Wohin die Wählerschaft bei der Bundestagswahl 2017 wanderte

DIW Wochenbericht 17 / 2020, S. 299-310

Karl Brenke, Alexander S. Kritikos

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  • Wählerschaften von CDU/CSU und SPD ähneln trotz erheblicher Verluste immer noch der sozialen Zusammensetzung aller Wahlberechtigten; seit 2017 gilt das aber auch für die Linke
  • Union und SPD waren als Volksparteien zuletzt weniger erfolgreich; sie vereinten vor allem überproportional viele Menschen im Ruhestand auf sich
  • Wahlentscheidend waren 2017 die Wanderungen von Beschäftigten einfacher und mittlerer Qualifikation, von denen die AfD und FDP profitierten, zu geringerem Teil auch die Linke
  • Grüne sprechen vor allem höher Qualifizierte, mehr Frauen und eher Personen in Westdeutschland an
  • AfD erreichte insbesondere die Arbeiterschaft und gewann zudem Stimmen bei Männern und in Ostdeutschland

„CDU/CSU und SPD können als Volkspartei bezeichnet werden, wenn es darum geht, dass die Wählerschaft einer Partei den Querschnitt der Bevölkerung abbildet. Bei den letzten Wahlen haben sie jedoch erhebliche Verluste erfahren. Das Konzept der Volkspartei ging bei der Bundestagswahl 2017 nicht mehr auf.“ Alexander S. Kritikos

Trotz relativ großer Stammwählerschaften verbuchten CDU/CSU und SPD bei der Bundestagswahl 2017 starke Verluste, weil sich viel mehr frühere Wähler und Wählerinnen abwandten als neue hinzukamen. Vor allem Beschäftigte mit Tätigkeiten mittlerer Qualifikation sowie Personen im Ruhestand kehrten ihnen den Rücken. Das zeigen Auswertungen des Sozio-oekonomischen Panels. Von den Abwanderungen von den Unionsparteien konnten vor allem die FDP aber auch die AfD profitieren, von der Schwäche der SPD alle Parteien im Bundestag, also Union, Grüne, Linke, FDP und AfD. Letztere konnte zudem viele vorherige Nichtwähler und Nichtwählerinnen gewinnen. Die Wählerschaften von Union und SPD ähneln stark der sozialen Zusammensetzung aller Wahlberechtigten, weshalb sie als Volksparteien gelten können. Dieser Parteitypus war zuletzt offenkundig immer weniger erfolgreich, denn die Parteienlandschaft wurde vielfältiger. Auf der einen Seite haben sich die Grünen etabliert, die vor allem höher qualifizierte Beschäftigte eher in Westdeutschland ansprechen. Hier macht ihnen vermehrt die Linke Konkurrenz. Auf der anderen Seite findet sich die AfD, die insbesondere die im Erwerbsleben stehenden „kleinen Leute“ erreicht, die eher auf Distanz zu den etablierten Parteien gehen.

Die Corona-Krise hat den regierenden Unionsparteien, also der Christlich Demokratischen Partei Deutschlands und der Christlich-Sozialen Union (CDU/CSU) in den jüngsten Meinungsumfragen von Mitte April 2020 unversehens Zustimmungswerte von bis zu 38 Prozent beschert. Ihr Koalitionspartner, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), hat von der Euphorie weit weniger profitiert. Sie verharrt in den Umfragen noch unter dem Wahlergebnis aus dem Jahr 2017. Die Gewinner der letzten Bundestagswahl, die Freie Demokratische Partei (FDP) und die Alternative für Deutschland (AfD), haben in den jüngsten Umfragen an Zustimmung verloren. Aber aus der Vergangenheit ist auch bekannt, dass schwere Krisen und andere Ereignisse zu erheblichen Schwankungen bei den Zustimmungsraten für die einzelnen Parteien führen können, die nach gewisser Zeit auch wieder abflachen. Man denke zuletzt an die SPD, deren Umfragewerte zu Beginn des Jahres 2017 nach Verkündung der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz kurz sehr stark nach oben und danach ebenso stark nach unten schossen.

Jenseits dieser Stimmungsschwankungen ist es daher von zentraler Bedeutung Wählerwanderungen zwischen Bundestagswahlen und Veränderungen in den Wählerstrukturen zu analysieren. Denn infolge der letzten Wahl vom September 2017 hat sich die Sitzverteilung im Deutschen Bundestag erheblich verschoben. Die traditionell bedeutendsten Parteien CDU/CSU sowie SPD hatten stark an Zustimmung verloren: Zusammengenommen ging ihr Stimmenanteil um 13,8 Prozentpunkte oder um ein Fünftel zurück. Gleichzeitig haben die FDP sowie die AfD zusammengenommen um 13,8 Prozent zugelegt. Für Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen gab es leichte Zuwächse.

Über das Wählerverhalten in der Bundesrepublik liegt eine Vielzahl politologischer Studien vor. Dabei wurde – zum Teil auf Basis theoretischer FundierungeninfoZu den theoretischen Grundlagen des Zusammenhangs zwischen Sozialstruktur und Wählerschaft siehe u.a. Franz Urban Pappi (1977): Sozialstruktur und politische Konflikte in der Bundesrepublik. Köln; Ulrich Kohler (2002): Der demokratische Klassenkampf, zum Zusammenhang von Sozialstruktur und Parteipräferenz. Dissertation, Mannheim. – schon seit den fünfziger Jahren die Sozialstruktur der Wählerschaft untersucht.infoZu neueren wissenschaftlichen Studien siehe u.a. Dieter Roth (2008): Empirische Wahlforschung, Berlin; Franz Urban Pappi und Susumu Shikano (2007) Wahl- und Wählerforschung, Baden-Baden; Jürgen W. Falter und Harald Schön (2014): Handbuch Wahlforschung, Berlin. Siehe zuletzt auch: Elmar Bräler, Johannes Kiess und Oliver Decker (2016): Politische Einstellungen und Parteipräferenz: Die Wähler/innen, Unentschiedene und Nichtwähler 2016. In: Oliver Decker, Johannes Kiess und Elmar Bräler (Hrsg.): Die enthemmte Mitte. Leipzig. Zu früheren Studien am DIW Berlin in diesem Zusammenhang, siehe etwa Markus M. Grabka und Stefan Bach (2013): Parteianhänger: Wohlhabende neigen zu Union und der FDP – und zu den Grünen. DIW Wochenbericht Nr. 37, 11–18 (online verfügbar); und Karl Brenke und Alexander S. Kritikos (2017): Wählerstruktur im Wandel. DIW Wochenbericht Nr. 29, 595–606 (online verfügbar). Am DIW Berlin wurden beispielsweise Studien zu den Anhängerschaften der Grünen,infoSiehe Martin Kroh und Jürgen Schupp (2011): Bündnis 90/Die Grünen auf dem Weg zur Volkspartei. Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 12, 2–9 (online verfügbar). der LinkeninfoMartin Kroh und Thomas Siedler (2008): Die Anhänger der „Linken“: Rückhalt quer durch alle Einkommensschichten. Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 41, 628–634 (online verfügbar). sowie der AfD durchgeführt.infoSiehe Martin Kroh und Karoline Fetz (2016): Das Profil der AfD-AnhängerInnen hat sich seit Gründung der Partei deutlich verändert. DIW Wochenbericht Nr. 34, 711–719 (online verfügbar); Knut Bergmann, Matthias Diermeier und Judith Niehues (2016): Die AfD – eine Partei der Besserverdiener? IW-Kurzberichte 19; sowie Marcel Fratzscher, Christian Franz, Alexander S. Kritikos (2018): AfD in dünn besiedelten Räumen mit Überalterungsproblemen stärker. DIW Wochenbericht Nr. 8, 135–144 (online verfügbar). Im Folgenden wird der Blick darauf gerichtet, wie sich das Wahlverhalten zwischen den Bundestagswahlen der Jahre 2013 und 2017 verändert hat. Dabei geht es um Wählerwanderungen zwischen den Parteien, um die sozioökonomische Zusammensetzung der Wählerschaften der einzelnen Parteien sowie um deren Veränderungen zwischen den beiden Bundestagswahlen. Neben den Volksparteien liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der AfD-Wählerschaft. Die Partei zog 2017 erstmals in den Bundestag ein und kam dabei auf einen zweistelligen Stimmenanteil, nachdem sie 2013 noch knapp gescheitert war. In den vier Jahren dazwischen hatte sich das inhaltliche Profil der Partei deutlich gewandelt.

Datengrundlage sind die Umfrageergebnisse des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). In der seit kurzer Zeit vorliegenden Erhebung des Jahres 2018 wurde von den Befragten ihre Wahlentscheidung bei der Bundestagswahl 2017 erfasst (Kasten).infoZum Sozio-oekonomischen Panel vgl. Jan Goebel, Markus M. Grabka, Stefan Liebig, Martin Kroh, David Richter, Carsten Schröder, und Jürgen Schupp (2019): The German Socio-Economic Panel Study (SOEP). In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 239(2), 345–360. Entsprechende Ergebnisse gibt es auch für die Wahl von 2013. Die SOEP-Erhebungen haben zum einen den Vorteil, dass sie mehr Informationen über die Wählerschaften bereitstellen als etwa die amtliche „repräsentative Wahlstatistik“.infoDie repräsentative Wahlstatistik enthält im Wesentlichen nur Angaben über das Alter und über das Geschlecht; zudem erlaubt sie eine regionale Zuordnung, weil es sich um eine Quotenstichprobe handelt. Vgl. u.a. Elisabeth Noelle (1963): Umfragen in der Massengesellschaft. Einführung in die Methoden der Demoskopie. Reinbek; Peter von der Lippe (2011): Wie groß muss meine Stichprobe sein, damit sie repräsentativ ist? Diskussionsbeitrag aus der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen, Nr. 187; Peter von der Lippe und Andreas Kladobra (2002): Repräsentativität von Stichproben. In: Marketing, 24. Jg., Nr. 2, S. 227–238. Zum zweiten zeichnet sich das SOEP im Vergleich zu vielen anderen Umfragen zum Wählerverhalten durch eine relativ hohe Fallzahl aus. So wurden 2018 rund 23000 Wahlberechtigte befragt. Dadurch wird es möglich, die Daten stark aufzugliedern. Zum dritten handelt es sich beim SOEP um Wiederholungsbefragungen, sodass das Verhalten derselben Personen im Zeitverlauf betrachtet werden kann.

Im Rahmen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ist das Wahlverhalten bei Bundestagswahlen erhoben worden – und zwar für die Wahlen der Jahre 2013 und 2017. Über frühere Wahlen gibt es keine Informationen. Aus erhebungstechnischen Gründen wurde die Stimmabgabe im Jahr nach der Wahl erfragt – also beispielsweise im Rahmen der Befragungswelle von 2018 für die Wahl im Jahr 2017.

Es ist bei Haushaltserhebungen schwierig, bestimmte Tatbestände zu erfassen, denn manche Befragte wollen die interessierenden Informationen ungern preisgeben. Zu solchen Tatbeständen zählt das Einkommen oder das Wahlverhalten. Daher gab es bei den SOEP-Erhebungen eine Reihe von Antwortverweigerungen bei der Frage nach der Wahlentscheidung; mit Blick auf die Bundestagswahl 2013 betrug der Anteil der verweigernden Personen knapp sieben Prozent, hinsichtlich der Wahl 2017 waren es knapp neun Prozent. Überdies ergibt sich im Falle der SOEP-Daten, dass einige Befragte angegeben hatten, mehrere Parteien gewählt zu haben. Dabei muss es sich um Personen handeln, die bei der Erst- und bei der Zweitstimme unterschiedlich gewählt haben. Diese wurden, sofern erforderlich, getrennt ausgewiesen.

Bei einem Vergleich der SOEP-Daten mit den amtlich festgestellten Wahlergebnissen zeigt sich, dass beim SOEP übermäßig viele Stimmen auf SPD und Grüne entfallen, FDP und insbesondere die AfD sind dagegen unterrepräsentiert (Tabelle). Das könnte an Problemen bei der Stichprobenziehung liegen. Eine andere Ursache wäre, dass etwa die Wahl der AfD als sozial unerwünscht angesehen und deshalb ihre Wähler und Wählerinnen ihr Wahlverhalten für sich behalten. Riesig sind die Unterschiede zwischen amtlichem Wahlergebnis und SOEP aber nicht. Vor allem aber steht bei der hier vorgelegten Untersuchung der prozentuale Stimmenanteil, der auf die einzelnen Parteien entfällt, nicht im Mittelpunkt. Vielmehr kommt es auf die Wanderungsbewegungen zwischen den Parteien und auf die soziale Struktur der Wählerschaften der einzelnen Parteien an. Entsprechende Veränderungen zwischen den Wahlen sind im SOEP gut erfasst. Neben dem Wahlverhalten wird bei den SOEP-Erhebungen auch die Zuneigung zu einer Partei erhoben. Die entsprechenden Fragen dazu wurden stetig gestellt – und seit der ersten SOEP-Welle im Jahr 1984. Bei der Analyse der Wählerwanderungen ist zu beachten, dass Erstwählerinnen und Erstwähler des Jahres 2017 aus der Analyse ausgeschlossen wurden.

Tabelle: Vergleich der amtlichen Wahlergebnisse mit den Befragungsergebnissen des Sozio-oekonomischen Panels

Anteile in Prozent

Amtliches Endergebnis für die Zweitstimmen
Struktur der Stimmenverteilung
2013 2017
CDU/CSU 41,5 32,9
SPD 25,7 20,5
Grüne 8,4 8,9
Linke 8,6 9,2
FDP 4,8 10,7
AfD 4,7 12,6
Sonstige 6,2 5,0
100 100
Das sozio-oekonomische Panel
Struktur der Stimmenverteilung
2013 2017
CDU/CSU 41,2 33,6
SPD 30,5 25,1
Grüne 10,4 11,5
Linke 6,9 8,4
FDP 2,7 8,3
AfD 2,4 8,6
Sonstige 4,6 3,6
Mehrere Parteien1 1,3 1,1
100 100
Nachrichtlich: Personen, die eine Antwort verweigert haben. 6,7 8,6

1 Personen, die bei Erst- und Zweitstimmen unterschiedliche Parteien gewählt haben.

Quelle: Der Bundeswahlleiter; Sozio-oekonomisches Panel; eigene Berechnungen.

Stimmenverluste der Union nutzten FDP und AfD, die der SPD waren breit gestreut

Rund drei Fünftel der Wählerinnen und Wähler stimmten 2017 für eine Partei, die sie bereits im Jahr 2013 gewählt hatten. Die höchste Wählerbindung gelang 2017 den Unionsparteien mit rund 70 Prozent; SPD und Grüne wurden von rund zwei Dritteln wiedergewählt (Tabelle 1). Bei der Linken und der FDP trifft das nur auf etwas mehr als die Hälfte der 2013 abgegebenen Stimmen zu. Die AfD ist Schlusslicht bei der Wählerbindung. Ihr ging die Hälfte der Zustimmung aus dem Jahr 2013 verloren.

Tabelle 1: Wählerwanderungen zwischen den Bundestagswahlen 2013 und 2017

CDU/CSU SPD Grüne Linke FDP AfD Sonstige1 Nichtwählerschaft
Von der Wählerschaft der oben genannten Partei bei der Bundestagswahl 2013 waren … Prozent bei der Bundestagswahl 2017 Wählerschaft der
CDU/CSU 71 10 6 6 23 7 9 11
SPD 5 64 14 9 5 8 20 10
Grünen 2 7 65 2 4 3 10 2
Linken 1 5 7 56 2 2 9 5
FDP 8 4 4 2 55 13 6 4
AfD 6 4 0 13 5 50 14 11
Sonstige1 2 2 4 5 3 12 23 4
Nichtwählerschaft 4 5 1 8 4 7 9 52
Insgesamt 100 100 100 100 100 100 100 100
Von der Wählerschaft der oben genannten Partei bei der Bundestagswahl 2017 waren … Prozent bei der Bundestagswahl 2013 Wählerschaft der
CDU/CSU 79 8 9 6 40 28 19 11
SPD 8 71 17 18 16 12 14 11
Grünen 2 6 61 9 5 1 9 1
Linken 1 2 1 48 2 10 6 4
FDP 2 0 1 1 17 1 1 1
AfD 0 1 1 0 4 14 6 1
Sonstige1 1 4 5 7 4 10 27 4
Nichtwählerschaft 6 7 4 11 9 24 16 65
Nichtwahlberechtigte 1 1 1 1 2 0 2 3
Insgesamt 100 100 100 100 100 100 100 100

1 Einschließlich Personen, die mehrere der genannten Parteien wählten.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel (v35); eigene Berechnungen.

Gleichzeitig verbuchten FDP und AfD 2017 die größten Stimmengewinne, sodass die Wählerabgänge weit überkompensiert wurden. Die AfD hatte 2017 nur jede siebte Stimme auch schon 2013 erhalten, der Großteil der Stimmen kam also aus den anderen politischen Lagern: Rund ein Viertel der AfD-Wählerinnen und -Wähler hatte vier Jahre zuvor noch die Union gewählt, ein knappes weiteres Viertel entweder SPD oder Linke. Ein drittes Viertel hatte 2013 gar nicht gewählt. Abwanderungen gab es bei der AfD hin zur FDP sowie zu der Gruppe der Sonstigen. Hierunter fallen Personen, die 2017 mit Erst- und Zeitstimmen entweder unterschiedliche Parteien oder die kleineren Parteien gewählt haben – oder die über ihr Wahlverhalten von 2017 keine Auskunft geben wollten.

Die FDP hatte 2017 nur jede sechste Stimme bereits vier Jahre zuvor erhalten. Dabei hat die FDP relativ mehr Stimmen von den Unionsparteien angezogen als von anderen; 4 von 10 FDP-Wählerinnen und -Wählern hatten sich 2013 noch für die Union entschieden. Weitere 15 Prozent der FDP-Wählerschaft wählte 2013 noch die SPD. Ein Blick auf Grüne und Linke zeigt: Auch wenn beide Parteien ihr Wahlergebnis von 2013 auf 2017 kaum verbessern konnten, profitierten sie aber gleichwohl erheblich von der Schwäche der SPD. Jeweils 17 Prozent der Wählerschaft hatten 2013 noch die SPD gewählt. Zu guter Letzt: Es gab auch wechselseitige Wählerwanderungen zwischen Union und SPD, von denen die Union netto weitaus mehr profitierte als die SPD.

Recht stabil ist die Gruppe der Nichtwählerinnen und Nichtwähler. So hat von denen, die schon 2013 nicht zur Bundestagswahl gingen, die Hälfte auch vier Jahre später nicht gewählt. Von den übrigen haben 2017 einige für die AfD, für die Union, für kleinere oder für mehrere Parteien gestimmt.

Parteitreue steigt mit Alter und Qualifikationsniveau

Die Parteitreue – gemessen daran, ob jemand sowohl 2013 als auch 2017 dieselbe Partei gewählt hat – variiert erheblich nach sozialen Merkmalen. Vor allem fällt auf: Mit dem Alter nimmt die Parteitreue zu (Tabelle 2). Junge Leute haben folglich bei den Wahlen viel häufiger die Partei ausgetauscht als die Älteren. Es zeigen sich auch deutliche Ost-West-Unterschiede: Die Ostdeutschen haben öfter gewechselt als die Westdeutschen. Keine nennenswerten Unterschiede gibt es zwischen den Geschlechtern, wohl aber nach dem Erwerbsstatus und den Qualifikationsniveaus. Als besonders parteitreu erwiesen sich die Beschäftigten in einigen akademischen Berufen sowie Personen in der Unternehmensleitung. Relativ oft gewechselt hatten 2017 indes Arbeitslose sowie abhängig Beschäftigte mit manuellen Tätigkeiten (wie solche in Handwerksberufen oder industriellen Fertigungsberufen). Dementsprechend änderten auch Personen mit mittlerem Qualifikationsniveaus häufiger ihr Wahlverhalten als Personen mit Hochschulabschluss.

Tabelle 2: Parteitreue sowie Stimmenverluste und -gewinne von CDU/CSU, SPD, Grüne und Linke

Anteil der Personen, die 2013 und 2017 dieselbe Partei wählten, und Anteil einer Gruppe am Stimmengewinn bzw. -verlust, in Prozent

Merkmale in Jahr 2014 CDU/CSU SPD Grüne Linke Alle Parteien
Parteitreue Wählerschaft1 Stimmenverluste2 Parteitreue Wählerschaft1 Stimmenverluste2 Parteitreue Wählerschaft1 Stimmengewinne2 Parteitreue Wählerschaft1 Stimmengewinne2 Parteitreue Wählerschaft1
Erwerbsstatus
Abhängig Beschäftigte mit
einfachen manuellen Tätigkeiten 57 0 65 −1 23 −17 50 −3 59
qualifizierten manuellen Tätigkeiten 56 11 56 7 23 25 32 −9 52
einfachen nicht manuellen Tätigkeiten 60 3 61 0 65 20 42 −4 58
qualifizierten nicht manuellenTätigkeiten 71 25 62 28 69 6 47 32 65
akademischen Berufen – naturwissenschaftl. 73 4 60 2 77 35 86 7 71
akademischen Berufen – sozialwissenschaftl., künstler. 59 3 59 3 78 22 78 8 65
akademischen Berufen – Lehrkräfte 75 3 72 1 77 −19 78 0 74
Solo-Selbständige 67 5 56 4 63 6 70 6 63
KleinunternehmerInnen 75 3 45 2 32 −5 83 5 64
ManagerInnen, UnternehmerInnen 74 4 76 3 62 −16 49 2 71
Auszubildende 53 1 41 5 69 16 73 7 47
In schulischer oder universitärer Ausbildung3 53 1 50 5 40 8 74 25 53
In Rente oder Pension3 79 35 71 29 61 47 67 20 73
Arbeitslose3 56 −1 44 8 61 −28 61 2 53
Sonstige Nichterwerbspersonen 65 2 55 5 71 −2 57 3 62
Ausbildung4
Keine 76 2 61 10 38 38 49 30 66
Lehre, Fachschulabschluss 73 61 65 62 64 48 49 13 66
Hochschulabschluss 70 37 66 28 69 13 80 56 69
Alter
Bis 24 Jahre 53 −5 42 8 23 5 58 24 46
25 bis 34 Jahre 59 16 47 20 63 61 57 30 56
35 bis 44 Jahre 69 14 58 5 71 −10 44 8 64
45 bis 54 Jahre 67 25 62 19 70 21 49 6 64
55 bis 64 Jahre 74 15 70 15 64 −44 63 11 70
65 bis 74 Jahre 77 22 70 20 67 32 74 16 72
75 Jahre und älter 82 12 72 13 52 36 63 4 74
Region
Westdeutschland 74 69 66 75 65 90 49 121 68
Ostdeutschland 62 31 51 25 61 10 64 −21 60
Geschlecht
Männer 69 75 66 49 66 36 56 60 66
Frauen 74 25 62 51 64 64 60 40 67
Insgesamt 72 100 64 100 65 100 58 100 66

1 Parteitreue Wählerinnen und Wähler wählten 2017 dieselbe Partei wie 2013.

2 Saldo von Zugängen und Abgängen an Stimmen 2017 gegenüber 2013.

3 Einschließlich Erwerbstätige.

4 Ohne Personen in einer Ausbildung.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel (v35); eigene Berechnungen.

Vor allem das veränderte Wahlverhalten der Beschäftigten mit qualifizierten manuellen Tätigkeiten hatte 2017 bei der Union, der SPD, aber auch bei den Linken zu Stimmenverlusten geführt. Gravierende Verluste hatten der CDU/CSU und der SPD zudem die Personen im Ruhestand beschert. Diese Parteien hatten auch unter der Abkehr der Personen mit qualifizierten nicht manuellen Tätigkeiten zu leiden. Im Gegensatz dazu hat die Linke bei dieser Gruppe und bei Personen im Ruhestand zugelegt, überdies bei den Personen in Ausbildung. Und sie hat nur im Westen dazu gewonnen, im Osten dagegen an Zustimmung verloren. Für ihre klassische Klientel, also für Wählerinnen und Wähler mit manuellen Tätigkeiten sowie generell mit einfachen Jobs, hat die Linke indes an Attraktivität eingebüßt. Die Grünen haben ihre treueste Anhängerschaft unter den Personen in akademischen Berufen, insbesondere sozialwissenschaftlicher oder künstlerischer Art. Ein erheblicher Teil ihrer Stimmengewinne bei der letzten Bundestagswahl rührt daher, dass sie hier noch zulegen konnten, während sie bei Personen im Management sowie bei Unternehmerinnen und Unternehmern eher verloren haben. Auch haben vermehrt Personen im Ruhestand „Grün“ gewählt. Außerdem ist auffallend, dass die Grünen Stimmenzuwächse vor allem bei Frauen hatten.

Zugewinne für die AfD vor allem von Beschäftigten mit mittlerer Qualifikation, von Personen im Ruhestand und von Männern

Anders liegen die Dinge bei AfD und FDP. Weil sich ihre Stimmenanteile von 2013 auf 2017 mehr als verdoppelt haben, sind schon deshalb vor allem die Zugänge an Stimmen von Interesse.infoDie AfD und die FDP erhielten 2013 noch wenig an Zustimmung; entsprechend gibt es auch in den Daten des SOEP für den Zeitverlauf keine große Fallzahlen um die Wähler und Wählerinnen so differenziert wie bei Union, SPD, Grünen und Linken aufzugliedern. Es sind nur gröbere Aufschlüsselung möglich. Hinzu kommt in beiden Fällen eine vergleichsweise geringe Parteitreue. Es gab daher eine erhebliche Fluktuation bei den Wählerstimmen.

Am treuesten waren im Falle der FDP die Auszubildenden sowie die Personen der Selbständigen- und Managergruppe (Tabelle 3). Bei der AfD fällt vor allem auf, dass – anders als bei den übrigen Parteien – die Personen mit einfachen Tätigkeiten und geringer Qualifikation der Partei die Stange gehalten haben. Zudem zeigt sich nur teilweise das übliche Muster, dass mit dem Alter die Parteitreue zunimmt. Bei der AfD steigt mit dem Alter die Parteitreue nur unter den Erwerbstätigen; von den Personen im Ruhestand, die 2013 die AfD gewählt hatten, wandten sich die meisten vier Jahre später wieder ab. Bei der FDP zeigt sich im Unterschied zu allen anderen Parteien ein umgekehrtes Verhältnis von Alter und Parteitreue: Es sind die Jüngeren, die der Partei zwischen den beiden Wahlen treu geblieben sind.

Tabelle 3: Parteitreue sowie Stimmenverluste und -gewinne von FDP und AfD

Anteil der Personen, die 2013 und 2017 dieselbe Partei wählten, Anteil einer Gruppe am Stimmengewinn, sowie Veränderung der Stimmen einer Gruppe, alle Angaben in Prozent

Merkmale in Jahr 2014 FDP AfD
Parteitreue Wählerschaft1 Stimmengewinne2

Veränderung 2017

gegenüber 2013 in Prozent

Parteitreue Wählerschaft1 Stimmengewinne2

Veränderung 2017

gegenüber 2013 in Prozent

Status
Abhängig Beschäftigte mit
einfachen Tätigkeiten 64 5 293 82 18 994
qualifizierten Tätigkeiten 47 31 369 50 36 259
in akademischen Berufen 50 5 119 62 3 73
Selbständige, ManagerInnen 69 11 136 50 5 178
In Ausbildung3 69 11 241 51 1 39
In Rente oder Pension3 51 31 178 37 20 186
Arbeitslose3 29 2 848 19 10 1421
Sonstige Nichterwerbspersonen 51 4 258 73 6 365
Ausbildung4
Keine 38 38 282 71 11 432
Lehre, Fachschulabschluss 64 48 291 50 81 332
Hochschulabschluss 69 13 139 47 8 61
Alter
Bis 34 Jahre 60 27 301 50 21 209
35 bis 54 Jahre 61 29 204 55 47 342
55 bis 69 Jahre 54 26 212 60 25 277
70 Jahre und älter 45 17 163 24 7 99
Region
Westdeutschland 54 82 196 45 53 175
Ostdeutschland 69 18 385 65 47 510
Geschlecht
Männer 56 47 170 54 69 290
Frauen 54 53 285 44 31 196
Insgesamt 55 100 216 50 100 252

1 Parteitreue Wähler und Wählerinnen wählten 2017 dieselbe Partei wie 2013.

2 Saldo von Zugängen und Abgängen an Stimmen 2017 gegenüber 2013.

3 Einschließlich Erwerbstätige.

4 Ohne Personen in einer Ausbildung.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel (v35); eigene Berechnungen.

Beide Parteien haben über die verschiedenen sozialen Gruppen hinweg flächendeckend stark hinzugewonnen. Bei der FDP schlugen vor allem die zusätzlichen Stimmen von Personen mit einem Job mittlerer Qualifikation sowie von Personen im Ruhestand zu Buche. Bei den Auszubildenden und bei den Personen im Management bzw. in unternehmerischer Leitung konnte die Position geringfügig verbessert werden. Die AfD hat ebenfalls vor allem bei Erwerbstätigen mit einer mittleren Qualifikation zugelegt, namentlich bei den abhängig Beschäftigten in einem Lehrberuf. Zudem hat die Partei eine erhebliche Zahl an Personen ohne Ausbildung sowie von Personen im Ruhestand angezogen, obwohl sie in dieser Gruppe gleichzeitig viele der Wählerinnen und Wähler aus dem Jahr 2013 verloren hat. Vor allem Männer haben zu den Stimmengewinnen beigetragen und – gemessen an der Zahl der Wahlberechtigten – relativ viele Ostdeutsche.

Wählerstruktur der AfD hat sich am stärksten verändert; die Linke kommt im Westen an

Zwischen zwei Wahlen lassen sich im Allgemeinen keine großen Änderungen in der Wählerstruktur der einzelnen Parteien erwarten. Das trifft im Vergleich von 2013 zu 2017 insbesondere auf CDU/CSU und SPD zu. In der Tendenz wurden beide Parteien jedoch auch etwas „westlicher“ (Tabelle 4).

Tabelle 4: Ausgewählte Merkmale der Wählerschaften der Parteien 2013 und 2017

CDU/CSU SPD Grüne Linke FDP AfD Nichtwählerschaft Wahlberechtigte insgesamt1
Bundestagswahl 2017
Geschlecht (Anteil in Prozent)
Männer 46 51 44 50 53 66 47 49
Frauen 54 49 56 50 47 34 53 51
Region (Anteil in Prozent)
Westdeutschland 86 88 90 62 85 65 73 81
Ostdeutschland 14 12 10 38 15 35 27 19
Alter
Jahre – Durchschnitt 56,9 56,1 48,0 50,0 51,5 50,3 47,0 52,3
Jahre – Median 57 57 48 51 52 52 45 53
Anteil der Beschäftigten im öffentlichen Dienst an allen Erwerbstätigen (in Prozent) 29 28 38 27 25 17 17 27
Bundestagswahl 2013
Geschlecht (Anteil in Prozent)
Männer 48 50 43 49 59 56 46 48
Frauen 52 50 57 51 41 44 54 52
Region (Anteil in Prozent)
Westdeutschland 83 86 90 42 89 79 72 80
Ostdeutschland 17 14 10 58 11 21 28 20
Alter
Jahre – Durchschnitt 56,2 55,2 46,4 53,6 53,4 51,1 47,7 52,5
Jahre – Median 57 56 46 55 53 52 47 52
Anteil der Beschäftigten im öffentlichen Dienst an allen Erwerbstätigen (in Prozent) 27 29 40 27 27 30 15 27

1 Einschließlich Personen, die mehrere der genannten oder andere als die genannten Parteien gewählt haben sowie der Personen ohne Angabe über ihr Wahlverhalten.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel (v35); eigene Berechnungen.

Konzentriert man sich ausschließlich auf die Wählerstruktur der Bundestagswahl 2017, sind die Wählerschaften der Unionsparteien und der SPD sozialstrukturell relativ breit gestreut. Aber im Vergleich zum Bevölkerungsschnitt erfahren sie trotz nicht unerheblicher Verluste immer noch bei einer Wählergruppe überproportionalen Zuspruch: bei den Personen im Ruhestand (Tabelle 5). Das war auch schon bei der Wahl 2013 so. Die Wählerschaften von Union und SPD sind mithin relativ alt, und zwischen 2013 und 2017 hat sich die Alterung fortgesetzt. Hier macht sich offensichtlich bemerkbar, dass die älteren Menschen den einmal gewählten Parteien besonders häufig treu bleiben.

Tabelle 5: Wählerstruktur der Parteien nach Erwerbsstatus 2013 und 2017

In Prozent

CDU/CSU SPD Grüne Linke FDP AfD Nichtwählerschaft Wahlberechtigte insgesamt1
Bundestagswahl 2017
Abhängig Beschäftigte mit
einfachen manuellen Tätigkeiten 1 3 1 3 1 6 8 3
qualifizierten manuellen Tätigkeiten 4 6 2 5 3 13 8 6
einfachen nicht manuellen Tätigkeiten 4 6 3 6 3 10 12 6
qualifizierten nicht manuellen Tätigkeiten 25 23 33 24 28 24 16 25
akademischen Berufen – naturwissenschaftl. 3 3 7 3 4 2 1 3
akademischen Berufen – sozialwissenschaftl., künstler. 1 2 3 2 2 1 1 1
akademischen Berufen – Lehrkräfte 2 2 5 3 1 1 0 2
Solo-Selbständige 3 1 4 2 4 2 2 2
KleinunternehmerInnen 2 1 2 1 3 1 0 1
ManagerInnen, UnternehmerInnen 4 2 3 1 4 3 2 3
Auszubildende 1 1 3 2 2 2 4 2
In schulischer oder universitärer Ausbildung2 3 4 9 9 8 1 3 5
In Rente oder Pension2 41 39 19 30 30 24 27 32
Arbeitslose2 2 3 3 5 1 6 10 4
Sonstige Nichterwerbspersonen 4 4 4 5 4 5 6 5
Insgesamt 100 100 100 100 100 100 100 100
Bundestagswahl 2013
Abhängig Beschäftigte mit
einfachen manuellen Tätigkeiten 2 3 1 4 2 2 7 3
qualifizierten manuellen Tätigkeiten 5 5 2 7 2 8 9 6
einfachen nicht manuellen Tätigkeiten 4 5 2 6 1 5 8 5
qualifizierten nicht manuellen Tätigkeiten 23 23 31 18 18 24 17 23
akademischen Berufen – naturwissenschaftl. 3 2 6 3 3 6 1 3
akademischen Berufen – sozialwissenschaftl., künstler. 1 2 5 2 2 2 1 2
akademischen Berufen – Lehrkräfte 2 2 6 2 1 2 0 2
Solo-Selbständige 3 2 5 2 5 5 2 3
KleinunternehmerInnen 2 1 2 1 3 1 1 1
ManagerInnen, UnternehmerInnen 4 3 4 3 8 3 2 3
Auszubildende 2 2 1 1 1 4 4 2
In schulischer oder universitärer Ausbildung2 3 5 10 6 9 5 4 5
In Rente oder Pension2 41 39 17 33 37 28 26 33
Arbeitslose2 2 3 2 10 2 2 11 4
Sonstige Nichterwerbspersonen 5 4 6 4 6 4 6 5
Insgesamt 100 100 100 100 100 100 100 100

1 Einschließlich Personen, die mehrere der genannten oder andere als die genannten Parteien gewählt haben sowie der Personen ohne Angabe über ihr Wahlverhalten.

2 Einschließlich Erwerbstätige.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel (v35); eigene Berechnungen.

Bei der Linken zeichnet sich eine markante Änderung in ihrer Wählerstruktur ab: 2013 galt sie noch als Ostpartei, da sich sogar in absoluten Zahlen mehr Ost- als Westdeutsche für die Linke entschieden. Bei der Wahl 2017 verschob sich die Zusammensetzung der Linken-Wählerschaft jedoch „in Richtung Westen“. Damit einher ging auch eine Verschiebung ihres Wählerprofils: weg von den Personen im Ruhestand, Arbeitslosen und abhängig Beschäftigten mit einfachen Jobs hin zu Beschäftigten in Lehrberufen, Personen in Ausbildung (insbesondere universitärer Art) und hin zu manchen Personen mit akademischem Abschluss (etwa Lehrkräften). Entsprechend ist das Durchschnittsalter ihrer Wählerschaft gesunken.

Die FDP war 2013 noch eine der „westlichsten“ Parteien und eine der „männlichsten“. Mit der Wahl von 2017 ist ihr in ihrem Wählerprofil ein Schritt in die Gegenrichtung gelungen: Der Anteil der ostdeutschen und der weiblichen Wählerschaft ist kräftig gestiegen. Auch ist die Wählerschaft im Schnitt jünger geworden. Noch stärker als die Linke hat die FDP den Anteil der Beschäftigten mit Tätigkeiten mittlerer Qualifikation erhöht.

Bei der AfD hat sich im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 die Wählerstruktur am stärksten verändert. Sie ist 2017 zur zweiten wichtigen Ostpartei (neben der Linken) aufgestiegen. Und rund zwei Drittel ihrer Wähler waren 2017 Männer. Während die AfD 2013 noch relativ stark von akademischen Beschäftigten und Personen im öffentlichen Dienst gewählt wurde, hat sie sich 2017 zu einer Arbeiterpartei entwickelt. Ebenso gaben Personen in schulischer oder universitärer Ausbildung dieser Partei im Jahr 2017 im Vergleich zu 2013 kaum noch ihre Stimme. In keiner anderen Partei war 2017 unter der Wählerschaft der Anteil der Beschäftigten mit manuellen Tätigkeiten und einfachen, nicht manuellen Tätigkeiten so hoch wie bei der AfD.infoDamit werden frühere Analysen zur Parteibindung bestätigt, wonach die AfD sich zunehmend zu einer Arbeiterpartei entwickelt, siehe Brenke und Kritikos (2017) a.a.O. Auch relativ viele Arbeitslose hatte die Partei 2017 für sich gewonnen. Die stark veränderte Wählerstruktur dürfte mit der veränderten inhaltlichen Ausrichtung der Partei zusammenhängen, die sich früher vor allem die Kritik an den diversen Eurorettungsmaßnahmen auf ihre Fahnen geschrieben hatte und nach der hohen Asylzuwanderung 2015/2016 der Einwanderungspolitik oberste Priorität einräumte.

Im Gegensatz dazu hat sich bei den Grünen in der Zusammensetzung der Wählerschaft von 2013 zu 2017 kaum etwas verändert. Die Grünen sind die „westlichste“ Partei (mit 91 Prozent ihrer Wählerschaft), aber auch die „weiblichste“ Partei (56 Prozent ihrer Wählerschaft). Die Grünen können allein deshalb als Gegenpol der AfD angesehen werden. Das gilt auch für weitere sozioökonomische Merkmale. So ist in der Wählerschaft der Grünen der Anteil der Beschäftigten im öffentlichen Dienst, der Angestellten mit qualifizierten, nicht manuellen Tätigkeiten und der Anteil der Erwerbstätigen in akademischen Berufen bei weitem am höchsten. Bei der AfD sind die entsprechenden Anteile am niedrigsten. Dasselbe gilt für die Personen in schulischer oder universitärer Ausbildung. Andererseits finden sich Arbeiterinnen und Arbeiter wie generell Beschäftigte mit einfachen Tätigkeiten selten in der Wählerschaft der Grünen – noch seltener als bei der FDP.infoDas bestätigen auch Ergebnisse auf Kreisebene, wonach AfD und Grüne in Kreisen mit entgegengesetzten Strukturmerkmalen gewählt werden, siehe Marcel Fratzscher, Christian Franz und Alexander S. Kritikos (2019): Grüne und AfD als neue Gegenpole der gesellschaftlichen Spaltung in Deutschland, DIW Wochenbericht Nr. 34, 591–602 (online verfügbar).

Die Bindung an eine Partei nimmt im Zeitverlauf ab

Das Ausmaß der Verbundenheit mit einer Partei kann unterschiedlich stark sein. Manche Wahlberechtigte entscheiden sich bei jeder Wahl neu. Andere wählen dieselbe Partei immer wieder – mitunter lebenslang. Das SOEP erfasst auch Informationen über die Parteibindung. Im Unterschied zur Parteitreue, die das Wahlverhalten in der jeweiligen Bundestagswahl wiedergibt, wird hier erhoben, welcher Partei die Befragten unabhängig von Wahlen zuneigen und wie stark das der Fall ist.infoVorgegeben wird eine fünfstufige Skala, von sehr stark bis sehr schwach.

Bezieht man die Personen mit einer Parteibindung auf die Wähler und Wählerinnen der jeweiligen Partei, zeigt sich, dass der entsprechende Anteil unter den Grünen am höchsten ist, dicht gefolgt von Union und SPD (Abbildung 1). Auffallend ist, dass bei nahezu allen Parteien der Stimmenanteil von Personen mit einer Parteibindung 2017 geringer war als bei der Wahl 2013. Die Ausnahme ist die AfD. Sie hat mithin nicht nur stark an Stimmen hinzugewonnen und ihre Wählerstruktur stark verändert, sondern dabei auch die Bindung an die Partei erhöht.

Wird ein längerer Zeitraum in den Blick genommen, zeigt sich eine deutliche Tendenz zur Abnahme der Parteibindung. Verfügbar sind Daten ab 1984. In der „alten“ Bundesrepublik, also noch vor der Wiedervereinigung, gaben fast zwei Drittel der Wahlberechtigten an, dass sie einer Partei zuneigen würden (Abbildung 2). Inzwischen ist es im vereinten Deutschland weniger als die Hälfte. Die Zeitreihen weisen deutliche Ausschläge mitunter von Jahr zu Jahr auf; es könnte sein, dass einzelne Ereignisse die Bindung beeinflussen. Ein Beispiel ist die Flut von 2002, die die Zustimmung zu der damaligen Kanzlerpartei SPD erhöhte. Auf denselben Effekt dürften die stark gestiegenen Umfragewerte für die Unionsparteien angesichts der aktuellen Corona-Krise zurückzuführen sein.infoVgl. u.a. die Ergebnisse der jüngsten Umfragen etwa von Kantar und von Infratest dimap von Mitte April 2020.. Die Wirkung solcher Ereignisse auf die Zustimmung für die Parteien hält, wie Abbildung 2 zeigt, nicht lange an.

Die Auflösung der Parteibindung erfolgte nicht stetig, sondern in Schüben. Besonders stark bemerkbar machte sich die deutsche Einheit. Durch den Beitritt der DDR stieg die Zahl der Wahlberechtigten. Viele der früheren DDR-Bürgerinnen und -Bürger hielten – wohl aufgrund ihrer Erfahrungen – eher Abstand zu den Parteien. Das ist bis heute so geblieben, denn der Anteil der Personen mit einer Parteibindung unter den Wahlberechtigten im Osten hat sich seit der Einheit kaum verändert (Abbildung 3). Interessanterweise erodierte mit der Deutschen Einheit aber auch in Westdeutschland die Parteibindung. Ab 2010 stagnierte sie – weiterhin unter Ausschlägen von Jahr zu Jahr.

Einen besonders starken Rückgang der Parteibindung ist in den Jahren nach 1990 vor allem bei der Sozialdemokratie zu beobachten – gefolgt von den Unionsparteien. Bei den Grünen und den Linken machte sich der Aufschwung bei den Wahlen bemerkbar und immer mehr Wahlberechtigte neigen diesen Parteien zu. Dasselbe gilt seit den letzten Jahren für die AfD.

SPD am ehesten eine Volkspartei, die Grünen am wenigsten

Der sozialdemokratische Bundesfinanzminister Olaf Scholz erklärte kürzlich in einem Interview, dass er die SPD als eine Volkspartei einstufe, die Grünen jedoch nicht.infoVgl. Welt am Sonntag (2020): Olaf Scholz „Die SPD ist eine Volkspartei, die Grünen eher nicht“ Ausgabe vom 1. März (online verfügbar; abgerufen am 2. April 2020) Als Volksparteien wird ein Typus von Parteien verstanden, der möglichst breite Wählerschichten, somit alle Bevölkerungsteile für sich gewinnen will. In Deutschland ist es üblich, die Unionsparteien und die SPD als Volksparteien anzusehen.infoVgl. Deutscher Bundestag, wissenschaftlicher Dienst (2016): Volksparteien – Begriffsbestimmung und interne Entscheidungsabläufe. Ausarbeitung WD 1 – 3000 – 003/14.

Werden die Wähler und Wählerinnen einer Partei bzw. die ihr zuneigenden Personen nach dem Erwerbsstatus betrachtet, wird deutlich: Die Wähler- und die Anhängerschaft der SPD weicht wenig von der Struktur aller Wahlberechtigten ab (Tabelle 6).infoDie gesamte Abweichung ist die Summe der absolut gesetzten Differenzen der Strukturanteile von Wählerschaft (bzw. Anhängerschaft) und Wahlberechtigten. Je höher der ermittelte Wert, desto geringer ist die Übereinstimmung der Wählerschaft einer Partei mit der Struktur aller Wahlberechtigten. Bei völliger Übereinstimmung ergibt sich der Wert 0, bei totaler Abweichung der Wert 50. Insofern könnte die SPD tatsächlich als Volkspartei bezeichnet werden. Ebenso ähnlich wie die Struktur der gesamten Wahlberechtigten ist inzwischen auch die Struktur von Wähler- und Anhängerschaft bei den Linken. Dann folgen die Unionsparteien und die FDP. Sehr spezifisch ist dagegen die Wähler- und Gefolgschaft der Grünen. Das gilt auch, aber nicht ganz so sehr, für die AfD.

Tabelle 6: Abweichungen der Erwerbsstruktur der Wählerschaft bzw. der Personen mit Parteibindung von der Erwerbsstruktur aller Wahlberechtigten

Indexwerte1

Wählerschaft Personen mit Parteibindung
2013 2017 2014 2018
CDU/CSU 10,0 10,9 15,0 17,6
SPD 6,4 8,1 10,4 13,3
Grüne 28,2 23,8 32,7 27,2
Linke 9,2 7,8 14,4 10,7
FDP 18,3 13,1 26,6 18,1
AfD 11,3 16,2 14,6 20,0
Nichtwählerschaft 19,9 22,8

1 Von 0 = völlige Übereinstimmung mit der Struktur der Wahlberechtigten bis 50 = völlige Abweichung von der Struktur der Wahlberechtigten.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel (v35); eigene Berechnungen.

Fazit: Parteienlandschaft wird vielfältiger

Mittlerweile sind sieben Parteien in den Deutschen Bundestag eingezogen. Die neue Vielfalt wird in Teilen der Wissenschaft kritisch gesehen. Meinhard Miegel etwa interpretiert sie als Auflösung einer Gemeinwohlorientierung zugunsten eines Umsichgreifens von Partikularinteressen. Nach ihm „scheinen alle freiheitlichen Staaten ihrer Unregierbarkeit“ zuzustreben.infoVgl. Meinhard Miegel (2018): Das Ganze wird schon für sich selber sorgen? Von wegen! Die Welt vom 15. Februar 2018 (online verfügbar).

Tatsächlich waren etwa im ersten, 1949 gewählten Deutschen Bundestag noch elf Parteien vertreten. Das Land galt zur damaligen Zeit durchaus als regierbar. Erst danach sank die Zahl der Parteien – vor allem deshalb, weil es den Unionsparteien gelang, die Klientel der kleineren konservativen Parteien an sich zu binden.

Wenn daher heute von einer Zersplitterung des Parteiensystems die Rede ist, so scheint die Erinnerung nur bis in die sechziger Jahre zu reichen, als es neben den beiden dominierenden Blöcken von Union und Sozialdemokratie lange Zeit nur die FDP gab. Mitte der 1980er Jahre kamen die Grünen hinzu und nach der deutschen Einheit die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), die Nachfolgepartei der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). 2017 folgte die AfD. Vor diesem Hintergrund erscheint die These problematisch, wonach der Parlamentarismus in der Bundesrepublik aufgrund der Hinwendung zu Partialinteressen auf eine Abkehr vom Gemeinwohlgedanken hindeute. Denn schon immer wurden in den Parlamenten die Interessen einzelner Gruppen wie der Bauernschaft, der Arbeiterklasse oder des Mittelstands vertreten. Und die Geschichte der Arbeiterparteien ist fast so alt wie die Industrialisierung. Vielmehr ist es gerade die Aufgabe der Volksvertretung und somit auch der Parteien, die Interessen ihrer Wähler und Wählerinnen zu vertreten. Das Parlament diente früher immer und dient auch heute noch dem Ausgleich von Partikularinteressen.

Die hier vorgelegte Untersuchung legt nahe, dass sich abseits der Volksparteien die kleineren Parteien als Sammelbecken jeweils besonderer sozialer Milieus etabliert haben. In der alten Bundesrepublik galt das nur für die FDP, die als Partei der Besserverdienenden angesehen wurde. Die eigentlichen neuen Gegenpole machen aber die Wählerschaften der Grünen und der AfD aus. Die Wählerschaft der Grünen ist eher weiblich, akademisch ausgebildet oder im Studium, in entsprechend gut bezahlten Tätigkeiten, im öffentlichen Dienst beschäftigt und westdeutsch. Die AfD ist dagegen mehr eine Partei der „kleinen Leute“, vor allem männlich und stärker in Ostdeutschland vertreten. Bei der Bundestagswahl 2013 sprach die AfD dagegen noch andere Wählergruppen an. Verändert hat sich ebenfalls die Wählerstruktur der Linken; sie ähnelt mehr und mehr der Struktur der grünen Wählerschaft.

Die Veränderung der Parteienlandschaft zwischen den letzten Bundestagswahlen ist auf Kosten der großen Parteien gegangen. Sie haben auf das Konzept der Volkspartei gesetzt. Es kann sein, dass dieses Konzept nicht trägt. Denn wer es allen recht machen will, verliert das Profil. Union und SPD hatten sich zwar schon früher mit dem Etikett Volkspartei geschmückt, tatsächlich aber viel stärker bestimmte soziale Milieus vertreten. Bei der SPD war es die Arbeiterschaft und generell die Bevölkerung in den Großstädten, bei der Union war es die kirchlich geprägte Wählerschaft in den dünner besiedelten Regionen.

Aktuell profitiert die Union den Wahlumfragen zufolge zwar enorm von der Corona-Krise, denn sie stellt die Bundeskanzlerin. Stimmungen sind aber vergänglich, und wie die Erfahrungen lehren, hält ein in einer Krise entstandener Kanzlerbonus nicht lange. Dann werden sich die Volksparteien wieder mit dem Problem auseinandersetzten müssen, wie sie mit der Vielfalt von Milieus und Interessen umgehen.

Alexander S. Kritikos

Leiter in der Forschungsgruppe Entrepreneurship



JEL-Classification: D72;Z13
Keywords: German political parties, Voting behavior, Party identification
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2020-17-1