der Verteilung der bedarfsangepassten verfügbaren Haushaltseinkommen zunimmt? Und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?   

Höhere Stundenlöhne erhöhen nicht immer das Einkommen

Eine wichtige Erklärung ist ganz schlicht: Wenn der Stundenlohn steigt, erhöht sich das verfügbare monatliche Einkommen nicht zwingend im gleichen Ausmaß. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn – was häufig vorkommt – die Beschäftigten zwar einen höheren Stundenlohn beziehen als früher, zugleich aber ihre Arbeitszeit gesunken ist. Das betrifft vor allem Minijobs, bei denen die 450-Euro-Grenze nicht überschritten werden darf. Hinzu kommt, dass viele Menschen mit niedrigen Löhnen Transferleistungen wie beispielsweise Wohngeld erhalten. Erhalten sie höhere Einkünfte aus ihrer Arbeit, werden in der Regel die staatlichen Transferzahlungen gekürzt.

Eine weitere wichtige Erklärung ist, dass diejenigen Personen mit den geringsten Stundenlöhnen nicht notwendigerweise diejenigen sind, die auch in den Haushalten mit den niedrigsten bedarfsangepassten verfügbaren Einkommen leben. Ein Teil dieser Haushalte besteht ausschließlich aus Rentnerinnen und Rentnern, Erwerbslosen oder nicht erwerbstätigen Studierenden. Sie haben nichts davon, wenn sich die Stundenlöhne erhöhen. Ihre Einkünfte – Alterseinkommen, Hartz IV und andere öffentliche Transferleistungen – sind in den vergangenen Jahren nur relativ schwach gestiegen.

Was die Politik tun kann

Was ist zu tun, was bedeutet dies für die Politik? Eine zentrale Empfehlung ist es, die Beschäftigung gerade im unteren Segment der Verteilung der verfügbaren Haushaltseinkommen zu erhöhen. Dazu gehört, den vielen Millionen Menschen in Teilzeit zumindest keine Hürden mehr in den Weg zu legen, wenn sie mehr arbeiten möchten. Bislang führen Minijobs und steuerliche Fehlanreize dazu, dass steigende Stundenlöhne häufig mit geringeren Arbeitszeiten einhergehen und somit die monatlichen Arbeitsentgelte schwächer als der Stundenlohn steigen.

Dazu gehört auch, geringe Einkommen von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen zu entlasten und die teils hohen Transferentzugsraten zu korrigieren. Auch der Übergang von Minijobs in besser bezahlte sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sollte erleichtert werden.

Die DIW-Studie zeigt auch, dass Geringverdiener mehr verdienen könnten, wenn sie den ihnen zustehenden Mindestlohn tatsächlich bekämen. Im Jahr 2018 erhalten immer noch rund 2,4 Millionen Beschäftigte einen Stundenlohn unterhalb des geltenden Mindestlohns. Eine zweite Empfehlung besteht daher darin, die Arbeitszeiterfassung zu verbessern, die Einhaltung des Mindestlohns häufiger zu kontrollieren und bei Verstößen adäquate Strafen zu verhängen.

Mehr Arbeit zum Tariflohn

Zwar ist der Niedriglohnbereich in Deutschland seit 2013 wieder etwas geschrumpft, er bleibt aber vergleichsweise groß: Zu ihm gehören 22 Prozent aller Beschäftigten, nämlich jene, die weniger als zwei Drittel des Medianlohns erhalten. Der Mindestlohn kann kein Ersatz für starke Sozialpartnerschaften sein, durch die deutlich mehr Menschen als bisher über Tarifverträge abgedeckt werden. In dem Zusammenhang müssten sich wieder mehr Betriebe an Tarifverträge anschließen und die Arbeit auf Abruf einschränken.

Eine dritte Empfehlung ist, bei den Haushalten mit geringen verfügbaren Einkommen die Integration in den Arbeitsmarkt weiter zu befördern. Dass dies gelingen kann, darauf deutet eine neue Studie des IAB hin. Sie zeigt, dass die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt deutlich besser gelingt als erwartet. Mehr als die Hälfte hat mittlerweile reguläre Arbeit finden können, und ein weiterer Anstieg der Beschäftigung sollte somit die Ungleichheit von Einkommen reduzieren. Schwieriger wird es für die steigende Anzahl von Rentnerinnen und Rentner, die immer häufiger immer geringere Rentenansprüche haben, was in den kommenden Jahren die Altersarmut deutlich steigen lassen wird, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung und des DIW Berlin zeigt.

Die Lohnentwicklung für Geringverdiener war in den letzten Jahren bemerkenswert gut. Dazu tragen die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt sowie die Einführung des Mindestlohns bei. Dass die Ungleichheit bei den verfügbaren Einkommen und damit den Lebensstandards weiter steigt, bedeutet jedoch, dass sich die Politik nicht ausruhen darf. Sie kann und muss mehr tun — von steuerlichen Entlastungen bis hin zu mehr Kontrollen zur Einhaltung des Mindestlohns und klaren Regelungen bei der Arbeitszeiterfassung —, damit sich Stundenlohn- und Gehaltssteigerungen in wirklichen Verbesserungen des Lebensstandards widerspiegeln.