Hohe Mieten, hohe Ungleichheit

Blog Marcel Fratzscher vom 24. Februar 2020

Viele Menschen in Deutschland haben heute weniger Geld für ihren Lebensunterhalt als noch vor 25 Jahren. Das hat viel mit den stark steigenden Wohnkosten zu tun.

Die rasant steigenden Mieten in Deutschland werden neben dem Klimaschutz und der Gestaltung der Sozialsysteme eines der wichtigsten Politikthemen in den kommenden Jahren sein. Bereits seit längerer Zeit und von vielen weitgehend unbemerkt hat sich der Zugang zum Wohnungsmarkt und die Wohnkostenbelastung in den unteren Einkommensschichten erheblich verschlechtert. Vorliegende Zahlen zeigen eine dramatische Entwicklung.

Dieser Beitrag ist am 21. Februar 2020 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

In den vergangenen zehn Jahren haben der Aufbau von Jobs und die teilweise deutlichen Lohnanstiege den starken Anstieg der Wohnkosten vielfach noch kompensieren können. Doch die exzellente konjunkturelle Lage hat sich inzwischen deutlich eingetrübt. Da die gute Arbeitsmarktentwicklung davon wohl nicht unberührt bleiben wird, dürfte die Wohnkostenbelastung für breitere Schichten der Bevölkerung an Dringlichkeit gewinnen.

Eine wissenschaftliche Studie zeigt deutlich, wie stark seit den Neunzigerjahren die Zunahme der Wohnkosten zum Anstieg der Ungleichheit im Lebensstandard beigetragen hat. Die aktuellsten Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe aus dem Jahr 2013 zeigen, dass für Haushalte, die zu den 20 Prozent mit den geringsten Einkommen zählen – dem sogenannten ersten Quintil –, die Wohnkosten zwischen 1993 und 2013 um mehr als ein Drittel gestiegen sind. Für Menschen im zweiten Quintil haben die Wohnkosten um ein Viertel zugelegt. 

Steigende Wohnkosten bedeuten weniger Geld für Konsum

Interessant ist, dass die Ausgaben für Wohnen der oberen 20 Prozent in diesem Zeitraum sogar um knapp 10 Prozent gefallen sind. Dies liegt vor allem daran, dass in diesen Einkommensschichten das Wohneigentum weit verbreitet ist: Niedrige Zinsen und in den Nullerjahren günstige Immobilienpreise haben die Kosten sinken lassen.

Natürlich haben sich auch die Einkommen in diesem Zeitraum verändert. Allerdings sind die verfügbaren Einkommen für die 40 Prozent mit den geringsten Einkommen zwischen 1993 und 2013 gefallen. Zwar hat seither die Einführung des Mindestlohns und die gute Lage am Arbeitsmarkt auch bei Geringverdienenden vielfach deutliche Einkommenszuwächse ermöglicht. Gleichzeitig sind jedoch auch die Mieten besonders stark gestiegen – gerade in den Ballungszentren in der Regel deutlich stärker als die Einkommen.

Dies bedeutet, dass, während im Jahr 1993 die ärmsten 20 Prozent der Deutschen 27 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnen ausgaben, es zwanzig Jahre später schon 39 Prozent waren. Auch für das zweite Quintil stiegen die Wohnkosten deutlich, von 20 auf 25 Prozent des Einkommens in diesem Zeitraum. Für die einkommensstärksten 20 Prozent ist dieser Anteil von 16 auf 14 Prozent gefallen.

Da die Arbeitseinkommen und Löhne der unteren 40 Prozent seit den Neunzigerjahren nicht mit dem Anstieg der Wohnkosten mithalten konnten, sank der Anteil der sonstigen Konsumausgaben (ohne Wohnkosten) der einkommensschwächsten 20 Prozent der Deutschen von 72 Prozent im Jahr 1993 auf 63 Prozent im Jahr 2013.

Aber auch für die Mittelschicht hat das verfügbare Einkommen für andere Ausgaben als das Wohnen in diesem Zeitraum abgenommen. Ein großer Teil der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland hat also in diesem Zeitraum keinen Anstieg, sondern ein Schrumpfen des verfügbaren Einkommens für die Grundbedürfnisse und zum Leben erfahren. Versteht man diese Ausgaben auch als die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe, dann haben sich die Chancen vieler in dieser Hinsicht verschlechtert.

Es ist Vorsicht geboten mit solchen Vergleichen über die Zeit, denn Menschen verändern sich, räumlich wie auch in Bezug auf Einkommen und Familienstand. Ein Teil des Anstiegs der Wohnkosten kommt nicht durch höhere Mieten zustande, sondern durch den Umzug vom Land in die Stadt oder durch die Tatsache, dass heute mehr Menschen in Singlehaushalten leben. Doch diese Einschränkungen, so zeigt die Studie, ändern nichts grundlegend an der Tatsache, dass viele Menschen in Deutschland heute weniger Geld für ihren Lebensunterhalt haben als noch vor 25 Jahren.

Diese Entwicklungen haben wichtige Implikationen für die private Vorsorge und die Einkommensungleichheit. So bedeutet der starke Anstieg der Ausgaben fürs Wohnen nicht nur, dass die 40 Prozent der einkommensschwächsten Haushalte weniger Geld für andere Konsumausgaben haben, sondern auch, dass ihre Möglichkeit zum Sparen und somit zur privaten Vorsorge abgenommen hat. Konnten die unteren 20 Prozent in den Neunziger- und Nullerjahren zumindest ein wenig auf die hohe Kante legen, so war die Sparquote für sie 2013 negativ, das heißt, sie mussten sich monatlich verschulden, um ihren Lebensstandard zu halten.

Diese Entwicklungen bedeuten auch, dass die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen nochmals stärker gestiegen ist, wenn man von Wohnkosten absieht und sich nur auf andere Konsumausgaben konzentriert. In anderen Worten, die Ungleichheit in den Lebensstandards ist in den letzten 25 Jahren wohl noch stärker angestiegen, als die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen dies suggeriert.

Der starke Anstieg der Mieten ist also nicht nur ein zentraler Grund für die steigende Ungleichheit der Lebensstandards, sondern er bedeutet für viele der einkommensschwächsten Bürgerinnen und Bürger, dass ihr verfügbares Einkommen für das Bestreiten ihres Lebensunterhalts ohne Wohnkosten zwischen 1993 und 2013 gesunken ist. Dies ist eine dramatische Entwicklung, die sich gerade in den vergangenen Jahren nochmals verschärft hat, was sich inzwischen auch in der politischen Debatte niederschlägt. Parteiübergreifend wird über Wege aus der Misere gestritten. Mangels schneller Lösungen werden diese Debatten das Land noch einige Jahre begleiten. Welche Handlungsoptionen die Politik hat und wie diese Instrumente wirken, wird Thema der nächsten Kolumne sein.